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Leseprobe 1
19. Sonntag im Jahreskreis
I. Lesepredigt: Wie geht Glauben? (Hebr 11,1–2.8–19)
Statio
»Was kommt auf uns zu?« Angesichts vieler Ungewissheiten ist das die sorgenvolle Frage vieler Menschen. Wird das, was unverfügbar in der Zukunft liegt, zerstörerisch und abgründig oder gut, aufbauend und menschenfreundlich sein? Um den Umgang mit dieser offenen Zukunft geht es in den Lesungen des heutigen Sonntags: Sie mahnen zum wachen Dasein, inspirieren zur Hoffnung und ermutigen uns – wie es in der ersten Lesung heißt –, mitten im Unvorhersehbaren »Güter und Gefahren zu teilen« und dabei in die »Loblieder der Väter und Mütter des Glaubens« einzustimmen (vgl. Weish 18,9). Bereiten wir uns zu Beginn des Gottesdienstes in einem Augenblick der Stille dafür – und stimmen wir dann ein in das Lob der Barmherzigkeit Gottes.
Siegfried Kleymann

Die alltägliche Rede vom Glauben

Wie oft geht mir eigentlich tagtäglich das Wort »glauben« einfach so über die Lippen? »Kaum zu glauben, wie oft das passiert.« Und kurioserweise geht damit nicht selten ein unausgesprochener Zweifel einher. Dann sage ich: »Ja, ich glaub‘ schon«, stehe aber gar nicht richtig hinter der gemeinten Sache. Oder ich zweifele direkt: »Das ist ja unglaublich« – und unterstelle sogar: »Das glaubst du doch selbst nicht!«
Wer sagt »ich glaube«, der meint alltagssprachlich eigentlich: Ich weiß es selbst nicht so genau. Wenn ich zum Beispiel nach dem Weg gefragt werde und antworte: »Ich glaube, Sie müssen an der dritten Ampel links gehen …«, dann bin ich mir selbst nicht sicher mit meiner Antwort. Glauben kaschiert dann eher das eigene Unwissen und steht für Unverbindlichkeit.
Wenn das den Alltag ausmacht, wie ist es dann eigentlich jetzt hier in der Kirche, im Gottesdienst? Immerhin sagen wir doch, dass unser Tun etwas mit dem Glauben zu tun hat, ja aus dem Glauben erwächst. Und so sprechen wir auch gleich nach der Predigt das Glaubensbekenntnis. Kaschiert das auch das eigene Unwissen und bleibt »Glauben« ein Ausdruck für Unverbindlichkeit? Und noch etwas genauer gefragt: Geht es beim Glauben um das Für-wahr-Halten von irgendwelchen Sätzen und Glaubensinhalten, oder ist Glauben nicht ein ständiger Prozess, der ein Nicht-Wissen aushalten muss? Was also meine ich, wenn ich sage: »Ich glaube«?
Eine Brisanz bekommt die Frage noch dadurch, dass laut aktuellen Umfragen etwa ein Viertel der deutschen Bevölkerung sich als ungläubig, atheistisch oder agnostisch bezeichnet. Was kann ich diesen Menschen sagen, wenn sie nach meinem Glauben fragen? Und mehr noch: Sollten nicht auch religiöse und kirchliche Insider ab und an sich Rechenschaft darüber geben, was es heißt zu sagen: »Ich glaube«?

Glauben als Loslassen
Die heutige Lesung aus dem Hebräerbrief will eine Hilfe geben bei der Beantwortung dieser Frage nach dem Glauben. Und es wird dabei zunächst eine Definition von dem versucht, was »Glauben« bedeutet: »Glaube ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht«, so wie es in der früheren Einheitsübersetzung hieß. Dann wird noch ein Beispiel für den Glauben gegeben: Abraham, der auch im Judentum als das Urbild des Glaubens verstanden wird.
Abraham macht deutlich, was »glauben« konkret meint: Aufgrund des Glaubens zog Abraham in ein anderes Land. Das heißt nichts anderes, als dass Abraham etwas verlassen muss – im wahrsten Sinne des Wortes. Und so macht er es auch: Er gibt seine Heimat auf, verlässt seine angestammten Sicherheiten, seine Freunde und seine Großfamilie, um nur mit seiner Frau und mit seinem Neffen Lot in ein anderes Land zu ziehen, das er noch nicht kennt. So überliefert es das Alte Testament im Buch Genesis. Glauben heißt also loslassen, verlassen. Das erfordert vor allem eines: Mut. Mut, etwas Neues zu wagen, sich Fremdem und Unsicherem auszusetzen. Nicht selten geht mit solch einem mutigen Entschluss, etwas loszulassen und sich auf Neues einzulassen, die Erfahrung einher: Ich bin einsam, weil es meine eigene Entscheidung ist. Denn wer sagt: »Ich glaube«, der sagt zugleich: »Ich weiß nicht, was kommt, aber ich bin offen für die Zukunft.«

