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Leseprobe 2
Kasualien
Vierzehn Heiligengespräche
Vorbemerkung:
Um das Fest Allerheiligen ranken sich im Oktober und November die Gedenktage prominenter und weniger bekannter Menschen, denen kirchlich das Attribut »heilig« zuerkannt wurde. Was von ihnen überliefert wurde, was hervorgehoben, retuschiert, vernachlässigt wurde: Immer werden ihre Lebensgeschichten aus der Perspektive der jeweiligen Zeit gelesen und weitererzählt. In den folgenden Werktags-Kurzpredigten werden jeweils Fragmente aus den Biografien und Schriften herausgenommen und ins Gespräch gebracht: Theresia von Lisieux (01.10.), Franz von Assisi (04.10.), Theresia von Avila (15.10.), Lukas (18.10.), Ursula (21.10.), Martin von Porres (04.11.), Bernhard Lichtenberg (05.11.), Martin von Tours (11.11.), Albert der Große (15.11.), Gertrud von Helfta (17.11.), Elisabeth von Thüringen (19.11.), Katharina von Alexandrien (25.11.), Niels Stensen (25.11.) und Andreas (30.11.). Die Fragen – an die Heiligen, an uns Heutige – mögen ermutigen, den eigenen Glaubensweg entschiedener zu suchen und das zu leben, was wir vom Evangelium begrif fen haben. Die Texte können am Anfang der Werktagsgottesdienste als Briefe vorgetragen oder mit geringem Aufwand in eine Berichtsform umgewandelt werden.

Theresia von Lisieux
Liebe Theresia, »Theresia vom Kinde Jesu« wirst du genannt. Was für ein Name ist das? Du hast dich selbst so genannt. Dein Name ist Programm. Die Kleinen waren dir nahe. Die Gotteskindschaft war dir vertraut. An den Rand gedrängt, als unbedeutend eingeschätzt hast du dir den »kleinen Weg« zum Programm gemacht. Inspiriert durch die Betrachtung des Evangeliums bist du den Weg Jesu gegangen – und darin groß geworden: in deiner Sorge für die Mitschwestern, die deinen Einsatz erst spät gewürdigt haben; in deiner Beziehung zu Jesus, dessen Herzlichkeit du verehrt hast, und schließlich in deiner Bedeutung für andere Menschen. Dein Heimatort Lisieux ist für viele bis heute Pilgerziel und Quelle geistlicher Inspiration. Du hilfst ihnen, auf einen Gott zu vertrauen, der die Kleinen groß sein lässt und der im Alltäglichen das Besondere erblickt. Und der uns Widerstandskraft gibt gegen alle Vereinnahmung der Kleinen durch die Großen und Mächtigen.

Franz von Assisi

Lieber Franziskus – oder: lieber Bruder Franz, das klingt sehr vertraut und ist dir vermutlich recht. Die einfache Anrede ist dir wohl lieber als die Podeste, auf die du vielfach gestellt wirst. Deine Liebe zur Armut verträgt sich schlecht mit der Verherrlichung, die dir bisweilen überreich zuteil wird. Je weiter du emporgehoben und zum vollkommenen Ideal der Christusnachfolge stilisiert wirst, entrückst du unserer armseligen Alltagswirklichkeit. »Bruder Franz« – wenn wir dich so anreden, betonen wir, dass du Geschwister hast. Wir – deine Geschwister. Sonne, Mond, Wasser, Feuer, Tiere und Gewächse – deine Geschwister. Die Armen und Bedürftigen – deine Geschwister. Bernardo, Pietro und Ciara und all die anderen aus deiner Gemeinschaft: deine Geschwister. So sehr du als Solitär erscheinst: Du stehst nicht allein, lebst mit Geschwistern. Du bist verwurzelt in der Armutsbewegung, du stellst dich in die Gemeinschaft der Kirche und lebst verwiesen auf andere. Vermutlich wüssten wir wenig von dir und du wärst mit den Katharern, Waldensern und Humiliaten in den Abgründen einer kirchlichen Ketzergeschichte verschwunden, hätten sich nicht wohlwollende Türöffner in Rom gefunden und wesentlich zur Anerkennung eurer Wanderprediger-Gemeinschaft beigetragen. Und wir wüssten wenig von dir, wenn nicht nach dir zahlreiche Schwestern und Brüder in ihrer Weise gesucht haben, arm und solidarisch zu leben. Bruder Franz, der heilige Bonaventura schreibt über dich: »Auch die geringsten Geschöpfe nannte er Brüder und Schwestern, wusste er doch, dass sie mit ihm den gleichen Ursprung teilten.« So richten wir uns – als Brüder und Schwestern – heute auf den aus, der Anfang und Vollendung allen Lebens ist. Wie gut, dass du, Bruder Franz, uns darin ermutigst und bestärkst.

