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Leseprobe 1
27. Sonntag im Jahreskreis
II. Für eine positive Streitkultur (Mk 10,2–16)
Alles klar! – Oder doch nicht?
Wir begegnen in der Bibel Texten, die sind auf den ersten Blick in ihrer Bedeutung anscheinend so klar, dass sie kaum eine Erläuterung brauchen. Heute legt uns die Liturgie zwei solche Texte vor. Zunächst einen Ausschnitt aus der biblischen Schöpfungsgeschichte. Er erzählt, wie Mann und Frau von Gott füreinander geschaffen wurden. Und im Evangelium das Streitgespräch zwischen Jesus und den Pharisäern über die Ehescheidung im jüdischen Gesetz. So mancher Zuhörer und manche Zuhörerin mag dabei denken, jetzt wird es gleich in der Predigt eine dogmatische Lehrstunde über die christliche Ehe geben. Ist das nötig? Eigentlich ist doch alles bekannt! Die Mühe könnte sich der Prediger sparen. Bei anderen lösen diese Texte ein großes Bauchgrummeln aus, denn sie berühren einen wunden Punkt. Nichts wird gerade in unserer Kirche so heiß diskutiert wie die Themen Ehe, Beziehungen und Sexualität. Viele fragen: Wie kann man biblische Texte und Theologie interpretieren, dass sich die Menschen von heute dabei auch verstanden und erstgenommen fühlen? Denn das ist das Dilemma: Es gilt einerseits ein Ideal aufrechtzuerhalten. Und andererseits gilt es zu fragen, wie wir als Kirche mit denen umgehen, die diesem Ideal nicht oder nicht mehr entsprechen können.

Die Brisanz einer zeitgemäßen Interpretation kirchlicher Lehre
»Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.« Dieses Leitwort hat das II. Vatikanische Konzil der Kirche als Selbstverständnis ins Stammbuch geschrieben (GS 1). Und wir tragen seither das Interesse am Menschen als ein Erkennungszeichen von Kirche vor uns her. Nur bestehen wir oft die Nagelprobe nicht. Wir betonen, wie wichtig uns die Menschen und ihre Anliegen, Sorgen und Nöte sind. Wir beteuern, dass diesen Menschen unsere besondere Aufmerksamkeit gilt, auch in der seelsorgerlichen Praxis der Kirche. Doch nehmen wir nicht wahr, dass wir vordergründig Mitleid bekunden, uns aber letztendlich weigern, Auswege aus dem Leid zu suchen und zu eröffnen. Sollte es da verwundern, wenn Menschen der Kirche den Rücken zukehren? Die Betroffenen, weil sie keine geheuchelten Versprechungen mehr hören können; und leider auch viele Mitchristen, die sagen: Diese Praxis der Kirche kann ich so nicht mehr mittragen. Letztendlich geht es um die Glaubwürdigkeit von Kirche und um meine Glaubwürdigkeit als Christin oder Christ.

Lagerbildung und ihre Problematik

Vor fünf Jahren hat Papst Franziskus mit seinem Lehrschreiben Amoris laetitia einen kleinen Schritt unternommen, um aus diesem Dilemma herauszukommen. Die berühmte Fußnote 351 in diesem Schreiben ist vielen seither in Erinnerung. Sie klärt Bedingungen ab, unter denen geschieden-wiederverheiratete Menschen nach einem langen Prozess der Prüfung eventuell wieder zum Kommunionempfang zugelassen werden können. Die Wogen, die das Papier ausgelöst hat, waren und sind groß. Die Diskussionen darüber glitten in wüste Polemiken ab. Eine Lagerbildung zu der Fragestellung zwischen Christen und innerhalb der Kirche kann man nicht leugnen. Spitzfindig werden Argumente über die Interpretationskompetenz der Beteiligten ins Feld geführt, ohne zu bemerken, dass das eigentliche Anliegen längst verschwunden ist. Zum Schluss geht es nur noch um Rechthaberei, die in Abgrenzung und Ausgrenzung endet.

