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Leseprobe 1
Siebter Sonntag der Osterzeit – 24. Mai 2009
I. Die Welt – christlich den Spagat wagen! (Joh 17,11b–19)

Zielsatz: In ihrem Verhalten zur Welt sollen die Christen zu einem Spagat ermutigt werden: sowohl Weltzuwendung als auch Weltdistanz sind gefordert.


Die Abschiedsrede Jesu
Zwei Verse des heutigen Evangeliums haben mich besonders angesprochen. In den sogenannten Abschiedsreden Jesu geht es um Grundfragen des christlichen Gemeindelebens, hier um die Frage: Wie soll sich die Gemeinde Jesu Christi der ganz konkreten Welt gegenüber verhalten? Jesus betet zum Vater für seine Jünger, für die damaligen und für uns heute. Zum Einen werden die Jüngerinnen und Jünger Jesu vor der Welt gewarnt. »Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.« Und auf der anderen Seite ist die Gemeinde Jesu Christi mitten in diese Welt hinein gesandt. »Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt.«

Aufbrüche und Missverständnisse des Konzils
Seit Jahrhunderten, ja eigentlich von Anfang an ist der Begriff Welt ein Reizwort für die Christen. In den langen Jahrhunderten der Frömmigkeits-geschichte hatte sich langsam, aber ganz unaufhaltsam die Meinung durch-gesetzt, dass die Welt böse und daher zu meiden sei. Der fromme Christ solle lernen, »das Irdische zu verachten« und »das Himmlische zu lieben«. Als Pilger auf dem Weg zum Himmel solle er der Welt, in der er nun einmal lebt, innerlich ade sagen und sie als »irdisches Jammertal« durchschreiten.
Dann kam der selige Papst Johannes XXIII. Und mit ihm das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965). Da veröffentlichten mehr als zweitausend Bischöfe ein Dokument mit dem beziehungsreichen Titel »Die Kirche in der Welt von heute« (Gaudium es spes). Mit einem Mal war die Welt kein »irdisches Jammertal« mehr, sondern »die Freude, Hoffnung, Trauer und Ängste der Menschen von heute (waren) auch die Freude, Hoffnung, Trauer und Ängste der Jünger Jesu Christi«. »Darum erfährt diese Gemeinschaft sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden.« (GS 1)
Mit dem Konzil hatten sich plötzlich die Koordinaten verschoben: statt Distanz nun Nähe; statt Weltflucht nun Weltzuwendung; statt prinzipiellem Nein nun prinzipielles Ja zur Welt. An einem lächerlich kleinen Beispiel lässt sich dieser radikale Wandel verdeutlichen: Als in einem bayerischen Pfarrhaus der Pfarrer eines Morgens mit einem hellgrauen Anzug, blauem Hemd und bunter Krawatte zum Frühstück erschien, rief die Haushälterin ganz erschrocken aus: »Jetzt unterscheiden Sie sich ja gar nicht mehr von den Weltleuten!« In der Tat schien bei der jungen Theologengeneration damals das Pendel umzuschlagen in Weltsucht statt Weltflucht. Auf einmal war alles schon deshalb gut, weil es »von draußen« in die Kirche hineinkam. Auf einmal sollten die Pfarrer von Managern lernen, sollten Gemeinden sich von Organisationsberatern beraten und entwickeln lassen. Es war die Zeit in der Kirche, in der »Welt« angesagt war – leider oft kritiklos.

Weltflucht oder Weltsucht – die falsche Alternative
Das eine taugt für das Christentum so wenig wie das andere. Als Christ kann ich nicht alles gutheißen oder gar mitmachen, »was in der Welt so alles läuft«. Als Christ kann ich aber auch nicht »in einer Kontrastgesellschaft leben« und möglichst wenig mit dieser Welt zu tun haben wollen.
Der Christ auf dem Weg der Weltflucht und Weltentsagung verkennt seinen fundamentalen Auftrag, an der Schöpfung Gottes mitzuwirken. Gott hat nun mal keine anderen Mitarbeiter in der Welt, als die konkreten Menschen. »Und Gott setzte den Menschen in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und hüte.« (Gen 2,15)
Der Christ auf dem Weg der Weltsucht und Weltverfallenheit verkennt die fundamentale Gefährdung des Menschen, alles »selbst in die Hand nehmen zu wollen« und »wie Gott zu sein«. Er verkennt die fatale Möglichkeit, wie in Babel einen Turm zu bauen, der »bis in den Himmel reicht«. Das Ergebnis ist bekannt: absolute Kommunikationsstörung (Sprachverwirrung).

Weder verteufeln noch vergöttlichen
Christen müssen in Bezug auf die Welt einen Spagat fertigbringen. Gleichzeitig Nähe und Distanz, Solidarität mit der Welt und prophetische Kritik an allem, was mit »göttlichem« Anspruch daherkommt. Das bedeutet: Prophetische Kritik immer dann, wenn Vorletztes zu Letztem gemacht wird. Die Sprache ist ja verräterisch, wenn uns die »hohen Herren« (und Damen) aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft einreden wollen, dass es bei diesem oder jenem »letztlich« auf dies oder das ankäme. Nein, »letztlich« ist es immer und allein Gott, auf den es ankommt.
Zur Kritik gehört aber auch Kritik an mir selbst, denn das Nein zu Gott steckt auch mir tief in den Knochen. Viel zu oft geht es mir wie Paulus, der sich fragt, woher es denn kommen kann, dass er das Gute, das er will, nicht tut, und stattdessen das Böse tut, was er nicht will.

Anstrengender Spagat
Der schillernde Begriff Welt verlangt von uns Christen den Spagat zwischen Ja und Nein, zwischen Nähe und Distanz, zwischen Zuwendung und Abwendung. Einen Spagat zu lernen – das wissen Sportler und Ballettkünstler – verlangt viel Übung und auch viel Anstrengung. Wer die Anstrengung scheut, der sucht lediglich nur seine Position, entweder mehr beim Ja oder mehr beim Nein, aber er hat nicht beides gleichzeitig im Blick.

Das Beispiel Johannes XXIII.
Ich möchte von dem großen Papst Johannes XXIII. lernen, unbefangen, offen, zugewandt und bejahend auf alles in der Welt zuzugehen. Er hat damals – allen vatikanischen Gepflogenheiten zum Trotz – den Schwiegersohn Nikita Chruschtschows, des mächtigsten Mannes der kommunistischen Sowjetunion, zum Gespräch empfangen. Ebenso wenig sollten wir Christen nichts und niemanden aus unserem Gespräch ausklammern. Das ist die eine Seite des Spagats. Die andere Seite gilt aber auch: Das geht nur, wenn ich fest davon überzeugt bin, dass »letztlich« nicht ich es bin, der etwas bewirkt, sondern Gott. Auch hier ist uns das unübertrefflich schöne Wort von Papst Johannes überliefert: »Johannes, nimm dich nicht so wichtig!«

Da seid ihr!

Eine Frau unserer Tage hat die Zuwendung zur Welt so ins Bild gebracht:

Wenn ich die Rollläden hochziehe,
öffnet mein Haus die Augen
und sieht die Welt:

Da seid ihr ja,
ihr Straßen und Maschinen,
ihr Bäume, Vögel und Menschen.

Nehmt mich auf in den Reigen
Und lasst uns heute gemeinsam
Das Beste geben.

Hubert Brosseder

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