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Leseprobe 2
Kasualien – Predigen in Zeiten der Corona-Pandemie. Ausgewählte Beispiele
10 Jesus in Quarantäne
Anmerkung der Redaktion:
Als nach der allmählichen Lockerung des Lockdown wieder öffentliche Gottesdienste gefeiert werden können, entscheiden sich die christlichen Kirchen in Lüdinghausen zu gemeinsamen Gottesdiensten auf dem Platz vor der Burg Vischering. Hier bietet eine große Wiese – neben der kleinen Burgkapelle – genügend Freiraum für alle, inclusive der Möglichkeit, gemeinsam zu singen. Die im Folgenden dokumentierte Predigt der evangelischen Pfarrerin Silke Niemeyer wurde im ersten Gottesdienst nach der Quarantäne gehalten; da die biblischen Texte in die Predigt integriert vorgelesen wurden, werden sie auch hier mit aufgenommen.



Jesus war auch in Quarantäne, liebe Gemeinde: vierzig Tage in der Wüste. Quarantäne ist vom alten Wort quaranta abgeleitet, was »vierzig« heißt. »Quaranta Giorni«, vierzig Tage warten, hieß es für Schiffe, wenn sie im 14. Jahrhundert, als in Europa die Pest grassierte, nach Venedig einfahren wollten. Vierzig Tage mussten sie draußen bleiben zum Schutz vor Infektion.

Quarantänenträume
Vierzig Tage bleibt Jesus draußen in der Wüste, bevor er anfängt, vierzig Tage Isolation und Rückzug, bevor er unter die Leute geht, Schüler sammelt, predigt, heilt. Vierzig Tage in der Wüste, vierzig Tage Leere, bis man weiß: Man trägt nichts Todbringendes in sich, man ist nicht ansteckend. Jesus will sie ja mit Lebenskraft anstecken, mit Glauben, mit Liebe, mit Hoffnung. Es geht ihm nicht um Lockerungen fürs Leben, es geht ihm um Erlösung, um Erlösung von dem Bösen. Darum Quarantäne, vierzig Tage fasten. Keine Menschenseele treffen, kein Essen, kein Wort, keine Unterhaltung, keine Beschäftigung, keine Ablenkung. Vierzig Tage Ödnis. Da ist man nahe am Irrewerden. Auf was für lustige Ideen Leute in der Wüste kommen, kann man sich auf dem einen oder anderen Quarantäne-Video anschauen. Welche brutalen Filme hinter verschlossenen Türen ablaufen, davon hört man auch.
In der Quarantäne kommt die Stunde der Versuchungen. Diese Leere, die macht einen anfällig, der Hunger, nicht nur nach Nahrung für den Bauch, auch nach Nahrung für den Geist, die Seele, das Herz. Man begegnet seinem anderen Ich, seinen schweinischen Wünschen, seinen Selbstbetrügereien, seinen Abgründen im Glauben. So ergeht es jedenfalls Jesus. Er begegnet dem »Diabolos «, dem »Verwirrer«, dem, der alles verdreht und durcheinanderbringt, denn das heißt Diabolos: Durcheinanderwerfer. Er wirft mit Bibelsprüchen um sich, er kommt glaubensstark daher, aber er wirft alles durcheinander. Er hat für die größte Unmoral die heilige Begründung.

