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In eigener Sache
Liebe Bezieher*innen der Zeitschrift »Der Prediger und Katechet«,

es gibt viele Themen, die uns alle derzeit intensiv beschäftigen. Zuallererst aber natürlich der unsägliche Krieg in Europa mit all dem menschlichen Leid, welches dadurch verursacht wird.

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Leseprobe 1
Weihnachten
I. »Sie sitzen im Bild!« (thematisch)
Weihnachtsfeier

Weihnachten im Seniorenheim: Die Bewohnerinnen und Bewohner sitzen zur Weihnachtsfeier im festlich geschmückten Speiseraum. Die Betrachtung eines Krippenfotos soll am Anfang stehen. Die Lampen werden ausgemacht, der Beamer eingeschaltet. Ein schönes Bild der Heiligen Familie im Stall von Bethlehem erscheint auf der Leinwand – und darin ein großer schwarzer Fleck: die Silhouette eines Frauenkopfes. Sie stört das schöne Bild. Unruhige Blicke wandern durch den Raum. Wer ist die Übeltäterin? Und dann geht das Gezische los: »Frau Schäfer, Sie sitzen im Bild!« Frau Schäfer ist ganz erschrocken, schämt sich ein bisschen (»Ausgerechnet mir muss so was passieren!«), rückt hastig ihren Stuhl zur Seite, bis ihr Schatten aus dem Bild verschwunden ist. Jetzt stimmt alles. Jetzt ist ein schönes, ungetrübtes Krippenbild auf der Leinwand zu sehen. Alle sind zufrieden und die Bildbetrachtung kann beginnen.

»Sie sitzen im Bild …«


Ist es nicht der Wunsch, den viele an Weihnachten haben: ungetrübt und ungestört dieses Fest feiern: Tannenduft, Weihnachtslieder, Krippe, Kerzen, Bescherung, leckeres Essen – und für die musikalischen Feinschmecker das Corelli-Weihnachtskonzert? Das Ganze möglichst im Kreis der Familie, friedlich! Hand aufs Herz, das ist doch auch schön, und das darf getrost auch bleiben. Ist es doch verständlich! Wenigstens gelegentlich wollen wir klare und eindeutige Bilder sehen, die uns Orientierung ermöglichen und ungetrübte Freude schenken.

Aber auch das wissen wir: Immer wieder schiebt sich irgendein Schatten ins Bild. Ungetrübte Bilder sind selten. Und das ist gut so, bliebe doch sonst Weihnachten eine Welt, die mit unserer Wirklichkeit wenig zu tun hat. Gott und wir – wir existierten unberührt voneinander. Das kann nicht in unserem Sinne sein und erst recht nicht im Sinne Gottes!

Vieles schiebt seinen Schatten in unser weihnachtliches Bild: der Krieg in der Ukraine, der Hunger in Afrika, die Sorge um unsere Energieversorgung, das unverfrorene Lügen mächtiger Welt-Politiker, Terror und Gewalt. Auch persönliche Schatten schieben sich ins Weihnachtsbild: Krisen, gescheiterte Lebensentwürfe, Krankheit und Tod; die Schicksale misshandelter und missbrauchter Kinder, die Not um den Arbeitsplatz, Schulden … Vieles schiebt seinen Schatten in unser weihnachtliches Bild – Gott sei Dank auch Positives: Glück, Zufriedenheit, Beschenktsein und Dankbarkeit, Sehnsucht nach Leben, die Gesundheit derer, die wir lieben, wie auch die eigene.

Unsere Wirklichkeit im weihnachtlichen Bild

Situationen wie die genannten schieben sich ins Bild von Bethlehem, das von der Geburt des Immanuel, des »Gott mit uns« erzählt. Er will mit uns zu tun haben. Er will sich berühren lassen von dem, was wir Menschen leidend oder glücklich erleben. Wir möchten, dass sich unsere Welt und die Welt Gottes berühren. Wir rücken ja auch selber vieles von uns in unser Krippenbild. Selten nur bauen wir eine Krippenlandschaft, die Ähnlichkeit mit Bethlehem hat. Stattdessen sind Maria, Josef und das Jesuskind umgeben mit Bäumen und Bergen unserer westfälischen, fränkischen, bayrischen … Heimat. Kulissen und Ställe erinnern an heimische Bauernhöfe und Stadtbilder, die Hirtenkleidung entspricht wohl auch eher europäischer Mode als der Mode um das Jahr »Null« in Bethlehem. Das alles will doch sagen: Er ist in unsere Welt hinein geboren. Betlehem ist überall, auch in Dorsten, Paderborn, Würzburg und München. Unsere Welt schiebt sich ins Weihnachtsbild – und dorthin gehört sie auch. Jesus wollte unsere Welt hautnah erleben. Darum wächst er neun Monate im Schoß Marias heran, wird in Bethlehem geboren – nicht in einem sterilen Kreißsaal, sondern in einem Stall, bei ganz einfachen Menschen und beim Vieh, an einem Ort, der jedem, auch dem Geringsten, offensteht.

