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Leseprobe 2
DAS THEMA: ÜBERSETZEN
Gott zur Sprache bringen
Wie die neue Einheitsübersetzung im Gottesdienst ankommen kann
Die Einheitsübersetzung ist revidiert worden, damit sie das Wort Gottes, das in den menschlichen Worten der Heiligen Schrift erklingt, neu zur Sprache bringen kann: lebendiger, tiefer, genauer, kerniger, auch kantiger als in der bisherigen Version. Die Revision1 hatte die Aufgabe, die Übersetzung am Urtext zu kontrollieren. Sie sollte Fehler ausmerzen, den Jargon beenden, der teils in die Bibel eingedrungen war, und die biblischen Bilder, die biblischen Klänge und die biblischen Satzmelodien besser vernehmbar machen.

Die Einheitsübersetzung ist für zu Hause und für die Schule, aber nicht zuletzt auch für die Kirche gedacht. Deshalb ist begonnen worden, das Lektionar genau anzupassen, so dass in den Lesungen, in den Antwortpsalmen und in den Evangelien die neue Textform erscheint. Es gibt einen genauen Plan, Schritt für Schritt alle Sonntags- und dann auch alle Werktagslesungen mitsamt den Kasualgottesdiensten auf die neue Übersetzung umzustellen; eine riesige Aufgabe wird später das Stundenbuch. Im »Gotteslob« steht jetzt noch die alte Version; die Differenz ist nicht schön, kann und muss aber abgebaut werden. Die Aufgabe, das neue Lektionar zu gestalten, ist groß – aber sie lohnt. Die neue Einheitsübersetzung hat eine Reihe von Merkmalen, die helfen, besser hinzuhören, wenn aus dem Alten oder dem Neuen Testament verkündet wird. Die Ordnung hat sich so wenig verändert wie der Zuschnitt der Perikopen, auch wenn es an beidem Kritik gibt, weil die Zuordnungen des Alten Testaments nicht immer voll überzeugen und weil es zu viele zusammengestückelte Lesungstexte mit großen Lücken gibt, die besser nie gerissen worden wären, aber leider Gottes auch jetzt nicht gefüllt werden, weil die Texte angeblich zu schwierig für die heutigen Gemeinden seien: ein erstaunliches Urteil, wenn sie aber doch im »Buch der Bücher« präsent sind, dem Weltbestseller Nr. 1, seitdem es die Bibel gibt.

Aber auch wenn das neue Lektionar an dieser Stelle konservativ scheint: schon der goldschimmernde neue Einband mit den geschwungenen Parabelbögen, die über das Buch selbst hinausweisen, zeigt an, dass es etwas Neues zu entdecken gibt, das wertvoll und schön ist, aufregend und anregend.

Der Herrgott …


Eine Veränderung in den alttestamentlichen Lesungen wird unüberhörbar in den Ohren klingen. Sie betrifft den Namen Gottes selbst. Im hebräischen Text steht JHWH. Dieses Wort kann – und soll – niemand aussprechen, weil Gottes Name ein Geheimnis ist und nicht missbraucht werden darf.2 In den heutigen hebräischen Bibeln stehen zu den Konsonanten im gedruckten Bibeltext Punkte, die Vokale anzeigen und darauf hinweisen, dass jüdisch gelesen wird: adonaij. Dem entspricht in der griechischen Bibel kyrios, in der lateinischen dominus – und in der deutschen üblicherweise »Herr«. Alle sind konsequente Übersetzungen, die den Respekt vor dem Judentum mit der kirchlichen Tradition vermitteln – auch wenn sie den Schönheitsfehler haben, dass adonaij nur für Gott verwendet wird, während kyrios, dominus und »Herr« auch Menschen, und zwar Männer, bezeichnen können.

Die alte Einheitsübersetzung war die einzige der großen, kirchlich verbindlichen Übertragungen, die den Gottesnamen ausgeschrieben hat: Jahwe, an vielen Stellen, und zwar im Alten Testament selbst ebenso wie im Lektionar. Das hatte nicht nur den Nachteil, dass niemand ganz sicher war, wie die korrekte Aussprache lautet; es brach auch aus der bisherigen Praxis der katholischen Kirche aus und nahm keine Rücksicht auf das, was den jüdischen Geschwistern heilig ist. Im Neuen Testament steht nie JHWH, sondern immer kyrios, was immer mit »Herr« übersetzt wird.

