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Leseprobe 2
Zur Beerdigung
II. Gott wird dich verstehen

Vorbemerkung: Ansprache für einen jungen Menschen, der seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Die Ansprache ist vor allem da geeignet, wo ein Abschiedsbrief gefunden wurde; die Predigtworte können den Angehörigen als Art Abschiedsbrief des Seelsorgers übergeben werden.


Liebe Eltern von N.N., liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde!
N.N. ist ja doch ein eher in sich gekehrter Mensch gewesen – und doch hat er sich uns in seinen kleinen Abschiedsseiten, die er hinterlassen hat, noch einmal geöffnet. Und er hat uns allen damit einen Dienst erwiesen, weil er uns damit den Druck genommen hat, etwas falsch gemacht zu haben: euch als Familie, seinen Freunden und Kameraden, den Helfern von Polizei und Feuerwehr, die ihn ja vergeblich gesucht haben. Wenn jemand seinem Leben selber ein Ende setzt, ist es oft ganz schlimm, keine Abschiedszeilen zu haben – N.N. hat solche Zeilen geschrieben, wohl ahnend, dass er damit uns allen hilft. Ich möchte im Folgenden immer wieder aus seinen Abschiedszeilen (natürlich nur in Auszügen) zitieren – und selber einen Abschiedsbrief an ihn formulieren, den ich dann euch, liebe Eltern, geben möchte. Damit komme ich auch dem Wunsch von N.N. nach, der diese seine Abschiedszeilen an alle Angesprochenen weitergegeben wissen wollte.

Lieber N.N.
Wir alle, deine Eltern, deine Schwester, dein Schwager, viele andere, auch ich, dein Pfarrer und früherer Religionslehrer, waren am Sonntagabend sehr entsetzt, geschockt und traurig, dass du deinem noch jungen Leben ein Ende gesetzt hast. Warum? Du versuchst uns eine Antwort zu geben,

wenn du schreibst:
»Hallo Mama, Papa, ich weiß, ihr könnt es nicht verstehen! Das sollt ihr auch nicht. Ich komme einfach mit der heutigen Welt nicht mehr zurecht und weiß nicht, wie das Leben in 10–20 Jahren aussieht … Es hat eigentlich niemand Schuld, es ist meine freie Entscheidung. Ich hoffe, dass ich jetzt meinen Frieden finde. Es ist einfach das ganze Leben, was mir nicht gelingt.«
Schade, N.N., dass du keine Perspektive mehr gesehen hast. Es hätte sie gegeben – Du hast sie für dich selbst nur nicht mehr erkennen können.

Weiter schreibst du:
Ich liebe euch und danke für alles, was ihr für mich getan habt … Bitte trauert nicht zu lange. Es war schön, aber nicht meine Erfüllung.«
Lieber N.N., nicht zu lange um dich zu trauern – du verlangst schon sehr viel, eigentlich zu viel von uns. Dass wir um dich trauern, dass kannst du uns nicht nehmen. Aber wir trauern nicht ohne Hoffnung – wir hoffen, dass du bei unserem, bei deinem Herrgott gut aufgehoben bist und nun den ersehnten Frieden findest.

An deine Freunde schreibst du:
»Servus, sorry, aber ich kann so nicht weitermachen und ändern kann ich mich nicht. Haltet mich in guter Erinnerung … Macht weiter so und ändert euch nicht zum schlechteren.« Und an deinen Stammtisch richtest du folgende Zeilen: »Auf Wiedersehen, ich habe mich bei euch sehr wohl gefühlt und es war immer sehr lustig. Seht zu, dass der Stammtisch weiter besteht.«

An den Pfeiferlclub schreibst du:

»Danke für eure Kameradschaft und Freundschaft. Ich hoffe, ich reiße kein zu großes Loch in die Vereine … Es war immer schon bei euch!!!« Und an deine Arbeitskollegen: »Servus Kollegen, ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll. Es war schön, mit euch arbeiten zu dürfen … Servus.«

Lieber N.N.
Wenn wir beide jetzt miteinander reden könnten, würde ich dir sofort sagen: An alle hast du mit guten Worten gedacht und allen gedankt – du hättest doch unser und wir dein Vertrauen gehabt!? Hätten wir dir wirklich nicht helfen können – oder wolltest du dir nicht helfen lassen? Keine Angst, ich bin weit entfernt davon, dir Vorwürfe zu machen, aber ich möchte – und das wirst du mir sicher erlauben – an alle deine Verwandten und Freunde, die heute hier sind, die Bitte sagen: Wenn es euch schlecht geht, öffnet euch! Sucht Hilfe im Bekannten- oder Freundeskreis, auch bei Profis in den Beratungsstellen. Unser Leben ist uns von Gott geschenkt, dass wir es bewusst leben – es gibt wohl kein Leben, das nicht lebens- und liebenswert wäre!

Gegen Ende schreibst du noch einmal deinen Eltern:
»Es ist mein Wille, dass ich mein Leben beende. Ihr hättet es nicht verhindern können. Danke.« Du lässt uns natürlich hilflos zurück, vor allem, weil du Recht behalten hast – wir konnten es alle tatsächlich nicht verhindern. Wir halten es nicht für richtig, dass du dein Leben beendet hast, es war weiß Gott nicht notwendig – auch wenn es deine innere Not gewendet hat. Aber wir verurteilen dich nicht und müssen deinen Tod akzeptieren, auch wenn es ungeheuer schmerzt.
Gott hat dich immer so angenommen, wie du bist. Er wird dich auch jetzt verstehen müssen – und können. Servus, N.N., behüt’ dich dieser Gott.

Markus Krell

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