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Leseprobe 2
Zum Synodalen Weg
Für eine Kirche, die sich der heutigen Lebenswirklichkeit stellt
Predigt bei der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz 2019
Vorbemerkung der Redaktion:
Die diesjährige Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Lingen endete mit dem Beschluss, angesichts der dramatischen Herausforderungen, vor denen die Kirche infolge der Missbrauchs-Krise derzeit steht, einen »verbindlichen synodalen Weg als Kirche in Deutschland« zu beginnen, um über die Fragenkreise des Umgangs mit Macht in der Kirche, der Zukunft der priesterlichen Lebensform und der Weiterentwicklung der kirchlichen Sexualmoral frei und offen zu debattieren. Maßgeblich zu diesem Beschluss beigetragen haben dürfte der Verlauf des Studientags der Konferenz am 13. März 2019. Zum Auftakt dieses Studientags über »Die Frage der Zäsur« hielt in der morgendlichen Eucharistiefeier der gastgebende Bischof Dr. Franz-Josef Bode (Osnabrück), stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, eine viel beachtete Predigt. Wir danken Bischof Bode für die freundliche Bereitschaft, diesen programmatischen Text hier dokumentieren zu können. Die biblischen Bezugstexte sind als Lesung Jona 3,1–10 und als Evangelium Lk 11,29–32.

Reue und Umkehr um der Zukunft willen

»Wo bleibt die Reue?« titelte kürzlich eine große Wochenzeitung und meinte damit die katholische Kirche in der derzeitigen Auseinandersetzung um den Missbrauchsskandal. »Wo bleibt eure Reue?«, so ruft Jona auf Geheiß des Herrn der Stadt Ninive zu in all den Sünden, die sie auf sich geladen hat.

Viele müssen den Eindruck gewinnen, dass es in unserer Kirche weltweit und vor Ort nicht anders zugeht als in Ninive. Wie sehr, liebe Schwestern und Brüder, sind wir wirklich in tiefe Schuld geraten durch unwiderruf liche Vertrauensbrüche, durch unklare Umgangsweisen, durch die Arroganz angemaßter Macht über Menschen und ihr Leben und durch manches steinharte Herz bei den Verantwortlichen? Es geht um Missbrauch von Macht, um spirituelle Nötigung, wie der Papst sagt, und um sexualisierte Gewalt. Dem haben wir uns in diesen Tagen zu stellen. Und das mit Blick auf die Gestalt des Jona.

Jona wehrt sich zunächst gegen den Auftrag Gottes. Er möchte sich der unangenehmen Aufgabe der Entlarvung Ninives entziehen. Wie schwer fällt es uns, uns prophetisch der Schuld der Vergangenheit und der Gegenwart zu stellen und eine neue Zukunft zu bereiten?!

Ninive ist den Weg der Buße gegangen in Sack und Asche in allen Bereichen des Lebens, mit Mensch und Tier. Ninive hat dabei selbst den Propheten überrascht und ihn durch die Umkehr missmutig gemacht, da Gott der Stadt Erbarmen schenkte.

Jesus sieht in seiner Generation noch größere Schuld und Sünde als in Ninive, weil diese Generation die Herausforderung des Jona noch nicht einmal versteht. – Ob Jesus nicht auch uns heute so ansprechen muss, weil wir uns dem Erforderlichen nicht genügend stellen und die Umkehr von Herzen aus Stein zu Herzen aus Fleisch nicht in der Tiefe vollziehen, oder besser: uns nicht in der Tiefe von Gott wandeln lassen von Stein zu Fleisch?! Es ist derselbe Jesus, der später über die Stadt Jerusalem mit ihrem großen Tempel weinen wird: »Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was Heil bringt. So aber wird kein Stein auf dem anderen bleiben, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast« (vgl. Lk 19,41–44).

Manchmal habe ich in diesen Wochen das Gefühl, dass er – für mich sehr bedrückend – damit auch mich und uns meint als Verantwortliche für die Kirche, aber auch alle Mitbeteiligten am Aufbau der Kirche, und dass wir in der Gefahr sind zu verkennen, was uns zum Heil dient, das heißt: dass wir die Zeichen der Zeit so schwer im Licht des Evangeliums zu deuten verstehen.

Die Meinungen darüber, was uns zum Heil dient, sind in der Kirche gefährlich verschieden, manchmal widersprüchlich, auch wenn – und das ist entscheidend – in dem grundsätzlichen Willen zur Umkehr Einigkeit besteht.

Mehr als Tradition – Zeichen der Zeit

Jesus verweist in dieser kritischen Lage ganz und gar auf seine Person: Hier ist mehr als Salomo, hier ist mehr als Jona. Die einzige Rettung aus der Misere ist die schlichte und doch schwere Annahme, dass Jesus wirklich mehr ist, mehr als von uns erwartet, und dass er uns mehr zumutet, als wir uns wünschen oder erdenken. Die einzige Rettung ist die Annahme, dass er immer noch größer und anders ist, als wir es uns vorstellen, dass sein Gott erst recht größer ist als unser Herz, dass wir deshalb immer auf dem Weg bleiben und dass unsere Gerechtigkeit größer sein muss als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, das heißt: weit größer als eine enge oder erstarrte Wahrnehmung der Wirklichkeit Gottes und der Menschen. »Hier ist mehr als die Weisheit Salomos, hier ist mehr als die Predigt des Jona. Hier bin ich selbst, der Menschensohn, der neu in dieser Zeit, unter diesen Lebensbedingungen gefunden werden muss.«

