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Leseprobe 2
DAS THEMA: FEHLT GOTT?
Die Botschaft der Dunklen Nacht
Eine theologisch-homiletische Spurensuche in der spanischen Mystik
»Bisher konnte ich immer gut beten, die Heilige Schrift hat mich inspiriert, aber seit einiger Zeit kann ich weder zu Gott sprechen noch von ihm her etwas vernehmen.« – »All die Jahre habe ich meine Meditationsübungen genossen, konnte mich konzentrieren und war mit Gott ganz innig verbunden. Jetzt aber hat sich eine dunkle Wand dazwischengeschoben. Ich empfinde in meinen Übungen nichts mehr.« Seit Menschengedenken erfahren Betende und spirituell Suchende auf ihrem Weg persönliche religiöse Krisen. Die plötzliche oder manchmal auch schleichend sich einstellende Erfahrung von Gottesferne nach langer, intensiver Zeit unproblematisch erfahrener Gottesbeziehung ist Anlass zu Irritationen, Erschrecken und Enttäuschungen. Für viele geistlich Suchende und unter ihnen gerade für die spirituell hoch Engagierten scheint diese krisenhafte Erfahrung endemisch zu sein. Wir fassen in den unterschiedlichen christlichen Traditionen dieses Erleben mit den Begriffen Dunkle Nacht, Trockenheit, Eliasmüdigkeit, Gottesverdunklung, Gottferne, Gottvermissen oder anderen Begriffen. In diesem Erfahrungskreis leiden die Betroffenen oft große Not und machen schwerere Phasen von Ängsten, Traurigkeit und Verzweiflung durch. Die Ähnlichkeiten zur Depression liegen auf der Hand, allerdings ist die Dunkle Nacht davon zu differenzieren. Es gibt zwar Berührungspunkte beider Erfahrungsebenen und Phänomene, aber ihre Unterscheidung ist sinnvoll und hilfreich.1
Die erste gute Nachricht: Viele – fast alle – großen Gestalten des Gebetslebens und die meisten Lehrerinnen und Lehrer des spirituellen Weges der christlichen wie auch der nichtchristlichen Traditionen aller Epochen kennen diese persönlich erfahrene Gottferne. Das mag uns noch nicht trösten, aber es könnte zunächst beruhigen, wenn wir hören, damit nicht allein zu sein. Wir erahnen, dass diese Erfahrung keine Einbildung ist. Die zweite gute Nachricht schließt sich an: Die Mütter und Väter im Glauben haben sich damit so auseinandergesetzt und uns ihre Überlegungen und Hinweise dazu hinterlassen, dass sie uns Deutungshilfen, Umgangsweisen und konkrete Hilfen an die Hand geben, solche Krisen durchzuleben.
In diesem Beitrag versuche ich, zu einem ehrlichen Umgang mit dem Gottvermissen zu ermutigen und zu einer offenen Verkündigung der Erfahrung von Gottferne zu ermuntern. Ich greife dabei auf das geistliche Werk der spanischen Mystik des Johannes vom Kreuz (1542–1591) zurück.2

