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Leseprobe 1
26. Sonntag im Jahreskreis
II. Die Gnade des zweiten Eindrucks (Ez 18,25–28; Mt 21,28–32)
Die Biologie des ersten Eindrucks
Vielleicht haben Sie das ja auch schon einmal gehört oder selbst bewusst erlebt: Für die Meinung, die wir uns von einem fremden Menschen bilden, sind wenige Sekunden ausschlaggebend. Der erste Eindruck, den Aussehen, Haltung und Gebaren, die Stimme, der Geruch eines Fremden auf uns machen, hat erheblichen Einfluss darauf, wie wir diesen Menschen einschätzen. Und wenn dieser erste Eindruck negativ ist, hat es ein anderer Mensch sehr schwer, hinterher noch bei uns zu punkten. Umgekehrt hat jemand mit einem guten ersten Eindruck einen gewaltigen Startvorteil im Rennen um unsere Gunst und kann sich danach einiges mehr erlauben, bis wir ihn ablehnen.
Warum wir so schnell fertig sind mit unserem Urteil, liegt in der Vergangenheit unserer Art begründet. Unsere Vorfahren, die Steinzeitmenschen (und womöglich sogar deren Vorfahren) lebten in einer Welt voller körperlicher Gefahren. Bei ihren Streifzügen durch Savannen und Urwälder begegneten die Jäger und Sammler ja nicht nur harmlosen Mitgeschöpfen, sondern auch feindlich gesinnten Stämmen, Säbelzahntigern und anderen bedrohlichen Zeitgenossen. Da kam es darauf an, die Gefährdungslage möglichst schnell einzuschätzen und im Gefahrenfall entsprechende Maßnahmen zu treffen: fliehen oder kämpfen. Diejenigen sind nicht unsere Vorfahren geworden, die nach der Maxime vorgingen: »Vielleicht will das zähnefletschende Großkätzchen nur spielen?« oder »Vielleicht sollte ich den Keule schwingenden Typen, der mit wildem Gebrüll auf mich zu rennt, erst mal kennenlernen?«. Denn die, die sich so viel Zeit gelassen haben mit der Urteilsbildung, haben nicht lange genug überlebt, um sich ausreichend fortzupflanzen und so unsere Vorfahren zu werden. Auch wenn die meisten Menschen in unseren Breiten in der Regel keinen derartigen körperlichen Gefahren mehr ausgesetzt sind, steckt in unseren Genen immer noch der fellbekleidete Steinzeitmensch mit dem Faustkeil in der Hand. Und darum sind wir auch heute noch recht schnell fertig damit, einen Fremden zu beurteilen.

Der zweite Eindruck
Trotz dieser evolutionsbiologisch zu erklärenden Tendenz zum Vertrauen in den ersten Eindruck, habe ich auch schon erlebt, dass der zweite oder dritte Eindruck zuverlässiger ist als der erste. Manche Freunde haben mich auf den ersten Blick nicht sonderlich beeindruckt, teilweise sogar eher abgestoßen.
Erst auf den zweiten Blick habe ich entdeckt, wie liebenswert diese Menschen sind. Erst auf den zweiten Eindruck kommen die inneren Werte zum Vorschein. Nicht nur meine Erfahrung, sondern auch die Bibel hält in ihren heute gelesenen Texten ein Plädoyer für den zweiten Blick

