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Leseprobe 1
50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil
II. »… an der Zuversicht festhalten, die wir am Anfang hatten« – Seliger Johannes XXIII. – 11. Oktober

»An der Zuversicht festhalten, die wir am Anfang hatten« (Hebr 3,14): Diese Zeile aus dem Hebräerbrief könnte ein gutes Leitwort für den heutigen Gedenktag sein, ein Leitwort, das zugleich in unsere persönliche Situation hineinzusprechen vermag. »An der Zuversicht festhalten, die wir am Anfang hatten«: Wie bewahre ich mir die Freude und Motivation, die ich am »Anfang« so verheißungsvoll gespürt habe? Was hilft mir auf den Durststrecken, wenn Freude von Resignation, Motivation von Routine überwältigt zu werden droht? Manchmal hilft es, wenn ein Bild mich an den verheißungsvollen Anfang erinnert – etwa das Foto von Hochzeit oder Priesterweihe, auf das der Blick mitten im Alltag fällt, weil es im Zimmer seinen Platz hat. Auch angesichts der Spannungen und Unsicherheiten unserer gegenwärtigen kirchlichen Situation könnten Bilder helfen, die Zuversicht des verheißungsvollen Anfangs nicht aus den Augen zu verlieren. Ein solches Bild entstand heute vor genau 50 Jahren: Am 11. Oktober 1962 zieht Papst Johannes XXIII. mit den Bischöfen aus der ganzen Welt in den Petersdom ein, um das Zweite Vatikanische Konzil zu eröffnen: ein eindrucksvolles, berührendes Bild. In der Diözese Rom wird am 11. Oktober des seligen Konzils-Papstes gedacht – und die deutschen Bischöfe haben diesen Gedenktag nun auch hierzulande in den Kalender aufgenommen. Was stellt uns das Bild dieses Papstes vor Augen?

Weit über den Raum der Kirche hinaus hat man seinerzeit Johannes XXIII. den »papa buono«, den »guten Papst«, genannt: Diese unvergleichliche Wirkung hängt sicher damit zusammen, dass sein Bild, sein Auftreten immer wieder Güte, Bescheidenheit und Aufrichtigkeit ausgestrahlt hat. Angelo Roncalli war wohl kein reformtheologischer Vordenker; seine Frömmigkeit war eher traditionell geprägt. Aber darin war er aufmerksam für die Not der Zeit – und für den zunehmend aufgestauten Reformdruck in der Kirche, der er zeitlebens selbstlos diente. Eben das führte ihn dazu, die moderne Welt nicht länger als Feind des Glaubens zu sehen, sondern mutig den »Zeichen der Zeit« nachzuspüren, um sie neu »im Licht des Evangeliums zu deuten« (vgl. GS 4). So konnte er sich in seiner Ansprache zur Konzilseröffnung den »Unglückspropheten« entgegenstellen, die das Bild unserer Zeit nur in düstersten Farben zu malen verstehen. Auch Papst Johannes XXIII. ging es darum, in Treue zum Evangelium den Schatz der Überlieferung zu bewahren – aber: »Es ist nicht unsere Aufgabe, diesen kostbaren Schatz nur zu bewahren, als ob wir uns einzig und allein für das interessieren, was alt ist, sondern wir wollen jetzt freudig und furchtlos an das Werk gehen, das unsere Zeit erfordert …« Aggiornamento, »Verheutigung« des Glaubens, das Öffnen der kirchlichen Fenster zur Welt – das war für Johannes nicht Widerspruch zur Neuerschließung der Tradition, sondern Konsequenz aus diesem Rückgang zu den Quellen.

Das Bild, wie dieser Pontifex von der Gemeinschaft der Bischöfe in die Konzilsaula geleitet wird, unterstreicht sinnenfällig, wie seine Autorität daraus erwuchs, dass er auf so verheißungsvolle Weise wirklich »Brückenbauer« war. Kirchliche Polarisierungen zu überwinden und einen neuen Anfang in Verbundenheit mit der Tradition zu wagen: Diese Verpflichtung hat Johannes XXIII. Kirche und Konzil mit auf den Weg gegeben über seinen Tod am 3. Juni 1963 hinaus. Gewiss: Auch die Geschichte des Zweiten Vatikanums erzählt von Krisen, Machtkämpfen und Intrigen. Die Kompromisse, um die sich die Konzilsväter mühten, provozieren den Streit der Deutungen bis heute. Wie konnte sich Papst Johannes XXIII. auf so ein Abenteuer einlassen? Das haben damals nicht wenige skeptisch gefragt. War er so naiv, dass er dieses Konfliktpotential gar nicht sah? Nein – es war wohl eher so, dass dieser Angelo Roncalli durch die Erfahrungen seines Lebens hindurch jene Zuversicht bewahrt hatte, von der der Hebräerbrief spricht. Und der Verfasser dieses Briefs betont mit einem Zitat aus den Psalmen ganz nachdrücklich das »Heute«: »Heute, wenn ihr seine Stimme hört …« (Hebr 3,7b; vgl. Ps 95,7). In diesem »Heute« hat der selige Papst Johannes XXIII. auf die Stimme des guten Hirten gehört und der Zuversicht des Anfangs vertraut. So konnte er den Glauben »verheutigen«. So ist er selbst zum Zeugen des guten Hirten geworden, als er mit dem Konzil einen neuen Anfang wagte. In den kirchlichen Konflikten, Spannungen und Unsicherheiten unserer Tage mag er uns ein guter Fürsprecher sein, diesen Weg in Zuversicht weiterzugehen.

Vorschlag für die Schriftlesungen: Hebr 3,7–14 [Lektionar V, S. 17 f.]; Joh 21,1.15–17 [Lektionar V, S. 502]; Vorschlag für Präfation und Hochgebet: »Jesus, unser Weg«; eine deutsche Übersetzung der Orationen zum Gedenktag des sel. Johannes’ XXIII. findet sich in: Ergänzungsheft zum Messbuch. Eine Handreichung, hg. von den Liturg. Instituten Deutschlands, Österreichs und der deutschsprachigen Schweiz, Trier 2010, S. 38f.

Martin Rohner

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