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Die Schriftleitung
Leseprobe 2
DAS THEMA: WELTWAHRNEHMUNGEN
Überall Krise: Was lässt uns hoffen?
In Krisenzeiten von Hoffnung zu reden – ist das unzeitgemäß oder erst recht an der Zeit? Jean-Pierre Wils schreibt: »Angesichts der sich überlagernden Krisen, in denen wir leben, und nicht zuletzt mit Blick auf die Klimakatastrophe, scheint es geradezu vermessen, über Hoffnung im Modus ihrer Verteidigung zu sprechen.«1 Um gleich ein kräftiges »Aber« dagegen zu setzen: »Man kann nur ›Hoffnung haben‹, wenn man ›Hoffnung ausübt oder tätigt‹. […] Weil sie sich mit den Verhältnissen nicht abzufinden gedenkt, fahndet sie nach Möglichkeiten. […] Die Wirklichkeit […] enthält Potenziale zu ihrer Verbesserung und die Hoffnung ist jene Tätigkeit, die diese Potenziale in die Realität überführen möchte.«2

Wer die Fragen nach dem Wozu (Zielsetzung) und dem Wie (der Gestalt) des Zusammenlebens nicht stillstellen will, ist gut beraten, gerade jetzt von Hoffnung zu sprechen – als Suchauftrag: »Die Suche und Rede von Hoffnung qualifiziert die Gegenwart über den Tag hinaus.«3 Sie hilft, das persönliche Leben, das gesellschaftliche Zusammenleben und politisches Handeln und Entscheiden auf Zukunft auszurichten: »Wenn wir die Demokratie erweitern und vertiefen wollen, dann müssen wir auch von dem erzählen, was wir hoffen. Ohne politische Sehnsucht, ohne Erzählungen vom Glück können wir die Demokratie nicht retten.« (Carolin Emcke)4

Überall Krise?

Zeitdiagnostik aus der Boomer-Perspektive Ich beginne mit einer These: Auch für meine Generation – die »Baby-Boomer« – hat es keine krisenfreie Zeit gegeben; aber das generationenspezifische Lebensgefühl war lange nicht durch den »Krisenmodus« dominiert – und ist tief geprägt durch die Erfahrung, in Frieden, Freiheit und Sicherheit leben zu dürfen. Die Gesellschaft, in die wir hineinwuchsen, war noch von Spuren des Zweiten Weltkriegs gezeichnet; aber demokratische Ordnung, Sozialstaat und Wohlfahrtskooperation hatten Stabilität gewonnen. Die polare Weltordnung des kalten Krieges markierte räumliche und ideologische Grenzen. Der von der Elterngeneration hart erarbeitete relative Wohlstand und ein ausgeprägtes bürgerliches wie religiöses Tugend- und Verantwortungsethos nährten das Versprechen, mit dem wir erzogen wurden: Mit Fleiß, Nutzung der eigenen Talente und (sozialem) Engagement kann gutes Leben gelingen. Schwere Krisen jenseits der politischen Grenzen unseres geteilten Landes blieben in der analogen Welt noch weit entfernt: Unterdrückung und Unfreiheit; (Spät-)Folgen von Kolonialund verfehlter Entwicklungspolitik; Staatspleiten; Hungerkatastrophen; heiße Kriege.