Theresia von Avila

Liebe Theresia, gerne wende ich mich im freundschaftlichen Gespräch an dich. Denn obwohl du als Karmelitin in einem kontemplativen Orden gelebt hast, bist du eine sehr kommunikative Frau gewesen. Mit den Möglichkeiten, die es für Frauen im 16. Jahrhundert gab, hast du dich reisend, schreibend, im Gespräch mit anderen geäußert und eingemischt, dich beraten und unterstützen lassen, für die Reform deines Ordens manchen Streit riskiert und selbstbewusst von deiner Gottesbeziehung Auskunft gegeben. Über das Gebet hast du gesagt: »Meiner Meinung nach ist inneres Beten nichts anders als Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach, um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt.« Der Glauben ist für dich beweglich, dynamisch, in Beziehung, hat mit Wachsen und Entdecken zu tun – und mit Entdecktwerden durch den, der liebevoll auf dich, auf uns, schaut. Von dir lerne ich, wie Gottverbundenheit und entschiedenes Handeln zusammengehen und miteinander wachsen. »Kontemplativ in der Aktion«, die Verbindung von »Mystik und Politik«: Was wir heutigen Menschen mit diesen Begriffen bezeichnen, hast du im 16. Jahrhundert gelebt. Du bist damit zur Kirchenlehrerin geworden und zu einem Vorbild für Frauen in einer von Männern dominierten Kirche. Ich bin dankbar für diesen ermutigenden »spirit«, der von dir ausgeht. Und ich bete gerne mit dir das »Nada te turbe« – oder singe das »solo dios basta« mit der Melodie aus Taizé. »Nichts soll dich verwirren, nichts dich beirren. Alles vergeht. Gott wird sich stets gleichen. Geduld kann erreichen, was nicht verweht. Wer Gott kann erwählen, nichts wird solchem fehlen. Gott nur besteht.«

Lukas

Lieber Lukas, ich beginne mein Gespräch mit dir mit einem herzlichen Dank. Die Erzählungen und Bilder, die du in deiner Fassung des Evangeliums überliefert hast, haben meinen Glauben stark geprägt: das Gleichnis vom barmherzigen Vater und den beiden Söhnen, vom Zöllner Zachäus, vom barmherzigen Samariter, vom Emmaus-Gang und – natürlich – die Verkündigung durch den Engel, das Loblied der Maria, ihr Magnifikat und die Erzählung von der Geburt im Stall und der Entdeckung der Hirten. Ich bin dankbar dafür, dass diese Geschichten unsere Glaubenstradition prägen und bereichern. Viel lerne ich durch sie von Gottes Liebe zu den Armen, zu meiner eigenen Begrenztheit. Und indem du, lieber Lukas, das Evangelium in der Apostelgeschichte weiterschreibst – in die Menschengeschichte hinein, mit dem Wissen um das Wachsen und Werden der Glaubensgemeinschaft – ermutigst du mich, unsere Kirche als eine werdende, sich wandelnde Größe zu sehen. Gerne schreibe ich meine Glaubensgeschichte in diese Tradition ein. Dass du mir bei deinen Beschreibungen der frühen Kirche zu idealistisch bist, will ich nicht verhehlen. Leider sind manche Brüche und Zwiespältigkeiten in deinem »zweiten Buch« nur angedeutet, lediglich zwischen den Zeilen zu lesen, und das Ideal einer sich ungehindert ausbreitenden Kirche erscheint mir eher lähmend als fördernd. Aber du bist halt auch nicht perfekt. Und so danke ich dir für dein Evangelium und singe gerne mit, was du Maria in den Mund legst: »Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben. Und lässt die Reichen leer ausgehen.«

