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Leseprobe 2
Vierter Sonntag – 30. Januar 2011
I. Alles wird gut? (Mt 5,1–12a)

Zielsatz: Die »Wohl euch!«-Rufe sollen mit ihrer Botschaft im Stimmengewirr der Religionen und Weltanschauungen in ihrer Eigenart vernehmbar werden.

Trost
»Scharen von Menschen aus Galiläa, der Dekapolis, aus Jerusalem und Judäa und aus dem Gebiet jenseits des Jordan folgten ihm« (Mt 4,25). Aus allen Richtungen kommen sie, ihn zu sehen und zu hören. Was suchen sie bei ihm? Was suchen die Menschen in der Verkündigung, im Wort Jesu, in der Wahrheit der Religionen?
Die Religionskritiker sind um Antworten nicht verlegen. Menschen suchen Seelentrost – um fast jeden Preis. Das Opium, das ihnen in den Religionen verabreicht wird, ist ja keineswegs gratis. Nicht nur Kirchensteuern sind zu entrichten. Auch das Opfer des gesunden Menschenverstands und Realitätssinnes ist zu leisten. Aber Trost darf teuer sein; denn er ist selten. Das macht Religion so verhasst bei den Kritikern. Kann sich der Mensch nicht anders trösten?
Schöpfe dein Leben aus, bis es »erschöpft« ist! Hast du genug von ihm gehabt, magst du zufrieden sein mit dem Lauf der Dinge, den dir die Gesetze der Natur auferlegen. Du wirst dich zu der Weisheit bequemen, dass die ewige Natur weiterlebt – gerade dadurch, dass sie über dein individuelles Dasein hinweggeht. Du wirst dich ihr als weiser Mensch zurückgeben und nicht so egoistisch sein, an deiner Individualität festhalten zu wollen.
Was die Menschen bei der Religion suchen, können sie auch ohne sie finden, realistischer, vernünftiger: die Möglichkeit, mit dem Leben einverstanden und zufrieden zu sein. Der Lebens-Künstler, der den Reiz und die Herrlichkeit des Lebens schätzen lernte, hat die höhere Ebene der Weisheit erreicht: Für ihn ist alles gut so. Wunschlos glücklich? Nicht ganz. Aber so weit, wie man realistischerweise wünschen und denken kann.

Zufrieden?
Das ist es doch, was die Menschen suchen: mit sich im Reinen sein; sich nicht anderswohin – in ein anderes Leben, eine andere Beziehung – wünschen müssen; da zu sein, wo man sein möchte – der oder die zu sein, der oder die man sein möchte: Glück wäre ein zu großes Wort; aber Zufriedenheit, das trifft es. Ist das nicht auch der Trost der Religion?
Einverstanden sein können, das ist tatsächlich die religiöse Ur-Verheißung. Ja und Amen sagen können: Gut, dass es so ist, dass es so kommt! Einverstanden sein können auch da, wo das Leben mich niederdrückt, wo ich benachteiligt und in Not geraten bin.
Wohl denen, die jetzt trauern! Trost werden sie finden. Die »Seligpreisungen« sind – so scheint es – das Grundmuster solch religiösen Trostes in allen Lebenslagen. Also: Wohl denen, die Hunger und Durst haben. Klingt das nicht zynisch, wenn manche Hunger und Durst haben und nicht wissen, wie sie überleben können? Lukas hat es so gesagt. Matthäus zuckt zurück: Bei ihm geht es um die nach Gerechtigkeit Dürstenden und Hungernden. Sie werden satt in Gottes Herrschaft. Und weiter: Wohl den Verfolgten und Ausgeschlossenen! Ihnen wird sich die ewige Heilsgemeinschaft öffnen. Wohl euch, die ihr in Bedrängnis geraten seid. Ihr seid von der Welt, nicht aber von Gott verlassen!
Wieder und wieder beschleicht einen das flaue Gefühl: Ob es sich da nicht einer zu leicht macht? Auf einen Großgrundbesitz im Himmel vertrösten, statt die Menschen auf die Scholle zu verweisen, die sie jetzt bearbeiten müssen? – So hat es Sigmund Freud spitz kommentiert. Die Zukunft soll bringen, was die Gegenwart nicht bietet. Das ist der Trick der Religionen; ausgenommen vielleicht die fernöstlichen. Mit ihnen kann man sich gerade noch anfreunden, weil sie aufs Jetzt schauen: Welch ein tröstender Anblick: der in sich ruhende, lächelnde, ins Weite schauende Buddha.

Zukunfts-hungrig
Dagegen die Christen! Hin- und hergerissen, manipuliert von Heilsversprechen, statt bei sich selbst und in der Welt zuhause. Zukunfts-selig und ewig unzufrieden, unfähig zum Genuss, zur Gelassenheit jetzt. Und naiv sind sie auch, die Christen: Wie sie das windige Versprechen auf eine jenseitige Kompensation einfach glauben können! So sehen sich die Christen von alten und neuen Atheisten an den Pranger gestellt; fast sprachlos vor so viel aggressiver Selbstgewissheit. Nur langsam findet man Worte; findet man die eigenen, mitunter so unsicheren Gewissheiten wieder; beginnt man für sich selbst zu unterscheiden.