Dunkle Nacht als spirituelle Wandlungswege

Johannes vom Kreuz beschreibt den Weg zur Einung mit Gott als Transformationsprozess mit dem Begriff der »Dunklen Nacht«3. Es handelt sich bei ihm also nicht um ein abgeschlossenes Phänomen innerhalb des geistlichen Weges eines Lebens mit und in Gott, sondern um eine umfassende Umwandlungsbewegung dieses gesamten geistlichen Lebens. In anderer Metaphorik spricht Johannes auch vom »Aufstieg auf den Berg Karmel«4. Diese beiden Begriffe sind zugleich die Titel zweier seiner Hauptwerke, in denen er sein zugrundeliegendes Gedicht »Lied von der dunklen Nacht« (orig.: »En una noche oscura«) ausfaltet. In ihnen werden drei Dunkle Nächte beschrieben, die unterschiedlich erlebte geistliche Erfahrungen mit gemeinsamer Ursache und jeweils eigener Umgangsweise darstellen.5
Dunkle Nacht als religiös-spirituelle Verdunkelung bedeutet die persönliche Erfahrung des Einzelnen. Anders als »Finsternis« ist für Johannes die Dunkle Nacht nicht durch eigene Sünden selbst verschuldet. Der Dunklen Nacht gehen positive Erfahrungen mit Gott und seinem Wirken voraus. Doch dann kommt es dem so »verwöhnten« Menschen vor, als entziehe sich Gott. Johannes beschreibt das mit folgendem Bild: »Wenn sich ein Mensch entschlossen dem Dienste Gottes zuwendet, zieht ihn Gott für gewöhnlich im Geist auf und verwöhnt ihn, wie es eine liebevolle Mutter mit einem zarten Kind macht. Sie wärmt es an ihrer warmen Brust, zieht es mit köstlicher Milch und leichten, süßen Speisen auf, trägt es auf dem Arm und verwöhnt es. In dem Maße aber, wie es größer wird, hört die Mutter nach und nach auf, es zu verwöhnen, verbirgt ihre zarte Liebe und bestreicht ihre süße Brust mit bitterem Aloesaft [Anm.: die damalige Methode des Abstillens]. Sie lässt es von ihren Armen herab und stellt es auf die eigenen Füße. Es soll die Eigenheiten eines Kindes verlieren und sich größeren, wesentlicheren Dingen hingeben. Die Gnade Gottes, diese liebevolle Mutter, tut das gleiche mit dem Menschen, wenn sie ihn durch neue Wärme und neues Feuer für den Dienst Gottes wiedergebiert. Sie lässt ihn in allen Dingen, die mit Gott zu tun haben, ohne jegliche eigene Anstrengung süße und köstliche geistliche Milch finden und großen Geschmack an geistlichen Übungen. Hier gibt ihm nämlich Gott die Brust seiner zarten Liebe, ganz so wie einem zarten Kind.«6 Und weiter: »Da Gott spürt, dass Menschen mit ihrer Seele bereits ein klein bisschen gewachsen sind, nimmt er sie von seiner süßen Brust weg, damit sie nun erstarken und aus den Windeln herauskommen, lässt sie von seinen Armen herab und gewöhnt sie daran, auf eigenen Füßen zu gehen. Dabei spüren sie etwas ganz Neues, denn für sie hat sich alles auf den Kopf gestellt.«7 Die Dunkle Nacht ist also in diesem Sinne ein Läuterungsweg, der zu einem erwachseneren Glauben führt und im wahrsten Sinne des Bildes selbst-ständig macht.
Gottes mütterliche Liebe führt nach Johannes den Menschen in dreifacher Hinsicht ins Dunkel: in die Erfahrung der Nacht des Sinnenbereiches (Beginn der Nacht, Abenddämmerung); in die Erfahrung der Nacht des Geistes/des Glaubens (Mitternacht mit ihrer tiefsten Dunkelheit); in die Erfahrung der Nacht des Glaubensweges (Morgendämmerung), die von Johannes selbst als die Nacht, die Gott ist, bezeichnet wird.8 Diese drei Erfahrungsweisen sind nicht als streng gereihte oder als zwangsläufig aufeinander folgende Stufen oder Stadien zu verstehen. Der Erfahrungsmodus der Dunklen Nacht ist bei aller Herausforderung und streckenweisen Schwere nicht nur negativ zu verstehen, führt er doch zu einem unverstellteren Leben mit Gott.

Die Nacht des Sinnenbereiches

Während in der Nacht des Sinnenbereiches dem anfänglich auf Gott ausgerichteten Menschen wegen seiner Berührung mit der göttlichen Wirklichkeit bisherige Reichtümer relativiert werden und das, was im Hellen als wertvoll und unentbehrlich erschien, seinen Absolutheitsanspruch und seine Letztgültigkeit einbüßt, ordnet sich seine Sicht der Welt. Gott mit seinem Liebeswillen rückt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und der Ausrichtung. »Es ist die Zeit, oder richtiger, es sind die auch mehrfach wiederkehrenden Zeiten im Leben, die aus dem Kind den Erwachsenen, den Lebensgefährten Gottes machen.«9 Diese natürliche oder sinnliche Nachterfahrungsweise widerfährt vor allem in jenen Zeiten stärker, in welchen jemand mit dem geistlichen Leben oder mit neuen Gebetsübungen angefangen hat.

