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Leseprobe 1
Christi Himmelfahrt
II. Nah und zugleich entzogen (Lk 24,46–53)
Himmelfahrt im Kontext sich wandelnder Weltbilder

Fast 60 Jahre ist es inzwischen her, seit Menschen das Weltall erobert haben. Am 12. April 1961 umrundete Juri Gagarin eine Stunde und 48 Minuten lang die Erde. Legendär wurde nach seiner Rückkehr zur Bodenstation der Satz: »Ich bin in den Weltraum geflogen, aber Gott habe ich dort nicht gesehen«. Auch wenn inzwischen klar ist, dass dieser Satz von Gagarin selbst nie gesprochen, sondern ihm von der russischen Propaganda in den Mund gelegt wurde, so bleibt er doch eine Herausforderung an uns, die wir heute das Fest Christi Himmelfahrt feiern: Wie verstehen wir dieses Fest? Welchen Sinn legen wir ihm bei, und wie gehen wir mit der Bildhaftigkeit dieses Wortes »Himmelfahrt« um?

Natürlich wissen wir heute, dass diese Vorstellung das antike dreistöckige Weltbild aus Unterwelt, Erdscheibe und darüber gespannter Himmelssphäre voraussetzt. Und natürlich kennen wir auch die zahlreichen Parallelen aus der jüdischen und griechisch-römischen Mythologie, die ebenfalls von solchen Himmelfahrten und leibhaftigen Entrückungen berichten: Elija und Henoch im Alten Testament, aber auch Herakles, Romulus oder Alexander der Große. Doch ebenso wenig wie für uns heute das antike Weltbild bindend sein kann, sind wir genötigt, an einer wortwörtlich-bildhaften Vorstellung dieser Erzählung festzuhalten: Der Auferstandene hat nicht wie eine Rakete vom Boden abgehoben, und er ist nicht auf mysteriöse Weise nach oben in die Wolken entschwebt. Was also ist der bleibende Sinn und worin liegt die Wahrheit dieser lukanischen Erzählung, die sich aus dem reichen Schatz der antiken Mythologie bedient?

Himmelfahrt bei Lukas

Erstaunlicherweise berichtet nur Lukas von einer Himmelfahrt Jesu. Die anderen Evangelien kennen dieses Bild nicht, und auch in der gesamten neutestamentlichen Briefliteratur wird es nicht erwähnt. Eine parallele Stelle aus dem Markusevangelium ist eine späte, nachträgliche Hinzufügung aus dem zweiten Jahrhundert, die von Lukas abschreibt. Lukas selbst aber überliefert zwei unterschiedliche Versionen; fast so, als wollte er selbst vor einer naiv-wortwörtlichen Auslegung warnen: Am Schluss seines Evangeliums legt er die Himmelfahrtszene auf das Ende des Ostertages, zu Beginn der Apostelgeschichte aber erzählt er sie als Abschluss einer 40tägigen Phase, in der der Auferstandene sich immer wieder den Jüngern zeigt und mit ihnen zusammen ist.

So markiert die Himmelfahrt Christi in der heilsgeschichtlichen Konzeption des Lukas eine Epochenschwelle und eine Zeitenwende. Einerseits bezeichnet Himmelfahrt die Vollendung des Osterfestes. Das mit der Chiffre »Himmelfahrt« Gemeinte ist ein integraler Teil des Auferstehungsgeschehens: Kreuz und Tod, Auferstehung und Entrückung des Menschgewordenen bilden einen einheitlichen Ereigniszusammenhang und lassen sich nicht auseinanderdividieren. Ganz deutlich wird das bei Johannes, der das alles im Stichwort der »Erhöhung« Jesu im Moment seines Todes zusammenfasst: »erhöht« am Kreuzesbalken, zugleich damit »erhöht« hin zu Gott. Auferstehung und Entrückung in den Himmel sind zwei sprachliche Konzepte (zwei Wortbilder), die gleichberechtigt am Anfang der Urkirche stehen und die beide das gleiche – eigentlich ganz und gar unsagbar – Neue meinen und ins Wort zu bringen versuchen: Der, der tot war, lebt; und er lebt neu und ganz anders bei Gott; und gerade so ist er jedem und jeder von uns auf unvergleichliche Weise nah und gegenwärtig.