Die revidierte Einheitsübersetzung kehrt zur alten Praxis zurück. Um aber den Unterschied zwischen dem »Herrgott« und allen anderen Herren dieser Welt sichtbar zu machen, schreibt sie dort und zwar nur dort, wo im Hebräischen JHWH steht, in Kapitälchen HERR. So geschieht es auch im Lektionar. Im Neuen Testament bleibt es bei »Herr«. Wer aus dem Alten Testament in der Kirche liest und auf das »HERR« stößt, weiß, dass hier der hebräische Gottesname im Hintergrund steht. Das nötigt zum Respekt beim Lesen – aber es darf nicht dazu verleiten, diese Worte nun besonders stark zu betonen.

Ein ungewollter, aber unvermeidlicher Effekt besteht darin, dass Gott, der »HERRr«, im Alten Testament männlicher überkommt als im bisherigen Lektionar. Das lässt sich nicht vermeiden, will aber gut erklärt sein: Im biblischen Gottesnamen zeigt sich nicht etwa, dass Gott doch ein Mann sei, sondern spricht sich eine besondere Ehrfurcht vor Gott aus, der unser Verstehen übersteigt, aber sich doch ansprechbar macht und den Menschen sein Wort mit auf den Weg gibt.

... und die Schwestern

Eine weitere Veränderung des Bibeltextes, die aufhorchen lässt, betrifft die Übersetzung des griechischen adelphoi in den neutestamentlichen Briefen, wenn die Gemeindemitglieder selbst angeredet werden. Bislang stand dort, philologisch korrekt, »Brüder«, jetzt heißt es immer wieder: »Brüder und Schwestern«.

Diese Praxis ist durch die Liturgie selbst angebahnt. Denn was sich letzthin immer weiter verbreitet hat, wird nun ins Lektionar selbst hineingeschrieben: nicht mehr nur »Brüder«, sondern: »Schwestern und Brüder« als Anrede, die zur Lesung aus einem neutestamentlichen Brief hinführt. Diese Anrede steht in der Regel nicht im biblischen Text, erschließt ihn aber für die Gottesdienstgemeinde, die sich meistens aus Männern und Frauen zusammensetzt.

Die Einheitsübersetzung geht aber in dieser Richtung einen Schritt weiter und schreibt den Dual in den Bibeltext selbst hinein. Tatsächlich kann gar kein Zweifel bestehen, dass Paulus und andere neutestamentliche Schriftsteller zwischen dem grammatikalischen und dem natürlichen Geschlecht unterschieden haben, wenn sie – nicht nur in Anreden – »Brüder« geschrieben haben. Selbstverständlich haben sie Männer und Frauen gleichermaßen vor Augen gehabt. Bis vor gar nicht so langer Zeit war diese Ausdrucksweise auch in der deutschen Sprache allgemein verbreitet. Erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ist sie zunehmend problematisiert worden. Deshalb ist es gut, dass, wie in der Bibel auch, im Lektionar nun an vielen Stellen gleichfalls im Lesungstext selbst nicht lediglich »Brüder«, sondern »Brüder und Schwestern« (merkwürdigerweise immer in dieser Reihenfolge) steht.

Freilich gibt es Risiken und Nebenwirkungen. Denn an den Stellen, da adelphoi nicht Anrede ist, wird weiterhin mit »Brüder« übersetzt. Das klemmt an einigen Stellen, weil ja unbestritten in der ganz überwiegenden Mehrzahl der Fälle dort gleichfalls keineswegs nur Männer, sondern eben auch Frauen gemeint sind und nun der falsche Eindruck entstehen könnte, sie hätten im Text nichts zu suchen, weil sie in der Geschichte nicht vorkämen, die erzählt oder besprochen wird. Auch hier ist eine gute Erklärung vonnöten. In den neutestamentlichen Lesungen kommt es ab und an zu solchen Konstellationen (z. B. in 1 Kor 15,1.6); es ist nicht an der Lektorin oder am Lektor, den Lesungstext nachzubessern. Aber wer genau liest und hört, wird für eine Erläuterung dankbar sein.

Positiv sind vor allem zwei Effekte: dass die Frauen sich direkt angeredet wissen dürfen und dass die Gemeinden nicht vom Wohlwollen des Zelebranten abhängig sind, ob auch die Frauen explizit angesprochen werden, sondern dass die Anredeform »Schwestern und Brüder« im Lektionar selbst steht, also kirchenoffiziell ist.

