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Leseprobe 2
Kasualpredigten - Zur Beerdigung
Tröstende Spuren

Vorbemerkung: Traueransprache zum Tod einer dorfbekannten 86-jährigen Frau


Biographien

Lebensgeschichten, Biographien bekannter Zeitgenossen, rangieren seit einigen Jahren in den Bestsellerlisten ganz oben. Kaum ein bekannter Politiker, Schauspieler oder Sportler, der nicht schon zu Lebzeiten dafür sorgt, dass spätestens die Nachwelt seine Größe und Bedeutung zu schätzen weiß. Schade, dass es keine Biographie von N.N. gibt. Heute haben wir sie zu Grabe getragen. Sie ist vor einer Woche im Alter von 86 Jahren gestorben. Könnten wir die Geschichte ihres Lebens nachlesen, ich glaube, viele Menschen in unserem Ort würden sich dafür interessieren.

Spuren hinterlassen

Denn: N.N. hat in unserem Ort unvergleichliche Spuren gezogen. Diese Spuren waren und sind wohl deswegen unvergleichlich, weil sie fast immer auch von einer anderen Spur begleitet waren, von der Spur ihres Mannes R., der ihr vor zwei Jahren kurz nach der Goldenen Hochzeit in die Ewigkeit vorausgegangen ist. Vor allem sind es Spuren, die voller Trost die Erinnerung an N.N. wach halten. Die uns zugleich helfen, unseren Schmerz, unsere Trauer über ihren Tod zu verwandeln in Dankbarkeit und in eine ganz besondere Art der Mit-Freude, darüber, dass sie nun das Ziel ihres nicht immer leichten Lebens erreicht hat. Wer das Ehepaar N. kennenlernen durfte, hat sehr schnell erfahren, wie sehr sich die Eheleute ergänzten. Er, der Architekt, der Planer, mit einer durchaus visionären Begabung, sie, eine Frau, die mit beiden Beinen in der Realität stand, lebenspraktisch veranlagt. Wenn davon die Rede ist, dass ihr Mann gut 1000 Häuser in unserem Ort gebaut hat, dann ist dies wohl ohne seine Frau N. kaum denkbar gewesen. Sie war immer seine erste Ansprechpartnerin und Beraterin, sie war Telefonistin, Buchhalterin, Kontaktperson zu Bauf irmen und Banken, sie war erste Ansprechpartnerin der Bauherren und später dann auch der Mieter. So manches Haus wäre wohl nicht gebaut worden, hätte N.N. den Bauinteressenten nicht wertvolle Tipps und Ratschläge gegeben, wie ihre Bauvorhaben und Baupläne in die Tat umgesetzt werden könnten. Tipps, die nicht selten mit ihrer persönlichen Lebenserfahrung zusammenhingen. Sie hatte ja nicht nur wesentliche Aufgaben in der Firma ihres Mannes übernommen, sie hatte auch einen sechsköpfigen Geschäftshaushalt zu führen.

Spuren der Erinnerung

Es war ihr immer wichtig, dass ihre Kinder bei allem Engagement der Eltern nicht zu kurz kamen. So war es für sie selbstverständlich, dass sie trotz eines engen Zeitrahmens selbst für ihre Familie kochte. Für die Kinder, und wohl auch für die Enkelkinder unvergessen: Böhnchen mit Specksauce, Kartoffeln und dazu ein gekochtes Ei. Oder im Winter Grünkohleintopf. Und dann das Berliner Brot, das das ganze Jahr über Hochkonjunktur hatte, nicht nur innerhalb der Familie. Nicht zu unterschätzende Spuren der Erinnerung. Es sind nicht zuletzt die Musikfreunde, die ihre Spuren nachgehen werden. Die ersten Proben des neugegründeten Blasorchesters fanden vor 45 Jahren im Haus der Familie N. statt. Ohne Zustimmung von N.N. hätte das wohl nicht geklappt. Gemeinsam mit ihrem Mann N. wurde sie zur großen Förderin der Chor- und Blasmusik in unserem Ort, speziell des Jugendorchesters. Als zweite Vorsitzende war sie für eine geraume Zeit verantwortlich für alle anfallenden Büroarbeiten des Vereins. N. und R. N. haben weitere gemeinsame Spuren hinterlassen. Sie bestiegen im Jahr 1968 gemeinsam den Königsthron unserer Bruderschaft. Ihre Namen sind in der Chronik der Bruderschaft für alle Zeiten verewigt.

In der Kirchengemeinde: gemeinsam durch Dick und Dünn

In dem Maße, wie die Familie N. allem Kulturellen aufgeschlossen war, war sie vor allem auch für Belange der Kirchengemeinde ansprechbar. Ich weiß, dass Pastor A. W. nicht selten Gast im Büro, besser: Gast in der Familie N. war. Dabei ging es wiederholt auch um den Bau der Kindergärten. Oder um den goldenen Hahn, der normalerweise auf dem Turm unserer Pfarrkirche seinen Platz hat. In Restaurierungszeiten war der goldene Hahn nämlich regelmäßig im Hause N. zu Gast. Laut N.N. war er für die Familie aber noch mehr. Der goldene Hahn hatte den Rang eines Haustiers mit Familienanschluss. N.N. hätte in ihrer Biographie noch vieles zu erzählen gehabt. Vor allem von Menschen aus ihrer engsten Umgebung, sprich ihrer Familie, von Menschen aus der Nachbarschaft, aus dem Ort, aus dem Vereinsleben, aus der Kirchengemeinde, Menschen, mit denen sie durch Dick und Dünn gegangen ist, in ihrer unvergleichlichen zupackenden Art.

Nun sind beide wieder vereint

Als sie in den letzten Jahren selbst Hilfe und Betreuung, Zuwendung und Nähe brauchte, war es vor allem ihre Familie, die für sie da war. Nicht zuletzt auch ihr Mann R., der sich bis kurz vor seinem Tod liebevoll um sie kümmerte, um – wie er es einmal seinen Kindern gesagt hat – ihr wenigstens etwas von dem zurückzugeben, was sie ihm in ihrem Leben geschenkt hat. Nun sind beide wieder vereint. Jesus selbst war es, der zu ihr gekommen ist, der sie angeschaut und gesagt hat: Nun ist alles gut, liebe N. Es wird zu schwer für dich. Du musst doch einsehen, dass es nicht mehr geht. Du hast getan, was du konntest. Du bist am Ziel. Komm, wir gehen zum Haus meines Vaters. Dein R. hat schon lange eine schöne gemeinsame Wohnung für euch vorbereitet. Und da lächelte sie. Und so ging N.N., ein große Frau, ganz still von uns fort. Es ist tröstlich zu wissen, dass sie jetzt für immer ganz nah bei ihrem Jesus ist, der sie, gemeinsam mit seiner Mutter Maria, durch ihr ganzes Leben begleitet hat. Nicht nur in unserem Ort, in unserem Ortsbild, sondern vor allem auch in unseren Herzen hat N.N., gemeinsam mit ihrem Mann R., wohl für immer Spuren hinterlassen. Spuren, die uns Kraft und Trost schenken, aber auch Orientierung und Wegweisung sein können. Dafür sagen wir heute von Herzen Danke. Danke liebe N.N. Liebe Grüße an deinen R. Und – meldet euch mal.

Gisbert Wellerdiek

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