Ursula
Liebe Ursula, es ist nicht zu fassen: Gemeinsam mit 11.000 Gefährtinnen sollst du hingerichtet worden sein? So erzählt es die Legende über dein Martyrium in Köln. Vermutlich ist die Zahl ein Überlieferungsfehler: aus Elf werden Elftausend. Und historisch gesichert ist auch das ebenso wenig wie deine Existenz als Königstochter im 4. Jahrhundert. Spielen diese historischen Fakten eine Rolle? Offenbar war es den Glaubenden über Jahrhunderte hinweg wichtiger, was durch die Legenden von deinem – oder eurem – Martyrium durchschien und in unzähligen Erzählungen weitergetragen wurde: die Erfahrung von Bedrohung, Entschiedenheit und Standhaftigkeit, der Glaubensmut einer Einzelnen und die Verbundenheit mit ihren Gefährtinnen. Die Kraft, die es dir in Begleitung möglich machte, in einer von männlichen Gewalttätern dominierten Welt unbeirrt deinen Weg zu gehen, sollte weiter von dir ausgehen: Skulpturen, die dich als Schutzmantelheilige zeigen, bringen das sinnenfällig ins Bild. Wenn heute die faktische historische Existenz von Heiligen bedeutsamer geworden ist, so dass dein Festtag aus dem weltkirchlichen Heiligenkalender gestrichen wurde und nur noch in Köln als Hochfest gefeiert wird, bleiben doch die Erzählungen und Bilder von deinem Glauben als Widerstandskraft – mit einem ermutigenden und bestärkenden Geist.

Martin von Porres
Lieber Martin, hättest du gedacht, dass du, Laienbruder und Krankenpf leger in Lima, fast fünfhundert Jahre nach deinem Tod in Europa gefeiert wirst? Dass dir 1962 von der amerikanischen Jazz-Komponistin und Pianistin Mary Lou Williams das Album »Black Christ of the Andes« gewidmet wird? »Schwarzer Christus von den Anden«: Du, ein uneheliches Kind des spanischen Ordensritters Juan de Porres und der freigelassenen schwarzen Sklavin Ana Velázquez, zunächst neun Jahre lang Aushilfskraft bei den Dominikanern in Lima – zum Dreck-Kehren, Latrinen-Putzen, Wäsche-Waschen und Essen-Kochen – später als Laienbruder und Krankenpf leger aufgenommen, geschätzt von Bettlern und Waisenkindern, vertraut mit der Situation der Indios und – dank deiner offenbar charismatischen Ausstrahlung – mehr und mehr auch von den Mitgliedern der Oberschicht geschätzt. »Schwarzer Christus von den Anden«: Als du zwanzig Jahre nach deinem Tod heiliggesprochen werden solltest, scheiterte das am Widerstand der Kolonialmächte. Ein »Mulatte« als Heiliger? Das ging für sie gar nicht. Doch für viele Menschen ist dein Grab in Lima – neben der heiligen Rosa von Lima, deiner Schwester im Geiste – eine tröstende Anlaufstelle geworden, zur Ermutigung für die indigene Bevölkerung. Im Jahr 1962 wurdest du dann durch Papst Johannes XXIII. heiliggesprochen – und dir das Jazz-Album gewidmet. Ich bin froh, dass es dich gibt. Du fragst mich an, in meinem Einsatz für eine gerechte Gesellschaft und für die Hilfsbedürftigen, denen ich heute begegne. Und du ermutigst mich in meiner alltäglichen Frömmigkeit, 2021.