Im Jahr 2010 gerieten wir als Kirche in eine Krise der Glaubwürdigkeit durch die aufgedeckten Gräueltaten in vermeintlich vertrauensvollen, seelsorglichen Beziehungen von Menschen. Im Jahr 2013 gerieten wir in die Krise der Glaubwürdigkeit durch den intransparenten und unklaren Umgang mit den Gütern, die uns anvertraut sind. In letzter Zeit geraten wir in die Krise der Glaubwürdigkeit dadurch, dass wir nicht genug hineinhören in den Willen Gottes, der sich in Schrift und Tradition zeigt, aber für unsere theologische Erkenntnis auch durch die Lebenswirklichkeit und die Geschichte der Welt, durch das, was das Konzil »Zeichen der Zeit« nennt, die nicht mit dem sogenannten Zeitgeist zu verwechseln sind.

Kein Baum lebt allein aus der Wurzel, so entscheidend sie ist. Er lebt auch aus dem Austausch mit Licht und Luft, die um ihn sind, aus dem Klima, in dem er sich entfaltet. Deshalb sagt Jesus von sich: Hier ist mehr als Jona, der Prophet, hier ist mehr als die Weisheit Salomos. Hier ist mehr als die Zeichen der Vergangenheit und der Tradition. Hier sind der Weg, die Wahrheit und das Leben, das heißt: Wahrheit als lebendige Person, Wahrheit auf dem Weg und als sich entfaltendes Leben.

Wir sind erschüttert in der Glaubwürdigkeit dessen, was die Evangelischen Räte meinen:
– erschüttert in der Keuschheit, Echtheit und Lauterkeit der Beziehungen;
– erschüttert in dem verantwortungsvollen Umgang mit Besitz;
– erschüttert in dem Gehorsam gegenüber Gott und den Menschen in dieser Zeit, in der contemplatio dei et populi, zu der uns Papst Franziskus immer wieder ermahnt (vgl. Evangelii gaudium Nr. 154).

Nur eine Kirche, die reinen Herzens ist, sich in die Karten schauen lässt und transparent ist, lauter und ohne Doppelmoral, die sich der Wirklichkeit stellt, wird Vertrauen wiedergewinnen.

Nur eine Kirche, die mit Besitz und Eigentum transparent und verantwortungsvoll umgeht, die der Option für die Armen dient und selbst einfach lebt und handelt, wird Vertrauen wiedergewinnen.

Nur eine Kirche, die hörfähig ist, die gehorsam ist gegenüber der Tiefe des Willens Gottes im Geist des Evangeliums, die horcht in die heutige Wirklichkeit und in ihr das wahre Menschliche entdeckt, das in den Herzen der Jünger Christi Widerhall finden soll, wie das Konzil am Beginn der Pastoralkonstitution betont (vgl. Gaudium et spes Nr. 1), nur eine solche Kirche wird Vertrauen wiedergewinnen.

Im Geist neu werden

Eine Kirche also, in der wir Beziehungen und Leben teilen, Besitz und Eigentum teilen, Macht und Vollmacht teilen mit all den Getauften, Gefirmten, Beauftragten, Gesendeten und Geweihten, ja mit allen Menschen guten Willens. So werden wir gemeinsam Kirche sein im Haus der Schöpfung und der Menschheitsfamilie.

So erfahren die Menschen: Hier ist mehr als die Weisheit der Weisen und Klugen, der Maßnahmen und Planungen und erst recht der Schwarz-Weiß-Lügen der Populisten und Simplifizierer. Hier ist mehr als Gesetze, Gebote und Verbote, mehr als ethische und moralische Anforderungen allein. Hier geht es um den Menschen als Person, weil es um Gott als Person geht, dessen Ebenbild der Mensch ist bis in die Tiefe des Gewissens.

So erfahren Menschen, dass hier Gott gegeben wird, was Gottes ist, das heißt: dass Gott gedient wird und nicht Gott gespielt wird, und deshalb dem Menschen gegeben wird, was des Menschen ist, der ja selbst der Weg der Kirche ist, wie Papst Johannes Paul II. es uns auch heute nachdrücklich sagt.

Wir werden uns intensiv mit wesentlichen Fragen der Kirche befassen müssen:
– mit ihrem priesterlichen Dienst und Leben, mit der Lebensform und der Lebenskultur der Priester und der Verantwortlichen;
– mit den Strukturen der Macht und der Versuchung zum Klerikalismus, mit dem Missbrauch von Macht und Vollmacht;
– mit Fragen der Sexualmoral und der Bewertung und Wertschätzung verantwortungsvoller und bindungsbereiter Beziehungen zwischen Menschen, die dem obersten Maßstab der Liebe gerecht werden.

Es geht also wiederum um eine lautere, transparente, glaubwürdige Kirche in Hinblick auf Beziehungen, Macht und Besitz.

Bitten wir Gott in aller Demut und in gläubiger Gelassenheit um das, was wir in einem Tagesgebet der österlichen Bußzeit erbitten: »Herr, sieh auf die Hingabe deines Volkes. Gib, dass wir uns in Zucht nehmen in jeder Hinsicht und durch gute Werke im Geist neu werden.« (vgl. Tagesgebet am Mittwoch der 1. Fastenwoche) Ja, im Geist neu werden, das möge Gott uns heute schenken.

Franz-Josef Bode

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