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Leseprobe 1
Heiliger Josef
Und welche Geschichten wollen wir einmal erzählen? (Mt 1,16.18–21a)
Statio
An diesem Donnerstag feiern wir den Namenstag des heiligen Josef. Ein Hochfest am Werktag, fast mitten in der Arbeitswoche. Es passt zum Zimmermann aus Galiläa, der als Lohnarbeiter bei unterschiedlichen Bauprojekten arbeitet, dass sein Fest ein gewöhnlicher Werktag ist. In seinen Stammbaum, in seine jüdische Familiengeschichte, sein Alltagsleben schreibt sich die Geschichte Gottes mit den Menschen ein. Hier kommt der zur Welt, dem Josef den Namen Jesus gibt, und in dem sich Gottes rettende, erlösende Gegenwart zeigt. Feiern wir – aus unserem Arbeitsalltag kommend, mit der Last und der Freude dieses Tages – das Hochfest des heiligen Josef und besingen wir im Kyrie das befreiende Wirken unseres Gottes.
Siegfried Kleymann

Eines Tages werden wir alt sein

»Eines Tages, Baby, da werden wir alt sein (…) und an all die vielen Geschichten denken, die wir hätten erzählen können«: So lautet der Refrain eines Liedes des israelischen Musikers Asaf Avidan, das 2008 auf einem Album veröffentlicht wurde. Weit größere Bekanntheit hat der Song bei uns in Deutschland aber durch Julia Engelmann erhalten: Eine junge Poetry-Slammerin, die sich auf der Basis dieses Textes ihre Gedanken über das Leben gemacht hat. So viele Geschichten könnte man einmal erzählen, wenn man alt ist, sagt sie. Was man nicht alles in diesem Leben Verrücktes hätte erleben können: weite Reisen, durchgemachte Nächte, Liebesabenteuer und so weiter. Von all dem könnte man im Alter einmal im Rückblick auf das Leben erzählen. Wenn man sich nur getraut hätte, es auch wirklich zu tun. So vieles verschiebt man auf morgen und übermorgen, man hat ja Zeit, man muss nichts überstürzen. Aber irgendwann bleibt dann eben keine Zeit mehr. Eines Tages wird man alt sein und all die vielen Geschichten denken, die man hätte erzählen können. Und man wird sich an all die vielen Träume erinnern, die einen im Lauf des Lebens begleitet haben, aber die eben nichts anderes als Träume geblieben sind. Julia Engelmann hat Recht: »Und die Geschichten, die wir dann stattdessen erzählen, werden traurige Konjunktive sein.«

Lebe deinen Traum!

»Der Sinn des Lebens ist leben«, sagt der Rapper Casper in einem seiner Songs. Es nützt nichts, wenn ich nur träume und mir vorstelle, was ich einmal erreichen möchte. Ich muss es auch leben. Ich muss auch den Mut besitzen, Dinge in Angriff zu nehmen, Unternehmungen zu wagen. Ich muss jetzt die Geschichten schreiben, die ich später einmal erzählen möchte. Ein gutes Beispiel dafür gibt uns das heutige Evangelium vom Traum des Josef: Auch Josef ist in die Entscheidung gerufen, etwas aus seinem Traum zu machen. Dabei hat er sich eigentlich etwas ganz anderes vorgenommen. Er will seine Verlobte sitzen lassen, sich klammheimlich davonschleichen. Die Situation überfordert ihn. Aber sein Traum sagt ihm etwas anderes: Er soll bei seiner Frau bleiben, er soll sich des Kindes annehmen, sich um beide kümmern. Hinter all dem steht nicht etwa ein Nebenbuhler oder eine heimliche Affäre, sondern Gott selbst. Durch die Kraft des Heiligen Geistes hat Maria das Kind empfangen. Sie soll Mutter Gottes werden.

Josef lebt seinen Traum. Schnell verwirft er seine ursprünglichen Pläne und nimmt Maria und ihr Kind in seine Obhut. Bis heute verehren wir den heiligen Josef als Ziehvater Jesu, der sich vor allem im Hintergrund um das Wohlergehen der Familie gesorgt hat. Als fleißiger Handwerker, als tüchtiger Mann, voll Güte und Demut, so stellen sich viele den heiligen Josef vor. Eben das Idealbild eines Vaters, der sich um seine Familie kümmert, der aber auch ein offenes Ohr für Gott und seinen Ruf besitzt. All das aber ist Josef nur geworden, weil er sich getraut hat, seinen Traum zu leben. Er ist nicht zurückgeschreckt vor dem, was ihm der Engel da in der Nacht verkündet. Er hat es auch nicht auf morgen verschoben, so wie wir das gerne tun. »Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte«, heißt es am Ende des heutigen Evangeliums. Josef handelt sofort, ohne Wenn und Aber. Er lebt das, was ihm im Traum widerfährt, und er wird deswegen für uns zu einem Vorbild im Glauben.