Bernhard Lichtenberg

Lieber Bernhard, als »Gerechter unter den Völkern« wirst du in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem gewürdigt, als Seliger in der katholischen Kirche verehrt und an deinem Grab in Berlin als Zeuge des Widerstandes im Nationalsozialismus erinnert. Dein Tod, am 5. November 1943, auf dem Weg in das Konzentrationslager Dachau, steht in der Konsequenz deines Lebens: deines politischen Einsatzes aus christlicher Verantwortung. Als 25jähriger junger Priester kommst du 1900 nach Berlin, wirkst dort als Kurat, Kaplan und Pfarrer in Charlottenburg, später als Dompfarrer und Dompropst an der St.-Hedwigs-Kathedrale. Seelsorglicher Einsatz und politisches Engagement gehören für dich zusammen. So wirkst du als Priester und als Abgeordneter der Zentrums-Partei in Berliner Parlamenten. Schon vor 1933 gerätst du in Auseinandersetzung mit den Agitatoren der aufsteigenden NSDAP und lässt dich weder durch Hausdurchsuchungen noch durch Gewaltandrohungen einschüchtern. Du protestierst gegen die Misshandlung Gefangener und die Ermordung von körperlich und seelisch beeinträchtigten Menschen, du betest nach den Pogromen 1938 in den Sonntagsgottesdiensten öffentlich für die Verfolgten jedweden Glaubens und forderst in der Predigt dazu auf, der Hetze gegen Juden keinen Glauben zu schenken. Nach einer Denunziation wirst du 1941 festgenommen und wegen sogenannten »Kanzelmissbrauchs« zu zwei Jahren Haft verurteilt, nach deren Ende du weiter in »Schutzhaft« gehalten wirst und ins KZ Dachau gebracht werden sollst. Ich lese mit Respekt von deinem Mut, deiner Entschiedenheit und der Konsequenz, mit der du deinen Weg gegangen bist. Und ich wünsche mir und uns, dass diese Haltung wacher Entschiedenheit auch meinen und unseren Alltag prägen möge.

Martin von Tours
»Sankt Martin, Sankt Martin, ritt durch Schnee und Wind, sein Ross, das trug ihn fort geschwind …« Lieber Martin, wie oft haben wir dieses Lied als Kind gesungen. Im Martinsspiel haben wir das gesehen und bestaunt: das Pferd und den Soldaten, den Bettler am Straßenrand, den großherzig geteilten Mantel – und dann dazu das Lied gesungen. »Im Schnee saß, im Schnee saß ein armer Mann, hat Kleider nicht, hat Lumpen an.« Wie hat dieses Martinsspiel uns geprägt. Nicht einfach wegschauen. Sich nicht vorbeistehlen. Auf den Armen achten. So teilen, dass es für beide reicht. Liebe gewinnt. Ob du als historische Figur so gekleidet warst und ob sich das alles so ereignet hat: vermutlich nicht. Es ist auch nicht so wichtig. Der Geist, der von dem Martinsspiel ausgeht, ist einfach großartig. Eine verwandelnde Kraft. Offenbar war das eine verwandelnde Kraft, die dich ergriffen hat und von der auch du verwandelt wurdest. Die Legende erzählt von deiner Christwerdung durch die Begegnung mit dem armen Christus im Angesicht des Armen. Vertraut mit dieser Armut hast du die schützende Rüstung ausgezogen – so die Legende – und hast dich auch gesträubt, den Ruf zum Bischofsamt anzunehmen. Die Gänse haben dich verraten (und viele Gänse müssen den Verrat bis heute am Martinstag mit ihrem Leben bezahlen). Mit Dank schaue ich auf die Wandlungskraft, die von deiner Geschichte ausgeht. Und ich hoffe darauf und bitte darum, dass unsere Welt ebenso gewandelt wird – und großherzig zu teilen beginnt.