Seit den 1970/80er Jahren wuchs eine neue, politisch-ökologische Krisensensibilität: Dafür stehen die Debatte um die »Grenzen des Wachstums«, ausgehend vom ersten Bericht des Club of Rome (1972); die Auseinandersetzung um die Wiederaufrüstung und den zivilen Einsatz der Atomenergie; im Osten Deutschlands und Europas die Solidaritäts- und Friedensbewegungen für Freiheit und eine friedliche Transformation des ideologisch geteilten Kontinents. Die neue Krisensensibilität entstand vor dem Hintergrund epochaler positiver Entwicklungen: der Auf- und Ausbau der Europäischen Gemeinschaft, lebensweltlich erfahrbar etwa in der EU-Freizügigkeit dank der Schengen-Abkommen (1985/90); der Fall der Mauer und die Neuordnung der Welt 1989/90; die Entstehung der globalen Nachhaltigkeitsagenda, für die besonders die erste UNUmweltkonferenz in Rio 1992 steht u. a. m.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der politischen Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten erhielt das Grundvertrauen in die im Wesentlichen als verlässlich erlebte Ordnung noch einmal kräftig Nahrung. Bald vier Jahrzehnte seither haben beachtliche sozial-, gesellschafts- und geschlechterpolitische Errungenschaften in Deutschland gebracht: z. B. den Ausbau von Rentenansprüchen aus Kindererziehungszeiten, die auf Ausgleich konkurrierender Schutz- und Anerkennungsansprüche bedachte, kluge Gesetzgebung zum Schwangerschaftsabbruch; die Einführung der Pflegeversicherung; die Etablierung institutioneller frühkindlicher Betreuungsangebote u. a. m.

Krisengenealogie des 21. Jahrhunderts


Gleichwohl markieren – meine zweite These – die 1990er Jahre den Anfang einer Serie von Krisen internationaler Reichweite: Prägende Ordnungsmuster, Identitätskonzepte und eine gewisse Balance von Freiheit und Sicherheit der »Nachkriegsordnung« beginnen schleichend zu erodieren. Auf die kurze »Wende«-Euphorie folgen mit den anfangs unterschätzten sozial- und wirtschaftspolitischen Herausforderungen der Wiedervereinigung und den Auswirkungen der Balkankriege Erschütterungen, die weit über konjunkturelle wirtschaftliche Schwankungen hinausreichen. Stichworte genügen, um die Krisengeschichte seit der Milleniumswende aufzurufen:
– Der Zerfall Jugoslawiens seit 1991 löst die Balkankriege aus. Hunderttausende fliehen. Deutschland reagiert auf den Zuzug von ca. 400.000 Bürgerkriegsflüchtlingen nach schweren politischen Auseinandersetzungen mit einer Einschränkung des Individualgrundrechts auf Asyl; dieser Markstein deutscher Nachkriegsidentität ist seither weitgehend ausgehöhlt worden. Asyl- und Migrationspolitik werden zum innen- und europapolitischen (Krisen-)Thema und zu einem Kernbereich der Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus und -extremismus.
– Der antiwestliche islamistische Terror löst mit dem ikonischen Datum »Nine Eleven« den von Präsident George W. Bush proklamierten »War on Terror« aus. Das rechtspopulistische Feindbild »Islam« nährt sich nicht zuletzt aus diesen Erfahrungen.
– Eine gigantische Immobilienblase in den USA entfacht die globale Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2007/08. Deren Ausläufer werden als »Eurokrise« zu einem Auslöser für die Gründung der Partei »Alternative für Deutschland«.
– Kriege im Nahen und Mittleren Osten verursachen massive Zerstörungen und sehr große Flüchtlingsbewegungen, vor allem aus Afghanistan, Irak und Syrien, nach Deutschland. Verteilungskonflikte, Identitätsängste und Sorgen um Statusverlust nehmen zu und belasten die Solidarbereitschaft in der Bevölkerung. Die seit 2014/15 manifeste migrationspolitische Krise – im Kern eine Krise europäischer und globaler Solidarität – führt zu massiver Versicherheitlichung und der erneuten Befestigung nationaler und europäischer (Außen-)Grenzen.
– Der Überfall Russlands auf die Krim 2014 steht am Anfang des seit 2022 wütenden, umfassenden völkerrechtswidrigen Angriffskriegs gegen die Ukraine. 2022 fliehen circa eine Million ukrainische Kriegsflüchtlinge nach Deutschland. Ungeachtet großer Solidarität in der Bevölkerung nährt dies Konflikte um gerechte soziale Teilhabe wie um Identitäten; sie werden von einschlägigen politisch-ideologischen Interessen gezielt geschürt.
– In der Zwischenzeit stürzt, von China ausgehend, die Corona-Pandemie ab 2019/20 die ganze Welt in eine globale Gesundheitskrise. Freiheitseinschränkungen und eine Impfstrategie zum Schutz vulnerabler Bevölkerungsgruppen schüren, getrieben von populistischer Propaganda, in Teilen der Bevölkerung Misstrauen gegenüber der Legitimität politischen Handelns und dem Funktionieren der Demokratie.
– Die jüngste technologische Revolution durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verbindet sich mit gigantischen Konzentrationsprozessen wirtschaftlicher Macht und Einfluss weniger sehr reicher Akteure. Diese »Allianz« droht die politische Steuerungsfähigkeit und die ethische Gestaltungsverantwortung für die gemeinsam bewohnte Welt zu übermächtigen.
– Nationalismus, Autoritarismus und Imperialismus bedrohen liberale Demokratien, die Herrschaft des Völkerrechts und die multilaterale Weltordnung. Ein neues Zeitalter politischer Polarisierung, autokratischer Herrschaft und eines entfesselten, technologisch aufgerüsteten Kapitalismus zieht scheinbar unaufhaltsam herauf.
– Über allem schweben die Folgen des menschengemachten Klimawandels, fortschreitende ökologische Zerstörung von Lebensräumen und Biodiversität auf der Erde. Kipppunkte werden deutlich schneller erreicht als die notwendige sozial-ökologische Transformation greift. Die notwendigen Prozesse des Umsteuerns in Politik, Wirtschaft und Lebensstil werden durch partikulare Interessen konterkariert.