Andererseits aber beginnt bei Lukas mit der Himmelfahrt Christi eine neue Epoche: die Zeit der Kirche, die Zeit der Aussendung der Jünger zu weltweiter Verkündigung und Mission. Jeder Terminspekulation über das erwartete Ende und die Aufrichtung des Reiches für Israel wird von Jesus eine Absage erteilt. Die beiden Engel in den weißen Gewändern ermahnen die zurückbleibenden Jünger, ihr Blick solle nicht jenseitssehnsüchtig nach oben gehen, dem Auferstandenen nach, sondern nach vorne, in die Zukunft der Kirche hinein, die seine Wiederkunft in steter Bereitschaft und Wachsamkeit erwartet.

Zugleich nah und entzogen

Das Bild gewinnt in der Geschichtstheologie des Lukas einen gut bestimmbaren Sinn, weil es die Grenze markiert zwischen der Zeit des irdischen Jesus und der Zeit der Kirche. Was aber kann es uns Heutigen sagen? Ich denke, dass genau diese lukanische Schwebe zwischen den Zeiten, dieses Dazwischen zwischen Nähe und Distanz, zwischen Gegeben- und Entzogensein, zwischen Intimität und Universalität des Auferstandenen von Bedeutung ist, wenn wir nach dem Sinn des Festes Christi Himmelfahrt für unsere Gegenwart fragen. Denn zunächst einmal ist es ja ein Fest des Abschieds. Die Zeit der irdischleiblichen Präsenz Jesu für die Seinen ist definitiv vorbei. Wir sehen ihn nicht mehr, haben ihn nicht so bei uns, wie die Jünger ihn bei sich hatten. Er ist uns entzogen, nicht greifbar. Karl Rahner hat einmal gesagt, Christi Himmelfahrt sei das »Fest des seligen Schmerzes«, weil diese Entzogenheit des Auferstandenen uns daran erinnern soll, dass hier und jetzt noch nicht alles vollendet ist, die ungebrochene Präsenz des Gottesreiches noch aussteht. Es soll uns daran erinnern, dass wir noch nicht am Ziel sind, sondern unterwegs, Suchende auf ihrem Weg durch die Zeit, voller Sehnsucht nach dem Kommenden. Gerade so würde uns, so Rahner weiter, Christi Himmelfahrt zum »Fest des Glaubens schlechthin«, weil es uns lehrt, dass wir unsere Existenz nicht im Haben und Besitzen festigen können, sondern nur im Sich-Ausstrecken auf das Mögliche, im Sich-Festmachen am Zukünftigen und im Vertrauen auf die Wahrheit der Verheißungen, die uns mit diesem Jesus aus Nazaret geschenkt sind.

Mit anderen Worten: Wir haben den Auferstandenen nicht wie eine Sache bei uns, können ihn nicht in den Rucksack unserer Weltdeutungen und Weltbilder hineinpacken und bei Gelegenheit daraus hervorziehen und vor uns hertragen. Nein, in dieser Hinsicht ist Jesus Christus uns verborgen. Er lässt sich nicht missbrauchen zur persönlichen Identitätsfixierung vermittels unterkomplexer Wir-Ihr-Dualismen. Dafür ist er uns nahe im hoffenden, zweifelnden und suchenden Glauben. Er ist uns nahe in seinem Geist, den er ausgießt in unsere Herzen, im Wort der Schrift und in den Sakramenten, in der Begegnung mit dem Nächsten.