Albert der Große
Lieber Albert, ich scheue mich etwas, dich mit dem einfachen »Du« anzureden. Universalgelehrter, Hochschulprofessor, später mit dem Titel »der Große« versehen. Da scheint das ehrfürchtig-distanzierte »Sie« besser zu passen als das vertrauensvolle »Du«. Doch dann lese ich von deiner Liebe zur Natur, deiner Neugierde und Entdeckungsfreude – und wie du staunend schreibst: »Der prächtigste Dom ist im Vergleich zu einem hohen Tannenwald nur ein wüster Steinhaufen. Kein Gemälde kann es mit einem unerreichbar schönen Sonnenaufgang aufnehmen.« Die Ehrfurcht, mit der du im 13. Jahrhundert die Pf lanzen und Tiere beobachtest, Medizin studierst, dich als Dominikaner mit der Philosophie und Naturwissenschaft des Aristoteles auseinandersetzt und dann als Professor der Theologie in Paris und Köln Weltwahrnehmung und Gottessuche miteinander verbindest, beeindrucken mich. Es ist es doch ein gemeinsames »Du«, was uns Menschen in Verbundenheit mit allen Kreaturen auszeichnet: die Ehrfurcht vor allem Leben und der Zusammenhang mit allem Lebendigen. So bleibt mir der Respekt vor deiner theologischen Lebensleistung und ich bin dir verbunden in der Suche, wie wir im Dialog von Naturwissenschaft und Glaube einen ehrfürchtigen Umgang mit der Schöpfung lernen können.

Gertrud von Helfta
Liebe Gertrud, »Du bist wie ein Strom unschätzbarer Freuden, du bist wie ein blühender duftender Frühling, wie eine zauberhaft lockende, beseligend ergreifende Melodie. Du bist die Luft, die das Leben spendet.« Dieses Liebeslied hast du, liebe Gertrud, deinem Gott gesungen: mit der Kraft innerer Bilder, dem Reichtum eines kontemplativen Lebens und den Worten, die dir für deine Erfahrungen gegeben wurden. Eine Mystikerin nennt man dich. In der Gegenwart Gottes zu leben und in seiner Liebe verwandelt zu werden: Das ist für dich als Zisterzienserin, die im 13. Jahrhundert im Kloster Helfta in Thüringen lebt, das Kennzeichen christlicher Frömmigkeit. Was du erfährst, erleidest und ersehnst, spiegelt sich in deinen Schriften wider: »Der Herr ließ einen wahren Wolkenbruch über meine Seele niedergehen, und ich, in meiner menschlichen Schwachheit, wurde wie eine junge Pf lanze zu Boden gedrückt. Ich konnte nur wenige gewichtige Worte aufnehmen, und auch dazu reichte meine Schwachheit nicht aus.« Das Erleben deiner Begrenztheit wandelt sich in der Gegenwart Gottes – vor dem Antlitz des Geliebten – in eine unermessliche geistige Freiheit, für die du stammelnd nach Worten suchst: »Ich hatte die Empfindung, als sei mein Körper und meine Seele nichts als Licht, göttliches Licht. Dein göttliches Licht war das Glück meiner Seele.« Dass du im 20. Jahrhundert wiederentdeckt worden bist und in deinem Kloster in Helfta nach der Wende 1989 neues Leben entstanden ist, gehört in deine Gottes- und Lebensgeschichte. Sie wirkt nach deinem Tod weiter, »wie eine zauberhaft lockende, beseligend ergreifende Melodie«.

