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Leseprobe 1
Pfingsten
III. Lesepredigt: Sprachen (Gen 11,1–9; Apg 2,1–11)
Vorbemerkung der Redaktion: Die folgende Predigt kombiniert die für das Pfingstfest in den Messformularen »Am Vorabend« und »Am Tag« jeweils als erste Lesung vorgesehenen Perikopen; es wird hier also der Text aus dem Buch Genesis als erste Lesung und der Text aus der Apostelgeschichte als zweite Lesung vorausgesetzt.

»America first!« Zwei Worte nur. Doch jeder versteht sofort, was sie bedeuten: »Wir sagen, wo’s lang geht! Ist doch egal, ob die Welt den Bach runtergeht oder uns das Wasser irgendwann bis zum Halse steht! Hauptsache, wir sind oben!« Amerika zuerst – wie irrsinnig! Doch – neu ist das nicht: »Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen!« Menschlicher Größenwahn ist keine Erfindung eines amerikanischen Präsidenten. Der Drang nach oben, maßlose Selbstüberschätzung, die Gier nach Macht und Einfluss – sie sind so alt wie die Menschheit. Der Turm zu Babel erzählt bis heute davon.

Das also ist die Ausgangslage: Die selbstgefällige Sprache der Macht – sie scheint alles zu dominieren. Menschen machen sich selbst zum Maß aller Dinge. Und wollen es allen zeigen. Wird sich das denn nie ändern? Vermutlich nicht. Aber der, den manche gerne spielen – Gott –, der gibt zwischendurch schon mal eine Antwort: »Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt, und jeder hörte sie in seiner Sprache reden.« Schluss also mit dem ewigen Gekreise um sich selbst. Schluss mit dem Ausschließen anderer Stimmen. Schluss mit dem wahnsinnigen Blick nach oben, der nur dem eigenen Vorteil gilt.

Pfingsten ist die Antwort Gottes auf die zerstörerische Kraft der Potentaten, der Selbstüberschätzer, der Blender. Der menschlichen Ur-Versuchung, wie sie sich seit Babel in immer neuen Varianten zeigt – »Wir zuerst!« –, dieser Ur-Versuchung begegnet Gott mit einem Spektakel der besonderen Art: Die Kraft aus der Höhe, sein Geist, ja er selbst senkt sich herab in die verkapselten Herzen der Menschen. Er öffnet Augen und Ohren, damit sie die wirkliche Tiefe des Lebens entdecken. Und die findet sich nicht in gewaltiger Höhe. Die findet sich schon gar nicht in den Ellenbogen. Nein: Die Tiefe des Lebens findet der Mensch, der es wagt, dem anderen zu begegnen. Wirklich zu begegnen. Und das kann manchmal ganz schön verstörend sein: »Ein jeder hörte sie in seiner Sprache reden.« Das bedeutet doch: Ich lasse mir etwas sagen. Auch wenn es mir fremd vorkommt. Das bedeutet: Ich versuche zu verstehen, was der, was die andere mir sagt. Das bedeutet: Ich kann meine Meinung nicht absolut setzen. Das bedeutet: Niemand weiß alleine, wie das Leben geht. Gut, dass das dem amerikanischen Präsidenten und den anderen Egomanen mal einer sagt!

Na ja, irgendeiner hat’s denen bestimmt schon mal gesagt. Aber – Sie ahnen es bereits –, die Botschaft von Pfingsten betrifft nicht nur die da oben. Oder die, denen man mal wirklich was mit auf den Weg geben möchte. Nein, die Botschaft von Pfingsten betrifft heute erst mal uns hier. Schauen wir doch mal unsere Türme zu Babel an. Unsere festgefügten Mauern. Unseren Drang nach oben. Unsere eingeschränkte Sicht. Unsere Allmachtsphantasien. Wenn wir hier und heute um die Kraft aus der Höhe bitten, um den Geist, der unser Herz erfüllt, dann hat das Konsequenzen. Anstrengende, sicher. Aber in erster Linie – das glaube ich ganz fest –, in erster Linie hat das Befreiung, Aufbruch und gute Laune zur Folge! Ja, gute Laune! Die bräuchten wir Christen nämlich, ehrlich gesagt, ziemlich dringend! Wir können natürlich immer und immer wieder auf das schauen, was nicht mehr geht, was vergangen ist oder dabei ist zu sterben. Wir können traurig sein über den Bedeutungsverlust der Kirche in der Gesellschaft. Aber dann stehen wir wie die Babel-Turm-Erbauer vor unserem Werk und wundern uns, dass uns keiner mehr versteht.

Die Pfingstgeschichte – also Gottes Antwort auf alle Resignation, alle Selbstverliebtheit und alle Traurigkeit –, diese Geschichte geht dann weiter, wenn wir danach fragen: Wovon lebe ich? Und: Wovon leben die anderen? Pfingsten wird dann keine phantastische Geschichte bleiben, wenn wir uns aufmachen, nach Spuren Gottes in dieser Welt zu suchen. Wenn wir es wagen, auf das zu hören, was andere uns sagen – und sei das noch so verrückt. Pfingsten wird sich auch 2018 ereignen, wenn ich mich darüber freue, neue Sichtweisen zu bekommen. Pfingsten wird sich ereignen, wenn ich wieder Lust daran finde, Kirche zu sein und zu gestalten. Keinen Turm zu Babel, sondern einen Ort, an dem alle einen Platz finden, die Gott suchen. Denn um den geht es doch zuerst. Um ihn und um die Menschen. Die Menschen in all ihrer Buntheit. Vielleicht ist der Heilige Geist ja grad auf dem Weg ins Weiße Haus, um an diese und ein paar andere Dinge zu erinnern. Wer weiß … Na ja, und wenn er schon mal unterwegs ist, dann macht er sicher auch gerne einen Zwischenstopp bei uns. Was meinen Sie: Ob dieser Geist hier landen kann?

Alexander Bergel

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