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Leseprobe 2
Zum Jahr der Barmherzigkeit
I. Das Leid geht uns an

Vorbemerkung der Redaktion: Anlässlich des Jahres der Barmherzigkeit ist der Kasualien-Teil des Heftes 5 dem Schwerpunktthema »Barmherzigkeit« gewidmet. Mit den unterschiedlichen Facetten wollen wir dazu beitragen, diesem Nachdenken über Barmherzigkeit einen langen Atem zu geben und nicht müde zu werden, uns in diese Lebenshaltung einzuüben.

Die erste Predigt ist eine leicht überarbeitete Fassung eines Hirtenwortes des Bischofs von Essen aus dem Januar 2016, in der er das Jahr der Barmherzigkeit und die Not geflüchteter und Asyl suchender Menschen zusammenbringt. Wir danken ihm für die Freigabe zur Veröffentlichung.

Grenzüberschreitende Not


Die unzähligen Flüchtlinge, die sich aus den Krisenregionen des Nahen Ostens und Afrikas auf den Weg nach Europa gemacht haben und auch bei uns Zuflucht und Hilfe suchen, konfrontieren uns mit der existentiellen Not ganzer Völker auf dieser Erde. Zudem ist in Europa und in unserem Land eine Krise ausgebrochen, die den Zusammenhalt und die Einheit unseres Kontinents gefährdet: Wie gehen wir um mit der Not der Welt, die plötzlich nicht mehr weit weg von uns ist, sondern unsere Grenzen überschreitet und an unsere Türen klopft? Sind wir bereit, uns der Not zu stellen, unseren Werten treu zu bleiben, auch wenn es uns ernsthaft etwas kostet? Oder verschließen wir die Augen, schotten uns ab, weil wir unsere eigene Welt so bewahren wollen, wie sie ist – um jeden Preis?

Doch während wir uns diese grundsätzlichen Fragen stellen, konfrontiert uns die Realität bereits mit sehr ernsthaften Konflikten. Konflikte, die durch die globalen Zusammenhänge nicht fern von uns sind, sondern uns konkret betreffen: Das zeigen uns die schrecklichen Attentate in Paris ebenso wie der Einsatz der Deutschen Bundeswehr in Syrien. Experten hatten damit gerechnet, aber niemand wollte es wirklich wahrhaben: Die Lage der Menschen in den Kriegs- und Krisengebieten am Rande Europas ist so aussichtslos geworden, dass eine neue Völkerwanderung kommen musste. Was sollen die Menschen auch anderes tun, wenn die Völkergemeinschaft keine Lösungen in den Konflikten vom Irak, über Syrien, Libyen bis hinein in viele afrikanische Länder findet? In den Flüchtlingslagern ist die Situation unerträglich. Es ist doch verständlich, dass sich die notleidenden Menschen auf den Weg machen, wenn sie es nur irgendwie können. Es ist für sie die einzige Chance, um vielleicht noch eine Perspektive für ihr Leben zu finden. Sie kommen nicht zu uns, weil sie irgendjemand gerufen hat – sie kommen, weil die abgrundtiefe Not sie antreibt.

Die Illusion der Abschottung

Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Navid Kermani, hat das Desinteresse der breiten Öffentlichkeit beklagt »an der schon endzeitlich anmutenden Katastrophe in jenem Osten, den wir uns durch Stacheldrahtzäune, Kriegsschiffe, Feindbilder und geistige Sichtblenden fernzuhalten versuchen«. Eindringlich erinnert er: »Nur drei Flugstunden von Frankfurt entfernt werden ganze Volksgruppen ausgerottet oder vertrieben, Mädchen versklavt, viele der wichtigsten Kulturdenkmäler der Menschheit in die Luft gesprengt, gehen Kulturen unter«. Und dann stellt er fest: »Aber wir versammeln uns und stehen erst auf, wenn die Menschen, die vor diesem Krieg fliehen, an unsere Tore klopfen« (http://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/819312/ ). Navid Kermani deckt auf, was beschämend ist: Wir nehmen die Not in der Welt meist nur beiläufig in den Nachrichten wahr. Sie ist weit weg und betrifft uns nicht persönlich. Wir spüren unsere Ohnmacht und wenden uns auch deshalb ab, weil die ungerechte Verteilung von Glück und Unglück, von Frieden und Krieg, von Reichtum und Armut auf dieser Erde uns zum Vorteil gereicht – und dadurch auch mitschuldig macht. Wir leben schon lange auf Kosten der ärmeren Welt. Aber das ist schwer auszuhalten, und darum verschließen wir lieber die Augen.

