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Leseprobe 1
11. Sonntag im Jahreskreis
II. Wachsen und Reifen in Gelassenheit (Mk 4,26–34)
Megatrend

Haben Sie einen? Ich habe einen und ich liebe ihn. Und damit bin ich voll im Trend, soziologisch gesprochen sogar im Megatrend dieses Jahrzehnts. »Gardening«, so heißt der Trend. Natürlich englisch, zu Deutsch heißt das schlicht und einfach: Gärtnern. Wer hipp sein will, der tut das. Selbst die Soziologen hat dieser Trend überrascht, denn vor 20, 30 Jahren wurden überall die Gärten verkleinert und Schrebergärten am Stadtrand wurden reihenweise aufgegeben. Es war fast unmöglich, einen Nachfolger für die Laube zu finden. Einen Garten zu haben, das galt für viele als spießig und unmodern. Es wurde die Mühe gesehen, die ein Garten zwangsläufig mit sich bringt. Und Lust auf das Leben in Kleingartenvereinen mit Frühlingsfest und Heckenkomitee, das die Höhe der Hecke auf den Zentimeter misst und ggf. beanstandet, hatte auch keiner mehr. Und heute? Ein Garten ist cool, Gartenzeitschriften sind en vogue und die »Landlust« mit Gartenratgeber ist inzwischen das größte deutsche Printmedium außerhalb der Programmzeitschriften. Egal ob rund ums Einfamilienhaus, ein Grundstück am Stadtrand oder eine kleine grüne Oase im Hinterhof unserer Mietskasernen: Wir lieben den Garten und Garten ist ein bedeutender Wirtschaftszweig geworden. Wir finden sogar Guerillagärten, sprich Gärten, die einfach irgendwo angelegt werden auf unbebauten Grundstücken in den Häuserschluchten unserer Großstädte. Wir finden öffentliche Gemüsebeete und Landwirte am Stadtrand verpachten und pflegen kleine Parzellen für Metropolenbewohner. Dort wird gesät und mit großem Hallo geerntet. Und was dann in der Küche verarbeitet wird, wird mit Stolz erzählt und gerne wie eine Trophäe als selbstgemachte Marmelade weiterverschenkt.

Und nun, haben Sie einen Garten? Ich habe einen und liebe ihn.

Mega-Aufgabe

Ist das nicht unglaublich viel Arbeit, so ein Garten, werde ich oft gefragt. Ja, es stimmt, es ist eine Mega-Aufgabe. Irgendwie ist man immer beschäftigt und eigentlich wird man nie fertig: den Rasen mähen, die Bäume und Sträucher schneiden, das Laub harken und die Spontanvegetation, das Unkraut oder Wildkraut in Schach halten; umgraben und hacken, säen und ernten, und ständig hindurch gehen und hier und da in das Wachstum der Pflanzen eingreifen durch zurückschneiden und stutzen, durch rausreißen und versetzen. Ein Garten ist eine riesige Aufgabe. Eine Aufgabe, die mich erfüllt, weil ich trotz aller Mühen und allen Einsatzes das Eigentliche nicht machen kann. Ich kann nachhelfen, dass eine Pflanze gut wächst und mich mit Blüten erfreut. Ich kann düngen, damit der Obstbaum oder die Tomaten viele Früchte tragen. Aber ich kann den Frost in der Blüte nicht verhindern und, wenn ich ökologisch arbeite, auch manchmal nicht einen Pilzbefall oder einen anderen Schädling. Ein anderer lässt es wachsen und reifen und trotz allem bin ich Begleiter dieses Wachstums. Das erfüllt mich, weil ich im Garten erfahre, dass es wächst, manchmal trotz widrigster Bedingungen. Nach einem arbeitsreichen Tag im Garten bin ich dann rechtschaffen müde von der Luft, der Bewegung und auch ein bisschen vom Staunen über den Reichtum der Natur, der uns umgibt. Eine Mega-Aufgabe, die mich erfüllt.