Die Nacht des Geistes bzw. des Glaubens

Für unsere Überlegungen ist nun die Nacht des Geistes interessanter, die von Johannes auch Nacht des Glaubens genannt wird. Hier entwickelt sich das Gefühl, Gott sei gänzlich abhanden und entglitten – trotz und in aller Bemühung und Anstrengung, ihn zu behalten oder sich an ihm festzuhalten. Dazu Johannes: »Je mehr sich nämlich der Mensch Gott nähert, umso dunkler empfindet er wegen seiner Schwachheit die Finsternis und umso tiefer die Dunkelheit; so wie der helle Schein der Sonne, wenn einer näher zu ihr hinkäme, ihm wegen der Schwäche und Trübung seiner Augen mehr Dunkelheit und Schmerz verursachen würde. So unermesslich ist das geistige Licht Gottes und so weit übersteigt es das natürliche Erkenntnisvermögen, dass es den Menschen blind macht und verdunkelt, wenn er näher kommt. […] So ist das, was in Gott Licht und höchste Klarheit ist, für den Menschen dunkelste Finsternis, wie der heilige Paulus sagt (1 Kor 2,14).«10 Die emotionalen wie auch intellektuellen Kräfte sind in dieser Erfahrungsweise der Nacht des Glaubens überfordert bzw. setzen aus; je mehr man sich anstrengt, umso weniger vermögen sie. Denn nun ist Gott initiativ, ohne dass ich es direkt bemerke oder für möglich halten kann. Es ist ein Nichterfahren Gottes, das jedoch objektiv gesehen kein Zeichen seiner Abwesenheit darstellt. Das wachsende Bewusstwerden, dass Gottes Licht in die Seele dringt, kann oft im Nachhinein als eine andere Zuwendung Gottes oder als seine neue Annäherung gedeutet werden. Auch wenn in solchen Phasen der Eindruck entsteht, dass Gott mich verlassen habe und dass mein Beten unfruchtbar und alle Übungen vergeblich geworden seien, wächst untergründig, und zunächst ohne dass ich es bemerken kann, etwas Neues. »Von hilfloser Lethargie bis zu abgrundtiefer Verlassenheit reicht die Skala der Intensität solcher Nacht-Erfahrung. […] Es ist Nacht, dunkle Mitternacht. Nur eines bleibt: das gottverwundete Herz – und das sichere (aber verdrängbare!) Wissen, dass Geringeres als das von Gott her Erfahrene nicht mehr genügt.«11 Nur im Rückblick, also nach einer solchen erlittenen Nachterfahrung, lässt sich deuten: »Das bedeutete großes Glück und gutes Geschick für mich, denn […] ich trat aus meinem Umgang und Wirken nach menschlicher Art heraus, hin zu einem Wirken und Umgang nach der Art Gottes.«12

Die Nacht des Glaubensweges
Die dritte Dunkle Nacht wird vom Menschen als »genauso dunkle Nacht wie der Glaube«13 erfahren: Hier wächst die Erkenntnis, dass im Glauben vieles, vor allem Gott selbst, im Dunkel bleibt, dass Gott Gott ist und immer der Größere, nie ganz Erfassbare und Erfühlbare bleibt und dass erst in der Vollendung seine vollkommene Schau möglich sein wird. Gott ist die Sonne des neuen Morgens: »Der Tag, das ist Gott in der Seligkeit.«14 Das bedeutet aber auch, dass die Nachterfahrung nie ganz überwunden wird, vielmehr bleibt sie eine Begleiterin des geistlichen Weges, des Glaubens. Dunkle Nacht – das sind Wandlungswege im geistlichen Wachstum.

Was zur Erkenntnis kommt: Dasein vor dem Tun – und: Gott ist Gott

Zunächst sei festgehalten: Dunkle Nacht ist etwas sehr Normales, kein Sonderphänomen im Glauben, auch keine Ausnahmeerscheinung bei Menschen, die qua Beruf oder Lebensweg »von Amts wegen« intensiver mit Gott umgehen. Sie ist auch nicht als Folge einer vernachlässigten Glaubenspraxis, schon gar nicht als Quittung für ein schuldhaftes Verhalten einzuordnen. Sowohl auf dem Weg eines vertiefteren Glaubens, z. B. durch stärkere Auseinandersetzung mit den biblischen Schriften, mit den Zeugnissen der geistlichen Traditionen, vor allem mit der Person Jesus von Nazaret, und erst recht im Einüben eines eigenen Gebetslebens und im aktiven Engagement für das Reich Gottes wird es früher oder später zu solchen nachthaften Krisen kommen. Dass davon so wenig oder oft nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird, muss eigentlich trotz allen verständlichen Schamgefühls verwundern. Kommt hier doch etwas in den Blick, das bei aller erlebten Schwere eine wichtige Dimension des Glaubenslebens darstellt: namentlich die Unauslotbarkeit, das Unkontrollierbare und das nicht Herstellbare. Das gilt sowohl für die generelle Lebensführung des Einzelnen als auch für das Zusammenleben der Menschen wie auch für die Beziehung zu Gott. Die Erfahrung der Dunklen Nacht macht auf den »Rest« im spirituellen Weg aufmerksam, der immer dableibt und der jenseits des Bekannten und Gewussten existiert. Das Erleben der Trockenphasen ruft in Erinnerung, dass über das Beherrschbare und Machbare hinaus unverfügbare Wirklichkeiten bestehen und Kräfte am Werk sind, die uns weder gehören noch gehorchen. Schwer aushaltbar ist solche Erkenntnis, sie demütigt und verletzt unter Umständen – und sie holt auf den Boden zurück. Demut, humilitas, nannten das die Alten.
Die Folgen der Dunklen Nacht sind oft im Nachhinein erstaunlich. Im direkten Durchleben solcher Phasen können Fortschritt oder Wachstum nur selten konstatiert werden, geschweige denn, dass deren Erleiden Freude macht. Erst im Rückblick zeigt sich Neues, gewachsene Freiheit, erwachseneres Stehen, zeigen sich Weitungen in Glaube, Liebe und Hoffnung.15
Wie kann sich der Mensch nun zum Erleben der drei Nächte verhalten? Johannes vom Kreuz gibt dazu interessante Hinweise, die für die eigenen Glaubensund Verkündigungspraxis inspirieren können. Er schreibt von der aktiven Annahme und dem passiven Geschehenlassen der Dunklen Nacht: »Aktive Nacht ist das, was der Mensch tun kann und von seiner Seite aus tut, um in sie einzutreten […]. Passiv ist sie darin, dass der Mensch nichts tut, sondern Gott sie in ihm bewirkt und er sich wie ein Erduldender verhält.«16 Um diese Nachterfahrungen aktiv zu gestalten und passiv geschehen zu lassen, braucht es möglichst eine tragende Gemeinschaft oder aber eine Einzelbegleitung, z. B. die professionelle Hilfe der Geistlichen Begleitung.17