Elisabeth von Thüringen
Liebe Elisabeth, ist es schwer für dich, den vielen Zuschreibungen und Legenden zu entf liehen? Die barmherzige Fürstin, die vom Berg hinabsteigt? Durch deren Wirken Wunderbares geschieht? Die junge Frau, die mit 20 Jahren Witwe und Mutter von drei Kindern ist? Als du im 13. Jahrhundert gelebt hast, blühte die Armutsbewegung des Franziskus von Assisi auf. Und du bist ergriffen von dieser Frömmigkeit. »Geliebte Armut«: Das Ideal des Franziskus ist auch deines. Gegen die Widerstände der fürstlichen Familie. Mit der Unbedingtheit einer jungen Frau. Mit einer liebenden Sorge für Bedürftige. In souveräner Selbstbestimmung. So scheint es. Doch da ist auch die Gestalt des Konrad von Magdeburg. Dein Beichtvater und Geistlicher Begleiter. Stärkt er deine Unabhängigkeit oder isoliert er dich von deiner Familie, um dich von ihm abhängig zu machen? Ratlos lese ich in deiner Vita die Aussagen deiner Vertrauten Guda und Isentrud von Hörselgau über ihn: »Um Elisabeth zur Anhänglichkeit zu Gott allein zu führen, entzog er ihr jeglichen menschlichen Trost, den sie aus unserer Nähe hätte schöpfen können.« Aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts und dem Wissen um die Gefahr geistlichen Missbrauchs werde ich skeptisch angesichts der körperlichen Züchtigung und der erzwungenen Trennung von deinen Kindern und Freundinnen. Eindeutig ist das Bild nicht. Dein Widerstand gegen manche Weisungen Konrads, dein Leben als arme Spitalschwester in Marburg, deine Sorge für die Leprakranken: In welcher Freiheit hast du sie gelebt und von welchem Geist waren sie getragen? Und so höre ich dein Suchen, die Zerrissenheit, dein Fragen, deine Unbedingtheit und deine eigene Armut mit, wenn wir an deinem Festtag beten: »Gott, du Vater der Armen, du hast der heiligen Elisabeth ein waches Herz für die Armen gegeben, in denen sie Christus erkannte und verehrte. Auf ihre Fürsprache gib auch uns den Geist deiner Liebe und leite uns an, zu helfen, wo Menschen in Not und Bedrängnis sind.« Und ich bin dankbar, dass dein Leben in den Zuschreibungen nicht aufgeht – weil du uns so in unserer eigenen Suche nach einem glaubwürdigen Leben nahe bist.

Katharina von Alexandrien
Liebe Katharina – oder soll ich lieber Hypatia sagen? – ich bin gegenüber deiner Lebensgeschichte in einer gewissen Verlegenheit. Es heißt, du seiest zu Beginn des 4. Jahrhunderts ermordet worden. Wegen deiner Klugheit, deiner Unbeugsamkeit, deinem Bekenntnis zu Jesus Christus seist du in Konf likt mit dem heidnischen Kaiser geraten. Fünfzig Philosophen sollst du mit deiner Überzeugungskraft bekehrt haben. Schließlich seist du gerädert und enthauptet worden. Mit dem Folterinstrument des Rades wirst du dargestellt und bist über lange Zeit zu einer der populärsten Heiligen geworden. Sogar zur Patronin von Hochschulen und Universitäten. Allerdings ist deine Existenz gar nicht belegt. Schlimmer noch: Manche vermuten, dass die Legenden über dich Entlastungserzählungen sind. Denn was man von dir erzählt, gilt in ähnlicher Form von Hypatia. Sie war eine Mathematikerin, Astronomin und Philosophin, lebte im 3./4. Jahrhundert in Alexandrien und wurde dort vermutlich im Jahr 416 ermordet. Von Christen. In einem vom Patriarchen Kyrill von Alexandria angezettelten Aufstand lynchte ein christlicher Mob die Philosophin auf grausamste Weise. Und dann begann die Geschichtsklitterung. Man erzählte die Untat mit anderem Namen und vertauschten Rollen: die Heiden als Täter, die Christin als Opfer. Und so wirst du, Katharina, Teil der kirchlichen Unheilsgeschichte. Sollen wir deinen Festtag daher ausfallen lassen? Schamhaft verschweigen? Oder gibt er uns die Gelegenheit mit dir, Katharina-Hypatia, an die Gewalt zu erinnern, die Frauen in der Geschichte erlitten haben? Wenn du bis heute Patronin von Universitäten, Lehrenden und Studierenden bist: Können wir in deinem Namen auf die Gewalt hinweisen, die Geistesmenschen und naturwissenschaftlich Forschenden, Nach- und Weiterdenkenden aller Fakultäten widerfahren ist und bis heute widerfährt? Kann uns deine Widerstandskraft ermutigen, dass wir das Vertrauen in die Wahrheit und die Hoffnung auf Gerechtigkeit nicht verloren geben?

