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Leseprobe 2
Kasualien
Das geistliche Lied
Vorbemerkung der Redaktion:
Das Münchener Bildungswerk widmet sich in einer Reihe »Das geistliche Lied« der theologischen und musikalischen Eröffnung von Kirchenliedern aus verschiedenen Epochen. In loser Folge werden wir im »Prediger und Katechet« die geistlichen Zugänge zu den Liedern veröf fentlichen, oftmals dem Rhythmus des Kirchenjahres oder des Heiligenkalenders entsprechend. Wir danken den Verantwortlichen des Münchener Bildungswerkes für die Vermittlung sowie den Verfasserinnen und Verfassern für das Einverständnis zur Veröf fentlichung. Möge die Reihe dazu beitragen, den reichen Schatz der Kirchenmusik zu entdecken und in Gesang und Deutung lebendig zu halten.

I. Holz auf Jesu Schulter (GL 291)

Holz auf der Schulter, das fühlt sich nicht gut an; auch wenn erst in der letzten Strophe gesagt wird, dass es nicht um Bauholz, sondern ums Kreuz geht – klar ist schon jetzt: wir werden uns auf ein ungemütliches Lied einstellen müssen. Der aus dem Niederländischen in freier Übertragung geschaffene Text jedenfalls ist voller spannungsreicher Gegensätze: Erde-Himmel / Fluch – Segen / Anklage-Zusage / Güte – Gericht begegnen uns in steiler Fügung.

Auch die Melodie passt zu dem Wechselbad: nachdem schon mit der kleinen Terz aufwärts in den ersten drei Tönen klar ist, dass wir uns auf ernstem Moll- Grund bewegen, geht’s gleich runter bis zur Unterquint und dann steil zum Aussichtspunkt der oberen Quinte: sängerisch eine unbequeme Berg- und Talfahrt – genauer: eine Tal- und Bergfahrt. – Es geht rund.

Die »Lebensfahrt« ist ein prägendes Motiv des Liedes (vgl. Str. 2 und Refrain]. Und es spricht schonungslos von der Gefahr, dass wir auf den Holzweg geraten auf und mit unserer Welt. »Denn die Erde jagt uns auf den Abgrund zu«, heißt es in Strophe 5. Das »uns« lese ich als Dativus ethicus, im Sinn von: Die Erde entgleitet uns. Es läuft ja derzeit auch nicht rund auf unserem Globus. Wiederholt haben wir ökologisch in drohende Abgründe geblickt: in Fukushima, bei den Flut- und Dürrekatastrophen. Auch wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich ist unsere Weltfahrt alles andere als sorgenfrei: Finanzkrise, Flüchtlingselend, nicht enden wollende Konflikte, Gewalt und Terror. Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika »Laudato si« mutig zusammengedacht, was aufs engste zusammenhängt: Klimawandel, Armut, Ungleichheit. »Laudato si« ist daher keine Umwelt- sondern eine Gerechtigkeits-Enzyklika. Es kann kein schrankenloses privates Eigentumsrecht an der Atmosphäre, den Ozeanen und Ressourcen geben. Wie soll es möglich sein, den Aufbau einer besseren Zukunft anzustreben, ohne an die Leiden der Ausgeschlossenen zu denken, fragt der Papst und fordert eine neue universale Solidarität.

Im Grunde geht’s immer schief, wenn man über die Verhältnisse lebt und ohne Rücksicht aufs Ganze lebt. Leben auf Kosten anderer. Nach uns – oder inzwischen schon mit uns? – die Sintf lut. Woher kommt der Wahnsinn? Eine Antwort der Bibel: Aus der Angst, zu kurz zu kommen. Auf ihren ersten Seiten (Gen 3, 1–13) ist das treffend beschrieben, wie die Menschen auf den Holzweg geraten: Am Anfang ist für die Menschen ein paradiesischer Lebensraum eröffnet – ein wohl bestellter Garten, viel Holz, satte Erträge, Leben in Fülle. Unbemerkt streut jemand Verdachtskörner: Hinter allem Leben könnte kein Freigeber, sondern ein Neider stehen. Und diese Saat geht auf, Misstrauen grassiert: Der gönnt uns etwas nicht, hält etwas an Lebensmöglichkeiten zurück. Und schon keimt die Angst, zu kurz zu kommen: »Es reicht nicht, was wir haben, was wir sind. Das Boot ist voll. Die anderen gehören nicht dazu.«