Katastrophe statt Krise?

Viele, vor allem junge Menschen entwickeln Zukunftsangst; die einen reagieren mit Wut, andere mit Panik oder mit Resignation. Auf allen Ebenen nimmt das Vertrauen in die freiheitliche Demokratie ab. Regieren im Rahmen demokratischer Spielregeln scheint schwieriger zu werden; die Fähigkeit und Bereitschaft, in mühsamen Prozeduren faire Kompromisse zu erarbeiten und zu akzeptieren, wird fragiler.

Populistische und extremistische Kräfte verstärken diese Dynamiken. Sie versprechen starke Führung, neue Übersichtlichkeit und – fernab der komplexen Realität – einfache Lösungen. Rechte politische Rhetorik wendet die Krisendiagnostik stereotyp und strategisch ins Katastrophische5, um die politisch Verantwortlichen als Verursacher der »Katastrophe« vorzuführen und zu delegitimieren. Ein neues Narrativ stellt sie, scheinbar mitleidsvoll, als krank, schwach und unfähig zum Durchgreifen dar.6 Ausgrenzende identitätspolitische Muster befeuern ein Freund-Feind-Denken und säen Misstrauen gegenüber den demokratischen Institutionen. Antworten auf die gegenwärtigen Krisen werden im selektiven Rückgriff auf eine romantisierte Vergangenheit gesucht, Zukunftshoffnungen, die zum Handeln befähigen, gezielt unterminiert.

Mit Zygmunt Bauman formuliert: »Durch diese Kehrtwende wird die Zukunft, vormals natürliches Habitat der Hoffnung und berechtigter Erwartungen, zum Schreckensszenario drohender Alpträume […] Die Straße nach Morgen wird zum düsteren Pfad des Niedergangs und Verfalls. Vielleicht erweist sich da der Weg zurück, ins Gestern, als Möglichkeit, die Trümmer zu vermeiden, die Zukunft jedes Mal angehäuft hat, sobald sie zur Gegenwart wurde.«7

(Zu) Viele sind bereit, solchen Fluchtbewegungen aus der Gegenwart zu folgen, die anstrengende demokratische Partizipation preiszugeben, populistischen Versprechungen zu glauben oder Kredit zu geben, um ihre Unzufriedenheit mit demokratisch arbeitenden Regierungen kundzutun.

