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Leseprobe 1
Fronleichnam – 22. Mai 2008
I. »… wahrhaftig hier zugegen ist« (thematisch)

Zielsatz: In der feierlichen Fronleichnamsprozession sollen die Hörerinnen und Hörer das Zeichen erkennen, das die Gegenwart Jesu Christi in die Alltäglichkeit des Lebens einziehen will.


Rundherum prächtig und prachtvoll
»Das Heil der Welt, Herr Jesus Christ, wahrhaftig hier zugegen ist«, singen an vielen Orten die Gläubigen heute am Fronleichnamsfest. Weit über das Land, in unzähligen Städten und Dörfern erschallen Posaunen und Trompeten. Blumenteppiche sind ausgebreitet. Weihrauchduft steigt in die Nase. Manche Straßen und Wege sind gesäumt mit frischem Grün. Fahnen knattern im Wind.
Mit großem Aufgebot und Aufwand zogen früher und ziehen mancherorts heute noch Diakone, Priester, Ordensleute und Messdiener durch Stadt und Flur. Sie werden begleitet von Honoratioren und Erstkommunikanten, Gruppen von Frauen und Männern, geordnet nach Ständen, Verbänden, Bruderschaften und Vereinen.
Betend und singend begleiten sie durch festlich geschmückte Straßen das Allerheiligste. – Ein rundherum prächtiges und prachtvolles Fest.

Ausgezogen…
Als Bischof Rafael Lim (1931–1998) von den Philippinen einmal in Deutschland war, erzählte er folgende Geschichte:
»Ich hatte mich mit Menschen aus Basisgemeinschaften meines Bistums getroffen; wir sprachen über Gott und die Welt. Als ich zum Abschlussgottesdienst in die Kirche einzog, kamen Leute auf mich zu, nahmen mir Mitra, Stab, Ring und Messgewand ab und kleideten mich neu ein, statt der Mitra mit einem Strohhut wie ihn die einfachen Bauern tragen; sie gaben mir einen Bambusstecken anstelle meines Bischofsstabes und hängten mir den einfachen Umhang der Armen um die Schultern. Zum Schluss tauschten sie das Bischofskreuz durch ein schlichtes Bambuskreuz aus.«

Anziehend…
Der Bischof war erschrocken und verwirrt. »Was ist in die Menschen gefahren?«, dachte er. Die Landarbeiter sagten ihrem verdutzten Oberhirten, dass sie ihn nicht hatten beleidigen wollen: »Wir wollten dir nur zeigen, wie die Kirche sein soll: eine Kirche, die uns versteht, die zu uns gehört, zu unseren Angehörigen, zu unseren Dörfern mit ihren Feldern und Gärten, Geschäften und Wohnungen, mit den Krankenlagern und Arbeitsstätten; zu der wir uns hingezogen fühlen.«
Dieses Erlebnis hatte den Bischof zutiefst bewegt.

Glauben und Leben in der Feier verbinden

Die Gläubigen hatten etwas gespürt, was dem Bischof – und vielleicht auch ihnen selbst – erst durch ihr ungewöhnliches Handeln bewusst wurde: Sie wollten das, was bei ihren Beratungen herausgekommen war, in der Eucharistie feiern. Da empfanden sie plötzlich eine schmerzliche Grenze. Die feierlichen Formen und Handlungen, die sie sonst so liebten, standen auf einmal wie eine Barriere zwischen ihnen und den Alltagssorgen und -freuden auf der einen und dem geliebten Bischof und dem Gottesdienst auf der anderen Seite.
Die feierliche Messe geriet für sie in Gefahr, die Verbindung mit ihrem Leben, mit ihren Sorgen und Nöten zu verlieren.

Gehet hin in die Welt
Als ich diese Geschichte hörte, hatte ich auf einmal unsere Fronleichnams­prozessionen vor Augen.
Am Fest des Herrenleibes, das bedeutet nämlich das mittelalterliche Wort »fron-leichnam«, feiern wir die Gegenwart unseres Herrn nicht nur innerhalb der Kirchenmauern. Wir sind froh und dankbar, dass wir ihn in der Gestalt des Brotes auch auf die Straßen und Plätze unserer Dörfer und Städte tragen dürfen, und wir bitten ihn, in unsere Alltäglichkeit einzuziehen. In diesem Sinne begleitet er uns bei allem, was unser tägliches Leben ausmacht. Wir ziehen mit ihm über Wege und Straßen, die wir täglich gehen, wir führen ihn zu den Häusern, in denen sich unser Leben abspielt.
Er begleitet uns zu unseren Kindergärten und Schulen, Krankenhäusern und Altenheimen, Wirtschaften und Geschäften, Wohnungen und Arbeitsplätzen. Wir ziehen mit ihm zu unseren Gesunden und Kranken; wir bringen ihn dahin, wo wir leiden, lachen, feiern und trauern.

