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Leseprobe 1
Zweiunddreißigster Sonntag – 06. November 2011
I. Christliches Zeitmanagement (Mt 25,1–13)

Zielsatz: Wir sollen aufmerksam werden für die Bedeutung der Zeit in unserer Lebensgestaltung.
Wer zu spät kommt …
Auf den ersten Blick ist das Evangelium am Ende des Kirchenjahres eine klare und gut strukturierte Gleichniserzählung. Da wird erzählt von zehn Brautjungfern, die eingeladen sind, den feierlichen Hochzeitszug zu begleiten … Trotz mancher stammes- und ortsgeschichtlicher Unterschiede deckt sich das Szenarium weitgehend mit Bräuchen, wie sie heute noch im Orient anzutreffen sind. »Die Braut wartet in ihrem elterlichen Haus bis der Bräutigam mit seinen Freunden kommt, um sie abzuholen und in festlichem Zug in sein eigenes Haus zu führen, wo die Segnung der Ehe und das Hochzeitsmahl stattfindet« (Kahlefeld, S. 134). Dabei spielt natürlich die festliche Begleitung durch die Brautjungfern eine wichtige Rolle.
Doch die Ankunft des Bräutigams verzögert sich. Die Brautjungfern schlafen darüber ein. Als der Bräutigam erscheint, stellen fünf Brautjungfern erschreckt fest, dass sie nicht genügend Öl dabei haben, um ihre Lampen nachzufüllen. Ihr Wunsch, bei den Jungfern, die entsprechend vorgesorgt haben, Öl auszuleihen, wird ausgeschlagen. Während sie bei den Krämern sind, um Öl nachzukaufen, kommt der Bräutigam und führt die Braut in festlichem, von Fackeln und Lampen erhelltem Zug zum Hochzeitshaus.
Die unachtsamen, vertrauensseligen Brautjungfern verpassen den Hochzeitszug. Als sie beim Hochzeitshaus eintreffen, sind sie ausgesperrt. Das Tor ist verriegelt, das Fest findet ohne sie statt. Durch ihre Unachtsamkeit und ihren Leichtsinn verpassen sie das Fest.
So wird das Gleichnis zu einem anschaulichen Beispiel für die in unseren Tagen zum geflügelten Wort gewordene Mahnung von Michael Gorbatschov an die damalige DDR-Führung in der Wendezeit: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.« Und das mahnt schließlich auch uns alle, den Ruf der Stunde nicht zu überhören und die Zeichen der Zeit nicht zu übersehen.

Vom Gleichnis von der angebrochenen Gottesherrschaft zum Gleichnis von der Wiederkunft Christi
Es spricht sogar einiges dafür, dass beim Weitererzählen des Gleichnisses in der frühen Kirche die Zeitdimension noch mehr in den Mittelpunkt rückte. Die Bibelkundigen weisen darauf hin, dass bei der Gleichniserzählung, wie sie sich beim Evangelisten Matthäus findet, der Anfang nicht recht zum Ende passt. Am Anfang heißt es: Dann wird es mit dem Himmelreich sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen … Und am Ende heißt es: Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.
Diese und einige andere Beobachtungen legen nahe, dass das Gleichnis ursprünglich in die Reihe der Gleichnisse zählt, mit denen Jesus seine jüdischen Zeitgenossen mit einem »Weckruf« für seine zentrale Botschaft gewinnen wollte: Die Zeit ist erfüllt. Die lang ersehnte Gottesherrschaft in unserer Welt ist angebrochen. Unspektakulär. Unscheinbar. Deshalb sollen sie mit wachen Sinnen und wachem Herzen die Spuren der Gottesherrschaft in unserem Leben entdecken. Das Matthäusevangelium gibt dem Gleichnis einen neuen Akzent: Aus dem Weckruf wird ein Gleichnis von der Wiederkunft Christi am Ende der Zeit. Im Hintergrund dieser Akzentverschiebung steht wohl die irritierende Erfahrung der ersten Christen, dass sich die bald erwartete Wiederkunft Christi hinauszögert. Wie sehr man trotzdem an dieser Erwartung festhält, wird daran sichtbar, dass im Westchor vieler romanischer und gotischer Kirchen das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen in Stein gemeißelt verewigt ist.

