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Leseprobe 1
17. Sonntag im Jahreskreis
I. Die alltägliche Brotvermehrung (Joh 6,1–15)
Statio
Wo Menschen zusammen sind, gibt es Spannungen und die Gefahr der Trennung. Der Apostel bittet oder mahnt die Gemeinde, sich dem Geschenk Gottes gemäß zu verhalten und durch das Band der Liebe die Einheit zu bewahren. Einheit im Herrn, im Glauben, in der Taufe … Das ist der Anspruch an die in viele Konfessionen gespaltene eine Christenheit. So wird in vielen ökumenischen Dokumenten der Abschnitt aus dem Epheserbrief, den wir als Lesung hören, als Auftrag genannt. So am Anfang der »Charta Oecumenica«, einem Text, in dem sich vor 20 Jahren fast alle europäischen Kirchen selbst verpflichtet haben, auf das Ziel der Einheit der Christenheit hinzuarbeiten. Die Ökumene ist zurzeit leider ins Stocken geraten. Beten wir darum um eine neue Leidenschaft im Bemühen um Einheit zwischen den Konfessionen!
Peter Seul

Brotvermehrung – ein Wunder
In diesen Wochen wird auf vielen Feldern das Getreide geerntet. Die Landwirte, die Müller, die Bäcker und alle, die gern Brot essen, hoffen auf eine gute Ernte. Seit der Aussaat ist ein kleiner Keim aus dem unscheinbaren Korn gewachsen, ist zu einem Halm hochgeschossen, auf dem Halm hat sich eine Ähre mit Körnern entwickelt – die sind jetzt reif, werden geerntet, und beim Dreschen wird die Spreu vom Weizen geschieden. Das eine kleine Korn hat sich vermehrt: 50fach, 60fach, 100fach: wahrhaftig ein Wunder!

Wenn Sie durch die Kornfelder gehen – soweit das, falls Sie in der Großstadt leben, für Sie überhaupt noch im Blick ist: nehmen Sie dieses Wunder noch wahr, oder ist es Ihnen längst selbstverständlich geworden? Können Sie noch staunen über diese so alltägliche und doch so außergewöhnliche Brotvermehrung? Ja, Brotvermehrung! Ein kleines Korn vermehrt sich um ein Vielfaches. Am Ende wird es zu Brot.

Ähnliches vollzieht sich auf unterschiedliche Weise mit unterschiedlichen Früchten. Aus einem Apfelkern wächst der Apfelbaum, aus einem Sonnenblumenkern wächst die neue Sonnenblume mit ungezählten neuen Kernen. Alle Früchte der Erde wachsen aus winzig kleinen Anfängen, die sich vermehren.

So auch der Mensch. Eine winzig kleine Eizelle verbindet sich mit einer winzig kleinen Samenzelle. Daraus wächst ein Mensch: das Embryo, das Neugeborene; es wächst zum Kleinkind, zum Jugendlichen, zum Erwachsenen … und das, obwohl der Anfang mit dem bloßen Auge nicht zu sehen ist. Doch es wächst heran, wird größer, vermehrt sich. Das ist zwar keine Brotvermehrung, aber es ist lebendige »Vermehrung« – materiell und auch geistig: Gaben, Begabungen, Fähigkeiten. Sie entstehen gleichsam aus dem Nichts und wachsen zu einer Größe, die aufmerken und staunen lässt. Wunder der Schöpfung!

Von solchen alltäglichen Wundern der Brotvermehrung leben wir alle! Und wir tun das mit der größten Selbstverständlichkeit: das ist einfach so. Das kennen wir. Diese Brotvermehrung ist nicht so spektakulär wie die, von der heute das Evangelium erzählt – und doch ist sie viel spektakulärer! Wunder der Schöpfung – tagtäglich!

Umkehrung der Brotvermehrung
Wie gehe ich mit diesem Wunder der alltäglichen Brotvermehrung um? Staune ich noch darüber? Be«wundere« ich es? Bin ich beeindruckt? Fühle ich mich beschenkt von einem solchen Wunder der Fülle?

Ich befürchte, dass wir zurzeit eine Umkehrung der Brotvermehrung erleben: Brot wird nicht vermehrt, es wird entsorgt! Brot im Müll, Lebensmittel im Müll! Wir haben zu viel. Wir produzieren zu viel! Wir produzieren mehr, viel mehr, als wir verzehren können. Wir entsorgen Lebensmittel, weil Brot von gestern nicht mehr frisch ist. Es zu essen ist vielen eine Zumutung! Darum wird es schnell weggeschmissen. Andere Lebensmittel werden entsorgt, weil sie nicht exakt den Normen etwa der EU entsprechen: ab in den Müll! Bei uns wird jährlich so viel an Lebensmitteln in den Müll geworfen, dass davon zwei deutsche Bundesländer leben könnten – ein ganzes Jahr lang!

