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Leseprobe 1
Vierter Fastensonntag
II. Der Himmel kniet nieder (Eph 2,4–10)
Hoffen, dass alle Menschen gerettet werden

»Ich weiß nicht, ob der Himmel niederkniet, wenn man zu schwach ist, um hinaufzukommen?«1
Wieviel an letzter Hoffnung, aber auch an Angst vor Enttäuschung stecken in diesem Wort von Christine Lavant. Ich weiß nicht, ob der Himmel niederkniet, wenn man zu schwach ist, um hinaufzukommen.

Ich kenne diese Frage gut; denn in der Seelsorge begegnen mir immer wieder Menschen, die diese Frage ebenfalls stellen: Weil sie ihre selbstgesteckten Ziele in Bezug auf Glaube und Leben nicht erreicht haben und deshalb befürchten, vor Gott einmal mit leeren Händen dazustehen.

Wie dankbar sind etwa auch Angehörige, wenn ich ihnen beim Begräbnis zu ihrer Entlastung sagen kann: Der Himmel kniet sich auch für ihren Verstorbenen nieder, der nach menschlichen Maßstäben vielleicht zu schwach war, um hinaufzukommen.

Das soll kein billiger Trost sein – und für mich persönlich kein Freibrief in meinen Unzulänglichkeiten! Ich fühle mich vielmehr diesem großzügigen Wort verpflichtet: »Es besteht die moralische Pflicht zu hoffen, dass alle Menschen gerettet werden.«2

Das Evangelium von der Gnade Gottes bezeugen (Apg 20,24)


Es ist eine Fortführung der Lebensaufgabe des Apostels Paulus, die er selber am Ende seines Weges formuliert hat. Als er nämlich am Ende seiner letzten Missionsreise auf dem Heimweg nach Jerusalem ist, lässt er im Hafen von Milet die Ältesten der Gemeinde von Ephesus zusammenkommen, um vor ihnen im Rückblick auf seinen Einsatz für Christus und sein Evangelium das Bekenntnis abzulegen: »Ich will mit keinem Wort mein Leben wichtig nehmen, wenn ich nur meinen Lauf vollende und den Dienst erfülle, der mir von Jesus, dem Herrn, übertragen wurde: Das Evangelium von der Gnade Gottes zu bezeugen.« (Apg 20,24)

In seinem Brief an die Gemeinde in Ephesus spricht Paulus heute von dieser Gnade Gottes, der er sich in seiner Verkündigung verpflichtet sah und die darin besteht, »dass in Christus das Leben Gottes sich für uns öffnet, auf dass wir (…) in die Lebensgemeinschaft des dreifaltigen Gottes einbezogen werden.«3

Keine hin und wieder gönnerhaft gewährten Freundlichkeiten, sondern die ganz große Gnade: »Gott, der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht.« (Eph 2,4–5)

Aus Angst vor der Hölle wird Vertrauen in die Gnade


In der Pfarrkirche St. Barbara in Abensberg (Landkreis Kelheim) habe ich vor Augen, dass aber gerade oft das Gegenteil verkündet worden ist: An der Brüstung der Empore befindet sich ein Fresko aus dem 16. Jahrhundert, das den Tag des Jüngsten Gerichts darstellt: Ein riesiges Ungeheuer verschlingt die Verstoßenen und Feuer zeigt die Seelenqualen an, mit denen die Menschen für ihre Sünden und Fehltritte büßen müssen.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts, zur Entstehungszeit dieses Freskos, ist das ein großes Thema – nicht nur für ein paar Theologen, sondern auch unter den Gläubigen. Die Hölle – sie wird in grellen Farben ausgemalt. Angst breitet sich aus; es ist die Angst vor Gott, einem unbarmherzigen Richter ›Gnadenlos‹. In dieser Zeit lebt Martin Luther. Auch er fürchtet sich vor der ewigen Verdammnis, die am Ende der Zeiten droht. Und so stellt er sich in seiner Verzweiflung immer wieder diese berühmte Frage: »Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?«

Etwa 350 Jahre später liegt in Paris ein Mann im Sterben – der Schriftsteller Heinrich Heine. Ein Freund überliefert die letzten Augenblicke: Seine Frau Mathilde kniet an seinem Bett und betet zu Gott, dass er ihm alle Sünden verzeihen möge.

Als er das bemerkt, unterbricht Heine seine Frau: »Meine Liebe, sorge dich nicht. Gott wird mir schon verzeihen, denn Sünden vergeben ist doch sein Geschäft.« (»Dieu me pardonnera. C‘est son metier.«)

Gnade – Hauptwort des Glaubens »Wie – um Himmels Willen – bekomme ich einen gnädigen Gott?« oder »Gott wird mir schon verzeihen, denn Sünden vergeben ist ja sein Geschäft!«

Zwei so gegensätzliche Haltungen – schiere Verzweiflung und spöttische Gleichgültigkeit! Den Ausweg daraus beschreibt uns der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Ephesus.