Dasein vor dem Tun: Stimmt meine Ausrichtung noch?
In der Nacht des Sinnenbereiches besteht die Ermunterung darin, sie zuzulassen. Einen anfänglichen Beitrag kann der Mensch leisten, indem er diese Erfahrung nicht verdrängt, sondern sich entschließt, sie aktiv zu durchleben. Das kann bedeuten, sich neu auf Gott und auf sein Wirken auszurichten, ihm mehr Aufmerken zu schenken, die persönliche Werteordnung bewusst neu oder wieder zu setzen. Der Primat des Daseins vor dem Tun im geistlichen Leben – ohne in den quietistischen Straßengraben zu rutschen – kommt zum Vorschein. Wer ihn bewusst setzt, kann die Befreiung von einem (semi-)pelagianischen Machbarkeitswahn und Pastoral- bzw. Gebets- und Verkündigungs-Aktionismus erleben. Um das zuzulassen, braucht es initial ein hohes Maß an Autonomie und Aktivität, nämlich ebendiese bewusste und entschiedene Annahme der Dunklen Nacht und ihrer passiven Seite, sowie das Aufsuchen von guten Orten, das Einrichten von geeigneten Zeiten und die Bitte um Begleitung für diesen Prozess. Letztere können sowohl alltäglich punktuell wie auch als kompaktere Zeiten Geistlicher Übungen gestaltet werden.

Gott ist Gott: Gott um seiner selbst willen
In der Nacht des Geistes bzw. des Glaubens werden die gewohnten Umgangsweisen mit Gott infrage gestellt. Alte, bisher tragende Gottesbilder erweisen sich nun als zu eng, zu klein, zu kurzgegriffen.18 Sie loszulassen, liebgewordene geistliche Übungen und Gebetsweisen kritisch zu beleuchten und sie ggf. abzulegen, schafft neuen Zugang für das, was darüber hinaus noch alles ist. Hier wird die Treue auf die Probe gestellt. Und die Frage, ob es mir wirklich um Gott geht, bedrängt. Dazu Reinhard Körner: »Die Nächte des Sinnenbereiches und des Geistes sind jene schmerzlichen Lebenserfahrungen, die dazu fähig machen, in der Nacht des Glaubensweges zu leben. Sie führen zu einer Haltung, die bereit ist, Gott Gott sein zu lassen; ein nach letzter Erkenntnis der göttlichen und der geschöpflichen Wirklichkeit Dürstender zu bleiben; auf die endgültige Begegnung mit ihm und mit den Menschen in ihm am Tag der Ewigkeit zu warten wie auf die aufgehende Sonne […] in einer Gottesliebe, die sagt: Gott, du darfst der sein, der du bist – der nahe Gott, wenn du nahe sein willst, und der ferne Gott, wenn du fern sein willst, der immer ›ganz Andere‹, der es wert ist, um seiner selbst willen und als der, der er ist, gesucht und geliebt zu werden.«19