(Zu) Viele ignorieren die erwartbaren Folgen einer Politik, die im Kern auf einer kalten und ausgrenzenden Ideologie zugunsten der Starken beruht und partikulare Macht- und Gewinninteressen über gemeinsame Freiheit, gerechte Verteilung und Beteiligung und die Solidarität mit den schwächeren Kräften der Gesellschaft erhebt.

Von »Multikrise« oder »Polykrise« zu sprechen, scheint nicht übertrieben. Angesichts gezielter Katastrophenrhetorik wird die Frage nach Ressourcen und Praxen der Hoffnung umso dringender.

Was lässt uns hoffen?

Krisendiagnostik unterscheidet sich grundlegend von der Behauptung der Katastrophe. Sie bewegt sich – meine dritte These – auf dem Pfad der Hoffnung. Die Katastrophe lässt eine Welt untergehen und macht die Hoffnung auf Zukunft zunichte. Die Krise hält ein Fenster in die Zukunft offen, deutet die als bedrohlich erfahrene Situation immer noch als Prozess, der Handlungsmöglichkeiten lässt. Sie verschüttet nicht die »Straße nach morgen«.

Die biblischen Traditionen spiegeln die Lebenserfahrung, dass Hoffnung gerade dann aufgerufen wird, wenn Leben in die Krise, eine Welt aus den Fugen gerät und der Grund des Hoffens sich entzieht: Abraham, Hiob, die Psalmen, das Lebenszeugnis Jesu bringen es zum Ausdruck: Wo himmelschreiende Not erfahren wird, ein Lebensprojekt scheitert, die Erwartung einer guten Zukunft annulliert scheint, wird die Frage nach dem Hoffen-Können, nach dem Grund der Hoffnung unausweichlich. Die Rede von Hoffnung darf nicht als »Trostpreis« daherkommen, nicht verharmlosen oder beschwichtigen.

Hoffen erkundet Potentiale der Wirklichkeit

Hoffnung – das stand am Anfang – ist ein Tun. Sie ist kritisch gegenüber dem status quo, »fahndet nach Möglichkeiten«8, die der Wirklichkeit trotz allem innewohnen, und spürt ungehobene Potenziale auf. Sie leistet aktiv Widerstand gegen das, was nicht gut, nicht gerecht ist und dem Vertrauen auf eine mögliche gute Zukunft den Boden zu entziehen droht. Sie nährt den Sinn für das, was (noch) nicht ist, aber als Mögliches ersehnt und geglaubt wird. Hoffnung traut der als krisenhaft erfahrenen Wirklichkeit mehr zu, als diese augenscheinlich hergibt. Was befähigt zum aktiven Hoffen? Woher speist sich solche Hoffnung? Die Wirklichkeit – der Boden, auf dem wir stehen und zu hoffen versuchen – ist nicht pure Vorgabe, sondern auch Deutungsaufgabe. Entscheidend ist, wie und in welchem Horizont wir die Welt »lesen«, mit welcher Sonde wir das Mögliche im Wirklichen erforschen und von woher Maßstab und Zielausrichtung kommen.

Hoffen gründet im Zu-Spruch von Zukunft

Christinnen und Christen teilen mit anderen Menschen und Denkansätzen die Suche nach Sinn und Ziel im (Zusammen-)Leben. Viele ringen darum, den Horizont einer guten Zukunft offen- und den Sinn für das Utopische wachzuhalten. Solches Streben muss aushalten, dass die Wirklichkeit als nicht gut, als ungerecht, gewalt- und leidvoll erfahren wird. Die Frage nach dem Warum und Woher von Bosheit und Leiden findet keine beruhigende Antwort, die das Problem (auf)lösen würde.

