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Leseprobe 1
Christi Himmelfahrt
II. Die göttliche Perspektive: von oben nach unten schauen (Apg 1,1–11)

Eine andere Perspektive …


Es fasziniert auch einen erwachsenen Menschen immer wieder, die Welt von oben zu betrachten, aus einem Flugzeug oder von einem Berggipfel hinabzublicken: Hohe Kirchtürme werden winzige Stäbchen inmitten grauer Flecken, zu denen die sie umgebenden Ortschaften geschrumpft sind, große Autos sind nur noch bunte Pünktchen, die sich auf den fadendünnen Straßen bewegen, und Flüsse sind schmale Bänder, die sich durch die Landschaft schlängeln. Ein Flug oder eine Bergtour ermöglichen uns einen Wechsel der Perspektive. Wir können von oben nach unten auf unsere Erde schauen.

»Was schaut ihr zum Himmel empor?«, werden die Apostel von den Engeln gefragt. Diese Frage, die eine Aufforderung impliziert, kann uns zu einem Perspektivwechsel im übertragenen Sinn einladen.

Zum Himmel empor zu schauen, entspricht dem Blick der ratlosen Jüngerinnen und Jünger. Sie wissen nicht, was sie ohne ihren Meister tun sollen. Sie waren es gewohnt, von ihm Weisung und Unterstützung zu bekommen. Sie fragen sich, wie es weitergehen soll, jetzt, wo er endgültig nicht mehr auf Erden ist.

Die Engel mahnen sie dazu, diese lähmende Perspektive aufzugeben. Weiter geht es nur, wenn sie auf die Erde schauen; wenn sie schauen, was für sie im Geiste ihres Meisters jetzt zu tun ist. Das haben die Apostel ja auch getan, spätestens mit dem Pfingstgeist als Rückenwind. Nun war es ihnen möglich, in der Nachfolge des Gottessohnes Jesus Christus auf die Welt mit seinen Augen zu sehen, also quasi eine göttliche Perspektive einzunehmen.

Auch wir sind Jüngerinnen und Jünger Jesu. Auch wir sind in der Taufe und in der Firmung mit dem Geist Gottes beschenkt worden. Daher sollte es auch uns nicht unmöglich sein, uns an die Sichtweise Gottes heranzutasten. Freilich bleibt Gott für uns ein Geheimnis. Und niemand kann behaupten zu wissen, wie Gott etwas sieht. Aber durch die Heilige Schrift, vor allem durch die Worte und Taten und das Leben Jesu Christi, haben wir doch eine Ahnung davon, was es bedeuten könnte, eine göttliche Perspektive einzunehmen. Daher scheint es nicht unangemessen, danach zu fragen, wie Gott dieses und jenes aus seiner Sicht beurteilen würde. Wenn daher im Folgenden davon die Rede sein soll, von oben nach unten zu schauen, dann ist damit der Versuch gemeint, sich auf den Standpunkt Gottes zu stellen.

Eine solchermaßen veränderte Perspektive wirft neues Licht auf alteingefahrene Situationen.

… auf Konflikte


Wenn ich mit einem anderen Menschen im Streit liege, dann sehe ich aus meiner Perspektive vielleicht nur: Ich habe Recht. Wenn ich auch objektiv gesehen Recht habe, dann wird sich durch die Einnahme einer göttlicher Perspektive daran nichts ändern, da Gott ja auch ein Gott der Gerechtigkeit ist. Aber aus göttlicher Perspektive ist auch erkennbar, dass wir beide – der, der momentan Recht hat, und der, der momentan Unrecht hat – immer wieder von Verzeihung und Vergebung abhängig sind, wenn Zusammenleben gelingen soll. Wenn man diesen göttlichen Blickwinkel einnimmt, wird es möglicherweise leichter, Gnade vor Recht ergehen zu lassen und so den Streit beizulegen. Auch ich bin ja froh, wenn mir etwas nachgesehen wird. Was natürlich nicht bedeuten soll, dass Unrecht nicht behoben werden sollte.