Krise des Gebetes: Wenn Gott schweigt, wie dann predigen?
Wer in einer Krise des Gebetslebens die Erfahrung des schweigenden, sich entziehenden Gottes in den Dunklen Nächten durchlebt und als mögliche Erfahrung auch mit auf seinen Weg nimmt, hat als Mensch im Dienst der Verkündigung nicht nur ein eigenes Problem. Er hat auch eines mit den und für die anderen, zu deren Seelsorge er bestellt ist. Wie kann er/sie dann predigen? Was soll verkündigt werden? Johannes vom Kreuz gesteht dem Menschen nicht viel an eigenen Möglichkeiten nach der Dunklen Nacht zu, aber immerhin dies: »Die Seele soll nur noch ein ›liebendes Aufmerken‹ zu Gott in sich tragen […], sich passiv verhalten […] und letztlich auf ›liebendes Aufmerken‹ verzichten, damit die Seele ganz frei sei für das, was Gott nun von ihr will.«20 Kann nun der bisherige Predigtstil und -inhalt so weiter gehen? Auch hier besteht die Chance der Wandlung und des Wachstums – vielleicht nicht direkt jetzt, aber im Nachgang. Prediger und Katechetinnen sind auch heranwachsende Kinder Gottes.

Dunkle Nacht und Verkündigung: Was die Dunkle Nacht die Verkündigerinnen und Verkündiger lehrt

Weh mir! (vgl. 1 Kor 9,16–23)
»Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde.« Paulus hat seine erschütternde Gotteserfahrung gemacht – auch er war von göttlichem Licht geblendet, Nacht-blind – und kann seitdem nicht anders, als das leibhaftig erfahrene Evangelium zu verkünden. Er muss diese Erfahrung weitergeben. Weh demjenigen, der solches ähnlich erfahren und es nicht tut. Die Verse aus dem neunten Kapitel im ersten Brief an die Gemeinde in Korinth helfen uns, die Situation des Verkündigers in der Dunklen Nacht bzw. nach der Dunklen Nacht nicht nur biblisch zu fundieren, sondern auch noch mehr zu verstehen, was Stärke und Schwäche, Leiden und Freuden des Predigers darin sind. Mit den »Schwachen « aus V. 20 sind wohl unter Bezug auf 1 Kor 8,9ff. diejenigen Gemeindemitglieder gemeint, die im Glauben noch nicht erwachsen sind. Auf diese sollen die »Starken« Rücksicht nehmen. Aber was, wenn der Gotterfahrene plötzlich in die Nacht fällt, wenn er selber zum Schwachen wird – wenn er nicht mehr mit vollem Munde verkündigen, geschweige denn mit brennendem Herzen predigen kann? Das »Weh mir« besteht beim Durchleben der Dunklen Nacht weniger im Bedauern einer äußeren Verhinderung; es zeichnet sich dann nicht mehr im schmerzhaften »Zwang« zur Verkündigung aus, sondern in der eigenen Unmöglichkeit, der eigenen Leere, der geistlichen Erschöpfungen. Die Verkündenden sind in einen zerreißenden Gegensatz gestellt, in eine Spannung, die kaum auszuhalten ist, ja wirklich schmerzlich wehtun kann.
Es tut vor allem jenen weh, die qua Beauftragung, Sendung oder Weihe, also aufgrund einer inneren oder äußeren Berufung unter dem »Zwang« stehen, verkündigen zu müssen, und dies auch noch professionell kompetent und überzeugend echt tun sollten, nun aber eigentlich nicht mehr können. Wenn sie sich treu bleiben wollen, müssten sie hier schweigen. Wenn sie dienstlich nicht aus dem Schneider kommen, müssen sie es dennoch tun und leiden unter dem Dienst. Die passive Dunkle Nacht – wird sie aktiv angenommen? Das Eingeständnis der persönlich erlebten Gottferne ist in manch einseitig verstandenem Berufsethos schlicht nicht vorgesehen und wird eher als zu bemitleidendes Versagen bei anderen für möglich gehalten, nicht aber bei sich selber. Die in die Dunkle Nacht geratene Predigerin, der in die Nachterfahrung gefallene Verkündiger wird sich womöglich kaum trauen, seine Not anderen anzuvertrauen, geschweige denn auszusprechen vor einer Gemeinde – vor den anderen, die doch auf die Frohe Botschaft angewiesen sind. Was wäre gewonnen, wenn er oder sie sich so in dieser Situation selber annehmen könnte. Gerade jetzt wäre eine Pause vom Verkündigungsdienst dringend nötig. Und noch etwas: Wäre es womöglich sogar eine Entlastung für Prediger und Katechet, die nahezu unaussprechliche Not der Dunkelheit anderen mitzuteilen? Wirklich zu teilen, was da gerade an Erfahrungen durchgemacht wird, hälfe nicht nur ihr oder ihm, sondern könnte sogar ein Signal an die anderen sein: Auch ich bin jetzt eine Schwache, ein Schwacher. Auch mir widerfährt eine Krise, auch ich bin nicht erschütterungsresistent oder immun gegen Anfechtungen und auch bei mir gibt es das Erleben von Gottesverfinsterung. Läge darin die Chance, nicht nur für sich anzunehmen, sondern auch in aller Ehrlichkeit zu verkündigen, dass das große Geheimnis Gottes eine echte Zumutung ist, dass ich mit diesem Gott nicht fertig werde, dass ich ihn nicht einfach irgendwann »habe«?

