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Leseprobe 2
Zur Beerdigung
II. »Dann geht’s doch erst richtig los«

Zur Situation: Der Verstorbene, alleinstehend, keine Kinder, war Heimatvertriebener aus Niederschlesien, wohnte nicht weit weg von der Kirche und hatte sehr großes handwerkliches Geschick.

Zu Hause sein
»Ich habe nur noch einen Wunsch, Weihnachten möchte ich zu Hause sein.« Das hat N.N. in den letzten Wochen immer wieder gesagt. Zuhause. Er meinte damit nicht unbedingt seine Wohnung in der Hauptstraße. Sein Zuhause, das war für ihn nur noch der Himmel. Und wie hat er in den letzten Tagen vor seinem Tod darum gebetet, gebettelt, darum gefleht, »endlich nach Hause« kommen zu dürfen. Und der Herr, sein Heiland, wie N.N. immer sagte, hat ihn erhört. So wie jemand, der Mitleid, Erbarmen mit einem Menschen hat. Sein Heiland hat ihn in seine Arme genommen und ihn erlöst, von seinen quälenden Schmerzen für immer befreit. Das erfüllt uns alle, die wir seinen Tod so sehr betrauern, zugleich mit Dankbarkeit.

Vorbereitet
N.N. hat sich auf seinen Tod vorbereitet, wie dies wohl nur ganz selten geschieht. Vor Monaten schon sah er das Unabänderliche auf sich zukommen. Was es nur zu regeln gab, hat er geregelt. Er hat sein Auto verkauft. Hat für seine Frau vorgesorgt. Hat dafür gesorgt, dass er nach seinem Tod niemandem zur Last fallen wird. Er hat sein Verhältnis zur Kirche neu geregelt. Jedem, der ihn besuchte, hat er dies mit tiefer Bewegung, mit Freudentränen in den Augen, erzählt. Ja, er hat letzte Ordnung in sein Leben gebracht. Um dann Zeit für sich zu haben, um sich nur noch auf den Tod vorzubereiten und sich auf das Leben in der Nähe seines Heilandes zu freuen. Davon hatte er eine klare Vorstellung. »Das wird unwahrscheinlich schön«, hat er mir oft gesagt. »Ich weiß es«, fügte er dann vielsagend hinzu. Er hätte da so einen Traum gehabt. Während andere alte und kranke Menschen gern über ihr Leben sprechen, über Erlebtes, über Vergangenes, genoss N.N. es, wenn man mit ihm über Zukünftiges sprach, über den Himmel. Ja, man konnte mit ihm über den Himmel sprechen wie mit anderen Menschen über Schalke 04, über’s Wetter oder über Autos. Ich erinnere mich, wie wir dann scherzhaft überlegt haben, welche Aufgabe er wohl im Himmel zu übernehmen hätte. Eigentlich keine Frage für ihn: Erstens müsse er wohl den himmlischen Chor verstärken. Vor allem den Bass. Und zweitens müsse er, als gelernter Metzger, wohl dafür sorgen, dass die Himmelsbewohner endlich mal richtig gute Wurst und Pannas (münsterländische Spezialität) bekämen.
Für N.N. stand unzweifelhaft fest, dass der Tod lediglich die Beendigung des irdischen Lebens ist. »Dann geht’s doch erst richtig los«, meinte er kurz vor seinem Tod, als wir gemeinsam in seinem Sterbezimmer »Großer Gott wir loben dich« gesungen hatten. Ein bewegender Moment. Bewegend vor allem für seine Freunde vom Männergesangverein Cäcilia, als er sich von ihnen, nachdem sie ihm ein letztes irdisches Ständchen dargebracht hatten, verabschiedete. Für N.N. war klar, dass er seine Sangesbrüder alle einmal wiedersehen würde. Sein Glaube an die Auferstehung war durch nichts zu erschüttern.

Vorfreude »auf die Zeit danach«
Ich darf wohl für alle sprechen, die ihn in den Wochen vor seinem Tod begleitet haben: Er, der doch eigentlich so viel Trost und Anteilnahme von unserer Seite gebrauchen konnte, er war es, der uns durch seine Haltung, vor allem durch seine Vorfreude »auf die Zeit danach« aufgemuntert, ja gestärkt hat. Gehen wir sonst nach einem Besuch bei einem Sterbenden zumeist traurig, ja sehr bedrückt nach Hause, war es nach einem Besuch bei N.N. ganz anders. Seine Vorfreude auf den Himmel war geradezu ansteckend. Wir verabschiedeten uns von ihm eher froh und durch ihn beglückt. Und dieses Gefühl konnten wir nicht für uns behalten. Wir haben davon erzählt, in der Familie, im Freundeskreis.
Aber war N.N. ein Heiliger? Wohl nicht. Er hat im Leben viel mitgemacht, vor allem auch während des Krieges. Er hat im Krieg schwerste Verwundungen am Leib und wohl auch an der Seele erlitten. So war es ihm verwundungsbedingt nicht vergönnt, Vater zu werden. Er fühlte sich um sein Lebensglück betrogen. Er hat Zeit seines Lebens darunter gelitten. Was sich auch darin ausdrückte, dass er recht misstrauisch und skeptisch sein konnte und im engsten Umfeld seines Lebens auch schon mal grob und verletzend. Ein Heiliger? Wohl nicht. Aber doch ein Mensch, der sich ganz für andere einsetzen konnte. So vor allem für die Kinder, die seine Frau H., mit der er 54 Jahre verheiratet war, mit in die Ehe gebracht hatte. Und dann die Enkelkinder. Einen besseren Opa gibt es wohl nicht. Nicht umsonst haben sie ihn liebevoll »Opilein« genannt. Sein Tod stimmt sie unendlich traurig.

Wieder zu Hause
Umso froh machender ist aber die Botschaft, die von seinem Sterben, ja von seinem Tod ausgeht: Und ist das Leben auch noch so von Verletzungen, Verwundungen und Brüchen gezeichnet, der Herr fügt am Ende wieder alles zusammen. Für den glaubenden, hoffenden, auf Gott vertrauenden Menschen bekommt alles wieder seine versöhnende Ordnung. Der Tod wird zum Evangelium. Zur frohen Botschaft vom Leben. N.N. hat auf Gott, hat auf seinen Heiland vertraut, hat auf ihn gehofft, auf ihn alles gesetzt. Er hat ihn von ganzem Herzen geliebt und sich so auf die Begegnung mit ihm gefreut, wie ein Kind sich auf Weihnachten freut. Und sein Heiland hat ihn erlöst. Und ihm seinen letzten großen Wunsch erfüllt: N.N. ist wieder zu Hause.

Gisbert Wellerdiek

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