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| Leseprobe 1 |
| Einfach gesagt |
| Hoffnung jenseits großer Worte – 11. Sonntag im Jahreskreis (Mt 9,36 – 10,8) |
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Wir kommen heute mit ganz verschiedenen Leben im Gepäck hierher. Mit Terminen im Kopf, mit Sorgen um Menschen, für die wir Verantwortung tragen. Manche sind müde, weil sie viel geben, andere weil sie lange stark sein mussten. Und manche fragen sich vielleicht leise, was der Glaube mit all dem eigentlich zu tun hat.
Das Evangelium beginnt heute nicht mit Antworten, sondern indem es den Blick Jesu schildert. Jesus sieht die Menschen. Nicht flüchtig, nicht aus der Distanz. Er sieht sie müde und erschöpft, wie Schafe ohne Hirten. Das ist kein romantisches Bild. Es beschreibt eine Erfahrung, die auch heute viele kennen: Wenn Entscheidungen anstehen und niemand sie wirklich mitträgt oder wenn Erwartungen da sind, aber kein Halt zu finden ist. Wenn man funktioniert, aber innerlich leer wird.
Wahrscheinlich hören wir dieses Evangelium heute ganz unterschiedlich. Manche von uns erkennen sich eher in den Erschöpften wieder. Andere merken: Ich bin oft der, der trägt, organisiert, aushält. Und ich merke an mir selbst, wie schmal manchmal die Grenze ist zwischen Verantwortung und Überforderung. Und vielleicht gibt es auch Momente, in denen wir spüren: Ich habe weggeschaut. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil es mir zu nah gekommen ist. Jesus reagiert nicht mit Appellen. Er lässt sich berühren. Sein Mitgefühl ist keine freundliche Geste aus sicherer Entfernung. Es ist eine tiefe Unruhe, die ihn antreibt. Er heilt, richtet auf, gibt Menschen Würde zurück. Das Reich Gottes bleibt bei ihm kein großes Wort. Es zeigt sich dort, wo jemand wieder aufrecht gehen kann. Wo Nähe gut tut und Grenzen geachtet werden.
Doch Jesus merkt auch: Das alles überfordert ihn allein. Die Not ist größer. Also ruft er andere. Er sendet sie aus, mitten hinein in das Leben anderer Menschen. Nicht als Retter, nicht als Kontrolleure, sondern als Mitgehende. Mit einer Aufgabe, die Nähe verlangt und Verantwortung braucht: heilen, befreien, aufrichten. Und mit einem Satz, der schützt: »Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.« Wo etwas Geschenk ist, darf es nicht zur Macht werden.
Dieses Evangelium ist tröstlich und gleichzeitig unbequem. Denn es fragt nicht zuerst, was wir noch tun sollen. Es fragt uns, wo wir stehen bleiben. Wen wir sehen. Und wem wir ausweichen. Im Alltag, in Beziehungen, in unserer Arbeit und auch in der Kirche. Nicht alles Leid liegt in unserer Verantwortung. Aber ich frage mich, wie oft Müdigkeit bleibt, weil niemand den ersten Blick riskiert. Gleich werden wir die Eucharistie empfangen. Nicht als Belohnung für die Richtigen, sondern als Stärkung für die, die sich berühren lassen. Für Menschen, die wissen, dass sie nicht alles im Griff haben und trotzdem nicht wegsehen wollen. Vielleicht liegt genau darin die Kraft dieser Feier: dass wir empfangen, was wir uns nicht selbst geben können, und uns anvertrauen lassen, was größer ist als wir.
Der Römerbrief spricht von Liebe, die nicht wartet, bis alles geklärt ist. Sie beginnt mitten im Unfertigen. Vielleicht genau hier. Heute. Und vielleicht ist das der Gedanke, der bleibt, auch wenn er ein wenig wehtut: Vielleicht entscheidet sich Glaube nicht daran, was wir glauben, sondern daran, wem wir nicht mehr ausweichen.
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Philippa Haase |
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