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Leseprobe 1
4. Sonntag im Jahreskreis
III. Lesepredigt: Gott ist größer (Lk 4,21–30)
Die Verfasser der Evangelien blicken auf das Leben Jesu zurück. Sie müssen – ernüchtert – feststellen: Der Menschsohn, der gekommen ist, Menschen in die Weite und Fülle des Lebens zu führen, wird von einem Teil seiner Mitmenschen, gerade auch seiner Landsleute, nicht erkannt. Er wird abgelehnt.
Diese Erfahrung gibt der Evangelist Lukas in dem Abschnitt des Evangeliums wieder, den wir gerade gehört haben. Die Auftritt Jesu in der Synagoge seiner Heimatstat, der zuerst Begeisterung auslöst, endet mit einem Fiasko. Seine Landsleute fordern von ihm Wunder als eine Legitimation, dass er so auftreten darf. Diese Erwartung erfüllt ihnen Jesus nicht, im Gegenteil: Er konfrontiert sie mit ihrer Verstockheit und Blindheit. Die Folge: Seine Landsleute sind erbost über diese Frechheit und wollen ihn umbringen. Von Anfang an teilt Jesus das Schicksal der vom eigenen Volk abgelehnten Propheten, weil er über sich und Gott anders denkt und redet und handelt, als es in das Rollenmuster seiner Zuhörerinnen und Zuhörer passt. Der Evangelist Johannes formuliert es so: »Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.« (Joh 1,11) Ich lese aus diesem Evangelium eine Mahnung ab: Man kann Gott verfehlen auch dann, wenn man meint, sich in der Mitte des »Gottesraumes« zu bewegen. Diese Gefahr besteht, wenn man ihn nur im Rahmen dessen, was man kennt, erwartet. Es kann sein, dass ich die Begegnung mit Gott verpasse, wenn ich ihn nur dort vermute oder erwarte, wo ich glaube, dass er dort sein muss. Gott lässt sich von uns glaubenden Menschen nicht festlegen, weder auf einen Raum noch auf einen Zeitpunkt. Er überschreitet unsere Grenzen. Deshalb kann man ihm dort begegnen, wo man ihn nicht vermutet. Deswegen kann er auch Menschen begegnen, die sich aus einem tiefen Lebensglauben an ihn wenden. Auch außerhalb des christlichen Bekenntnisses und jenseits christlicher Kirchen stoßen wir auf das Geheimnis Gottes.
Wenigstens gilt dies: Die Begegnung mit ganz anderen Lebenssituationen, mit Menschen in ganz anderen Kontexten kann mich aufmerksam machen, über mich und über mein Leben, und das heißt auch über meine Beziehung zu Gott nachzudenken. Oft sind es gerade die ganz Anderen, die mich an »den ganz Anderen« erinnern. Das können auch Augenblicke der Erfahrung von Unverfügbarkeit sein, sowohl positiv wie negativ: zum Beispiel eine Weitsicht von über 150 Kilometer auf der Spitze eines Alpenberges, die Staunen und Freude auslöst und zum Verweilen einlädt; oder das Eingezwängtsein durch das Virus Covid-19, das unberechenbar über uns hereingebrochen ist; oder der unerwartete Brief eines Freundes; oder, oder … Gottesbegegnungen und Gotteserfahrungen können sich im vorgedachten Rahmen, aber genauso gut jenseits dieses Rahmens ereignen.
Als der heilige Franziskus im Jahr 1209 dem Sultan von Damiette im Rahmen des Kreuzzugs begegnete, war er beeindruckt über die Weitsicht dieses Herrschers und überrascht über das regelmäßige Gebet der Moslems. Dieses Gebetserlebnis hat ihn angeregt, über die Gebetspraxis im eigenen Lebensraum nachzudenken. Deswegen hat er nach seiner Rückkehr nach Assisi einen Brief an die Lenker der Staaten im damaligen Abendland geschrieben und sie gebeten, eine solche Regelmäßigkeit der Erinnerung an das Gebet in ihren Ländern einzurichten. Daraus ist das Läutern zum Gebet des »Engel des Herrn« am Morgen, Mittag und Abend entstanden.
Offenheit, Aufmerksamkeit und Bereitschaft zu lernen werden mir helfen, auf Gott aufmerksam zu werden, wenn er mir anders als erwartet begegnet, wenn er woanders – wie beim Syrer Naaman oder der Witwe von Sarepta – seine Güte zeigt. Gott ist größer als unsere Einteilungen und manchmal einseitigen Reaktionen.
Das mag bedeuten, dass wir uns selber immer wieder auch damit konfrontieren lassen müssen, Gott größer und weiter zu denken als uns die eigene Tradition nahelegt. Wenn ich meine, Gott sei so, wie ich es jetzt sehe, sollte ich dankbar sein, etwas von ihm zu spüren. Gleichzeitig sollte ich immer auch vorsichtig sein, daraus nicht einen »Besitz« zu machen, und immer auch skeptisch bleiben, ob es wirklich Gott ist. Der heiligen Augustinus weist jede Spekulation zurück, die versucht, Gott in irgendeiner Weise dingfest zu machen. Einprägsam hat er formuliert: »Wenn du es begriffen hast, dann ist es nicht Gott.«

Franz Richardt

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