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Leseprobe 2
17. Sonntag im Jahreskreis
III. Lesepredigt: Gewagte Weisheit, hörendes Herz (1 Kön 3,5.7–12)
»Wage es, weise zu sein!«: Diese Aufforderung – lateinisch: »sapere aude!« – hat der große Philosoph Immanuel Kant als »Wahlspruch der Aufklärung« bezeichnet: »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!«, so übersetzte Kant diesen Appell, Weisheit zu wagen. Kant ging es um das Wagnis der Mündigkeit – darum, das Selberdenken zu lernen und sich in der Gesellschaft am, wie er es nannte: »öffentlichen Gebrauch der Vernunft« zu beteiligen. Dass solche Weisheit durchaus gewagt ist, das lässt sich auch mehr als zweihundert Jahre nach Kant erfahren, etwa inmitten politischer – oder auch: kirchenpolitischer – Auseinandersetzungen um angemessene Reaktionen auf aktuelle Herausforderungen; oder im Blick auf schwierige Entscheidungen, vor denen man auf dem eigenen Lebensweg steht. Das Wagnis der Weisheit, Mündigkeit und Vernunft – es kann dann freilich auch wie eine Überforderung wirken angesichts übermächtig scheinender Hindernisse. Die Versuchung zu resignieren, sich zurückzuziehen, auf eigenes Engagement zu verzichten – auch dafür lassen sich in Gesellschaft, Kirche und eigener Lebensgeschichte Beispiele finden. Wie sehr scheint doch der Mangel an Weisheit oft frustrierenderweise die Oberhand zu gewinnen!

»Wage es, weise zu sein!«: Geradezu sprichwörtlich geworden ist die Weisheit des Salomo, von deren Ursprung die heutige Lesung erzählt. Buchstäblich traumhaft – und ja selbst schon ein Ausdruck von Weisheit – ist diese Bitte des jungen Königs um ein »hörendes Herz« (1 Kön 3,9). Salomo wird dieser uneigennützigen Bitte wegen »Einsicht« und »ein weises und verständiges Herz« von Gott geschenkt (1 Kön 3,11f.). Aber: Ist diese Gabe nicht etwas ganz Anderes als die gewagte Weisheit, auf deren Vernunftpotential der Aufklärungsphilosoph setzt? – Natürlich, die biblische Geschichte steht in einem völlig anderen historisch-kulturellen Kontext als Kants Appell zur Mündigkeit – aber vielleicht darf man doch einmal beide miteinander ins Gespräch bringen: Denn Salomos Bitte zielt offenkundig nicht darauf, sich vom Selberdenken zu entlasten; im Gegenteil: Es geht ihm darum, der ihm aufgetragenen Verantwortung gerecht werden zu können. Er weiß um die Grenzen seiner Vernunft – gerade das könnte ihn übrigens mit dem großen Philosophen des 18. Jahrhunderts verbinden. Zu wissen – und es ehrlich aussprechen zu können –, dass man angesichts anstehender Herausforderungen, wie es in der Lesung heißt: »nicht aus noch ein weiß« (1 Kön 3,7), das dürfte ein nicht unerheblicher erster Schritt auf dem Weg gewagter Weisheit sein. Und noch etwas scheint Salomo bewusst zu sein: Weisheit wird er nur erlangen eben mithilfe eines »hörenden Herzens«. Aufmerksamkeit, Einfühlungsvermögen und Sensibilität sind wichtige Voraussetzungen für die rechte Einsicht in vielschichtigen Problemlagen. Und ein solches »hörendes Herz« will kultiviert werden – es ist eine Gabe, für die man sich öffnen muss, an der man selbst zu arbeiten hat, die man aber gleichwohl nicht einfach im Alleingang herstellen kann.

»Wage es, weise zu sein!«: Kritisches – gerade auch: selbstkritisches – Denken, mündige Eigenverantwortung und der oft mühevolle gemeinsame Vernunftgebrauch, das alles gehört mit Immanuel Kant zur gewagten Weisheit. Wir brauchen sie für einen verständigen Umgang mit den heute anstehenden Herausforderungen in Politik, Kirche oder eigenem Leben. Unterscheidung der Geister, Orientierung des eigenen Handelns an geprüften ethischen Maßstäben und deren klug-angemessene Anwendung auf oft schwer überschaubare konkrete Situationen, schließlich, last not least, das gemeinsame Ringen um gute Gründe und rechte Wege: Wie nötig haben wir das alles – und wie schwer fällt es uns oft. Wenn die Herausforderungen einen zu überwältigen drohen angesichts unüberwindlich scheinender Widerstände und lähmender Enttäuschungen, dann mag es heilsam sein, sie wie Salomo ins Gebet zu nehmen. Im Bewusstsein der eigenen Grenzen um ein hörendes Herz zu bitten, das darf ich weise wagen im Vertrauen auf einen Gott, der menschliche Mündigkeit, Urteilskraft und Eigenverantwortung nicht etwa einschränkt, sondern ermöglicht und fördert. Sähe nicht auch unsere Glaubensgemeinschaft anders aus, wenn wir uns miteinander mehr auf dieses Wagnis der Weisheit einließen zum Wohl der Welt und des eigenen Lebens?

Martin Rohner

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