Niels Stensen
Lieber Niels, welche Wendungen es im Leben gibt. Wie bist du mit den Umbrüchen fertig geworden? Respektvoll schaue ich auf deine Begabung. Deine Sprachenkenntnis ist enorm: Neben deiner Muttersprache Dänisch sprichst du Deutsch, außerdem Latein, Griechisch, Hebräisch, Arabisch, Niederländisch, Französisch, Italienisch und Englisch. Wie hat es dich geprägt, diese Sprachen zu sprechen? Ist diese Kenntnis sinnbildlich für die Vielfalt deiner Interessen als Gelehrter im 17. Jahrhundert? Mediziner, Anatom, Geologe, Theologe – du bist daheim in den verschiedenen Wissens- und Sprachgebieten, schreibst deine medizinische Doktorarbeit über den »Ausführungsgang der Ohrspeicheldrüse«, wirkst als Wissenschaftler in Florenz und Kopenhagen, konvertierst vom lutherischen Glauben zum Katholizismus, wirst Priester, später Weihbischof, Administrator, erfährst Enttäuschungen in deinen Bemühungen um eine glaubwürdige Kirche, scheiterst mit deinen Ansprüchen an einem korrupten Domkapitel in Münster und stirbst 48-jährig als einfacher Priester in Schwerin. Wie viele Wandlungen und Wendungen, Auf- und Abbrüche gibt es in einem Leben, in deinem Leben? Wie hast du sie getragen und gestaltet? Als letztes Wort ist von dir der Satz überliefert, der vielleicht wie eine Klammer deines vielfältigen Lebens zu verstehen ist: »Jesus, sis mihi Jesus«. »Jesus, sei mir Retter. Jesus, sei mir Jesus.«

Andreas
Lieber Andreas, in unserer heutigen Kirche sprechen wir oft von einer geschwisterlichen – brüderlichen und schwesterlichen – Kirche. Von dir lerne ich, dass das mit dem Bruder-Sein bisweilen eine ziemliche Herausforderung ist. Du bist der Bruder des Simon, der von Jesus Petrus genannt wird. Ob du der ältere oder der jüngere von euch beiden bist, ist nicht bekannt. Im Johannesevangelium wird erzählt, dass du der erste von euch beiden warst, der mit Jesus in Kontakt gekommen ist. Neugierig, interessiert, offenherzig, mit dem Mut, dich auf den Unbekannten und seine Lebenswelt einzulassen. Deine Entdeckung hast du nicht zurückgehalten, sondern deinen Bruder Simon mitgenommen. Du hast ihn zu Jesus geführt. Fortan gehörtet ihr zu zweit zum Freundeskreis Jesu. Auch die anderen Evangelien berichten davon. Doch dann hat sich im Zwölferkreis so etwas wie ein »inner circel«, ein vertrauter Kreis von drei Personen gebildet. Zu ihm gehörten die beiden Brüder Jakobus und Johannes und Petrus – und du nicht. Warum war das so? Wie hat das dein Verhältnis zu Simon Petrus geprägt? Zu diesen Fragen finde ich nichts. Ob du mit deiner Rolle als Wegbereiter, als Zubringer, zufrieden warst? Ich weiß es nicht. Vielleicht warst du ganz versöhnt damit, nicht die erste Geige zu spielen. Vielleicht warst du zufrieden, deine Rolle gefunden zu haben. Bei allen Fragen ermutigst du mich, auf die Vielfalt der Rollen und Aufgaben in einer geschwisterlichen Kirche zu achten, sie zu würdigen und mit meinen Möglichkeiten mitzuhelfen, dass sich die vielen Charismen und Talente in einem aufrichtigen Miteinander entfalten können.

Siegfried Kleymann

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