Allen alles werden (vgl. 1 Kor 9,22)
Wenn sichtbarer wird, dass selbst dem »Profi« diese Erfahrungen nicht erspart bleiben, verringert sich der Abstand im Glaubenkönnen zu denen, die ohnehin so ihre Schwierigkeiten mit dem Glauben haben – Schwierigkeiten, die oft genug aus einer Verschüchterung ob der behaupteten Glaubenskraft derer rühren, die suggerieren, alles in Bezug auf Gott zu wissen, zu haben, zu können. »Allen alles zu werden« bedeutet, aus der Erfahrung der Dunklen Nacht heraus für das Glaubensleben auch eine neue Erkenntnis zu gewinnen: für das eigene Glaubenkönnen und für das Glaubenkönnen der Menschen, denen ich verkündigend Bruder oder Schwester bin. Der Zusammenhang zwischen dem eigenen Leben und Erleben auf der einen und der Verkündigung des Predigers auf der anderen Seite wird wichtiger. Wer selber Nacht-Erfahrungen (durch-)gemacht hat, wird auch bei den Zuhörenden solche Erfahrungen potenziell vermuten können und – wenn es (wieder) gut geht – mit mehr Sensibilität für die Lage der Zuhörenden predigen. Das gilt übrigens auch für das seelsorgliche Gespräch im Allgemeinen und für die Geistliche Begleitung im Speziellen, wenn damit gerechnet wird, dass die geistliche Erfahrung der Dunklen Nacht kein Sonderphänomen, vielmehr ein nicht seltenes und insofern auch normales spirituelles Erleben darstellt.

Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark (vgl. 2 Kor 12,10)
Das paulinische Theorem von der Schwäche des Verkündigers, welches oft für eine unterwürfig daherkommende Behauptung des Vorrangs und als subtil moralistisch aufgeladene Strategie der Beanspruchung von vordersten oder obersten Plätzen missbraucht wurde und wird, bekommt in diesem Zusammenhang eine zusätzliche Bedeutung. »Allen alles werden« kann nicht programmiert und geplant werden. Um zu »retten«, wird es immer notwendiger, die eigene Situation und die eigene Glaubenserfahrung inklusive der Gottesfinsternis anzunehmen und sich somit auch den Schwachen als ein Schwacher zu zeigen, als Bruder oder Schwester in der Dunklen Nacht. Nicht immer und gerade dann wohl nicht mit vielen Worten, sondern durch bloßes Dasein. Solche Daseins-Verkündigung ist ekklesiogen, denn sie verwirklicht eine ehrliche geschwisterlich verkündigende Glaubensgemeinschaft. Die ehrliche Glaubenskommunikation erfordert von den eingesetzten Predigerinnen und Katechetinnen die Bereitschaft, sich auch auf Abgründe einzulassen – zumal die eigenen Glaubensabgründe. Daher stellt sich die Frage an jede Predigerin, an jeden Verkündiger: Welches Evangelium verkündige ich? Wenn ich erfahre oder erfahren habe, dass mir auf manchen Streckenabschnitten meines Glaubensweges Gott fehlt, dass ich ihn vermisst habe, dass er sich aus meiner Sicht entzog, verbarg oder mir gänzlich abhandengekommen schien, dann wird meine Sensibilität im Umgang mit dem Wort in doppelter Hinsicht wahrhaftiger: im Umgang mit und im Mich-Bewegen in der Heiligen Schrift – wie auch in meinen selbst gewählten Formulierungen und in der Auswahl meiner Formen der Verkündigung. Welche Botschaft habe ich aus der Dunklen Nacht empfangen und welche kann ich weitergeben, anbieten und mit anderen teilen? Sicher wird der Zuwachs an eigener Erfahrung auch mit der Dunklen Nacht meiner Verkündigung mehr Tiefe und Weite geben. Der alte Väterspruch, mit dem ein anonymer Altvater aus der Wüstentradition davor warnt, ohne eigene Erfahrung verständnislos drauflos zu predigen, macht in dieser Hinsicht auf das Zulassen der eigenen geistlichen Erfahrung, auch der schwierigen und schmerzhaften, aufmerksam. Es ist eine Bedingung für die verständnisvolle, lebensechte Verkündigung: »Lehre nicht vor der Zeit, sonst wirst du dein ganzes Leben lang nicht verständig!«21 Das bedeutet an dieser Stelle weniger ein bestimmtes lebenserfahrenes Alter des Predigers als vielmehr durchaus nötige Zeiten der Abstinenz von der Verkündigung. Die eigene Predigtfähigkeit nicht als einmal erreichten Stand zu betrachten, also als linearen Automatismus, sondern sensibel auf die eigene Verfassung hin zu bleiben, Grenzen zu erkennen und zu respektieren. Die Dunkle Nacht lehrt Abstand zu halten und zu schweigen: In Zeiten der eigenen Glaubensnot durch eine erlebte Gottferne kann es ratsam sein, nicht vor der Zeit wieder das Wort zu ergreifen – und sich dazu auch nicht drängen zu lassen, sei es institutionell, sei es aus auf fragwürdige Weise gehegtem Pflichtbewusstsein, etwa durch erlernte Theoreme wie: »Der Hirt verlässt seine Herde nicht«; »Ich muss doch meiner Aufgabe gerecht werden«; »Die anderen können es nicht so gut wie ich« etc. Nun gilt es, die finstere Wand zwischen mir und Gott zu tolerieren22 und nicht zu schnell wieder auf die Kanzel zu steigen.
Ein auf diese Weise Erfahrener wird nicht leichtfertig über die bleibende Nacht des Glaubensweges hinweggehen und Menschen mit abgeschlossenen Gottesbildern unreif und klein halten. Die empfundene »Glaubensschwäche« der Predigerin wird zur Stärkung. Eine neue Bescheidenheit und das Zurücktreten des Predigers stellen eine Form der Verkündigung dar, die diesem Geheimnis des verborgenen Gottes, seines unverständlichen Wirkens und seiner Zumutungen gerechter werden kann als manch protziges und irritationsfreies Kraftmeiern mit den uns Menschen schön erscheinenden und angenehmen Seiten Gottes. Welch größeres Bild von Gott könnte so wachsen. Oder muss die Predigt am Ende immer schön sein, weil das Weh ausgeblendet wird, weil sie nicht wehtun darf?