Drei Illusionen
Die Frage nach der Wiederkunft Christi hat sich in der Christenheit im Laufe der Jahrhunderte abgeschliffen. Sie ist dennoch bleibend aktuell, nur dass wir uns in unserer Glaubenshoffnung auf neue Perspektiven einstellen müssen.
Im Gespräch mit einem Freund, der sich eingehend mit dem Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen befasst hat, brachte er mich auf die Spur von drei Illusionen und Versuchungen, vor denen Christen bis auf den heutigen Tag nicht gefeit sind. Es geht dabei um unser Verständnis von Zeit und unsere Grundeinstellung zur Zeit.
Die erste Illusion geht davon aus: Die Zeit ist kurz. Es lohnt gar nicht mehr, irgendwelche Vorsorge zu treffen. Das ist die Haltung der Leute, die an den Straßenecken stehen mit dem Slogan: Das Ende ist nahe. Und manche von ihnen glauben sogar, das Ende der Welt auf den Tag genau vorhersagen zu können. Sie sitzen sozusagen schon auf den Koffern, um bereit zu sein für die große Zeitenwende.
Jesus hat eindringlich gewarnt vor einem solchen Drang, Gott in die Karten schauen zu wollen. Wie es mit unserer Welt zu Ende gehen wird, wie und wann der neue Himmel und die neue Erde heraufkommen werden, weiß niemand außer Gott. Nur er weiß den Tag und die Stunde. Für uns gilt: die adventliche Erwartung bewahren und uns trotzdem den täglichen Herausforderungen stellen.
Die zweite Illusion besteht in der Erwartung: Die Zeit ist lang. Wir haben noch alle Zeit der Welt. Es wird alles ewig und drei Tage so weitergehen. Das ist in etwa auch das Lebensmotto der fünf törichten Jungfrauen in unserem Gleichnis. Sie meinen, man kann ja alles noch nachkaufen.
Die Heilige Schrift sagt uns: Alles hat seine Zeit. Man kann den richtigen Zeitpunkt verpassen. Jesus spricht von einer Gnadenzeit, die Gott uns Menschen gewährt. Es gilt, diese Chance beim Schopf zu packen.
Und schließlich gibt es noch eine dritte Illusion, eine dritte Selbsttäuschung. Es ist die Einstellung, in der wir uns darauf verlassen, dass andere uns vertreten und für uns einspringen. Das sind die Brautjungfern in dem Gleichnis, die meinen, dass die anderen ihnen von ihrem Öl abgeben werden.
Gewiss kann man sich in vielen Dingen und Bereichen vertreten lassen. Aber in den Grundentscheidungen unseres Lebens sind wir selbst gefordert: Um das Öl, das uns Licht, Wärme und Geborgenheit schenkt, müssen wir uns vor allem auch selbst kümmern. Die Bereitschaft, Gott und den Mitmenschen einfühlsam und vertrauensvoll zu begegnen, können wir nicht an andere delegieren.

Zeit ist kostbar
So mag uns am Ende des Kirchenjahres das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen wichtige Fingerzeige geben für die Gestaltung unseres Lebens als Christen und nachdenkliche Menschen.
Von einem englischen Philosophen stammt das Wort: »Zeit ist das, was passiert, wenn sonst nichts passiert.« Das suggeriert die Vorstellung von einer ereignis- und im Grunde bedeutungslosen Grundbefindlichkeit unseres Lebens. Im Gegenteil tun wir gut daran, Zeit als ein kostbares Gut zu sehen, das wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen dürfen. Das wird ja auch jedem von uns klar, je älter wir werden.

Leo Zirker

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