Gottes Sichtweise mahnt lediglich zu einem barmherzigen Umgang mit dem Übeltäter. Aus dieser Perspektive sitzen wir alle in einem Boot, und sollten versuchen, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit hochzuhalten.

… auf die Verteilung der Güter

Auch die Verteilung von Wohlstand und Reichtum erscheint in einem anderen Licht, wenn ich nicht nur meinen Standpunkt einnehme. Denn von mir aus gesehen, schmälert eine Spende, die ich gebe, erst einmal meinen Geldbeutel, mein Bankkonto. Auf nationaler Ebene verringern Finanztransfers an ärmere Staaten das Budget für Ausgaben und Investitionen in unserem Land.

Mit den Augen Gottes sehen wir aber auch die Not in den Elendsgebieten der Erde oder auch die Herausforderungen, vor denen Eltern mit schwerbehinderten Kindern hier bei uns stehen. Gottes Augen sehen die Freude, wenn notleidenden Menschen durch unsere Hilfe das Leben etwas leichter gemacht wird. Gott sieht nicht nur unseren Verlust, sondern auch ihren Gewinn.

… auf die eigene Person

Von oben her kann ich auch einen anderen Blick auf mich selbst werfen. Nicht wenige Menschen sind ja mit sich unzufrieden: Junge Menschen finden sich nicht attraktiv genug; alte Menschen sehen ihren Alterungsprozess als Schmach an; Kinder fühlen sich durch schlechte Schulnoten abqualifiziert; Arbeitslose fühlen sich nutzlos; kranke und pf legebedürftige Menschen kommen sich als Belastung für andere Menschen vor.

Gott sieht jede Not und nimmt sie ernst. Aber Gott sieht in jedem Menschen, unabhängig von Leistung, Alter und physischem Zustand etwas, das er lieben kann, einen guten Kern, sein Ebenbild. Diese Perspektive dürfen wir übernehmen: Wir dürfen mit Gottes Augen auf uns und unsere Mitmenschen schauen. Trotzdem sollte man, wenn es denn nötig ist, an sich selbst arbeiten und Dinge verändern. Zugleich aber sollten wir das bleibend Liebenswerte in uns entdecken.

… auf die Sinnfrage

Ein Perspektivwechsel hin zu einer Perspektive von oben bedeutet auch, eine andere Sichtweise auf die Frage nach dem Warum und dem Sinn des Ganzen einzunehmen: Wer von oben nach unten schaut, wird nicht nur von Gott die Lösung aller Probleme erwarten wie ein unmündiges Kind, sondern er wird auch fragen: Welchen Auftrag hat Gott mir erteilt, welche Aufgabe hat er mir gegeben? Von oben betrachtet erkenne ich mich als Partner und Mitarbeiter Gottes bei der Erhaltung und Entwicklung meines Lebens und der gesamten Schöpfung, bei der Ausbreitung von Frieden und Gerechtigkeit, Glaube, Hoffnung und Liebe.

Ich erinnere mich an eine Patientin auf einer Krebsstation, die dort eine Selbsthilfegruppe für brustamputierte Frauen gegründet hat. Das kann freilich nicht jede und jeder in einer so schlimmen Situation. Aber durch den Perspektivwechsel kann es diesem oder jener gelingen, aus einer rein passiven Haltung herauszukommen und durch Aktivität ein Mehr an Leben zu gewinnen.

… lässt die Wirklichkeit in einem anderen Licht erscheinen

Wenn wir von oben nach unten schauen, also quasi eine göttliche Perspektive einnehmen, dann entdecken wir, dass wir alle im gleichen Boot sitzen, dass wir aufeinander verwiesen sind und uns beistehen müssen, dass jede und jeder von uns einzigartig und liebenswert ist, und dass es in jeder Lage auch darauf ankommt, wie ich damit umgehe.

Aus Gottes Perspektive entdecken wir, wie viel Reich Gottes in unserer guten alten Erde bereits drinsteckt.

Martin Ringhof

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