Mega-Wachstum

Vom Reichtum der Natur, vom Staunen über das Wachsen und Reifen spricht auch das Evangelium. Jesus greift auf dieses Bild zurück, um den Beginn desGottesreiches zu veranschaulichen. Das Reich Gottes wächst unbemerkt und wächst auch ohne Zutun des Menschen. Einmal ausgesät wird es groß und größer. Der Mensch kann staunen über dieses Wachstum. Und manches Mal ist es gar das kleinste ausgesäte Korn, das so groß werden kann, dass die Vögel des Himmels darin Heimat finden. Viele Beispiele fallen mir dazu ein. Großartige Beispiele, wo Menschen einfach angefangen haben, in der Nachfolge Jesu das Gute zu tun. Menschen, die vielleicht nur das Nächstliegende getan haben: Mutter Teresa, die begonnen hat, einem Sterbenden in Kalkutta beizustehen. Was ist das, ein Sterbender, wenn Tausende neben diesem auf den Straßen sterben? Damals eine berechtigte Frage. Wenn wir sehen, was heute die Schwestern von Mutter Teresa in aller Welt tun, dann stehen wir vor einem riesigen Lebensbaum, der ungezählten Menschen Würde und Heimat gegeben hat. Das hat nicht alles Mutter Teresa getan. Aber sie hat angefangen. Sie hat Barmherzigkeit und Beispiel ausgesät. Gott hat es wachsen lassen durch viele, viele Menschen, die sich haben ansprechen lassen. Nicht nur die Frauen, die Schwestern der Dienerinnen der Nächstenliebe geworden sind. Auch die zahllosen Menschen, die die Schwestern in ihrem Dienst unterstützen. Das Reich Gottes wächst. Das Reich Gottes beginnt mit dem Guten, das wir tun. Gott lässt es wachsen und damit wirken. Alles Gute hat eine Wirkung. Alles Gute zieht Kreise.

Das Reich Gottes wächst, auch ohne mich


Die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist eine Gesellschaft der Tat. Wer aktiv ist, neue Ideen hat und sie umsetzt, wer ständig unterwegs ist und immer sagen kann »Ich habe gar keine Zeit«, der wird angesehen bei den Menschen unserer Tage. Dem folgt der Satz: »Ich muss es machen, muss es selbst machen«; diese Aussage als Grundeinstellung ist bei vielen Menschen der erste Schritt zum Burnout. Das Machen, das selber Machen wird dem geschehen Lassen eindeutig vorgezogen. Vielleicht weil dem Macher der Ruhm und die Ehre der Aktivgesellschaft zugesprochen werden. Dabei wird übersehen, dass es manchmal die Gelassenheit ist, die einem Menschen gerechter wird. Im abwartenden »geschehen lassen« liegt manchmal die größere Herausforderung. Und so macht Jesus mit seinem Gleichnis auch deutlich, dass Geduld eine Eigenschaft ist, die dem Christen gut ansteht. Oder anders: Wir dürfen, wenn wir das Unsrige gegeben haben, getrost Dinge Gott überlassen in der gläubigen Zuversicht, dass Gott es wachsen lässt und zur Ernte führt. Wie viele Eltern, die engagiert und liebevoll erzogen haben, dürfen nach einigen Jahren mit Freude feststellen, dass die Grundwerte ihrer Erziehung in den Kindern Wurzeln geschlagen haben. Und auch wenn die Kinder als Erwachsene dieses oder jenes anders machen als von den Eltern erhofft, so sind sie doch anständige und aufrichtige Menschen, die ihr Leben in die Hand nehmen und es mit Freude gestalten. Zum Leben gehört eben beides: die Tat und das Abwarten, das Engagement und die Gelassenheit.

»Notwendige« Tugend für die Gegenwart: Gelassenheit


Tatkräftig waren auch die Jünger mit Jesus unterwegs. Kreuz und quer sind sie durch Galiläa unterwegs. Sie besuchen die Menschen, verkünden das Evangelium und heilen die Kranken. Sie säen die Frohe Botschaft in die Herzen der Menschen. Mehr können sie nicht tun. Mehr können auch wir heute nicht tun. Auch wenn wir den Eindruck haben angesichts der schwindenden Bindung an den christlichen Glauben in Aktionismus verfallen zu müssen. Auch wenn wir noch so viele Events veranstalten, mehr als die Saat der Frohen Botschaft auszusäen können wir nicht tun. Ob die Saat des Evangeliums aufgeht, ob sie groß wird und Früchte trägt, steht nicht in unserer Macht. Das verdeutlicht Jesus mit dem Gleichnis. Wichtig ist die erste Tat, die Aussaat. Nun braucht es die Zuversicht, dass Gott die Saat groß werden lässt. Unnötige Sorgen über die Dinge, die ich nicht mehr beeinflussen kann, sind fehl am Platz für den, der in seinem Leben mit Gott und seiner Macht und Güte rechnet. Das Gute aussäen, die Saat mit Interesse begleiten und doch in Gelassenheit die Ernte erwarten. Oder anders mit einem abgeänderten Wort des hl. Johannes Bosco: Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen, bzw. die Saat wachsen lassen. Das lehrt uns der Garten, das lehrt uns Jesus Christus, der Gärtner!

Johannes Arntz

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