Die Streitgespräche der Pharisäer

Ähnliches erlebt Jesus im heutigen Evangelium. Seit jeher kennt er die Tradition, dass ein Rabbi über die Auslegung des jüdischen Gesetzes mit seinen Schülern kontrovers diskutiert. Dies ist eine sehr positive Art der Streitkultur. In der argumentativen Auseinandersetzung soll sich zeigen, wie ein Gebot oder Verbot des jüdischen Glaubens zeitgemäß zu deuten ist. Und dabei geht es nicht nur um das Gesetz an sich, sondern auch um den Menschen. Es geht darum, den anderen zu verstehen. Die Pharisäer, eine der religiösen Gruppierungen der Juden zur Zeit Jesu, sahen sich als strenge Hüter des Gesetzes und der Normen. Von daher kannten sie wenig Interpretationstoleranz. Darum versuchen sie auch immer wieder, Jesus eine Falle zu stellen, um ihn so des Unglaubens zu überführen. Doch Jesus durchschaut ihre Absicht. Er merkt, wo positive Diskussionskultur pervertiert wird. Er erkennt schnell das rhetorische Manöver der Pharisäer und weiß es zu stoppen. Zuhause geht der Diskurs mit den Jüngern aber weiter.

Option für eine neue Gesprächskultur
Der Versuch, die Fragen nach einem angemessenen Verständnis von Partnerschaft, Ehe und Sexualität aus christlicher Perspektive heute in einer Predigt zu klären, wäre mehr als vermessen. Wir erleben, wie sich die Mitglieder des Synodalen Weges in der deutschen Kirche um Antworten auf diese Fragen mühen. Und uns wird deutlich: Es gibt keine schnellen Antworten. Die synodalen Prozesse, die Papst Franziskus weltweit angestoßen hat, werden ebenso bei diesen Themen landen, weil sie die Menschen überall umtreiben. Eines aber ist klar: Antworten müssen kommen und dies in einem absehbaren Zeitfenster, damit Kirche ihre Glaubwürdigkeit und die Botschaft vom Reich Gottes ihre Kraft behält. Was wir aus dem heutigen Gottesdienst mitnehmen können, ist die Option für eine neue Gesprächskultur untereinander. Es geht nicht um Rechthaberei. Es geht nicht darum, Antworten aus einer Machtposition heraus zu geben oder mit Antworten eine Machtposition einzunehmen.
Das Reich Gottes als Prämisse Am Ende des heutigen Evangeliums steht die Episode mit den Kindern, die man zu Jesus bringt. Man hat den Eindruck, diese Geschichte hat nichts mit der vorausgehenden Debatte um das angemessene Eheverständnis zu tun. Und doch überrascht der Satz: »Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.« Er ist so etwas wie ein Verhaltensschlüssel für die anstehenden Diskussionen. Was wir an Kindern manchmal so bewundern, ist, wie arglos und absichtslos sie mit anderen umgehen. Bestaunenswert ist auch ihr Vertrauen, das sie gerade ihren Eltern und anderen Erwachsenen entgegenbringen. Sie leben aus dem Gefühl, die Erwachsenen meinen es gut mit ihnen. Und genau diese Grundhaltungen – arglos zu sein, absichtslos zu sein, vertrauensvoll zu sein – legt Jesus uns ans Herz, wenn es darum geht, die Botschaft des Reiches Gottes anzunehmen und sie für unsere Lebenswelten zu interpretieren. Grundprämisse für alle Diskussionen um Glaube und Kirche ist: Gott meint es gut mit dem Menschen. Er möchte, dass das Leben gut ausgeht für alle und nicht nur für mich. Dieser Grundprämisse vorbehaltlos zu trauen eröffnet viele Perspektiven für das Gespräch miteinander.

Hermann Würdinger

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