Im Klang der Bibel …


Die Bibel hat einen bestimmten Sound. Eine biblische Lesung beginnt nicht mit: »Es war einmal …«; diese Einleitung würde zu einer Märchenstunde passen. Die biblische Lesung beginnt mit: »In jenen Tagen«, oder: »In jener Zeit«. Das war die alte Praxis – und so ist sie beibehalten worden. Die Wendungen selbst sind biblisch. Sie machen darauf aufmerksam, dass Gott nicht bis in alle Ewigkeit auf sich warten lässt, sondern hier und jetzt Geschichte schreibt: so wie damals, als sich ereignet hat, was in der Bibel schriftlich festgehalten wird, so auch in dem Moment, da die Bibel im Gottesdienst vorgelesen und dadurch das Wort Gottes verkündet wird.

Zu den Aufgaben der Bibelrevision gehörte, die Aufmerksamkeitssignale, die der Text selbst setzt, nicht mehr, wie früher üblich, meistens auszulassen, sondern im Gegenteil an jeder Stelle zu setzen: »Siehe …«, »Und es geschah …«, »Spruch des Herrn …«. Am Beginn mancher Perikopen sind diese Wendungen verschwunden, weil sie sich mit der liturgisch vorgesehenen Einleitung überschnitten hätten. Aber in den Lesungs- und Evangelientexten tauchen sie immer wieder auf.

Sie verlangsamen das Lesetempo. Sie zeigen den besonderen Sprachrhythmus der biblischen Texte an. Deshalb dürfen sie nicht übersprungen oder genuschelt werden. Sie helfen vielmehr sowohl denen, die vorlesen, als auch denen, die zuhören, aufmerksam zu werden für das, was kommt. Gerade wer viele Lesungen bereits oft gelesen oder gehört hat, darf sich über diese Hilfe freuen: Das Wort Gottes ist sensationell. Es hat eine so gute Nachricht, dass man es schier nicht glauben kann. Dass einem ab und an beim Lesen Hören und Sehen vergeht, ist genau der Effekt, den die Texte erzielen wollen; und wenn es nicht gleich so dramatisch zugeht, sondern einfach nur durch gutes Vorlesen die Sinne geschärft werden, ist es auch schon gut.

Die biblische Sprache birgt aber weit über diese Wendungen hinaus einen großen Reichtum – der auch in der Bibel selbst erkannt und gepf legt wird.3 Die alte Einheitsübersetzung hat ihn vielleicht ein wenig zu sehr an das »gehobene Gegenwartsdeutsch« angepasst. Jetzt führt gerade die größere Nähe zum Urtext zu neuen Entdeckungen in der Gegenwart. Das wird nicht zuletzt beim Beten der Psalmen deutlich werden. Um es im Bild zu sagen: In der neuen Version raucht und dampft, zischt und knirscht, krächzt und ächzt es stärker als bislang gewohnt, aber genau wie in der Bibel und wie im richtigen Leben. Beim Beten gibt es Stolpersteine – die aber von Anfang an zu den Psalmen gehören und einer Spiritualität von heute gut tun, so ungewohnt vieles klingen mag. Hoffentlich hat man sich nicht zu schnell an den neuen Klang gewöhnt.

… das lebendige Wort


Gottes Das neue Perikopenbuch schreibt vor, wie die Lesung und das Evangelium angekündigt und wie sie abgekündigt werden sollen. Bei den Evangelien ist alles geblieben, wie es war: »Aus dem heiligen Evangelium nach …« – »Evangelium unseres Herrn Jesus Christus«. Auch die Antworten der Gemeinde sind gleich geblieben: »Ehre sei dir, o Herr«, und: »Lob sei dir, Christus«.

Bei den Lesungen aber hat es kleine Veränderungen gegeben – nicht bei dem, was die Gemeinde zum Schluss sagt: »Dank sei Gott«, wohl aber bei der Einleitung und der Ausleitung. Wenn aus einem neutestamentlichen Brief gelesen wird, heißt es jetzt z. B.: »Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philippi«. Der ausdrückliche Bezug zur »Gemeinde« ist neu; er kann eine gute Verbindung zu der Gemeinde stiften, die jetzt zum Gottesdienst versammelt ist und Gottes Wort hört. Noch konsequenter wäre es gewesen, die Einleitungswendungen genau den Anredeformen der Briefe selbst anzupassen, also z. B.: »an die Kirche Gottes in …« oder »an die Gemeinden Gottes in …« oder »an die heiligen Brüder und Schwestern in …«. Aber ein Schritt in die richtige Richtung ist gemacht.#