Glaube und der ständige Zweifel an Erkenntnis

Glaube ist also immer ein Wagnis, denn ich weiß ja nicht, was kommt. Das berührt im Letzten sogar ein erkenntnistheoretisches Problem: Denn was können wir überhaupt wissen? Wie sicher sind die Erkenntnisse von heute? Können sie morgen nicht schon wieder überholt sein? Wie lange hielten die Menschen die Erde für eine Scheibe, die wiederum den Mittelpunkt des Kosmos darstellte? Dann wurde klar, dass nicht die Erde die Mitte dieses Kosmos ist, sondern dass sich die Erde um die Sonne dreht. Heute wissen wir, dass unser Sonnensystem eines von unzähligen ist. Seit der Aufklärung ist das Paradoxon zur bedrückenden Lebenssituation geworden, dass wir Menschen zwar immer mehr erforschen und wissen und dass wir zugleich erkennen müssen, dass wir nichts wissen, dass alle Erkenntnis relativ ist und von bestimmten Bedingungen abhängt. Ändere ich die Bedingungen, ändert sich auch meine Erkenntnis. Der Zweifel wird so zum ständigen Begleiter der Erkenntnis.
Und der Glaube? Könnte er nicht wiederum ein Korrektiv des Zweifels sein: »Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht«, wie es der Hebräerbrief nennt? Und wieder ist es Abraham, der das anschaulich macht. Von ihm heißt es doch, dass er »im verheißenen Land wie in der Fremde« siedelte, »in Zelten« wohnte und »die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat«, erwartete. Ja, er hatte losgelassen und verlassen, war aufgebrochen und hatte ein Ziel erreicht und dennoch steht immer noch etwas anderes aus. In Zelten zu leben, ist noch nicht alles. Abraham ist immer noch nicht am Ziel, trotz der Erfüllung der Verheißung, der er geglaubt hat.
Glaube, so lässt sich sagen, ist ein immerwährender dynamischer Prozess, ist immer wieder angefochten und in dieser Welt nicht letztlich einlösbar, durch die Erfüllung gemachter Verheißungen! Und auch wenn es keine konkreten Verheißungen sind, auf deren Erfüllung die Menschen heute warten: Menschen sehnen sich doch immer noch nach einem Mehr, verlassen sich immer wieder neu, da es hier keine endgültigen Sicherheiten gibt. Wer glaubt, sagt nicht zuletzt: »Dies ist noch nicht das Letzte, es muss doch noch mehr, noch anderes geben.«

Glauben als sich verlassen – auf einen anderen hin
Glauben als ein Schritt in eine offene Zukunft, als ein Loslassen und Verlassen führt zu einer weiteren Frage: Auf wen hin verlasse ich mich eigentlich?
Die einfachste Erfahrung zeigt, dass Glauben sich immer auf einen anderen hin bezieht, so dass ich sage: Ich glaube dir, ich verlasse mich auf dich, ich lasse los, weil du es gesagt hast. Damit wird das Geschehen des Glaubens ein zwischenmenschliches Geschehen. Glauben ist immer auf ein Du angewiesen, dem man Glauben schenkt. Glauben hat demnach etwas mit Vertrauen zu tun, im Sinne von: Ich vertraue dir. Und wie wichtig die Erfahrung von gelungenem Vertrauen ist, wird jeder nachvollziehen können, der sich die Entwicklung eines Kindes vor Augen führt. Ein schreiendes Baby vertraut instinktiv darauf, dass es gehört wird, dass es Nahrung bekommt, dass es angesprochen wird. Die Entwicklungspsychologie macht ja darauf aufmerksam, dass die ersten Jahre des menschlichen Lebens so wichtig sind, weil hier die Grundlagen für die Persönlichkeit gelegt werden. Wenn das Vertrauen in diesem Alter enttäuscht wird, sind oft schwere Charakter- und Verhaltensschäden die Folge. Wenn Erziehung in diesem Punkt des Vertrauens versagt, wenn der Schrei des Kindes ungehört bleibt, verkümmert der Mensch nicht selten.
»Ich glaube dir!« Dieser Bezug auf einen anderen zeigt, dass Glauben ein dialogisches Geschehen ist, wo Urerfahrungen der Kindheit die Basis darstellen, um überhaupt Vertrauen zu fassen, sich bereitwillig loszulassen auf einen anderen hin im späteren Leben, zum Beispiel beim Ja eines Vertrages, beim Ja der Trauung, beim Sich-Anvertrauen in einer persönlichen Krise, beim Sich-Anvertrauen letztlich an Gott. Wie soll jemand glauben können, dessen Vertrauen immer nur enttäuscht wurde? Abraham besaß offenbar dieses Vertrauen, das es ihm ermöglichte, sich auf Gott zu verlassen. Von Abraham heißt es daher auch bei Paulus im Brief an die Römer sehr anerkennend (vgl. Röm 4,3): »Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet.«

