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Leseprobe 1
26. Sonntag im Jahreskreis – 28. September 2014
IV. Lesepredigt: Angelus und Angela (thematisch)
In der kommenden Woche begeht die Kirche gleich zwei Engelfeste: Am 29. September feiert sie das Fest der Erzengel Michael, Gabriel und Raphael und am 2. Oktober das Fest der heiligen Schutzengel.

Manche tun sich schwer mit Engeln, mit den kleinen dicken Putti nicht weniger als mit dem martialisch bewaffneten Erzengel Michael auf ungezählten Heldendenkmälern.

Wir kennen »gelbe Engel« als Pannenhelfer auf den Straßen und Autobahnen, »blaue Engel« als Aufkleber auf angeblich besonders umweltverträglichen Produkten und »Engelmacher« in der Abtreibungsindustrie. Musikliebhaber kennen das Abendlied aus Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel »Vierzehn Englein um mich stehn«.

Sind Engel der aufgeklärten Vorstellung eines modernen Menschen zumutbar? Auf den Radarschirmen und Hubbleteleskopen dieser Welt wird wohl kaum ein gefiederter, beflügelter interstellarer Segler in Menschengestalt erfasst. Engel werden in der theologischen Tradition als nichtmenschliche, aber als personale und geistbegabte Geschöpfe Gottes gedacht. Ich muss gestehen, dass ich das endliche bisschen Geist, auf das wir Menschen uns so unendlich viel einbilden, nicht für das Nonplusultra des Geistes in diesem Kosmos halte. Da sind noch unendliche Dimensionen des Geistigen möglich und gänzlich unerschlossen. Ich halte es also für ziemlich unwahrscheinlich, dass es keine anderen geistbegabten personalen Wesen, von uns Engel genannt, in diesem Kosmos geben sollte.

Das Wort Engel kommt vom lateinischen »Angelus« und bedeutet so viel wie Bote. Genauer: Engel sind Boten Gottes. Und das gilt für alle Engel, gleich ob Erz- oder Schutzengel, sie sind Boten aus einer anderen Welt, aber Boten für diese Welt. Die Menschen früherer Jahrhunderte haben sich Gott hoch über der Erde im Himmel vorgestellt. Das führte auch dazu, dass seine Boten den gewaltigen Abgrund zwischen Gott hoch oben im Himmel und uns Menschen tief unten auf der Erde überbrücken mussten. So hat die christliche Ikonographie Engel erschaffen als Menschen mit Flügeln: als Menschen, damit sie sich uns Menschen menschlich verständlich machen können, mit Flügeln, damit sie den Abgrund zwischen Gott und Mensch bewältigen können. Dieses himmlische Federvieh ist aber nur eine Vorstellungshilfe aus früheren Jahrhunderten und keine Vorstellungsverpflichtung für uns heute.

Die Erzengel haben symbolträchtige Namen: Michael bedeutet »Wer ist wie Gott?«, Raphael »Gott heilt«, Gabriel »Diener Gottes.« Immer steckt in ihrem Namen der Name Gottes El, die Kurzform für Elohim. Sie sind Boten aus einer anderen Welt, der Welt Gottes, aber Boten für diese Welt, die Welt des Menschen. Mit ihnen kommt Gott ins Spiel.

Neulich sah ich das neue, bei einem Unfall völlig zerstörte Auto eines Studenten aus unserer Gemeinde. Aus diesem Haufen Schrott ist er, geschockt zwar, aber doch völlig unversehrt ausgestiegen. Hinter der geborstenen Frontscheibe an der Rückspiegelhalterung baumelte noch sein Rosenkranz. Mein erster Gedanke: Der hatte einen guten Schutzengel.

Der Schutzengel ist kein gouvernantenhaftes Federvieh zur Kontrolle und Überprüfung unserer Unbotmäßigkeiten. Das Bild vom Schutzengel könnte zweierlei sein. Es ist ein Sehnsuchtsbild unserer Seele, dass wir bewahrt seien vor allem Bösen, das uns von außen bedroht, und ein Sehnsuchtsbild dafür, dass wir selber gewissenhaft-innerlich gewarnt seien davor, anderen Böses anzutun. Es ist ein Sehnsuchtsbild unserer Seele, dass Gott ganz individuell einem jeden von uns einen Helfer, einen Ratgeber, einen Beschützer mitgibt auf den manchmal heillosen Wegen dieses gebrechlichen Lebens, damit wir den Weg zum Heil und zum Leben in Fülle finden.

Vor allen Spekulationen über Engel und über das Gesagte hinaus glaube ich aber auch, dass wir selbst auch Boten Gottes sein können, sein dürfen, sein sollen, eben Engel in Menschengestalt. Wir brauchen in dieser Welt menschliche Schutzengel, also geist- und liebevolle Wesen für die Alten und Dementen, Schutzengel für die verhungernden, für die zur Abtreibung freigegebenen und die behinderten Kinder in einer satten und egozentrischen Welt. Wir sind Boten Gottes, die – auch ohne Flügel – die Schutzlosen unter ihre Fittiche nehmen können.

Wir brauchen auch menschliche Erzengel. Wo Auseinandersetzungen anstehen, da helfen keine Rauschgoldengel, sondern nur Erzengel, die mit erzener Haltung einstehen für die Wahrheit, die Gerechtigkeit und die Freiheit. Wir brauchen menschliche Friedensengel, d. h. geist- und liebevolle Wesen an den verminten und mit Stacheldraht verwickelten Demarkationslinien dieser Welt, Friedensengel vor den Ghettos, den Abschiebelagern und vor den Militärposten dieser Welt, Friedensengel an den Gartenzäunen zerstrittener Nachbarn.

Wir sind es, die Gottes Heilswillen, Gottes Güte, Gottes Menschlichkeit hörbar, sichtbar, verstehbar und erfahrbar machen können, machen dürfen und machen sollen. Auch wir sind Boten Gottes, mit einem mitfühlenden Herzen, mit hilfsbereiten Händen und mit einem geistvollen Hirn. Auch durch uns, ob als Angelus oder Angela, wird die Botschaft von Gottes himmelweiter und erdennaher Menschlichkeit in Wort und Tat verstehbar.

Ulrich Lüke

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