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Die Schriftleitung
Leseprobe 2
12. Sonntag im Jahreskreis
I. Eine befreiende Botschaft in bedrängter Zeit (Mt 10,26–33)
Im Neuen Testament begegnet uns immer wieder die befreiende Botschaft Jesu: »Fürchtet euch nicht!« Und doch fällt sie heute auf einen Boden, der von Angst durchzogen ist. Wir leben in einer Zeit globaler Verunsicherung: Kriege und Gewalt prägen ganze Regionen, demokratische Grundwerte geraten unter Druck, wirtschaftliche Existenzängste wachsen, und viele Menschen sind durch permanente Krisenmeldungen einer subtilen, aber dauerhaften Erschöpfung ausgesetzt. Hinzu kommt eine gesellschaftliche Atmosphäre, in der Ausgrenzung, Polarisierung und Verachtung wieder salonfähig werden. Gerade in diesem Kontext gewinnt Jesu Wort eine existenzielle Tiefe: »Fürchtet euch nicht vor den Menschen.« Das ist kein naiver Optimismus, keine spirituelle Flucht vor der Realität. Es ist eine heilvolle Zumutung. Jesus verheißt hier kein angstfreies Leben – wohl aber eine Freiheit, die tiefer reicht als jede Bedrohung. Denn Angst macht klein. Sie verengt den Blick, lähmt das Herz und raubt die Sprache. Sie führt dazu, dass Menschen verstummen, sich anpassen und sich zurückziehen. Jesu Wort dagegen öffnet einen Raum innerer Freiheit. Diese Zusage »Fürchtet euch nicht« ist heilend und befreiend gerade in unsicheren Zeiten. Sie befreit nicht von Konflikten, wohl aber von der Macht der Angst. Sie schenkt keine äußere Sicherheit, wohl aber Geborgenheit im Innersten. Wer sich von Gott getragen weiß, muss sich nicht von der Furcht regieren lassen: Gott traut uns zu, aufrecht zu leben – auch in einer verletzlichen Welt.

Sie können den Leib nicht töten

Die Stärke als Kardinaltugend geht über menschliche Tapferkeit oder psychische Belastbarkeit hinaus. Sie gründet in der Zusage Gottes und wächst aus dem Vertrauen auf Christus. Sie befähigt den Menschen, dem Guten treu zu bleiben, auch wenn Leid, Verzicht und Bedrohung dazugehören. Sie lässt uns die Angst durchschreiten – selbst die Angst vor dem Tod –, weil unser Leben letztlich in Gottes Hand geborgen ist. So wird die Stärke zur geistlichen Kraft, die uns in der Nachfolge Christi hält und uns in der Hoffnung verwurzelt, die stärker ist als jede Gewalt. Ein eindrückliches Zeugnis dafür gibt die selige Anuarite Nengapeta, eine Ordensfrau aus dem Ostkongo. Als sie 1964 während der Wirren des Aufstands der Rebellen entführt wurde, widersetzte sie sich den Forderungen ihres Peinigers und blieb ihrer Ordensberufung treu. Angesichts von Gewalt und Todesdrohung bekannte sie ihren Glauben und vergab ihrem Mörder noch im Sterben. Ihre letzten Worte – ein Gebet um Vergebung – machen sichtbar, was christliche Stärke bedeutet: nicht Vergeltung, sondern Hingabe; nicht Angst, sondern Vertrauen; nicht Hass, sondern Liebe. In ihrem Martyrium wird Jesu Wort lebendig: »Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann!« (Mt 10,28)

Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt

Jesus greift zu einem überraschend intimen Bild: gezählte Haare. Eine Metapher, die zunächst fast banal wirkt – und doch eine tiefe theologische Wahrheit enthält. Sie spricht von einer Gottesbeziehung und väterlichen Fürsorge, die nicht abstrakt ist, sondern persönlich. Gott kennt den Menschen nicht nur im Allgemeinen, er kennt ihn im Einzelnen, im Konkreten, im Verletzlichen. Nichts ist Gott zu klein, zu unbedeutend, zu alltäglich. Jeder Mensch ist ihm kostbar – nicht wegen seiner Leistung, nicht wegen seiner Stärke, sondern weil er geschaffen und geliebt ist. Diese Zusage gewinnt besondere Schärfe angesichts des Leidens. Denn sie bedeutet nicht: Dir wird nichts Schweres widerfahren. Vielmehr heißt sie: Auch im Schweren bist du nicht vergessen. Gott sieht die Tränen, die niemand sonst bemerkt. Er kennt die Angst, für die es keine Worte gibt. Er ist da, wo Menschen sich selbst verlieren. Angesichts unserer Leistungsgesellschaft, die Menschen oft nur nach Funktionen, Produktivität, Nützlichkeit oder Anpassungsfähigkeit einstuft, setzt Jesus einen radikalen Kontrapunkt: Der Wert des Menschen ist unverfügbar. Er liegt nicht in dem, was wir darstellen; er gründet in dem, was wir sind – Kinder Gottes. Wer das glaubt, gewinnt eine neue Würde. Und eine neue Freiheit. Denn wer sich so gehalten weiß, muss nicht mehr um jeden Preis gefallen, sich rechtfertigen oder verstecken. Die göttliche Fürsorge trägt – selbst dort, wo menschliche Sicherheiten zerbrechen.

Sich zu Christus bekennen – Mut zur Sichtbarkeit des Glaubens

»Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen.« (Mt 10,32) Was für ein anspruchsvoller Satz! Er konfrontiert uns mit der Frage: Wie sichtbar ist unser Glaube – und was hält uns davon ab, zu ihm zu stehen? Sich zu Christus zu bekennen heißt nicht, lautstark Parolen zu rufen oder religiöse Überlegenheit zu demonstrieren. Es bedeutet vielmehr, das Evangelium im eigenen Leben Gestalt gewinnen zu lassen. Es heißt, Haltung zu zeigen – dort, wo Menschen herabgewürdigt werden. Partei zu ergreifen für die Schwachen. Nicht zu schweigen, wenn Würde verletzt wird. Gerade heute ist dieses Bekenntnis oft leise, aber kostbar. Es geschieht in kleinen Gesten: im solidarischen Zuhören, im beharrlichen Einsatz für Gerechtigkeit, im Widerstand gegen rassistische oder menschenverachtende Sprache, im treuen Dasein für andere. Dabei ist klar: Wer sich zu Christus bekennt, macht sich angreifbar. Christlicher Glaube ist kein Schutzschild vor Ablehnung. Aber Jesus verheißt etwas Größeres: Beziehung. Anerkannt sein vor Gott. Gesehen werden mit einem Blick, der tiefer reicht als jede menschliche Bewertung. Dieses Versprechen trägt durch Zeiten der Unsicherheit. Es sagt: Dein Zeugnis zählt. Dein Mut bleibt nicht unbeachtet. Dein Einsatz für das Gute ist aufgehoben in Gottes Treue.

Vertrauen statt Angst

Jesus ersetzt die Logik der Angst durch die Logik der Beziehung. Er verweist nicht auf äußere Sicherheit, sondern auf die Nähe Gottes: gezählte Haare, gesehene Spatzen – Bilder dafür, dass Gott jeden Menschen sieht und trägt. Angst verliert ihre Macht dort, wo der Mensch erkennt, dass sein Leben Geschenk ist und nicht ständig verteidigt oder bewiesen werden muss. Und auch dort, wo wir begreifen: Mein Leben ist Geschenk. Ich muss es nicht ständig absichern, rechtfertigen oder beweisen. Sich zu Christus zu bekennen heißt, seine Haltung des Vertrauens zu teilen – dieses tiefe Wissen: Ich bin in Gottes Hand. In dieser Gottesbeziehung werden wir frei: frei von dem Druck, Erwartungen erfüllen zu müssen, frei von inneren Ängsten und Zwängen. Nicht weil die Welt harmlos geworden wäre, sondern weil wir wissen: Gott hält uns. Davon lebt unser Glaube: getragen mitten in unserer Verletzlichkeit, geborgen mitten in allem, was uns bedroht. Darin liegt die befreiende Kraft des heutigen Evangeliums.

Égide Pèlerin Muziazia

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