Glauben – aber was?
Schließlich stellt sich noch die inhaltliche Frage: Was soll ich denn glauben? Auch hier ist es wieder Abraham, der bei der Beantwortung eine Richtung angibt. Abraham hat etwas verlassen, hat losgelassen, sich verlassen auf einen anderen hin, um etwas Neues entgegenzunehmen. Es geht in der Abrahamsgeschichte um eine Verheißung, also um etwas, was noch aussteht, um das, was man erhofft, konkret: ein neues Land, eine befestigte Stadt und schließlich um Nachkommenschaft. Glaube ist auf Zukunft ausgerichtet, auf etwas, das noch aussteht.
Anders betrachtet: Wer glaubt, der ist mit dem Hier und Jetzt nicht zufrieden, der bleibt nicht stehen, sondern ist für Veränderung offen, der sieht die Welt in einem anderen Licht, deutet sie anders und ist somit auch der Zukunft zugewandt. »Glaube ist: Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht«, so hieß es im Hebräerbrief. Der Glaubensinhalt, die unsichtbaren Dinge, erlangen eine Bedeutung für das Leben bei dem, der ihnen glaubt. Und in der Tat versteht man die Welt und die Menschen anders unter der Voraussetzung, dass es einen Gott gibt, der Zukunft verheißt. So ließe sich auch das christliche Glaubensbekenntnis verstehen als ein Glaubensinhalt, der hilft, Welt, Schöpfung, Leben in einem anderen Licht zu sehen. Denn da ist die Rede von Auferstehung und ewigem Leben, also einer offenen, einer anderen Zukunft.

Glauben, weil andere glaubten
Noch ein letzter Gedanke zum Glauben. Ich glaube dir etwas, das ist ein Geschehen, das der Einzelne immer wieder als dynamischen Prozess vollziehen muss. Aber bei allem Risiko des Glaubens in eine offene Zukunft und der einsamen Entscheidung des eigenen Glaubens: Man darf sich dabei doch auch auf etwas stützen, nämlich auf die, die bereits das Wagnis des Glaubens eingegangen sind, die sich verlassen haben – auf einen anderen hin. Der Blick in die Vergangenheit zeigt Menschen wie Abraham und auch wie Jesus selbst. Beide haben sich ganz verlassen auf Gott hin, eine unsichtbare Wirklichkeit. Und dieser Gott hat ihnen dazu verholfen, im Blick auf die noch ausstehende Zukunft ihre Gegenwart zu verändern.
Für Abraham war es das Land und die Nachkommenschaft als Erfüllung der Verheißung, für Jesus das Leben über den Tod hinaus. Und im Glauben auf die Erfüllung konnten beide den ersten Schritt tun, loslassen und sich verlassen. Glaube wird somit zur Hoffnung auf Zukunft hin, die die Kraft gibt, Gegenwart zu gestalten und sogar auf Zukunft hin zu verändern. Weil andere mit ihrem Glauben, mit dem Loslassen, Sich-Verlassen nicht in die Irre geraten sind, gibt es einen berechtigten Grund auch für mich zu glauben. Wer sich verlässt, wer sich loslässt auf diesen Gott hin, den unsichtbaren, der – so die letzte Überzeugung des Hebräerbriefes – der gelangt ans Ziel, auch wenn es nicht das selbst erdachte ist, sondern das verheißene, von dem anderen her, dem ich Glauben schenken soll. Und so darf ich vertrauensvoll sagen:
Ich glaube.
Ich glaube dir.
Ich glaube dir, Gott.
Ich glaube dir, Gott, dass du mir Zukunft bist. Amen.

Philipp Reichling

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