Umkehrung der Brotvermehrung! Wir produzieren Brot und Lebensmittel in einem Maß, dass es viel zu viel für uns ist. Und dann kehren wir einfach die unnötige Brotvermehrung um und vernichten Brot. Das ist eine der Perversionen unserer Wegwerfgesellschaft. Von »Ehrfurcht vor der Schöpfung« ist da nichts mehr zu spüren – und auch nicht von Solidarität mit denen, die hungern und nichts zu essen haben.

Ehrfurcht vor der Nahrung

Da denke ich an das Kloster der Klarissen, in dem ich zu Gast sein und an den Mahlzeiten teilnehmen durfte. Am Ende der Mahlzeit wurde eine Schale mit Brotbrocken herumgereicht. Jede Schwester nahm einige Bröckchen, putzte damit ihren Teller sauber und aß die Stückchen.

Gefragt, warum sie das tun, ob sie der Spülerin die Aufgabe erleichtern wollten, gaben sie zur Antwort: Wir möchten, dass möglichst wenig von unserer Speise dem Spülwasser oder dem Abfall übergeben wird. Wir tun das aus Ehrfurcht vor der Nahrung, auch vor dem letzten Krümel. Auch das ist Brotvermehrung: selbst den letzten Krümel als Nahrung aufnehmen, statt ihn dem Mülleimer oder dem Spülwasser zu überlassen.

Das sind die ersten Gedanken, die mir bei der Erzählung von der Brotvermehrung durch den Kopf gehen. Ich möchte das ‚Staunen über die so selbstverständliche alltägliche Brotvermehrung nicht verlernen!

teilen
Ein zweiter Gedanke meldet sich: ich kann bei der Brotvermehrung mitwirken – durch teilen! »Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt.« Diesen Text schrieb der frühere Pfarrer von Heinsberg Wilhelm Willms. Peter Janssens, Komponist ungezählter geistlicher Lieder, vertonte ihn zu einem viel gesungenen Lied. Es ist ein Lied vom Teilen. Und es ist eine Deutung von Brotvermehrung, wie sie ebenfalls täglich stattfinden könnte – und auch stattfindet. Nach dieser Deutung hat Jesus das Brot nicht vermehrt. Er hat lediglich seine eigenen Vorräte geöffnet, hat von dem weitergegeben, was er für sich dabei hatte. Das wirkte ansteckend. Nach und nach holten alle die Speisen, die sie für sich dabei hatten, heraus und teilten sie. Und siehe: nicht nur alle wurden satt, es blieb sogar noch reichlich übrig! Das Geheimnis solcher Brotvermehrung heißt: teilen! »Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt!«

Solche Brotvermehrung ist auch heute möglich – und not-wendig! Ich muss nicht Brot vermehren, ich muss nur anfangen zu teilen. Dann ist für alle genug da! Das aber ist ein Wunder, das nicht durch eine materielle Vermehrung von Brot geschieht. Es ist ein Wunder, das im Herzen des Menschen seinen Anfang nimmt: Ich öffne mein Herz für die Not des anderen. Dazu muss ich aber zunächst einmal die Not der anderen sehen. Wer nicht sieht, kann sich auch nicht angesprochen fühlen. So fängt ja auch das Wunder der Brotvermehrung an, das uns Johannes erzählt: Jesus blickte auf und sah! Was ich sehe, das kann mir auch zu Herzen gehen. Um sehen zu können, muss ich aufblicken, meinen Blick lösen von dem, was direkt um mich ist und weiter blicken. Wer aufblickt, sieht mehr. So fängt das Wunder der Brotvermehrung durch teilen damit an, dass ich meinen Blick weite, meinen engen Horizont durchbreche und sehe. Dieses Wunder nimmt seinen Anfang bei den Augen die sehen, die das Gesehene zum Herzen weiterleiten, das sich berühren lässt.

… und die zwölf Körbe voll?

Eine bedrängende Frage bleibt am Ende offen: Was geschieht mit dem, was übrigbleibt und zwölf Körbe füllt? Davon erzählt das Evangelium nichts. Vielleicht, um uns nachdenklich zu machen. Welchen Sinn hat eine Brotvermehrung, wenn man am Ende zwölf Körbe gefüllt mit Resten – wertvollen Lebensmitteln – wegwirft?

Hier ist unsere Fantasie gefragt und gewünscht. Was tun wir mit dem, was übrig ist? Ab in den Müll? Vernichten? Das darf es ja wohl nicht sein! Noch einmal teilen: Jeder nimmt von den Resten mit nach Hause, damit nichts verkommt? Das ist mit Sicherheit der bessere Weg.

Oder – Jesus, das soll keine Kritik an Dir sein! – von vornherein etwas weniger an Wunder, weniger produzieren, damit keine Reste bleiben? Die Antwort, liebe Schwestern und Brüder, überlasse ich Ihnen, Ihrer Fantasie und Ihrem Verantwortungsbewusstsein.

Heribert Arens

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