Durch diese Distanz, die Nähe gewährt nur im Glauben, zerbricht Christus unser Bestreben, uns seiner habhaft zu machen, ihn einzuordnen in die Besitztümer unserer kleinen Welt. Eigentlich ermöglicht er erst auf diese Weise, zu ihm überhaupt in Beziehung zu treten. Denn nur so kann er uns nah sein, ohne von uns vereinnahmt zu werden. Diese Distanzierung bedeutet zugleich eine Universalisierung: Seine Entzogenheit gewährt ihm die Freiheit, allen Menschen zu allen Zeiten gleich nah, gleich intim gegenwärtig, gleich im Innersten verbunden zu sein. Erst sein Sich-Entziehen als Einzelperson in Raum und Zeit, das Lukas in das Bild der Himmelfahrt kleidet, ermöglicht Christi universale Gegenwart für alle Welt im Geist. Das Fest des Abschieds, das wir heute feiern, ist zugleich auf ganz eigentümliche Weise ein Fest der neuen Nähe; einer Nähe aber, die durch keine Raum-Zeit-Fixierung auf einen bestimmten Personen- oder Kulturkreis eingegrenzt ist. Seine Himmelfahrt ermöglicht Christus eine Nähe, die allen Menschen zu allen Zeiten gilt, die die ganze Welt umfasst.

Die Nähe Gottes zu allen Menschen bezeugen

Diese Nähe Gottes zu allen Menschen aller Zeiten zu verkünden, dazu sind wir Christinnen und Christen gesandt. Das ist der Zeugendienst, zu dem wir aufgerufen sind. Einzig dazu ist Kirche da: immer wieder aufs Neue ihre eigene Vorläufigkeit zu verkünden und an ihrer eigenen Überholbarkeit zu arbeiten. Weil sie weiß, dass sie Gott nicht für sich alleine hat. Weil sie weiß, dass sie enden soll und enden wird, wenn die Nähe Gottes zu allen Menschen, die hier und jetzt am Himmelfahrtstag im Glauben erfahrbar ist, auch für alle Menschen offenbar geworden ist. Weil sie weiß, dass sie selbst heilig und Sünderin zugleich ist, daher beständig der Umkehr und Erneuerung bedarf. Weil sie weiß, dass sie beständig gegen die Versuchung anzukämpfen hat, der institutionellen Urhäresie zu erliegen und sich selbst mit Christus zu verwechseln, das eigene Christuszeugnis mit diesem selbst zu identifizieren und so gerade zu verunmöglichen.

Am universalen, weltumspannenden Inhalt dieser Botschaft hat sich die Art und Weise ihrer Verkündigung zu messen. Dann verbietet sich von vornherein jener plumpe, dumpfe und dabei so abgründig verzweifelte Hurra-Katholizismus, der die Welt mit etwas beglücken will, das vermeintlich ganz exklusiv nur im Besitz von uns Katholiken ist. Dann verbieten sich auch jene Dualismen im Denken und im Glauben, die zwischen Kirche und Welt, Geretteten und Verlorenen, Dazugehörigen und Abgefallenen trennscharf unterscheiden wollen. Nein, der Himmelfahrtstag lehrt uns: Wo immer wir auch hingehen mögen, Christus ist schon da. Wem immer wir begegnen mögen, Christus ist ihm je schon nahe und im Innersten gegenwärtig. Das mag uns ein Trost sein, wenn wir uns manchmal ganz verloren mitten in einer unübersichtlichen Welt fühlen. Das soll uns auch zur Bescheidenheit mahnen: Wir Christus-Zeuginnen und -Zeugen haben Christus immer neu in und an den Anderen zu lernen. Wir selbst sind das erste Ziel der Mission. Und es soll uns ermutigen, unsere Hoffnung weit zu machen: Wer auf Gott hofft, hofft für alle und alles. So weit wie der Grund unseres Glaubens, so weit soll unsere Hoffnung sein: nichts und niemanden ausschließend, für alle.

Matthias Reményi

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