Jetzt aber geht das nicht mehr: Schonungslos führen uns die Flüchtlinge vor Augen, dass wir einer Illusion erliegen, wenn wir glauben, Krieg, Terror und Elend im Irak, in Syrien, in Afrika und anderswo gingen uns gar nichts an. In unserer globalisierten Welt rücken Kontinente, Kulturen und Nationen immer enger zusammen. Die Grenzen bislang abgeschotteter Welten brechen auf. Die Menschen des ärmeren und leidgeprüften Teils dieser Welt bleiben nicht mehr weit weg, sondern kommen zu uns.

Barmherzigkeit als Perspektivwechsel und tatkräftiges Engagement

Wir stehen vor ungeahnten Herausforderungen in unserem Land und in ganz Europa. Uns Christen kommt dabei eine besondere Verantwortung zu. Papst Franziskus mahnt uns in diesen Tagen in seinem Brief zum Welttag des Migranten und des Flüchtlings eindringlich, dass wir uns vom Beispiel und den Worten Jesu inspirieren lassen. Auf die Flüchtlingskrise gebe es nur die Antwort der Barmherzigkeit. Migranten und Flüchtlinge, so sagt Papst Franziskus, sind unsere Schwestern und Brüder. Sie aufzunehmen bedeutet, Gott selbst aufzunehmen. Es braucht die Anstrengungen der Politik in ganz Europa und darüber hinaus, um für mehr Frieden und Sicherheit, für mehr Lebens-Perspektiven in den Herkunftsländern der Flüchtlinge zu sorgen. Es braucht mehr Solidarität in Europa, mehr gemeinsame Verantwortung aller Länder, die sich den Werten der Europäischen Union verpflichtet haben. Die Lage ist aber sehr komplex. Deshalb gibt es keine einfachen und auch keine schnellen Lösungen. Unsere Verantwortung als Christen ist es deshalb, zur Besonnenheit, zu einer respektvollen Diskussionskultur und zum Zusammenhalt in unserem Land beizutragen. Wir sind ein reiches und starkes Land – darum sind wir auch gemeinsam in der Lage, diese Herausforderung zu bewältigen, ohne dabei unsere Werte und Ideale zu verraten. Ich appelliere an Sie alle, sich denjenigen zu widersetzen, die mit einfachen Parolen, bösartigen Unterstellungen, pauschaler Hetze gegen Flüchtlinge und Migranten, ehrenamtliche und berufliche Helferinnen und Helfer sowie auch gegen unsere demokratischen Politikerinnen und Politiker Stimmung machen und das Klima vergiften. Ausdrückliche appelliere ich aber auch an alle, die politisch Verantwortung tragen: Bleiben Sie besonnen und stellen Sie Ihre parteipolitischen Interessen zurück. Wir dürfen niemals vergessen, dass es hier um notleidende Menschen geht. In der Nachbarschaft Europas vollzieht sich eine humanitäre Katastrophe, die es uns Christen nicht erlaubt, so zu tun, als ginge uns das nichts an und als könnten wir einfach so weiterleben wie bisher.