Ein sehnlicher Wunsch wird wahr
Dieses besondere Fest verdanken wir einer besonderen Frau: der hartnäckigen und überzeugenden Juliana von Lüttich. Sie wollte die Gegenwart Jesu im alltäglichen Leben betonen, sie war fest davon überzeugt, dass es keine Trennung zwischen dem Alltagsleben und der Gegenwart Jesu Christi geben darf. Sie lebte vor etwa achthundert Jahren. Ihr Todestag (5. 4. 1258) jährte sich vor wenigen Wochen zum 750-sten Mal. Juliana verehrte in besonderer Weise die heilige Speise der Eucharistie. Täglich, so wird berichtet, wollte sie Leib und Blut Christi empfangen. Aber das war zu ihrer Zeit nicht üblich.
Oft dachte sie an die Einsetzung dieses Sakramentes mit den Worten: »Nehmet und esset, nehmet und trinket alle!« Bald bedeutete ihr diese wichtige Einladung Jesu mehr als nur den Hinweis auf eine Wegzehrung, auf eine Stärkung auf dem Lebensweg. Davon war in der ersten Lesung die Rede, in der Gott für das hungernde Volk Brot vom Himmel regnen ließ.
Jesu Worte reichten für Juliana weiter; in ihrer Sicht bedeuten sie, dass er selbst teilhaben will an unserem tagtäglichen Leben, an unseren Sorgen und Nöten, an unserem Lachen, Feiern und Trauern. Dass er nicht nur mit oder neben uns an den Krankenlagern und Arbeitsstätten, in unseren Schulen und Geschäften stehen mag, sondern in uns selbst leben möchte.
In einer Vision wurde ihr deutlich, dass wir ein eigenes Erinnerungsfest an das wunderbare Geschenk des Gründonnerstages dringend nötig haben. An diesem Tag vor dem Karfreitag kann die Christenheit nicht mit Pauken und Trompeten feiern und das Glück der Menschwerdung laut verkünden, Jubelfeiern wären wegen der Passionswoche unangebracht. Es muss ein eigenes Fest außerhalb dieser Leidenszeit geben! Davon war Juliana überzeugt.
Sie ließ nicht locker. Sechs Jahre nach ihrem Tode im Jahre 1264 schrieb Papst Urban IV. dann dieses Erinnerungsfest Fronleichnam in den kirchlichen Kalender und verfügte, dass es am Donnerstag nach dem Dreifaltigkeitssonntag gefeiert wird.

Du sollst an den ganzen Weg denken!
Seither zieht das wandernde Gottesvolk an diesem Tag durch Stadt und Land, durch die Zeit auf dem Weg in die Ewigkeit heim in das himmlische Jerusalem.
Gott sei Dank sind die Zeiten vorbei, in denen das Fest als katholische Demonstration gegen Andersgläubige missbraucht wurde. An manchen Orten feiern inzwischen auch evangelische Christinnen und Christen dieses Fest mit.
In der Lesung dieses Tages mahnt Mose das Volk: »Du sollst an den ganzen Weg denken!« Er erinnert daran, dass er »dich mit dem Manna gespeist hat, das du nicht kanntest«. Wir können ergänzen: der Herr ist auf Schritt und Tritt bei uns, nicht nur an den feierlichen und glücklichen Stationen auf unserem Weg, als Speise geht er mit uns und gibt uns von innen her Kraft und Freude.
Wenn Bischof Lim später von seinem Erlebnis erzählte, hob er einen Gedanken besonders hervor: Er hatte in der einfachen Kirche auf dem Land erkannt, was Menschwerdung Gottes meint: »Für uns Menschen und um unseres Heiles ­willen ist er vom Himmel herabgestiegen!«

Hubert Maria Ries

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