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Leseprobe 2
3. Sonntag im Jahreskreis
II. Für Fang und Fülle bürgt ein andrer (Mk 1,14–20)

Eine Begegnung am Buffet

Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind auf einem der zu Beginn eines jeden Jahres immer wieder neu über uns hereinbrechenden Neujahrsempfänge. Ein klassisch-langweiliger Stehempfang, Sie kennen niemand, müssen sich mit Smalltalk über die Zeit retten. Da kommt ein Unbekannter auf Sie zu und stellt sich vor: »Guten Tag, Müller-Lüdenscheid mein Name, Patentanwalt.« Und Sie antworten: »Guten Tag, Meier-Wattenscheid der meine, Menschenfischer.« Mit viel Glück wird Ihr Gegenüber nicht sofort die Flucht zu den Lachshäppchen am Buffet ergreifen, sondern lediglich mit einem »Ach so? Wie interessant!« seiner Irritation Ausdruck verleihen.

Dabei haben Sie doch nichts anderes getan, als den Beruf einer jeden Christin, eines jeden Christen zu benennen, der uns seit jener Begebenheit am Ufer des Sees von Galiläa vor 2000 Jahren aufgetragen ist: Menschenfischerin, Menschenfischer zu sein, das heißt von der Hoffnung zu erzählen, die uns geschenkt ist, und die frohe Botschaft vom uns nahe gekommenen Reich Gottes weiterzusagen. Und Sie haben nichts anderes getan, als jenen Christenberuf zu benennen, der einziger Daseinszweck der Kirche ist: Missionarisch in der Welt und für die Welt da zu sein; das heißt weder in der selbstgenügsamen Abkapselung des Eigenen zu verharren, noch heißt es, im listenreichen Beschwatzen den anderen zu überrumpeln und ins eigene Boot zu zerren. Sondern das heißt, sich einzumischen in die Debatten und die Nöte unserer Zeit und mit Kopf, Herz und Hand die Botschaft vom menschenfreundlichen Gott immer wieder aufs Neue weiterzusagen und mit dem eigenen Lebensbeispiel zu verlebendigen.

Ein irritierendes Bildwort, eine existentielle Zumutung

Und trotzdem: Die Irritation des Patentanwalts Müller-Lüdenscheid ist – abgesehen von der abstrusen Situation – ganz berechtigt. Denn das Bildwort vom Menschenfischer ist für uns Heutige ein sperriges, ein anstößiges und kantiges Wort. Der Evangelist Markus wählt es, weil es den Beruf der ersten Jünger aufgreift. Sie waren Fischer. Als Metapher verwendet, trifft es die Lebenswelt seiner damaligen Zuhörerinnen und Zuhörer und wird von ihnen unmittelbar verstanden.

Uns aber irritiert die tiefe Zweideutigkeit des fremd gewordenen Bildes. Der Prozess des Fischens endet für den Fisch bekanntermaßen in aller Regel tödlich. Und wer ein Fangnetz auswirft, der verstrickt und umgarnt, der fesselt und zieht in seine Gewalt. Das gilt für die Netze der galiläischen Fischer wie für die Wurfnetze der römischen Gladiatoren. Das gilt aber zumindest als Gefahr ebenso für all die virtuellen wie für die gesellschaftlichen und beruf lichen Netzwerke, in denen wir uns heute bewegen.

Doch selbst dann, wenn ich die Zweideutigkeit des Bildes beiseite schiebe und versuche, das Bild vom Menschenfischer und die damit gemeinte Sache ganz positiv zu verstehen – andere einladen, mit in das Boot Christi einzusteigen und mitzumachen bei der großen Geschichte vom Reich Gottes; andern helfen, den reichen Schatz, den sie immer schon in sich tragen, zu entdecken und zu bergen – selbst dann merke ich: Das Wort vom Menschenfischer beunruhigt und verstört mich. Und wenn ich ehrlich bin, dann liegt das nicht an der Sperrigkeit des Bildes, sondern daran, dass ich Angst davor habe, mich im Ernst auf das damit Gemeinte einzulassen: Ich, ausgerechnet ich, in all meiner Zerrissenheit, mit meinen Unfertigkeiten und Halbwahrheiten? Ich – mit all dem Zweifel, den ich in mir trage? Ich – mit all den unerlösten Seiten an mir, die mir das Leben oft genug so schwer machen?