Viele von uns haben das – Gott sei Dank – längst verstanden. Es beeindruckt mich, wie groß bei uns das Engagement für Flüchtlinge ist. Es gibt zahlreiche Projekte und Initiativen, vielerorts sind auch Wohnungen und andere Unterkünfte für Flüchtlinge bereitgestellt worden, unzählige Gläubige setzen sich sehr persönlich für eine freundliche und menschenwürdige Aufnahme und Begleitung der notleidenden Menschen ein. Viele Menschen engagieren sich in der Caritas, in den Pfarreien, Verbänden, Organisationen und Gemeinschaften auf vielfältige Weise, um Flüchtlinge zu unterstützen und in unserem Land für ein Klima der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft beizutragen.

Die Kirche als von Gott berufene Bewegung, die seine Barmherzigkeit bezeugt

Dennoch bin ich überzeugt, dass wir noch zu weiterem Engagement bereit sein müssen, wenn wir unserer eigenen Botschaft gerecht werden wollen. Vielleicht ist von uns jetzt verlangt, die Schwerpunkte in unserem kirchlichen Handeln zu überdenken und festgelegte Prioritäten zu verändern. Ich weiß, wie schwer das ist, weil wir doch innerhalb unserer Kirche große Aufgaben zu bewältigen haben und viele sich überfordert fühlen. Aber wenn es um notleidende Menschen geht und um die Bewältigung einer der größten Herausforderungen seit dem Zweiten Weltkrieg, dann können wir Christen uns nicht hinter unseren innerkirchlichen Themen zurückziehen. Uns wird in diesen Zeiten zugemutet, die Ernsthaftigkeit unserer christlichen Identität unter Beweis zu stellen: Wie sehr lassen wir uns von Gott berühren, der sich in den notleidenden Menschen zeigt? Sind wir wach genug, um in der derzeitigen Krisensituation unseres Landes und Europas unsere Stimme zu erheben, um die Ängste vieler besorgter Menschen ernst zu nehmen und möglichst viele zu ermutigen, mit anzupacken, um Not zu lindern? Sind wir bereit, flexibel auf die Gegenwart zu reagieren, jederzeit zu lernen und unsere Pläne den aktuellen Herausforderungen anzupassen? Begreifen wir, dass die alten Grenzen durchlässig geworden sind und die Vielfalt und Buntheit der ganzen Welt zu uns bringen?

Wir können und dürfen keine Zäune und Mauern errichten, um uns eine schwierig gewordene Welt vom Leibe zu halten. Wir können nicht so tun, als sei es möglich, unsere kleinen Lebenswelten so abzusichern und festzuhalten, dass sich nichts und niemand bei uns zu ändern bräuchte. Das gilt für die politische Wirklichkeit genauso wie für unser innerkirchliches Leben. Das Leben und die Welt sind stets in Bewegung und verändern sich. Wir dürfen aber damit rechnen, dass Gott selbst in den Bewegungen dieser Welt mitwirkt, dass ER es ist, der uns anspricht, herausfordert und verändern will. Papst Franziskus ermutigt uns dazu, eine Kirche zu werden, die sich nicht als Museum versteht, sondern als von Gott berufene Bewegung, die mitten in der Welt von heute seine Liebe und Barmherzigkeit bezeugt. Am Ende der Bischofssynode im vergangenen Oktober rief er dazu auf, »die Wirklichkeiten von heute mit den Augen Gottes zu sehen und zu deuten, um in einem historischen Moment der Entmutigung und der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und moralischen Krise, in dem das Negative vorherrscht, die Herzen der Menschen zu entzünden und mit der Flamme des Glaubens zu erleuchten«. (Ansprache an die Synodenteilnehmer. http://de.radiovaticana.va )

Lassen Sie uns Barmherzigkeit leben und in all unserem Tun zuerst den leidenden Menschen sehen! Lassen Sie uns daran glauben, dass wir mit Gottes Hilfe große Herausforderungen bewältigen können, dass wir Gegensätze überbrücken, Ängste überwinden und Konflikte lösen können. Gottes Liebe unterscheidet nicht zwischen Nationen, Kulturen, Religionen und Konfessionen – wir Menschen gehören zusammen und tragen füreinander Verantwortung.

Franz-Josef Overbeck

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