Ja und Amen sagen
Einverstandensein wie der Buddha – oder wie der Natur-«Mystiker«, der den Tropfen des eigenen Für-sich-Seins selbstlos dem ewig wogenden Meer des Seins übergibt? Der Lauf der Dinge in dieser Welt muss und kann einem gleichgültig werden, wenn man in die innere Unendlichkeit aufgebrochen ist. Aber Christen begegnen in der inneren Unendlichkeit auch dem unendlichen Schmerz, der Sehnsucht, sich nicht immer verbiegen zu müssen, weil man um Anerkennung und einigermaßen menschliche Lebensbedingungen kämpfen muss; der Hoffnung darauf, mit dem Leben in dieser Welt einverstanden zu sein. Dem können sie sich nicht in die heitere Gelassenheit einer inneren Unendlichkeit entziehen. Am Schmerz und an der Sehnsucht vorbei gibt es das Heil nicht, das Jesus den Notleidenden und Beladenen zuspricht. Dieses Heil sieht er ihnen an – mit dem Blick Gottes sieht er es ihnen an: dass die Sehnsucht nach unverbogenem, heilem Leben nicht ins Leere geht. Und er spricht ihnen den Mut zu, dieser Sehnsucht treu zu bleiben, weil sie von ihrer Sehnsucht den Weg in Gottes Herrschaft hineingeführt werden.

Heil für die Zu-friedenen
Die Seligpreisungen träumen sich nicht hinweg ins erfüllte Jenseits; sie weisen nicht den Weg der Loslösung, der Einkehr in die innere Unendlichkeit. Am wenigsten predigen sie Resignation: Macht das Beste aus euren Chancen und lernt verlieren, wenn es dran ist! Sie liegen zwischen all dem und sie greifen weit darüber hinaus. Ja, Jesus predigt das Einverstandensein: Ihr vom Leben Getroffenen, von den Menschen Missachteten, ihr habt Grund, Ja und Amen zu sagen. Nicht zu eurer Not und zu denen, die euch bedrängen; nicht zum Unfrieden, zur Selbst-Enteignung, die euch in den Lebens-Verhältnissen hier und heute widerfährt! Ihr habt Grund, Ja und Amen zu sagen, weil ihr euch an Ihn halten könnt, der euch nicht fallen lässt. Lasst euch das »Wohl euch!« gesagt sein, lasst es in euch eindringen, bis zu eurer inneren Mitte hin, damit ihr Ruhe findet; damit ihr von hier aus leben könnt. Im Frieden mit euch – nicht hin- und hergerissen von den Mächten, die euch verbiegen und euer Leben in Beschlag nehmen!
Die Seligpreisungen sprechen von diesem unverbogenen, endlich aufrecht-geraden Leben, von diesem Frieden drinnen und draußen, dem Schalom; und von denen, die ihn stiften. Auch ihnen gilt das »Wohl euch!« Gerade sie werden Söhne (und Töchter) Gottes genannt, Mitarbeiter, Mitverantwortliche für Seinen Schalom. Selig die Friedensstifter, die uns in die Mitte führen, in Seine Gegenwart, sodass wir aus ihr leben können, in Friede und Freude, den Vorboten der Gottesherrschaft (vgl. Röm 14,17). Aber der Weg in das Heil der Gottesherrschaft ist nicht einfach der Weg in diese innere Mitte und Unendlichkeit. Er ist der Weg hinaus, dahin, wo wir dem Christus begegnen, unter den Bedrängten, die er selig preist. Ihnen ist in Wort und Tat zu bezeugen, dass ihre Sehnsucht nach dem Schalom nicht in die Irre geht; dass sie um Gottes willen daran festhalten dürfen.

… und für die Leidenschaftlichen
Die Gottesherrschaft ist nicht nur Friede und Freude, sondern ebenso Gerechtigkeit (Röm 14,17). In der Gerechtigkeit soll Gottes Herrschaft anfangen; darin, dass Menschen einen guten Ort finden für sich, für ihre Sehnsucht nach einem menschlichen Leben, einen Ort, an dem sie als unendlich wertvoll gewürdigt werden. Sie werden ihn finden in Gott; und sie sollen ihn finden – jetzt schon »im Heiligen Geist«. Durch die Menschen mit Herz, die Barmherzigen, dieihnen einen Vorgeschmack geben von Gottes Barmherzigkeit. Selig auch sie: Sie können mitfühlen, wissen um Leiden, Sehnsucht und Leidenschaften, wollen bei sich und bei den anderen nicht leidenschaftslos darüber hinweggehen. Menschen mit Herz: Nichts Menschliches ist ihnen fremd. Und sie lassen es sich nicht aus dem Herzen reißen. Sie hoffen, dass es eine gute Zukunft hat. Sie wollen dafür einstehen, dass die gute Zukunft jetzt anfängt, auch durch sie.
So sind die Barmherzigen: Zeugen eines Gottes voller Barmherzigkeit, den Menschen leidenschaftlich zugetan. Selig also die Friedensstifter, die uns lehren, mit sich und miteinander zu leben; für sich und miteinander zu hoffen. Selig die Barmherzigen, die sich die Not anderer Menschen zu Herzen gehen und sie nicht allein lassen.
Was suchen die Menschen bei den Religionen und ihren Gläubigen? Barmherzigkeit in einer gnadenlosen Welt; die Hoffnung auf Frieden mit sich selbst und ein aufrechtes, heiles Leben, die Hoffnung auf den Schalom: dass ihre innerste Lebens-Sehnsucht nicht ins Leere geht. Sie suchen barmherzige und gerechte Menschen, die aus Gott leben und mehr Gutes in die Welt bringen können als sie für sich verbrauchen. Frieden, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit suchen sie: dass ihnen Heil widerfährt. Und Menschen suchen sie, die den Frieden stiften, Barmherzigkeit leben, um Gerechtigkeit ringen. Wo finden sie das?

Jürgen Werbick

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