Mehr als Überleben

»Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel versucht werden. Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird. Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.« (Mt 4,1–4)
Du bist doch Gottes Sohn. Befiehl, dass aus Steinen Brot wird. Es geht hier ums Überleben. Dein Leben, es geht um dein Leben. Ist Leben denn nicht der höchste Wert? Es gibt Momente, da muss man zeigen, was man kann. Du hast doch die Macht. Setz sie gefälligst ein. Zeig, dass du Gottes Sohn bist.
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, antwortet Jesus. Stimmt das? Ist das wahr? Oder ist das nicht ein teuf lischer Satz? Soll man einen Verhungernden damit abspeisen, wenn er um Brot bittet? Brot, das kann auch ein Medikament sein, es kann Sauerstoff sein. Soll man den Krepierenden sagen »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!«. Die Kirchen haben eine unrühmliche Geschichte mit dieser Art Vertröstung und sich Wegschleichen vor Not. Wo Menschen verhungern, muss man sie retten, muss ihnen Brot geben, das Medikament, eine Atemmaske.
Trotzdem: Jesus sagt diesen Satz. Er sagt ihn als derjenige, der selbst hungrig ist. Darum darf er ihn sagen, nur darum. Und darum ist er wahr. Boris Palmer, der darf das nicht sagen. Er darf nicht sagen, dass es nicht das Wichtigste ist Leben zu retten, weil die ja sowieso in ein paar Monaten gestorben wären. Wahrheit sagt man nicht mit kalter Schnauze. Wolfgang Schäuble, der darf es sagen. Er sagte: »Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig. (Die Würde des Menschen) schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.« Er darf sowas sagen, weil er selbst Opfer eines Anschlags auf sein Leben wurde und da ein Stück Leben verloren hat. Und dann ist so ein Satz, der feststellt »Das Leben ist mehr als Überleben« nicht teuf lisch, sondern wahr und wichtig. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Leben retten um jeden Preis kann dazu führen, dass man Leben vernichtet. Es gibt eine Logik der Lebensrettung, die am Ende tödlich ist. Der Mensch lebt nicht nur vom Brot, er lebt von mehr. Von Gottes Wort, sagt Jesus. Vom Besuch meines Sohnes, sagt die Frau im Altenheim. Vom tröstenden Gespräch, sagt der Mann mit seiner Krebsdiagnose im Krankenhaus. Vom Hören der letzten Atemzüge meiner sterbenden Mutter, sagt die Tochter. Ohne das kann ich nicht weiterleben, sagen sie. Haben wir Kirchen diese Wahrheit ernst genommen, als wir beim Lockdown ohne Wimpernzucken jede persönliche Begegnung vermieden? »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, das heißt jetzt fernbleiben, sagten wir. Glaubte ich das? Glaube ich das immer noch? Oder habe ich vor allem Angst vor eigener Ansteckung? Offene Fragen. Lasst uns versuchen in der Wahrheit zu bleiben.

Den großen Sprung machen
»Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er um deinetwillen, und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.« (Mt 4,5–7)
Im nächsten Quarantänefilm, der in Jesus abläuft, steigt er auf die Zinne des Tempels. Spring! hallt eine Stimme in seinem Kopf. Es steht doch geschrieben: Gott hat seinen Engeln befohlen deinetwegen. Sie werden dich auf den Händen tragen! Du bist unsterblich, und du wirst unsterblichen Ruhm ernten, glaub es. Das ist Versuchung Nummer zwei: den großen Sprung machen! Im Wunsch Aufsehen zu erregen das höchste Risiko wagen. Im Drang nach Größe die Bedrohung kleinreden. Die Eitelkeit besäuft sich an der Bedrohungslage, berauscht sich geradezu an ihr, wittert, dass hier Beifall zu ergattern und Ruhm zu ernten ist, giert danach unsterblich zu werden, als Gottessohn zu erscheinen, der die Welt in Bewunderung versetzt.
Es ist die Versuchung, seine Grandiosität zu beweisen, die in der Quarantäne aufblitzt. Du sollst Gott nicht auf die Probe stellen, unterbricht Jesus die Stimme, die in ihm f lüstert. Gott sagt seinen Schutz zu, aber sein Zusagen sind keine Jetons fürs Roulette. Gott lässt nicht mit sich spielen und das Leben ist nicht »Wetten dass«.
Welche Motive treiben die an, die jetzt entscheiden und damit ins Ungewisse springen müssen, liebe Gemeinde? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass es nicht nur Mathematik ist und nicht nur Statistik und nicht nur humanitäre Fürsorge. Wie viel Ruhmsucht steckt hinter den Meinungen und Maßnahmen, die mir entgegenspringen und die ich selbst mittrage? Wo ist der Wunsch Aufsehen zu erregen am Werk? Überhaupt die Gier sich und andere zu erregen? Offene Fragen auf der Suche nach Wahrheit, offene Fragen beim Sehen von Talkshows und Hören der Nachrichten.

