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Leseprobe 1
14. Sonntag im Jahreskreis
II. Entlastung durch Belastung. Oder: Vom brauchbaren Joch (Mt 11,25–30)
Den Akku aufladen
Vermutlich kennen Sie diese Wahrnehmung bei sich: Die Kraft lässt nach, die Energie schwindet, alles Mögliche zehrt an einem. Der Akku ist in Gefahr, leer zu laufen. Wir haben ziemlich selbstverständlich diesen technischen Begriff auf uns Menschen übertragen. So als seien wir Geräte, die nur an die Steckdose angeschlossen werden müssten, um wieder zu Kräften zu kommen und dann wieder zuverlässig jederzeit zur Verfügung zu stehen.
Aber wir Menschen sind eben keine Maschinen und können nicht rund um die Uhr laufen. Wir brauchen immer wieder Phasen, in denen wir aufatmen können.

Bei Jesus zur Ruhe kommen
Wenn ich die Worte des heutigen Sonntagsevangeliums höre, dann kommt es mir vor, als sei Jesus ein Vorreiter dieser Entlastungs-Bewegung:
»Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.«
Das heißt doch: Kommt alle zu mir, die ihr euch abschindet. Die ihr eure Last habt mit euch selbst und mit anderen.
Mit dem Beruf, der Last des Lebens, mit euren Sorgen und Problemen. Kommt alle zu mir mit der Last der Krankheit, der Pflege, mit der Last der Vergangenheit, mit der Last der Schuld.
Kommt her zu mir! Ich will euch zur Ruhe bringen und aufatmen lassen. Endlich wird mir wieder leichter. Endlich wieder atmen können. Endlich Pause für die Ausgepowerten.

Entlastung durch Belastung
Aber mit dem, was Jesus dann sagt, tue ich mir schwerer:»Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.« (Mt 11,30)
Was soll das: Da wird mir Entlastung versprochen und gleichzeitig soll mir ein Joch auf die Schulter gelegt werden? Wie soll das zusammenpassen: Es wird mir angekündigt, aufatmen zu dürfen, und gleichzeitig wird mir etwas Kantiges und Hartes auferlegt, das mir wieder den Atem nimmt?
Was hat es mit dem Joch auf sich? Stadtmenschen ist es fremd; Menschen, die auf dem Land aufgewachsen sind kennen das Joch vielleicht noch von früher, bevor Maschinen eingesetzt wurden.
Da mussten die Kühe eingespannt werden. Ihnen wurde ein Joch auf die Stirn gebunden, daran zwei Seile befestigt, die zum Schildscheit führten. Dort wurde dann der Wagen oder der Pflug angehängt. Mit Hilfe des Jochs konnten die Rinder schwere Lasten ziehen.
Das Joch drückt zwar, aber es ist eine Hilfe, Lasten bewegen zu können, mit ihnen fertig zu werden.
Jesus sagt also nicht: Ach du armer Kerl, komm her, ich mach das schon für dich. Nein!
Er verspricht – so widersprüchlich es klingt – Ent-lastung durch Be-lastung, wenn er sagt: Nehmt mein Joch auf euch.

Sich von Jesu Lebensart einspannen lassen

»Ein Joch« – so nannten die Rabbiner zur Zeit Jesu die Tora, die Lebensregeln der Heiligen Schrift. Sie sahen darin die entscheidende Hilfe, das Leben zu meistern. Jesus meint mit seinem Joch seine Lebensregeln, seine Art zu leben. Er bietet an, die Lasten des Lebens mit seinem Joch, das heißt mit seiner Lebensart in Angriff zu nehmen. Und er charakterisiert seine Lebensart, indem er sagt: »Ich bin gütig und von Herzen demütig«.
Gütig, das heißt nicht ein »Laschi« oder Weichling sein, jemand, der immer alles durchgehen lässt. Gütig, das heißt: gewaltfrei leben, ohne die Ellenbogen zu benutzen.
Im Herzen demütig, das heißt nicht, dass ich ständig den Kopf einziehen muss, sondern dass ich den Mut aufbringe, auch dort hilfsbereit zu dienen, wo es nichts zu verdienen gibt. Dass ich den Mut aufbringe, auch dann meinen Mann und meine Frau zu stehen, wo ich nicht groß herauskomme, und nicht alle auf mich schauen und mit Dank überschütten.

Ein brauchbares Joch
Werfen wir einen Blick in den griechischen Urtext. Da steht: Mein Joch ist chrestos, das heißt »brauchbar«. Jesu Joch ist brauchbar, von Nutzen. Es hilft, die Lasten des Lebens zu meistern. Es macht die Lasten leichter, es drückt mich nicht zu Boden und macht mich nicht kaputt.
Jesus ist Realist. Er weiß: Keiner kann mir die Lasten des Lebens einfach von der Schulter nehmen. Wenn ich die Worte Jesu richtig verstehe, will er mit seinem Ratschlag ein Mittel an die Hand geben, wie ich den Lastkarren des Lebens am besten ziehen kann.
Das entscheidende Kriterium des Jochs Jesu ist die Brauchbarkeit! Seine Worte wollen echte Lebensweisung sein und sein Verhalten Anweisung zu einem Lebensstil, der Leben bewältigen hilft: »Mein Joch ist brauchbar!«

Religion muss brauchbar sein
Brauchbarkeit von Religion. Das ist für mich eine entscheidende Zukunftsfrage für das Bestehen oder Vergehen unserer Glaubenslandschaft. Wenn Menschen nicht spüren dürfen: Religion ist für den Alltag, auch für den schweren und komplizierten, brauchbar und nicht nur für fromme Stunden und Übungen, wird sie in Zukunft rasant verdunsten.
Brauchbarkeit von Religion, das verlangt auch von der Kirche die ständige Selbstüberprüfung, ob sie den Menschen Lasten auferlegt, die ihnen die Botschaft Jesu verdunkeln und die Jesus nicht auferlegen würde.
Sie muss sich fragen, warum unsere Kirche von vielen Menschen als eine Kirche der Vorschriften, der Bevormundung und der Gängelei empfunden wird. Die große Herausforderung für uns als Kirche ist: so wie Jesus ein Helfer des Lebens zu sein. Menschen von heute Joche – das heißt Worte und Orte – an die Hand zu geben, die ihnen helfen, mit den Lasten des Lebens fertig zu werden. Die große Sehnsucht und Erwartung an Kirche ist, dass sie Worte und Orte der Entlastung anbieten kann.
Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir die Brauchbarkeit dieser Worte immer wieder erfahren dürfen und dass die Lebensweisungen Jesu uns ein Leben lang helfen, unseren Lebenskarren zu ziehen.

Martina Eschenweck

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