Vor allem: Wer sagt mir denn, dass ich wirklich im Namen dessen fische, der mich in Dienst nehmen will und nicht stattdessen und klammheimlich in meiner eigenen kleinen Sache? Es gibt so viele selbsternannte Menschenfischer, die auf eigene Rechnung fischen, und sie wissen es oft noch nicht einmal. Wer sagt mir denn, dass die Netze, die ich werfe, wirklich Lebens- und Beziehungsnetze, Rettungsleinen sind und keine Schlingnetze, die mein Gegenüber einschnüren, es zappeln und nach Luft schnappen lassen?

Nein, das Wort vom Menschenfischer liegt mir quer im Magen und wühlt mich auf. Aber gerade so lässt es mich auch nicht los, es treibt mich um: Was bedeutet denn der Nachfolgeruf Jesu für mich, für meinen Lebensentwurf ? Welches Gewicht darf die Sache Jesu denn tatsächlich in meinem Leben einnehmen? Wenn ich mit diesen Fragen ringe – und ich vermute, es geht Ihnen in Vielem ähnlich –, dann ist es für mich gut zu wissen, dass der, der mich zu Umkehr und Nachfolge ruft, nicht nur das Himmelreich verkündet, sondern es selbst in Person schon ist. Und es ist tröstlich, dass der, der mich in Dienst nimmt, immer schon selbst als der Diener aller voran geht.

Von der Vorgängigkeit der Gnade


Denn schauen wir noch mal genau auf das Evangelium vom heutigen Tag: Noch bevor Simon und Andreas, Jakobus und Johannes losziehen und zu verkündigen beginnen, ist in der Person Jesu schon jenes Licht Mensch geworden, das auch das finsterste Schattenreich des Todes taghell machen wird. Es hängt also nicht allein an Simon und Andreas und nicht an Jakobus und Johannes – und es hängt auch nicht allein an mir und an uns. Das Reich Gottes ist schon da und mitten unter uns, weil Gott selbst da ist und Mensch geworden ist, einer von uns und uns zum Heil. Vorgängig zu unserem Tun sind wir doch schon als Gottes geliebte Kinder angenommen. Eben diese Bedingungslosigkeit und Unbedingtheit der Heilszusage Gottes ist mit dem altertümlichen Wort Gnade gemeint, und eben das ist auch die tiefe, alles umstürzende Befreiungserfahrung des jungen Luther: Du bist gerechtfertigt, von Gott gerecht gesprochen vor allen deinen Werken!

Der Evangelist Markus bringt das Gemeinte kurz und knapp auf den Punkt: »Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!« Diese wenigen Worte sind die Überschrift und zugleich die Zusammenfassung, die Markus seiner Niederschrift der gesamten Jesusgeschichte voranstellt. Das Reich Gottes ist unmittelbar nahe – das ist Grund und Gehalt des ganzen Evangeliums, und die Person Jesu Christi als das Reich Gottes in Person ist die zentrale (Selbst-)Gabe Gottes an uns. Doch – um einen Gedanken des Bonner Theologen Karl-Heinz Menke aufzugreifen – diese Gabe Gottes wird von uns nur recht empfangen im Modus ihrer Weitergabe, im Modus also der Selbstgabe des Empfangenden. Deshalb der sich unmittelbar anschließende Ruf zur Umkehr. Eines freilich ist in diesem gott-menschlichen Beziehungsgefüge entscheidend: Der Indikativ des Handelns Gottes steht immer vor dem Imperativ des Umkehrrufs. Die Initiative liegt bei Gott. Je neu.

Die existentielle Dimension dieser Reihung bringt der Evangelist Matthäus, der die Markusperikope in sein Evangelium aufnimmt, mit Hilfe eines Zitates aus dem Buch des Propheten Jesaja zum Klingen: »Das Volk, das im Dunkeln lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen« (Mt 4,16; vgl. Jes 9,1). Gottes zuvorkommende, bedingungs- und grundlose Initiative ist es, die unsere Nächte hell und unsere Dunkelheiten lichterfüllt werden lässt. Vorgängig zu unserem Tun und Entscheiden hat er schon alle Schattenreiche des Todes mit seinem Licht ins Leben verwandelt. Deshalb jubelt Jesaja im direkten Anschluss (vgl. Jes 9,3): Gott zerbricht das drückende Joch, das Tragholz auf der Schulter und den Stock des Treibers. Wir dürfen darauf vertrauen, dass diese Verheißung sich in Christus erfüllt hat, auch dann, wenn wir weiterhin die Wassereimer unserer Ängste und Nöte auf den Schultern spüren werden, auch dann, wenn wir noch manche Todeserfahrung machen werden.

