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Leseprobe 1
Vierter Fastensonntag – 18. März 2012
I. Das Endgericht als Teil der Frohen Botschaft (Eph 2,4–10; Joh 3,14–21)

ZIELSATZ: Die Rede vom Endgericht ist nicht bedrohlich, sondern Teil der Frohen Botschaft

Die Gerichtsbotschaft ist Teil der Botschaft Jesu
Die Vorstellung vom »Jüngsten Gericht« ängstigt auch heute noch viele Menschen. Mancher möchte sie deshalb am liebsten aus dem Evangelium und aus dem Glaubensbekenntnis streichen. Tatsächlich gehört die Gerichtsbotschaft zu den Inhalten unseres Glaubens, die wohl am meisten dazu missbraucht wurden, die Frohbotschaft in eine Drohbotschaft zu verkehren. Unter dieser Rücksicht tun die Aussagen des heutigen Evangeliums und der Lesung aus dem Epheserbrief richtig gut. Heißt es doch in der Lesung: »Aus Gnade seid ihr gerettet «, (Eph 2,5) und im Evangelium: »Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt, nicht um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten.« (Joh 3,17) Warum aber spricht das Evangelium danach trotzdem wieder vom Gericht? Müsste nach einer solchen Aussage nicht konsequenterweise alle Gerichtsrede ausfallen? Für die Evangelisten offenbar nicht. Vielmehr spielt in allen Evangelien das Gericht Gottes eine wichtige, wenn nicht gar eine zentrale Rolle. Warum? Könnte es sein, dass die Evangelisten alten Denkkategorien noch zu sehr verhaftet waren und sich eine Botschaft von Gott ohne Gericht gar nicht vorstellen konnten? Wenn dem so wäre, hätte Jesus nicht vom Gericht gesprochen. Doch nach allem, was wir bibeltheologisch sagen können, hat er davon gesprochen. Auch für Jesus war offenbar die Botschaft vom Gericht Gottes wichtig. Dann aber stellt sich die Frage genau anders herum: Könnte es sein, dass die Evangelisten die Botschaft Jesu vom menschenfreundlichen Gott zusammen mit dem Gericht konsequenter denken als die, die das Gericht aus der Botschaft Jesu streichen wollen?

Reden in menschlichen Bildern
Schauen wir also noch mal genauer hin: Das heutige Evangelium spricht nicht nur davon, dass Gott seinen Sohn als Retter gesandt hat. Es spricht auch vom Gericht, das es trotzdem geben wird. Allerdings spricht das Johannesevangeliums vom Gericht, das sich hier und jetzt schon ereignet. Das ist die sogenannte »präsentische Eschatologie« des Johannesevangeliums. Johannes redet nicht vom einem Gericht am Ende der Zeiten. Erst recht teilt er nicht die allzu menschliche Vorstellung, dass Gott sich dann hinsetzt und ein großes Buch aufschlägt, in dem alle Sünden verzeichnet sind, die er dann der Reihe nach aburteilt und ein Gesamtstrafmaß festsetzt, indem er den Menschen für eine gewisse Zeit ins Fegefeuer schickt oder gar auf ewig in die Hölle verbannt. Das sind Vorstellungen, die abgeleitet sind von menschlichen Gerichtsverfahren. Doch hier geht es um das Gericht Gottes – also gerade nicht um einen menschlichen Richter. Bei allem Reden vom Himmel, von der Hölle, vom Fegefeuer und eben auch vom Gericht – bei allem Reden vom sogenannten »Jenseits «, muss es uns bewusst bleiben, dass wir von etwas reden, das grundsätzlich jenseits unserer Vorstellungen und erst recht jenseits von unserer Erfahrung liegt. Oder mit den Worten des Apostels Paulus: Wir reden von etwas, »das kein Auge geschaut und kein Ohr gehört hat.« (1 Kor 2,9a)