Kein Herrscher auf dem hohen Berg der Macht
»Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen.« (Mt 4,8–10)
Das ist sein dritter Quarantänetraum: Er erklimmt den Gipfel der Macht. Das alles wirst du beherrschen, echot es in ihm. Nicht Ruhm, nicht Unsterblichkeit, nicht Bewunderung – hier lockt die kalte Macht, die Allmacht, die Weltbeherrschung.
Einige, die unterwegs sind mit »Kill Bill«-T-Shirts sehen jetzt in Bill Gates eine Art Negativ-Christus, der hier auf dem Gipfel dem Teufel erlegen ist und jetzt dabei ist durch Corona alle Reiche der Welt unter sich zu bringen. Das ist rebellische Blödheit, die nichts nützt, weil sie eben unwahr ist. Wahr ist aber, dass ein Bill Gates, der durchaus ein humanitär gesinnter Mensch ist, so viel Geld in die Weltgesundheitsorganisation steckt, dass sie ohne das nicht mehr arbeiten könnte. Wahr ist, dass die Staatengemeinschaft der Welt nicht mehr genug bezahlt für die Bekämpfung von Seuchen. Das ist die Versuchung heute auch: dass Geichgültige nicht regieren wollen, wo es bitter nötig wäre.
Ja, und da sind die Orbans und Trumps, da sind die Geister in der großen und kleinen Politik und in Behörden, die es jetzt genießen sich autoritär zu geben, zu herrschen und ihre Macht zu erweitern, und da ist auch die Lust sich beherrschen zu lassen, vorauseilend zu gehorchen, keine Kritik mehr zu üben, und da sind die, die einfach nur mit dem ewigen Mosern über »die da oben« weitermachen. Wie kann man den Traum von der Demokratie stärken, die das Gegenbild ist zum Herrscher auf dem hohen Berg der Macht? Offene Frage. Und wichtig sie im Kopf und im Herzen zu behalten und nicht zu meinen, die Demokratie werde sich schon von selbst wiederherstellen, wo sie beschädigt wird. Und da ist die offene Frage: Worin besteht unsere Macht als Christen? In diesen Tagen wird das neue Kreuz hoch auf das Berliner Schloss gewuchtet, ermöglicht durch eine Millionenspende Frau Otto vom Otto Versand Hamburg. Darunter wird in goldenen Großbuchstaben geschrieben: »Es ist kein anderes Heil, es ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben(…), dass im Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erden sind.«. Wenn es ein Mahnmal für überwundene Zeiten christlicher Verirrung ist, meinetwegen. Wenn nicht, würde Jesus wohl bei seinem Anblick dasselbe sagen wie auf jenem Berg: »Weg mit dir, Satan.« Jesu Gipfel der Macht war das Kreuz, es thronte nicht auf hoher Kuppel und nicht auf hohem Berg über allen Reichen der Erde, sondern außerhalb der Stadt auf Golgatha zwischen zwei anderen, an denen Verbrecher hingen. »Weg mit dir, Satan«, befreit Jesus sich von der Versuchung ein Allesbeherrscher zu werden. Wir Christen stehen nicht auf hoher Warte und haben da auch nichts verloren und sollten also nicht jammern über Relevanzverlust und Abstieg, sondern uns auf das konzentrieren, was unsere Stärke ist: an den Leiden Gottes in der Welt teilnehmen, wie Bonhoeffer es genannt hat. Mit Jesus in Gethsemane wachen statt einzuschlafen. Wie geht das heute? Offene Frage.
»Darauf ließ der Teufel von ihm ab und siehe, es kamen Engel und dienten ihm.« (Mt 4,11) Aber da sind wir noch nicht. Wir sind nicht am Ende der Versuchungsgeschichte. Wir sind mittendrin. Die vierzig Tage werden noch lange dauern, Wochen, Monate? Viele offene Fragen. Lasst uns deshalb nachher beten, wie Jesus uns das beigebracht hat: Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Lass uns in allen Versuchungen immer versuchen in der Wahrheit zu leben. Gib uns den Mut, das Wahre und Gute, das wir durch dich erkennen, auch zu tun. Und solange keine himmlischen Engel da sind, die uns dienen, wollen wir einander dienen, so gut wir können.

Silke Niemeyer

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