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Leseprobe 1
33. Sonntag im Jahreskreis
I. Yes we can! Denn wir sind vermögend … (Spr 31,10–13.19–20.30–31; Mt 25,14–30)
Statio
Frei sein, tun können, was man für richtig hält und was einem guttut, viele Möglichkeiten haben, die einem offenstehen und frei wählen können. Innere und äußere Freiheit, das ist ein hohes Gut. Und zugleich scheint Freiheit recht widersprüchlich zu sein. Denn sie begegnet uns meist zusammen mit ihrem Zwilling: der Bindung. Einen Garten oder eine Wohnung frei zu gestalten, braucht Fantasie, – aber auch Disziplin und kontinuierlichen Einsatz. Die Freiheiten der Liebe zu genießen verlangt nach einem bindenden Ja zur Partnerin, zum Partner. Die Freiheit eines gesunden Körpers wächst mit der konsequenten Beachtung von Ernährung, Hygiene und Sport. Und das Leben insgesamt? Gilt es auch hier? Frei ist, wer sich an Gott bindet, so vermittelt es uns hernach das Tagesgebet. Der freie Wille wächst mit Gottes Willen. Wer sich Gott unterwirft, braucht niemand sonst mehr gehorchen. Zu Beginn des Gottesdienstes legen wir vor Gott, was uns einschränkt, was uns klein macht, was uns Kraft und Willen kostet. Wir tasten nach der Freiheit in Gott.
Thomas Luksch

»Ungenügend. Setzen!« Wer das in der Schule erlebt hat, kennt die Botschaft gut: »Was ich tue, ist nie genug!« Er oder sie will nicht schon wieder dumm da stehen. Und sucht vor allem eines: Sicherheit. Wer das Gleichnis von den Talenten auf diesem Ohr hört, wird den dritten Diener gut verstehen, der aus Angst vor dem strengen Herrn das Geld vergräbt. Und sieht sich am Ende der Geschichte zusammen mit ihm erneut geohrfeigt. Wird uns heute die Botschaft verkündet, dass unsere Sehnsucht nach Sicherheit verkehrt ist und dass unsere Leistung nie reicht?

Vermögen im doppelten Sinn

Das Gleichnis wirft weitere Fragen auf. Zinsen waren im Judentum eigentlich verboten (Dtn 23,20 und öfter). Denn die Tora schützt vor einer Wirtschaft, die ausbeutet. Das wussten die ursprünglichen Adressaten des Matthäusevangeliums. Und anvertrautes Gut vergraben, um es sicher zurückgeben zu können, hielten manche jüdische Schriftgelehrte sogar für eine gute Lösung. Der Herr im Gleichnis setzt sich über beides hinweg. Übt das Matthäusevangelium hier Kritik an dieser Auslegung der Tora? Eine klare Antwort haben die Bibelwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen nicht.
Hilfreich ist der Blick auf die Situation der Gemeindemitglieder, denen das Matthäusevangelium diese provokante Geschichte ursprünglich zumutet. Die Generation vor ihnen war überzeugt, dass der Auferstandene noch zu ihren Lebzeiten wiederkehrt. Nun zeigte sich, dass es noch dauert, bis er kommt. Die Gemeindemitglieder konnten sich in diesem Gleichnis wiederfinden: Der Herr ist weg. Aber bevor er ging, hat er sein Vermögen dagelassen. Im Griechischen steht da »hypárchonta«. Das meint Vermögen im Sinne von Geld – übrigens nicht wenig. Ließe sich ein Talent in Euros umrechnen, wären wir hier im vierbis fünfstelligen Bereich. Aber es geht um mehr: Auch unser deutsches Wort »Vermögen« meint nicht nur materielles Guthaben, sondern: Können! In »hypárchonta« steckt das griechische Wort für »Anfang«. Der Herr hat einen Grundstock dagelassen, mit dem man etwas anfangen kann, mit dem etwas möglich wird. Ja gerade seine Abwesenheit beinhaltet eine weitere Gabe: Zeit! Die Abwesenheit des Herrn ist geschenkte Zeit, in der die Diener mit dem Grundstock etwas anfangen können. Wahrscheinlich will das Matthäusevangelium Mut machen: Ihr seid keine mittellosen, verlassenen, ohnmächtigen Diener und Dienerinnen. Der Herr traut Euch etwas zu: Er hat Euch sein Vermögen anvertraut – und Zeit, mit diesem Grundstock etwas anzufangen. Yes you can!
Heute sind wir die Gemeinde, der dieses Gleichnis zugesagt ist. Viele von uns haben gelernt, dass wir uns als Christen vor allem vor bösen und falschen Taten hüten müssen (vgl. KKK 1868). Dabei bereuen viele Menschen am Ende ihres Lebens eher das, was sie nicht getan haben. Das Matthäusevangelium sieht das ähnlich: Letzten Sonntag hörten wir von fünf Brautjungfern, die nichts taten – und von fünf, die die Situation angemessen einschätzten, eine Entscheidung trafen und handelten. Nächsten Sonntag werden wir vom Gericht hören und von verpassten Chancen, etwas zu tun. Heute wird uns zugesagt: Wir haben Zeit. Und Vermögen – im doppelten Wortsinn. Wir können damit etwas anfangen. Yes we can!