Dunkle Nacht gehört in die Verkündigung

Die Erfahrung der Dunklen Nacht kann im aktiven Sinne, wie wir bei Johannes vom Kreuz gesehen haben, schon als Selbstverkündigung des nicht vereinnahmbaren Gottes an den Gott suchenden Menschen erfahren werden. Das Aussprechen und das Ansprechen der Erfahrung von darin empfundener Gottferne in der Verkündigung – sei es aus den biblischen Textzeugnissen, sei es aus den geistlichen Traditionen oder aus dem eigenen Erleben – kann ungeahnt befreiende Wirkung haben. Es bringt den Zuhörenden mit ähnlichem Erleben eine Entlastung, wenn sie hören, dass diese Erfahrung einen Namen hat, mit dem sie selber in die Lage gelangen, das Unfassbare, Belastende und Verstörende zu be-greifen, oder zumindest ausdrücken, aussprechen zu können, was sie durchmach(t)en. Und sie hören, dass diese Erfahrung nicht eine persönlich singuläre, schambehaftete und verstörende Bankrotterklärung ihres (Nicht-)Glaubenkönnens ist bzw. war oder auf eigenem Unvermögen, Versagen oder gar eigener Schuld beruht, sondern ein normales Phänomen, ein notwendiger Durchgang, eine wichtige geistliche Erfahrung – freilich nicht ohne Irritation, Not und Schmerz. Für viele ist das erleichternd; sie hören, dass da jemand ist und predigt, der sie von innen her versteht. Ist das nicht auch ein Teil der Frohen Botschaft? Wohl kaum im Sinne des »Es ist schon nicht so schlimm (gewesen) «, aber im Sinne der Ganzheit des Evangeliums und der Ergänzung der eigenen Glaubenserfahrung durch die Einbeziehung der Unbegreiflichkeit des Kreuzes. Hoffnung auf einen wandelnden Durchgang und Verzicht auf betrügerische Gotteserleichterungsphrasen gehen hier Hand in Hand.
Und noch eines lehrt die Dunkle Nacht die Predigerinnen und Prediger der Frohen Botschaft: Gut formulierte Predigten, gestammelte Sprachversuche und wortloses Da-Bleiben sind ebenbürtige und berechtigte Verkündigungsweisen des durch die Nacht sich ringenden Trägers oder der im Gottvermissen erfahrenen, erwachsenwerdenden Trägerin Seines Wortes, das selbst durch die Nacht gegangen und in die Nacht gesprochen und oft schweigend-dunkel oder aber blendend-hell ist, sodass erkennbar wird, dass unser Erkennen allein – Gott sei Dank – nicht reichen muss. Selig, wer dies – und so mehr Gott und sich – erkennen darf: »In der Nacktheit vor Gott findet der spirituelle Mensch seine Ruhe und Erholung, denn weil er nach nichts mehr süchtig ist, erschöpft ihn nichts beim Hinauf und nichts bedrängt ihn beim Hinunter, da er in der Mitte seiner Demut ist. Denn solange er nach etwas süchtig ist, erschöpft er sich gerade dadurch.«23