Die Folgen der Angst schildert die Bibel auf den folgenden Seiten: Mord und Totschlag (Kain und Abel: Gen 4,1–16), Chaos auf der Erde (Die große Flut: Gen 7,17 – 8,22) und unter den Menschen kein Netz der Verständigung mehr (Turmbau zu Babel: Gen 11,1–9). Urgeschichten von Holzwegen, die, wiewohl so nie passiert, in ihrem Gehalt aber immer und bedrängend gegenwärtig sind. Die globale Menschheitsfamilie wird ihre Holzwege immer wieder einsehen und verlassen müssen. Das bedeutet wahrzunehmen, »dass wirkliches Lernen etwas von einer Bekehrung an sich hat.« (Peter Sloterdijk, Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne, Berlin 2015, S. 228.) Umdenken heißt umkehren: energiepolitisch, ökologisch, gesellschaftlich – global und sehr persönlich. Schaffen wir das? Können wir das schultern? Unser Glaube sagt: Ja, weil wir nicht allein sind und es nicht allein machen müssen.

In Jesus hat Gott selber Holz geschultert. Er nimmt die Folgen der Angst, den Hass, die Gewalt auf sich und geht den Holzweg bis zur Katastrophe; so müssen wir die Holzwege nicht mehr zu Ende gehen. Der Himmel sagt uns: Alles ist vollbracht. Gott hat mitten im Zusammenbruch den Durchbruch geschaffen. Der Verzweif lungsschrei des Karfreitags »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Ps 22,2) ist nicht in den Wind geschrien, im Nichts verhallt, sondern hat österliche Wendung erfahren: Inspiriert von Worten aus Psalm 139 (VV. 2. 18. 5. 6) lässt der Eingangsgesang der Messe vom Ostersonntag den Auferstandenen staunend das Wunder der Rettung bekennen: »Resurrexi, et adhuc tecum sum – Ich bin erstanden und bin immer bei dir. Du hast deine Hand auf mich gelegt. Wie wunderbar ist für mich dieses Wissen.« – Gottes Treue hält Tod und Teufel aus.

In unserem Lied thront auf dem melodischen Höhepunkt der Name Kyrios. Die Melodie des Refrains zitiert ein gregorianisches Kyrie. Wir tauchen ein in das Rufen von Generationen von Christen, die an diesen Namen ihr Glauben, Hoffen und Lieben knüpften. Auch in der melodischen Geste dieses Rufes bekommt die Tal- und Bergfahrt einen Anker; sie ist nicht mehr haltlos. Und textlich wird erst in der letzten Strophe richtig deutlich, woran wir uns im Glauben festmachen. Jetzt erst sind wir ganz beim Du; wir reden ihn an, o Herr, du unser Erbarmer! Das griechische »eleison« weist zurück auf das hebräische Wort für Gottes Huld, seine Bundestreue. Diese Huld Gottes leuchtet auf in seinem Sohn; darum huldigen wir ihm im »Kyrie eleison«. Gott zeigt sich in ihm auch als unser Verbündeter.

Und in der letzten Strophe unseres Liedes wird auch erst richtig enthüllt, welches Kantholz da schwer in Jesu Schultern schneidet, und dass mit Jesu Tod am Holz das Kreuz zum Baum des Lebens wurde. Erst am Ende des Liedes wird vollends klar, warum aus dem »verf lucht« auf dem melodischen Tiefpunkt in der 1. Strophe als Reim die »Frucht« auf der leuchtenden Oktave des hohen c herauswächst. So »schwer« der Verfluchte trägt am Kreuz, so schwer-reich ist das österlich gewandelte Baum-Kreuz jetzt an Früchten. (Vgl. auch Meinrad Walter, »Sing, bet und geh auf Gottes Wegen …« 40 neue und bekannte geistliche Lieder erschlossen, Freiburg i. Br. 2013, S. 95–98, hier 97f) Die Früchte dieses Baums für uns sind:

- Neu Vertrauen können: Habt keine Angst, ich bin bei euch, ich sehe und gehe mit wo ihr geht. Ich habe aus euren Holzwegen meinen Königsweg ins österliche Licht gemacht.

- Die Erkenntnis und der Mut aus diesem Licht heißt: Leben gelingt und wächst im Teilen und Mitteilen.

Markus Eham

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