Gott rückt in unser Welt-Bild

Bisher haben wir nachgedacht, wie sich unsere Wirklichkeit in das Krippenbild drängt. Ähnlich drängt sich aber auch die Krippe in die Bilder unserer Lebenswirklichkeit. Drehen wir darum das Anfangsbild herum:

Wir haben unsere Bilder von unserer Welt. Oft ist sie eine Welt ohne Gott. Ich muss nur die Zeitung lesen oder die Fernsehnachrichten sehen. Dann weiß ich, was los ist in dieser Welt ohne Gott, in dieser Welt, in der sich viele von Gott verlassen fühlen, alleingelassen. Diese Bilder erzählen von Menschen im Krieg, von denen, die vor Krieg oder Hunger fliehen. Sie erzählen von einer Konsumgesellschaft, die im Augenblick wankt, weil nicht mehr alles Selbstverständliche selbstverständlich ist. Sie erzählen von mir und meiner Suche nach Sinn und Erfüllung. Sie erzählen von unbekümmert spielenden Kindern oder von jungen Paaren, die glücklich vor dem Traualtar stehen. Die ganze Palette unserer Wirklichkeit findet sich in diesen Bildern.

In diese Welt-Bilder, die selten von Gott erzählen, schiebt sich an Weihnachten das Bild des Kindes von Bethlehem, in der Sprache des Seniorenheims: »Jesus, du sitzt im Bild!« Das verändert den Charakter unserer Wirklichkeitsbilder. Sie bekommen eine neue Überschrift: »Immanuel: Gott mit uns!« Weihnachten bringt uns nahe, dass Gott mit uns in Berührung kommen, uns im Glück wie im Leid nicht alleinlassen will.

Dem Evangelisten Matthäus, der uns durch dieses Kirchenjahr begleiten wird, ist es ein besonderes Anliegen, den Immanuel, den »Gott mit uns« zu verkünden. Am Beginn seines Evangeliums nennt er ihn mit diesem Namen. In den letzten Worten seines Evangeliums greift er das wieder auf: »Ich bin bei euch/ mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.« (Mt 28,20) Zwischen diesen beiden Eckpfeilern erzählt er ein ganzes Evangelium lang vom Immanuel, von Gott an der Seite des Menschen – in guten und in schweren Zeiten.

Der Immanuel

Heute feiern wir den Geburtstag dieses Immanuel. Heute schiebt er sich in die Bilder unseres Lebens. Er ist mit uns, nicht indem er jedes Leid beseitigt, der Not ein Ende setzt, Sinnlosigkeit und Dunkel auflöst, sondern indem er an unserer Seite bleibt und aushält »in guten und in schlechten Zeiten«. So finde ich ihn als Anwalt der Gerechtigkeit an der Seite der Armen, als Kläger vor denen, die ihre Macht missbrauchen und Gewalt anwenden. Er leidet mit dem Leidenden und freut sich mit dem, der sich freut und feiern kann. Ich finde ihn bei der Hochzeitsgesellschaft in Kana ebenso wie weinend am Grab des toten Lazarus. Ich finde ihn gekreuzigt an der Seite der Sterbenden, im Grab an der Seite der Toten – und am Ostermorgen finde ich mich an seiner Seite.

Gott, du schiebst dich in das Bild unserer Welt, und das ist gut so! Manche stört das – wie bei der Weihnachtsfeier im Seniorenheim, weil ihr gewohntes Weltbild nicht mehr funktioniert. Für die meisten ist es eine tröstende Zusage: Gott ist mitten im Bild unseres Lebens – mit uns in guten und bösen Tagen. Wem diese Zusage gut tut, der kann aus ehrlichem Herzen singen: »Welt ging verloren, Christ ist geboren. Freue dich, o Christenheit!«

Heribert Arens

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