Das Wort »Gnade« ist in diesen Zeilen das Hauptwort – und »Gnade« ist auch das Hauptwort unseres Glaubens: »Aus Gnade seid ihr gerettet.« (Eph 2,5b)

»Gnade« – was so fromm klingt, ist jene Haltung Gottes, die sein Verhältnis zu uns Menschen am besten beschreibt. Denn bei diesem Wort »Gnade« dürfen wir von der Sprachbedeutung her die Begriffe »Sich herunter neigen, sich zuneigen« heraushören – ein Beziehungsgeschehen. Ja, das ist mit »Gnade« gemeint: Gott neigt sich dem Menschen beinahe zärtlich zu, er schenkt dem Menschen seine Zu-Neigung.

Der Theologe Gisbert Greshake nennt das Wort »Gnade« deshalb eine Kurzformel für Gottes Handeln: »Im Begriff Gnade ist wie in einer Art »Kürzel« all das zusammengefasst, was Gott dem Menschen an Zuwendung, Liebe und Lebenserfüllung schenkt.«4

Von allem Anfang an geht er dem Menschen nach und lässt ihn trotz Schuld und Sünde nie ins Bodenlose fallen.

Auch Adam und Eva werden nicht bloßgestellt (Gen 3,21) und Kain, der seinen Bruder Abel erschlagen hat, nimmt Gott unter seinen Schutz. (Gen 4,15) Immer wieder bietet er im Lauf der Heilsgeschichte den Menschen seinen Bund an und lehrt sie durch die Propheten von ihm her das Heil zu erwarten.5

Und in Jesus von Nazaret bekommt die Zuneigung Gottes ein Gesicht. Seine Verkündigung und sein Umgang mit den Menschen lassen einen Gott erkennen, der sich nicht zu schade ist, sich hinunter zu neigen und dem Menschen Ansehen zu schenken und ihn aufzurichten.

»Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel herabgestiegen«, bekennen wir deshalb im Großen Glaubensbekenntnis.

»So sehr hat Gott die Welt geliebt …« (Joh 3,16)

Gnade wird geschenkt, Gnade kann nicht eingefordert und beansprucht werden. Denn: Liebe kann man nicht einklagen oder durch Leistung verdienen. Nicht Recht und Leistung sind deshalb zwischen Gott und Mensch bestimmend, sondern die Gnade.

»Aus Gnade seid ihr gerettet!« – Ob diese Zusage des Apostels unserem Leben als Christen nicht immer wieder ein ganz neues Vorzeichen geben könnte?! Vielleicht denken Sie in gut zwei Wochen – bei der Karfreitagsliturgie – auf dem Höhepunkt der Johannespassion an diese Gnade und Zuneigung Gottes, wenn es dort heißt: »Jesus neigte das Haupt und übergab den Geist.« (Joh 19,30) Gerade in seinem Tod am Kreuz neigt sich Jesus Christus unüberbietbar dem Menschen zu und zeigt so die ganze Liebe Gottes zum Menschen.

Erfahrene Gnade – Aufbruch in ein neues Leben


Wie sehr die Gnade Gottes immer wieder einen neuen Anfang schenken kann, mag die folgende Begebenheit deutlich machen: Von dem einstigen italienischen König Umberto I. (1844–1900) wird nämlich erzählt, dass ihm vom Justizminister das Gnadengesuch eines Verurteilten vorgelegt wurde, der zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt war. Dieser bat darum, ihm doch den Rest seiner Strafe zu erlassen. Unter das Gesuch hatte der Minister die Bemerkung geschrieben: »Gnade unmöglich, im Gefängnis zu belassen!«

Der König las das Bittgesuch aufmerksam durch, griff dann zur Feder und verschob in der Anmerkung des Ministers das Komma um ein Wort nach vorne, so dass der Satz jetzt lautete: »Gnade, unmöglich im Gefängnis zu belassen!« Unter diesen Vermerk setzte er dann sein »Genehmigt!« und damit war der Verurteilte begnadigt und frei.

Von dieser ›Kommaverschiebung‹ durch Gott leben wir Menschen; denn: »Aus Gnade sind wir gerettet.« (vgl. Eph 2,5b)

Anmerkungen

1 Christine Lavant, Es riecht nach Schnee, in: Klaus Amann, Fabjan Hafner, Doris Moser (Hg.), Dreh die Herzspindel weiter für mich. Christine Lavant zum 100. Wallstein Verlag Göttingen 2015.
2 Gefunden bei Marc Witzenbacher, in: Magnificat, Juli 2020 (das Zitat wird Joseph Ratzinger zugeschrieben; aus der Erinnerung zitiert von Thomas Söding)
3 Gisbert Greshake, Gnade – Geschenk der Freiheit. Eine Hinführung, Topos plus Verlagsgemeinschaft, Kevelaer 2004, S. 43.
4 Vgl. Artikel »Gnade« in: Christian Schütz (Hrsg.) Praktisches Lexikon der Spiritualität, Herder, Sonderausgabe 1992, Spalte 533.
5 Vgl. IV. Hochgebet, in: Die Feier der Heiligen Messe, Messbuch (Kleinausgabe), Herder Freiburg2001, S. 504.

Georg Birner

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