Am Ende sowohl der alt- wie auch der neutestamentlichen Lesung steht jetzt auch im Perikopenbuch: »Wort des lebendigen Gottes«. Dass die alt- wie die neutestamentliche Lesung in der Eucharistiefeier mit exakt denselben Worten markiert wird, zeigt, dass sie liturgisch auf einer Stufe stehen. In beiden Lesungen wird ein großer Spannungsbogen zur Eröffnung aufgebaut, weil dort ja (meistens) ein menschlicher Verfasser und eine literarische Textgattung – Buch, Brief, Apostelgeschichte – genannt wird, während hier in die höchsten Register biblischer Theologie gegriffen wird: Der lebendige Gott ist der Herr über Leben und Tod; wie es nur einen Gott gibt, gibt es im Grunde auch nur ein Wort Gottes, in so vielen Worten auch immer Gott das Ohr und das Herz der Menschen erreichen will und in so vielen Zeugnissen auch immer Menschen sagen und schreiben, dass sie Gott gehört und verstanden haben.4

Vielen fällt es schwer, diese Schlusswendung zu sprechen oder auf sie mit »Dank sei Gott« zu antworten, wenn das, was gerade zu lesen und zu hören gewesen ist, so gar nicht dem eigenen Glauben und dem eigenen Lebensgefühl entspricht. Desto wichtiger ist die liturgische Formel. Denn der Dank gilt weder dem Text noch der Intention des biblischen Autors, sondern Gott. Durch die Ausleitung wird die Lesung nicht nur aufgewertet, sondern auch relativiert: Glauben verdient Gottes Wort allein, so schwach, angreifbar und missverständlich auch immer die menschlichen Worte sein mögen, in denen sich Gottes Wort ausspricht.

Durch Lesen …

»Selig, wer liest«, heißt es in der Offenbarung des Johannes, die zum letzten Buch der Bibel geworden ist (Off b 1,3). Der Seher von Patmos hat das Vorlesen im Gottesdienst vor Augen. Vollständig lautet das Wort nach der neuen Einheitsübersetzung: »Selig, wer die Worte der Prophetie vorliest, und jene, die sie hören und das halten, was in ihr geschrieben ist.«

Dieses Wort ist ein Segenswort für alle Lektorinnen und Lektoren – und für alle, die aufmerksam lesen, wenn aus dem Alten und dem Neuen Testament die Heilige Schrift verkündet wird. In seinem vermutlich ältesten erhaltenen Brief mahnt Paulus die Thessalonicher: »Ich beschwöre euch beim Herrn, diesen Brief allen Brüdern und Schwestern in der Gemeinde vorzulesen« (1 Thess 5,27), so die neue Einheitsübersetzung. »In der Gemeinde« steht zwar nicht im griechischen Urtext, ist aber eine sachgerechte Veranschaulichung. Paulus richtet sein Schreiben an die Leiter oder die Leiterinnen der Gemeinde. Sie müssen lesen können – keineswegs eine Selbstverständlichkeit in der Antike. Sie sollen den Brief vorlesen, wenn die »Kirche der Thessalonicher« – vermutlich am Sonntag – zusammenkommt. Der Brief ist für alle Gemeindemitglieder bestimmt; sie alle sollen etwas davon haben – und können nur dann etwas vom geschriebenen Wort ihres Apostels mitnehmen, wenn es ihnen vorgelesen wird.

Genau diese Situation hat die Johannesoffenbarung vor Augen. Die Sinnlinie geht vom Lesen über das Hören bis zum Halten. Gemeint ist, dass sich diejenigen, die hören, an das halten sollen, was ihnen vorgelesen wird: an das Wort des lebendigen Gottes. Die Sorgfalt beim Lesen ist eine elementare Voraussausetzung. Es muss alles, und es muss richtig gelesen werden. Es darf nichts weggelassen und nichts hinzugefügt werden – was Johannes mit großer Drohgebärde auch beim Umgang mit seinem eigenen Buch verlangt (Offb 22,18–19). In der Antike ist laut diktiert worden, was ein Sekretär dann zu notieren hatte, vielleicht erst in Stenographie auf eine Wachstafel, dann ins Reine auf ein Blatt Papyrus. Es ist auch laut gelesen worden, selbst wenn man allein war.5 Diese Lautstärke dient der Lebendigkeit und Verständlichkeit des Wortes. Viele Dichterinnen und Dichter schreiben »laut«: Sie hören und sagen in ihrem Geist und manchmal auch mit ihrem Mund und ihren Ohren, was sie aufschreiben. So kommt die Sprachmelodie gut heraus. Wer je einen guten Rezitator oder eine gute Rezitatorin gehört hat, weiß, wie lebendig ein Schriftstück durch guten Vortrag werden kann.

