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Leseprobe 2
Fünfter Fastensonntag – 25. März 2012
I. Verhüllte Kreuze (thematisch)
»Das da, das muss weg«
Ein muslimischer Student bewarb sich in Deutschland um ein Zimmer. Er fand eines, und zwar in einem katholischen Haus. Die Vermieterin zeigte ihm sein Zimmer. An der Wand hing ein Kreuz. Der Student zeigte auf das Kreuz und sagte: »Das da, das muss weg!« Erschrocken nahm sie das Kreuz von der Wand. Das Bild der Madonna mit dem Kind wollte sie auch gleich mitnehmen, denn sie wollte die religiösen Gefühle ihres neuen Mieters nicht verletzen. »Nein, nein,« sagte der Student, »das kann bleiben, das ist schön. Aber das da,« er zeigte auf das Kreuz, »das ist schrecklich, das muss weg!« Vor Jahren bin ich auf diese Begebenheit gestoßen, ich weiß nicht mehr wo. Aber sie bewegt mich immer noch. Hat er nicht recht, der muslimische Student: »Das muss weg!«? Ich komme doch sonst auch nicht auf die Idee, mir Bilder von Leidenden mit ihren qualverzerrten Körpern ins Wohnzimmer zu hängen. Es entspricht dem Gespür vieler, dass Kreuz und Leid aus unserem Leben verbannt sein müssten, weil sie unsere Sehnsucht nach Glück und gelingendem Leben durchkreuzen.

»Mein dorngekrönter Bruder steht mir bei«
Aber ich weiß auch: Es gibt kein Leben ohne Kreuz und Leid. Den einen begleitet es ein ganzes Leben, beim anderen schleicht es sich heimlich ein, einen dritten trifft es überfallartig. Kaum einen verschont es. Und ich frage mich: Wie lebe ich damit, dass Kreuz, dass Leid Teil meines Lebens ist? Conrad Ferdinand Meyer erzählt in dem Epos »Huttens letzte Tage« vom Sterben dieses bedeutenden Reformators. Angesichts des Kreuzes in seinem Sterbezimmer lässt er ihn sprechen:

»Fernab der Welt. Im Reiche meines Blicks
an nackter Wand allein das Kruzifix.
In heilen Tagen liebt in Hof und Saal
ich nicht das Bild des Schmerzes und der Qual;
doch Qual und Schmerz ist auch ein irdisch Teil,
das wusste Christ und schuf am Kreuz das Heil.
Je länger ich’s betrachte wird die Last
mir abgenommen um die Hälfte fast,
denn statt des einen leiden unserer zwei:
mein dorngekrönter Bruder steht mir bei.«

Das Kreuz sagt mir: Du bist in schweren Stunden nicht allein, du bist als Leidgeprüfter nicht allein. Da ist einer, der mit dir das Kreuz trägt, der an deiner Seite ans Kreuz festgenagelt ist, einer der dich versteht, der solidarisch mit dir ist, denn er selbst kennt das: »Mein dorngekrönter Bruder steht mir bei.«

Kreuze sind eine Erinnerung
Der Kreuzträger an meiner Seite hat zwar Angst wie ich, aber er lebt auch aus dem Vertrauen, das sagt: Das Leid kann mich nicht vernichten. Das letzte Wort über mein Leben spricht das Leben selbst. Darum wird sein Kreuz zum Hoffnungszeichen, das mir zusagt: Und wenn es noch so dunkel ist, dein Leben wird an ein gutes Ziel kommen. Kreuze sind darum eine Erinnerung: Brauchst du Trost im Leid, schau auf das Kreuz! Brauchst du Hoffnung in der Aussichtslosigkeit, schau auf das Kreuz. An unterschiedlichen Orten steht oder hängt das Kreuz: in Kirchen, in denen Christen die Erinnerung an Jesu Kreuz feiern, auf Berggipfeln und an Wegkreuzungen, in den Wohnungen von Christen. Viele tragen das Kreuz an einem Kettchen um den Hals, versteckt unter dem Hemd die einen, offen im Dekolletee die anderen. Kreuze sind ein selbstverständlicher Anblick geworden, oft gar als Schmuckstück gestaltet. In der Geschichte der Kirche hat man bis zur Zeit der beginnenden Gotik im 13. Jahrhundert Kreuze fast ausschließlich als Triumphkreuze dargestellt, die den auferstandenen König des Himmels am Kreuz zeigen und das Leid nur andeuten. Wer denkt beim Anblick eines Kreuzes noch an das Leid des Gekreuzigten, an die Schande des Entehrten, an den Schmerz des Gequälten?

Verhüllte Kreuze
Wohl auch darum werden ab dem fünften Fastensonntag bis zum Karfreitag in katholischen Kirchen die Kreuze verhüllt. Was ich tagtäglich anschaue, wird zur Selbstverständlichkeit. Ich gewöhne mich daran. Und wenn mich so ein Anblick über Jahre und Jahrzehnte begleitet, verdrängt die Gewohnheit das Nachdenken und Nachempfinden. Darum in der Passionszeit die verhüllten Kreuze. Der selbstverständlich gewordene Anblick wird verhüllt. Die Sehgewohnheit wird aufgebrochen, damit das Außergewöhnliche dieses Anblicks am Karfreitag neu gesehen werden kann. Da leidet einer, da wird einer grausam ermordet – und nicht irgendeiner. Und das wird neu zur Frohbotschaft: »… denn statt des einen leiden unser zwei, mein dorngekrönter Bruder steht mir bei.«

Heribert Arens

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