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Leseprobe 1
Vierter Fastensonntag
II. Ganz ohne Sühne und Gericht? (Num 21,4–9; Joh 3,14–21)
Vorbemerkung: Aus homiletischen Gründen wird vorgeschlagen, als erste Lesung Num 21,4–9 zu lesen, damit klar wird, worauf sich die Symbolik des Evangeliums bezieht.

Jesus als Fetisch?

Das Johannesevangelium hat für Magie nichts übrig. Vielen Vorstellungen und Praktiken volkstümlicher Religion steht es sehr distanziert gegenüber. So gibt es beispielsweise keine einzige Erzählung, wo Jesus als Exorzist auftritt. Mit der Dämonenfurcht der einfachen Leute in der Antike hat die »hohe Theologie« des vierten Evangeliums nichts am Hut.

Da ist es umso erstaunlicher, dass in dem heutigen Abschnitt ausgerechnet eine Geschichte aus dem Alten Testament herangezogen wird, die vor Magie nur so strotzt: Moses hängt ein Schlangenbild auf, und dieser Fetisch hilft gegen giftige Schlangenbisse – eine ziemlich eigenartige Vorstellung. Und ausgerechnet diese Erzählung wird benutzt, um die rettende Wirkung des Todes Jesu zu erklären! Natürlich gibt es da eine gewisse Vergleichbarkeit: Jesus wird gekreuzigt und dabei so erhöht wie die eiserne Schlange auf der Stange. Aber was soll dieser Vergleich klären? Ist Jesus unser Fetisch? Einfach hinschauen und schon wird alles gut?

Manchmal scheinen Christen das Kreuz ja tatsächlich so zu benutzen: Wenn das Kreuz in den Schulen hängt, dann ist das christliche Abendland gerettet. Oder wenn der Einwechselspieler sich beim Einlaufen bekreuzigt und meint, dann wird alles gut. So etwas hat das Evangelium aber sicher nicht im Sinn. Damals wurde das Kreuz als christliches Zeichen ja noch gar nicht verwendet. Es geht nicht um ein Bild des Kreuzes, sondern um den Gekreuzigten selbst. Er stirbt einen Tod, der in der Antike so skandalös war, dass der freie Römer nicht einmal das Wort »Kreuz« hören wollte. Dass ausgerechnet ein Gekreuzigter als Sohn Gottes den himmlischen Vater auf Erden vergegenwärtigt, ist eine Vorstellung, die antike Menschen nicht nachvollziehen konnten. Da hatte der christliche Glaube ein enormes Glaubwürdigkeitsproblem. Dass Jesus gekreuzigt wurde, war ein Skandal und schrie nach einer Erklärung.

Der Gekreuzigte als Heilszeichen

Eine klassische Antwort orientierte sich am alttestamentlichen Vorbild des »Gottesknechts«. Sie lautet: Jesus, der schuldlose Gottesknecht, ist stellvertretend für die Schuld der Anderen in den Tod gegangen. Er hat an unserer Stelle die Strafe auf sich genommen und uns dadurch von der Strafe, die wir verdient hätten, befreit.

Das Johannesevangelium interessiert sich für diese Antwort kaum. Es geht einen anderen Weg, um den Tod Jesu zu verarbeiten. Das wird ganz deutlich, wenn wir uns anschauen, wie die Schlangenerzählung benutzt wird. Das Johannesevangelium erwähnt nämlich nicht, dass die Giftschlangen die göttliche Strafe für die Sünden Israels sind. Stattdessen geht es einfach um Rettung. Die giftige Schlange bringt mit ihrem Biss den Tod und der Blick auf den Fetisch rettet vor dem Tod. Genau das wird auf Jesus übertragen: In seiner Kreuzigung wird er zum rettenden Zeichen. Auf ihn zu schauen, rettet aus dem Tod.

Mit diesem Schauen ist nun freilich nicht einfach das Hingucken gemeint, sondern der Glaube. Der Gekreuzigte rettet uns nicht dadurch, dass wir ihn anstarren. Es geht darum, ihn mit den Augen des Glaubens anzuschauen, die richtige Sichtweise einzunehmen, um zu erkennen, was da in Wahrheit geschieht. Was für die Hingucker und Gaffer aussieht wie das ekelhafte Ende eines Verbrechers, ist in Wahrheit die Hingabe des Sohnes. Weil Gott die Menschen unendlich liebt, gibt er das Wichtigste und Beste, seinen einzigen Sohn, als Rettungszeichen. Um die Menschen aus dem Tod zu retten, stellt er seinen Sohn als Heilszeichen hin. Wer glaubend schaut und schauend glaubt, erkennt Gottes Wahrheit und diese Wahrheit ist Leben – hier und jetzt.

Tote kann man nicht hinrichten

Weil das Johannesevangelium die Fülle des Lebens ganz und gar in den Glauben hineinlegt, erscheint die überlieferte Vorstellung vom Letzten Gericht eigentlich sinnlos und überf lüssig. Was sollte ein solches Gericht noch bringen? Wer nicht glaubt, ist tot und bleibt tot. Tote kann man nicht bestrafen, selbst die Todesstrafe wäre sinnlos. Tote sind ja schon tot. Deshalb kann man Nichtglaubende nicht bestrafen und man muss es auch nicht, denn Schlimmeres als den Tod kann es ja nicht geben. Das Leben der Nichtglaubenden ist eigentlich kein Leben, sondern eine Form des Todes. Der Unglaube hat seine Strafe in sich, ein zusätzliches Strafgericht ist weder möglich noch notwendig.