Die neue Einheitsübersetzung erfordert etwas mehr Vorbereitung als die alte, weil die Sprache etwas sperriger ist und die Sätze immer wieder einmal etwas länger sind. Aber die investierte Zeit lohnt – für die, die lesen, und die, die hören.

… zum Verstehen

»Wer liest, soll verstehen« redet der Evangelist an einer heiklen Stelle seines Werkes seine Lesegemeinde an (Mk 13,14), auf dass sie die Katastrophe der Tempelzerstörung – aktuelle Zeitgeschichte – mit dem Wort Gottes verbindet, das Jesus verkündet, und mit dem eigenen Leben derer, die dem Evangelium Glauben schenken wollen.

Das Verstehen passt zum Anspruch des Christentums, Bildungsreligion zu sein.6 Es setzt voraus, dass verständlich gelesen wird – in einer Sprache, die durchaus anspruchsvoll sein darf, geht es doch schließlich um Gott, aber zugänglich sein muss, geht es doch um das eigene Leben. Aus diesem Grund muss eine Übersetzung in die jeweilige Muttersprache von Zeit zu Zeit erneuert werden; sonst veraltet sie und kann nicht mehr so leicht begeistern, wie sie es im Fall der Bibel vom ersten Tag an getan hat.

Das Verstehen geht allerding über das akustische Wahrnehmen weit hinaus. Man kann zugespitzt formulieren: Je leichter ein Bibelwort akustisch verstanden wird, desto schwerer fällt es, seinem spirituellen und ethischen Anspruch auszuweichen. Das genau ist der Clou guten Schreibens und Lesens im Namen Gottes. Wenn wirklich Gottes Wort einem Menschen in den Ohren klingt, ist es um ihn geschehen: Er muss sein Leben ändern. Wäre es anders, wäre es nicht Gottes Wort, das ihn erreicht. Das Leben zu ändern, weil im menschlichen Wort der Heiligen Schriften durch Lesen, Hören und Verstehen Gottes Wort zur Sprache gebracht wird, heißt nicht, alle Brücken abzubrechen und verbrannte Erde zu hinterlassen, sondern die Welt neu zu entdecken, die Gott geschaffen hat, die Familie, in der man lebt, den Beruf, den man ausübt, die Ruhe, die man genießt, nicht zuletzt die Unruhe der eigenen Seele.

Diese Lebenswende kann und wird nicht an jedem Sonn- und Werktag geschehen, wenn die Schrift verkündet wird. Aber wer sich regelmäßig, Sonntag für Sonntag oder vielleicht sogar Tag für Tag, dem Wort Gottes in der Schriftlesung aussetzt, hat die besten Chancen, die Worte zu hören, die Gottes Wort ins Leben einlassen, damit es erfüllt und bereichert werde.

Wer mit den Ohren und mit dem Herzen versteht, was verkündet wird, entdeckt genau das, was zu Gott »Danke« sagen lässt: die frohe Botschaft, dass er alles liebt, was er erschaffen hat (Weish 11,24), und dass die ganze Schöpfung ein einziges Ziel hat, die Erlösung und Vollendung (Röm 8,27–30).

Die neue Einheitsübersetzung ist wie die alte ein Buch, das dieser Hoffnung Nahrung gibt. Sie tut es so, dass der vertraute Klang neu ertönt, in starken Tonfarben, und dass neue Entdeckungen möglich sind: für solche, die in der Bibel zuhause sind, und für Einsteiger.

Anmerkungen
1 Vgl. Thomas Söding, Die Bibel für alle. Kurze Einführung in die neue Einheitsübersetzung, Freiburg i. Br. 2017.
2 Vgl. Verena Lenzen, Das Vaterunser und die Heiligung des göttlichen Namens im Judentum, in: Internationale katholische Zeitschrift Communio 45 (2016), 14–21.
3 Vgl. Susanne Luther, Sprachethik im Neuen Testament. Eine Analyse des frühchristlichen Diskurses im Matthäusevangelium, im Jakobusbrief und im 1. Petrusbrief (WUNT 2/394), Tübingen 2015.
4 Vgl. Reinhold Feldmeier/Hermann Spieckermann, Der Gott der Lebendigen. Eine biblische Gotteslehre (Topoi biblischer Theologie 1), Tübingen 2011, bes. 515–546.
5 Vgl. Alberto Manguel, Eine Geschichte des Lesens (engl. 1996), Reinbek b. Hamburg 1999.
6 Vgl. Thomas Söding, Das Christentum als Bildungsreligion. Der Impuls des Neuen Testaments, Freiburg i. Br. 2016.

Thomas Söding

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