So leben wir als Christinnen und Christen in einer paradoxen Doppelsituation, in einer Zeit des »Jetzt« und des »auch Jetzt«: Jetzt ist die Zeit der Gnade, in der ich mich ganz und gar angenommen wissen darf, und jetzt ist die Zeit, in der es zu ringen und sich zu entscheiden gilt. Jetzt ist die Zeit der Gegenwart des Himmelreiches, in der ich befreit und getragen bin, und jetzt ist die Zeit, in der es sich zu engagieren, zu widerstreiten und sich der Not entgegenzustemmen gilt.

Ein Menschenfischer, eine Menschenfischerin sein …

Wenn ich den Mut habe, mir das zusprechen zu lassen, dann – so glaube ich – verliert auch das Bild vom Menschenfischer etwas von seiner Anstößigkeit, dann wird es leichter, ihm im eigenen Leben Raum zu geben. Denn beides, das Wort des Trostes und der Heilszusage einerseits und das Wort von Umkehr und Nachfolge, das Wort vom Menschenfischer andererseits – beides gehört zusammen und bedingt sich gegenseitig; keines kann ohne das andere sein.

Das Trostwort ohne Umkehr und Nachfolge verkommt zur bloßen Selbstbeschwichtigung und wird letztlich zum frommen Selbstbetrug, zur Lebenslüge. Und der Umkehr- und Nachfolgeruf ohne die vorgängige Heilszusage führt zu Selbstüberforderung und mündet letztlich im zerstörerischen Versuch, aus eigener Kraft die Erlösung zu schaffen. Entscheidend ist aber: Das erste dieser beiden Worte ist immer das des Trostes. Die Zusage des Heils durch und in Jesus Christus hat in allem den Primat. Erst danach kommt das Wort vom Menschenfischer. Es umreißt nur den je eigenen Modus der Annahme der Heilsbotschaft, nicht mehr, aber auch nicht weniger. So gilt nicht mehr: Du musst, weil du sollst (und ansonsten großen Ärger bekommst); sondern es gilt: Du darfst, weil du kannst! Du bist erlöst, befreit und angenommen, und deshalb darfst du das Wort von der Erlösung und Befreiung, das Wort vom großen, die ganze Welt umspannenden Generalpardon weitersagen. Du darfst und du kannst das Netz auswerfen, weil du selbst erfahren hast, dass es trägt und heilt.

Du darfst und du kannst das Netz auswerfen, weil es nicht dein eigenes Netz ist, sondern das Netz dessen, der all unser Todesdunkel und all unsere Abgründe taghell geliebt hat. Du kannst und du darfst das Netz auswerfen, weil es nicht einengt und gefangen nimmt, sondern weil es so weit ist, dass die ganze Welt darin Platz und Heimat findet.

Wenn wir also einmal davon ausgehen, dass der eingangs erwähnte Patentanwalt namens Müller-Lüdenscheid nicht panisch die Flucht ergriffen, sondern kritisch und irritiert nachgefragt hat, was das denn sei, ein Menschenfischer, eine Menschenfischerin, dann könnten wir ihm vielleicht antworten:

Eine Menschenfischerin ist eine, die etwas erfahren hat; eine, der etwas widerfahren ist. Ein Menschenfischer ist ein von Gott Gezeichneter. Eine, die verzeiht, weil ihr verziehen wurde. Eine, die Mut macht, weil ihr in ihre Ängstlichkeit hinein Mut zugesprochen wurde.

Ein zum Glauben Einladender, weil er sich in seinen eigenen Zweifeln getragen weiß. Eine die Hoffnung Bestärkende, weil ihr eine Verheißung geschenkt ist. Ein die Liebe Verschenkender, weil er selbst sich geliebt wissen darf – auch und gerade in jenen Dunkelheiten und Abgründen, in denen ihm all das als hohl und schal zu zerrinnen scheint.

Vor allem aber ist ein Menschenfischer einer, der weiß: Für Fang und Fülle bürgt ein anderer, Größerer. Er will uns gut. Uns kommt es nur zu, ihm nicht allzu sehr im Wege zu stehen.

Matthias Reményi

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