Josef schreibt Geschichte(n)


Welche Geschichten hat Josef wohl erzählen können am Ende seines Lebens? Doch wohl die, die aufgeschrieben sind in den Evangelien und viele andere, die uns nicht erhalten sind. Es sind die Geschichten von Jesus, in dem sich Gott uns Menschen ganz und gar offenbart. Es sind Geschichten von der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, die unter uns Menschen sichtbar erschienen ist. Josef kann von diesen vielen Episoden berichten, weil er selbst zu einem wichtigen Darsteller in ihnen geworden ist. Er hat sich nicht gescheut, seinen Traum zu leben. Und gerade darum ist er für uns heute ein Vorbild. Ein Vorbild, wenn es darum geht, sich nicht nur nach dem auszustrecken, was in der fernen Zukunft liegt. Sondern die Dinge anzugehen, wenn sie anstehen; heute zu handeln und nicht alles auf morgen zu verschieben. Josef hätte seinen Traum auch in den Wind schlagen können, er hätte auch seine eigenen Trennungspläne weiter verfolgen können. Aber er hat es nicht gemacht. Er hat keine Sekunde gezögert und hat sich Maria und ihres Kindes angenommen. Josef lebt die göttliche Botschaft, die er mitten in der Nacht in seinem Traum empfängt.

Und welche Geschichten wollen wir einmal erzählen, wenn wir alt geworden sind? Wollen wir dann auch nur im Konjunktiv reden und sagen: »Was hätte ich nicht alles machen können, wenn …«? Oder wollen wir von unseren Träumen reden, die Hand und Fuß bekommen haben, weil wir sie in die Tat umgesetzt haben? Wir haben die Chance, uns jetzt zu entscheiden. Wir dürfen leben – jeden Tag aufs Neue. Aber dieses Leben orientiert sich doch allzu oft am Morgen: »Morgen, morgen, nur nicht heute …«, heißt ein Sprichwort. Und viele Menschen leben danach, vielleicht auch, weil sie Angst haben, Dinge, die anstehen, wirklich anzugehen. Es lebt sich doch einfacher, wenn man alles auf morgen verschieben kann und dann wieder auf morgen und so weiter. Dann aber kann man am Ende des Lebens wirklich nur in Konjunktiven reden. Dann bleiben Träume auf ewig nur Träume und man hätte so vieles machen und erleben können und Josef hätte sich von Maria getrennt …

Josef, der Mutmacher

Wir feiern das Fest des heiligen Josef, weil er uns Mut machen will. Mut, dass wir unsere Träume, Sehnsüchte und Wünsche nicht nur als Luftschlösser mit uns herumtragen. Dass wir sie vielmehr wirklich mit Leben erfüllen, sie lebendig werden lassen, weil es sich lohnt, zu leben. Und diese Träume haben wir doch alle: Die Träume von einer besseren Welt, von mehr Frieden, Gerechtigkeit und Liebe. Die Träume von der Versöhnung mit Menschen, mit denen wir im Streit liegen. Die Träume, endlich Anerkennung zu finden bei den anderen, geliebt zu werden und selbst zu lieben. Wir tragen diese Sehnsüchte mit uns herum. Und so oft bleiben sie unerfüllt. So oft bleiben sie Wünsche – auch deshalb, weil wir uns nicht trauen, sie zu leben. Was würden wohl die anderen von mir denken, wenn ich plötzlich die Hand zur Versöhnung reiche? Was könnte nicht alles passieren, wenn ich dem Bettler am Straßenrand ein wenig Geld zustecke? Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Und besonders dann, wenn es um die Erfüllung unserer tiefsten Sehnsüchte und Träume geht. Da braucht es schon Mut und Zuversicht und die nötige Gelassenheit, dass es schon gut geht, auch wenn so vieles ungewiss ist.

»Also: Los! Schreiben wir Geschichten, die wir später gern erzählen! Und eines Tages, Baby, da werden wir alt sein, oh, Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die für immer unsere sind«: Lassen wir uns nicht verunsichern von all dem, was unsere Träume zerstören könnte. Schauen wir auf den heiligen Josef, den wir so hoch verehren, weil er den Mut hatte, seinen Traum unbedingt zu leben. Und schreiben wir jetzt mit unserem Leben die Geschichten, die wir später einmal erzählen wollen. Geschichten von unbedingter Liebe, von gegenseitiger Hochachtung und Wertschätzung, von Frieden, Gerechtigkeit und einem Leben aus dem Glauben an den menschgewordenen Gott.

Fabian Brand

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