Ausrichten auf den einmaligen Gedanken Gottes
Das haben die biblischen Autoren natürlich auch gewusst. Und doch sprechen sie davon, weil es wichtig ist. Sie sprechen vom Gericht, nicht um die Menschen zu ängstigen, sondern weil es zu Gott als dem Retter dazu gehört. »Gericht « kommt von »richten« – »ausrichten« – »richtig machen«. In Anlehnung an Psalm 8 hat einmal jemand gesagt: »Jeder Mensch ist ein einmaliger Gedanke Gottes.« In jedem Menschen liegt mithin eine Vorstellung Gottes, wie dieser Mensch sein sollte, was gut für ihn ist, wie er oder sie in guter Weise unersetzbare Ergänzung der ganzen Schöpfung sein kann. Dem werden wir Menschen jedoch aus den unterschiedlichsten Gründen schuldhaft oder schuldlos nicht immer gerecht. Im Anschluss an die »präsentische Eschatologie« des Johannesevangeliums wurde daraus die theologische Deutung entwickelt, dass Gott beim sogenannten »Endgericht« – also bei der Begegnung des Menschen mit ihm nach dem Tode – gar nichts tun muss. Er wird einfach der sein, der er ist: der Urgrund allen Lebens und die Liebe selbst. Indem ich dann diesem Gott begegne, wird mir aufgehen, was ich im Leben getan habe. Wie und wo ich Gottes Idee von mir verwirklicht habe – oder auch nicht. Und letzteres wird, in menschlichen Kategorien gesprochen, schmerzhaft sein. Das ist das »Fegefeuer«, für das es keine bestimmte Dauer gibt, denn Zeit gibt es dann nicht mehr. Doch es wird mich ausrichten auf das hin, was mein Leben hätte sein sollen. Wie es richtig, wie es gerecht gewesen wäre. So wird der Mensch gerichtet und zur Vollendung geführt, indem er ausgerichtet wird auf Gott hin.

Das Gericht Gottes als Rettung
Dieses Richten ist nicht furchtbar, auch wenn es schonungslos ist. Wir müssen uns nicht davor ängstigen, auch wenn wir uns manchmal vor uns selbst fürchten. Das Gericht Gottes ist rettende Gnade. All mein Tun und Lassen gehört zu mir. Es prägt mich dauerhaft und nachhaltig. Aus eigener Kraft kann ich nichts davon ungeschehen machen. Gott aber wird es richten. Und weil alles menschliche Handeln hier und jetzt geschieht, ereignet sich im Grunde auch das Gericht schon hier und jetzt im Vollzug. Denn schon jetzt steht fest, ob das, was wir tun, dem entspricht, was Gott als Idee in uns hineingelegt hat. Gericht Gottes ist kein Drohgericht, sondern Rettung. Er allein kann Tätern und Opfern Gerechtigkeit schaffen, indem er sie auf sich hin ausrichtet und Leben vollendet unter Beachtung dessen, was aus jedem einzelnen geworden ist. Gott allein kann dafür sorgen, dass Opfer nicht auf Dauer Opfer bleiben und auf ewig – im wahrsten Sinne des Wortes – um ihr Leben betrogen sind. Er ist der Herr der Lebenden hier und jetzt und nach dem Tod. Von ihm und auf ihn hin ausgerichtet, finden wir das Leben – erfülltes Leben – Leben in Fülle. So bin ich dankbar und froh, dass es die Rede vom Gottes Gericht in der Bibel gibt. Sie ist zu Recht Teil des Evangeliums – der frohen Botschaft Jesu Christi. Es ist auch kein Fehler, dass wir zur Halbzeit der österlichen Bußzeit – am heutigen Sonntag »Laetare«, dem Sonntag der Freude – vom Gericht Gottes sprechen. Denn neu auf Gott hin ausgerichtet zu werden, ist Sinn und Zweck der Fastenzeit und Geschenk seiner Gnade. So haben wir allen Grund zur Freude und zur Dankbarkeit.

Bernd Lutz

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