Ezechiel: Gottes zweiter Blick auf Sünder und Gerechte
In der Lesung aus dem Buch Ezechiel haben wir gehört, dass Gott sich Zeit lässt für einen zweiten Blick. Menschen, denen vom ersten Eindruck das Etikett »Gerechter« anhaftet, können sich auf dieser positiven Zuschreibung nicht ausruhen. Wenn sie sündigen, so hilft ihnen der gute erste Eindruck nicht, sondern sie werden für die Missetat, die der zweite Blick sieht, zur Rechenschaft gezogen. Umgekehrt können die, die vom ersten Blick als »Sünder« abgestempelt worden sind, hoffen, dass der zweite Blick es sieht, wenn sie sich bessern. Und dass sie dann auch günstiger beurteilt werden.
Wie die Lesung zeigt, gab es gegen diesen zweiten göttlichen Blick Proteste. Und auch heute würde vielleicht mancher sagen, es sei unfair, wenn jemand nach jahrzehntelangem frommen Lebenswandel für eine Sünde gleich verurteilt würde. Um zu verstehen, worum es geht, hilft möglicherweise der Vergleich mit dem Ehebruch. Wer würde denn zu seinem Ehepartner sagen: »Jetzt warst du mir 20 Jahre lang treu, da ist ein Seitensprung schon ok«?
Die Bezugnahme auf den Ehebruch zeigt auch: Es geht nicht um Lappalien. Mit »Sünden« sind hier Dinge gemeint, die mich wirklich von der Liebe trennen, von der Liebe zu Gott, zum Nächsten, zu mir selbst. Wenn die Beziehung zerbrochen ist, gibt es kein Aufrechnen mit vorherigem Wohlverhalten. Da schaut Gott mit seinem zweiten Blick auf die aktuelle Lage.
Gut ist das für die »Sünder«. Sie erhalten die Chance zur Umkehr, zur Änderung ihres Verhaltens, und können so das Etikett »Sünder« loswerden.

Matthäus: Der zweite Blick sieht die Haltung zum Reich Gottes
Im Evangelium sehen wir, wie Jesus ganz auf dieser göttlichen Linie des zweiten Eindrucks liegt. Für seine Zeitgenossen sind die Rollen von »Sündern« und »Gerechten« klar verteilt. Die Hohepriester und die Ältesten berufen sich auf ihren auf den ersten Blick erworbenen Status, ihre frommen Leistungen, auf das, was sie auf ihrem religiösen Guthabenkonto vorzuweisen haben. »Wozu brauchen wir einen dahergelaufenen Propheten wie Johannes den Täufer?«, so denken sie.
Denen, die vom ersten Blick her als sündig gelten, den Zöllnern und Dirnen, bescheinigt Jesus, dass sie die neue Zeit des Reiches Gottes mit seinen neuen Anforderungen erkannt haben. Die für den ersten Blick wichtigen alten Rezepte und die dadurch erworbenen religiösen Verdienste taugen nichts mehr. Der zweite göttliche Blick Jesu sieht, wer zu Umkehr und Neuorientierung bereit ist. Weil die Randgruppen umkehren, Johannes dem Täufer zuhören und sich auf das Reich Gottes einlassen, bekommen sie eine zweite Chance.

Ein evolutionärer Fortschritt: der zweite Eindruck
Gott ist frei von der Jäger- und Sammler-DNA der Steinzeitmenschen, die unser Verhalten immer noch beeinflusst. Gott gewährt uns die Gnade des zweiten Eindrucks. Das ist gut für alle, die nicht so von sich denken wie die Hohenpriester und Ältesten; für alle, die wissen, dass auch sie immer wieder auf einen zweite Eindruck angewiesen sind, um einen schlechten ersten wettzumachen.
Welcher Segen wäre es, wenn auch wir Christinnen und Christen in der Nachfolge Jesu diese Chance des zweiten Eindrucks unseren Mitmenschen geben würden – und, was oft noch schwieriger ist, auch uns selbst? Zwar kommen wir unseren Erbanlagen nicht aus. Aber ich kann mir bewusst machen, dass der erste Eindruck trügen kann. Und ich kann darum beten, dass mir die Kraft und Weite für den zweiten Blick auf andere Menschen und auf mich selbst geschenkt wird.
Welchen Fortschritt brächte es dem menschlichen Zusammenleben, wenn wir im 21. nachchristlichen Jahrhundert auch in geistigem Sinne die Fellkleider ausziehen und die Faustkeile aus der Hand legen würden? Wenn wir andere Menschen und uns selbst nicht mehr auf den ersten Eindruck festnageln würden? Wenn wir nach dem Vorbild Gottes eine zweite Chance geben und bekommen würden?

Martin Ringhof

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