Anmerkungen
1 Im Fall einer Depression ist professionelle medizinische und psychologische Hilfe angeraten. Zu den Hilfen bei der hier angesprochenen Dunklen-Nacht-Erfahrung siehe weiter unten. Berührungspunkte wie Unterscheidung beider Phänomene könne in diesem Beitrag nicht weiter erörtert werden. Vgl. dazu Bäumer, Regina/Plattig, Michael (Hg.), »Dunkle Nacht« und Depression. Geistliche und psychologische Krisen verstehen und unterscheiden, Ostfildern 2008; Büssing, Arndt/Dienberg, Thomas (Hg.), Geistliche Trockenheit. Empirisch, theologisch, in der Begleitung, Münster 2019.
2 Die etwas ältere Teresa von Avila (1515–1582), welche mit Johannes vom Kreuz intensiv über die geistlichen Erfahrungen im Austausch war, spricht von dieser Wandlung auf dem Gebetsweg im Begriff der Sequedad. Am besten wird das Phänomen der erfahrenen Trockenheit bei der Mystikerin mit dem von ihr gewählten »Bewässerungsgleichnis« beschrieben (vgl. ihre Autobiographie bzw. Vida, Kapitel 11 bis 16).
3 Im Folgenden werden Zitate aus der gleichnamigen Schrift mit »N« abgekürzt.
4 Im Folgenden mit »S« abgekürzt.
5 Vgl. ausführlicher Reinhard Körner, Dunkle Nacht. Mystische Glaubenserfahrung nach Johannes vom Kreuz, Münsterschwarzach 32015 (Münsterschwarzacher Kleinschriften Bd. 154).
6 1 N 2,2.
7 1 N 8,3.
8 vgl. 1 S 2,5.
9 Körner, Dunkle Nacht, 55.
10 2 N 16,11.
11 Körner, Dunkle Nacht, 56f.
12 2 N 4,2.
13 2 S 2,1.
14 2 S 3,5.
15 »In einer Nacht, in der Verstand, Wille und Gedächtnis entwöhnt, geläutert und zunichte gemacht (werden) […], werden nach und nach die Strebekräfte des Menschen darauf vorbereitet und ruhig gestellt. So kann das Göttliche empfangen werden, […] aber nur, wenn der alte Mensch vorher stirbt. […] Auf diese Weise entkräftet ihn Gott von allem, was von Natur aus nicht Gott ist, um ihn neu einzukleiden, sobald er seiner Haut entblößt und ledig ist« (2 N 13,11). »Ohne den Läuterungsprozess wird der Mensch jedoch die Befriedigung, die ihm geschenkt wird durch die ganze Überfülle des geistigen Verkostens, in keinerlei Weise spüren oder schmecken können« (2 N 9,1).
16 1 S 13,1.
17 Hierzu ließe sich noch sehr viel mehr erörtern. Ich verweise auf die Literatur in Anm. 1 und 5.
18 »Denn da Gott weder Form noch vorstellbare Gestalt hat, geht das Gedächtnis form- und bildlos sicher und nähert sich Gott schneller. Je mehr es sich aber an die Vorstellung klammert, umso mehr entfernt es sich von Gott, und umso gefährdeter ist sein Weg, denn der undenkliche Gott passt in keine Vorstellung« (Johannes vom Kreuz, Lebendige Liebesflamme (= L) L 3,52)
19 Körner, Dunkle Nacht, 73.
20 L 3,34f.
21 Apo 1082. Zitiert nach: Weisung der Väter. Apophthegmata Patrum. Auch Gerontikon oder Alphabeticum genannt, übersetzt von Bonifaz Miller (= Sophia. Quellen östlicher Theologie 6), Trier 31986, 362.
22 Dazu mag ein weiterer Väterspruch paradigmatisch und tröstend zu Hilfe kommen: »Der Altvater Poimen erzählte: Ein Bruder kam zum Altvater Ammoes, um von ihm einen Spruch zu erbitten. Er blieb bei ihm sieben Tage, aber der Greis gab ihm keine Antwort. Als er ihn fortschickte, sagte er zu ihm: ›Geh und habe selber auf dich Acht! Denn zur Zeit sind meine Sünden eine finstere Wand zwischen mir und Gott‹.« (Apo 133). Ebd., 55.

Klaus Kleffner

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