Und umgekehrt:

Was sollen die Glaubenden im Letzten Gericht noch bekommen? Wenn sie im Glauben das Leben Gottes erfahren, Gott, die Quelle allen Lebens, erkennen und mit ihr verbunden sind, was soll dann noch kommen? Wer glaubt, hat alles – hier und jetzt. Über das göttliche Leben hinaus kann es keinen Lohn geben, keine weitere Vollkommenheit. Mehr als Leben geht nicht. So wie man die Toten nicht töten kann, kann man den Lebenden nicht noch mehr Leben schenken. Wer im Glauben vom Tod zum Leben hinübergegangen ist, den kann man nicht »auferwecken« und braucht es auch nicht.

Diese steile Glaubenstheologie des Johannesevangeliums löst allerdings auch skeptische Fragen aus. Ist sie denn überhaupt realistisch? Ist das Leben der Ungläubigen wirklich nichts anderes als »Tod«? Wenn denen, die nicht an Christus glauben, Glück und Gesundheit, Erfolg und Karriere, Reichtum und Ansehen manchmal nur so zuf liegen, da zweifelt manch ein frommer Mensch, ob das alles wirklich einfach nur als »Tod« zu verachten ist … Und andererseits: Haben Glaubende denn wirklich »alles«? Werden die, die an Christus glauben, nicht mehr krank, nicht hungrig und durstig? Verlieren sie keine Angehörigen mehr? Scheitern ihre Ehen nicht mehr? Sterben sie nicht? Oder ist das alles unwichtig, irdisch vergänglich – vernachlässigbar? Das Johannesevangelium scheint das manchmal tatsächlich so zu sehen: leiblicher Hunger, körperlicher Tod, das gehört zur Welt und hat mit dem Leben Gottes nichts zu tun. Der Glaube schenkt ein ewiges Leben, das alles Irdische übersteigt und unwichtig macht.

Glaube statt Nachfolge?

Wenn wir aber alles Leibliche vom geistigen, göttlichen Leben rigoros trennen würden, dann würden letztlich auch die Fleischwerdung des Sohnes und sein leiblicher Tod am Kreuz bedeutungslos werden, bedeutungslos auch die Nachfolge Jesu. Nachfolge besteht ja darin, dass wir unser irdisches Leben von Jesu Botschaft umgestalten lassen, dass wir uns der Welt zuwenden und seine Liebe praktisch erfahrbar werden lassen. Nachfolge Jesu ist doch das »Einf leischen« der göttlichen Liebe: Hunger stillen, Nackte bekleiden, Obdachlose und Flüchtlinge aufnehmen und Gefangene besuchen.

All das hat aber gar keinen Sinn mehr, wenn alles Leibliche unwichtig, vernachlässigbar ist.

Brauchen Glaubende also gar keine Moral mehr, weil ihnen im Glauben alles geschenkt ist, weil sie nichts mehr zu erwarten haben und kein Gericht mehr zu fürchten brauchen?

Das Evangelium hat diese Probleme wohl selbst schon gesehen.

Jedenfalls finden sich an vielen Stellen im Text Korrekturen und Klarstellungen, die die radikale Glaubenstheologie »erden« und Gott und Welt, Leib und Geist energisch verbinden.

Gottes Wahrheit will getan werden

Eine solche Korrektur finden wir auch in unserem heutigen Abschnitt gegen Ende. Wenn es dort heißt, »mit dem Gericht verhält es sich so«, dann folgt eine Ergänzung, die das vorher Gesagte energisch korrigiert. Dort wurde das Gericht für sinnlos erklärt, weil es im Unglauben selbst schon enthalten ist und im Glauben überwunden wird. Nun verbindet der Text Glauben und Unglauben mit der Lebenspraxis: Diejenigen, die nicht glauben, sind zugleich die, die Böses tun. Umgekehrt sind die Glaubenden die, die Gutes tun, Gottes Willen erfüllen. Sie glauben und erkennen nicht einfach die göttliche Wahrheit, sondern sie tun diese Wahrheit. Die Wahrheit tun – darauf kommt es an! Weil Gott von seinem Wesen her Liebe ist, weil Jesus diese Liebe im Dienst der Fußwaschung zeigt und in der Hingabe am Kreuz vollendet, können diejenigen, die glaubend Gottes Wahrheit erkennen, gar nicht anders als auch so zu lieben. Wenn Glaubende das Wesen Gottes erkennen, dann erkennen sie eine Wahrheit, die getan werden will. Gottes Wahrheit will verwirklicht werden in konkreter, leibhafter Liebe.

Wer im Glauben wirklich Gott erkannt hat, wird sich der Welt radikal zuwenden, denn Gott ist Liebe. Wer Jesus als Vergegenwärtigung Gottes in der Welt annimmt, wird das Leben einsetzen für die Nöte der Mitmenschen. Nicht Geld und Macht, nicht Erfolg und Ansehen, sondern die Liebe als dienende Hingabe ist das, was wirklich zählt, was für die Glaubenden wahres Leben ausmacht. Glaubende unterwerfen sich nicht den Zwängen der Welt, sondern gestalten sie. Sie folgen der ganz anderen Wirklichkeit Gottes, indem sie der Logik der Liebe folgen.

Joachim Kügler

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