Eine tüchtige Unternehmerin
Haben Sie noch die erste Lesung im Ohr? Da war von einer tüchtigen Frau die Rede: von einer, die etwas kann! Beim ersten Hören mögen diese Verse bieder klingen. Die Frau sorgt sich um ihren Mann. Ihr Element ist die Handarbeit. Natürlich ist sie auch ein Vorbild an Nächstenliebe und Frömmigkeit. Scheinbar das Übliche.
Im Hebräischen ist dieser Text ein Gedicht. Es hat so viele Verse, wie das Alphabet Buchstaben hat. Jeder Vers beginnt mit dem nächsten Buchstaben – sozusagen ein Loblied auf die tüchtige Frau »von A bis Z«. Leider sind im Lektionar für heute die meisten dieser schönen Verse ausgelassen. Vor allem die spannenden, die nicht unseren Rollenklischees entsprechen. Diese tüchtige Frau ist kein Heimchen am Herd. Sie wird mit Schiffen verglichen, die sich aufs Meer wagen, um Waren zu holen. Diese Frau ist eine Unternehmerin. Sie kauft, sie produziert, sie verkauft. Mit dem Gewinn geht sie vorbildlich um und teilt. Und nicht nur das: Sie ist auch eine Lehrerin, die ihren Mund aufmacht. Eigenständig und erfolgreich: in dem, was sie entscheidet – in dem, was sie tut – in dem, was sie sagt. Vielleicht bekommen Sie ja heute Lust, dieses schöne alte Gedicht auf die Unternehmerin zu Hause ganz zu lesen. Es bildet den Schluss des Buches der Sprichwörter in Ihrer Bibel.
Am Anfang steht eine Frage: »Eine tüchtige Frau, wer findet sie?« Das kann man ganz verschieden hören: im Sinne von »Man muss lange suchen!« Oder: »Glücklich, wer eine gefunden hat!« Oder als Rätsel: »Wer findet die Lösung, welche Frau gemeint ist?« Viele Formulierungen aus diesem Gedicht kommen nämlich schon früher im Buch der Sprichwörter vor: Da wird die Weisheit als eine Frau beschrieben, die wie die Frau aus der heutigen Lesung Erfolg hat und als Lehrerin wirkt. Frau Weisheit ist im Alten Testament nichts anderes als eine Seite Gottes, die in der Schöpfung und unter den Menschen am Werk ist. Das Gedicht lobt beide: die erfolgreiche Unternehmerin – und die göttliche Weisheit. Und noch etwas: In der erfolgreichen Unternehmerin können diejenigen, die ihr begegnen, Spuren der göttlichen Weisheit erfahren!

Yes we can!
Wenn wir die heutigen Lesungen in einen Dialog bringen, können wir Wertvolles hören: Das ist kein Freibrief zu einem Wirtschaften, das Mensch und Schöpfung ausbeutet. Hier soll auch nicht die destruktive Botschaft verkündet werden, dass unsere Leistung nie genügt.
Das Buch der Sprichwörter durchzieht die Überzeugung: Gott investiert in seine Schöpfung. Er traut uns Menschen viel zu. Wenn Gott in uns investiert, können auch wir investieren. Wir sind entscheidungsfähig und handlungsfähig. Wir können gut entscheiden, Gutes tun und Gutes reden.
Das Gleichnis von den Talenten verstärkt dieses Zutrauen. Dieses Gleichnis handelt ganz ausdrücklich vom Himmelreich. Das hat längst begonnen – im Anvertrauen des Vermögens im doppelten Wortsinn. Wir können mit dem Grundstock unseres Herrn etwas anfangen. Wir sind ermächtigt zum Investieren.
Wer nichts als Angst hat, blockiert sich und vermag nichts. Angst ist etwas anderes als ein angemessener Umgang mit Risiken. Auch der ist ein Entscheiden und ein Tun und gehört zu jedem Investment dazu. Und fördert Wachstum. Was für eine Zusage steckt in den heutigen Lesungen! Sie kann Menschen aus ihren Löchern holen, wohin sie sich aus Angst verkrochen haben. Sie macht Mut zu investieren: in faire Geschäfte, die alle beteiligen. In die Arbeit an Konflikten, bei der die Betroffenen gewinnen. In nachhaltige Prozesse, von denen noch unsere Enkel profitieren. Diese Zusage kann auch unsere Kirche ermutigen, zu investieren in Entscheidungen, die längst fällig sind und aus Angst nicht getroffen werden. Diese Zusage kann uns stolz und dankbar machen auf Man- und Womanpower in unseren Gemeinden. Denn unser Herr hat uns Vermögen anvertraut, mit dem wir Gutes anfangen können. Wir können das Unsere tun, damit Gottes Weisheit und sein Himmelreich hier und jetzt erfahrbar werden. Yes we can!

Hildegard Gosebrink

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