Auch christlicher Glaube bietet keine »Lösung« für diese dornige Frage. Er richtet sie an Gott – als (An-)Frage und als (An-)Klage. Im Horizont des Glaubens läuft sie nicht ins Leere und kehrt nicht wie ein Bumerang zu ihrem Autor zurück. Sie hat einen Adressaten, den die biblische Gotteserzählung als lebendig und unbedingt solidarisch vorstellt – als den Gott, der handelt, für die Leidenden Partei ergreift und rettet. Dieser Gott verbürgt sich für die größere Möglichkeit, die wir Heil, Erlösung nennen. Dafür steht das Lebenszeugnis Jesu, sein Tod am Kreuz und seine Auferstehung. Christliches Zutrauen in die Möglichkeit einer guten Zukunft gründet in der Beziehungsgeschichte zwischen Gott und Menschen. Sie als Quelle aktiver Hoffnung weiterzuerzählen, fordert nicht auf zu einer Rückwendung nach »Gestern«, sondern lädt ein zur »Verheutigung« (aggiornamento), damit die alte Geschichte hier und jetzt als heilsam, als rettend erfahren werden kann.

Die Enzyklika Laudato si’ (2015) bietet dafür ein starkes Beispiel. Es geht um den Erhalt der gemeinsamen geschöpflichen Lebensgrundlagen. Den drängenden Aufruf, ins Handeln zu kommen, verbindet Papst Franziskus mit einem Zuspruch: »Die Welt ist mehr als ein zu lösendes Problem, sie ist ein freudiges Geheimnis, das wir mit frohem Lob betrachten. […] Die dringende Herausforderung, unser gemeinsames Haus zu schützen, schließt die Sorge ein, die gesamte Menschheitsfamilie in der Suche nach einer nachhaltigen und ganzheitlichen Entwicklung zu vereinen, denn wir wissen, dass sich die Dinge ändern können. Der Schöpfer verlässt uns nicht, niemals macht er in seinem Plan der Liebe einen Rückzieher, noch reut es ihn, uns erschaffen zu haben. Die Menschheit besitzt noch die Fähigkeit zusammenzuarbeiten, um unser gemeinsames Haus aufzubauen.«9

Damit die Ermutigung konkret wirksam werden kann, muss Hoffnung praktisch werden. Solche Praxis braucht ihrerseits den Zuspruch, dass Not gewendet werden kann und eine andere Welt möglich ist: Das ist die adventliche Struktur der Hoffnung. Christliche Hoffnung strebt nicht danach, sich wie Baron Münchhausen an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Sie versucht, den größeren Möglichkeiten zu trauen, die in Gottes Schöpfung – das heißt auch: in uns Menschen – angelegt sind. Sie kann in der Gottesbeziehung, aber auch im zwischenmenschlichen Zu-Spruch konkret erfahren werden: Hoffnungsvolles Arbeiten an der Wirklichkeit gewinnt Kraft aus der Verheißung, dass eine gute Zukunft möglich ist, und wird damit zur Verheißung für die, die zu verzweifeln drohen.

Hoffnung machen im helfenden Handeln – am Beispiel der Caritas


Hoffnung stiftendes Handeln macht die biblische Verheißung von Rettung und Heil konkret. Es orientiert sich an wenigen »Leitplanken«, die helfen, Kurs zu halten. Ich beschränke mich hier auf grundlegende Impulse und auf wenige Beispiele aus der Arbeit der Caritas. Sie ermöglichen die Erfahrung, dass »zusammen etwas geht«10, dass sich auch an unerwarteter Stelle »Türen öffnen«11. Gleiche geschöpfliche Würde: Nach biblischem Zeugnis ist jeder Mensch als »Bild Gottes« (Gen 1,26) geschaffen und in die Gemeinschaft mit allen anderen Menschen und Geschöpfen gerufen. Es eröffnet einen starken Zugang zu der gleichen, unantastbaren Menschenwürde, die nicht an Bedingungen – individuelle Konstitution, Persönlichkeitsmerkmale oder Leistung(sfähigkeit) – geknüpft ist. Sie kommt jeder Person allein kraft ihres Menschseins zu.

Angebote und Dienste der Caritas gelten vor allem jenen Menschen, deren gleiche Würde und Rechte nicht selbstverständlich anerkannt sind. Anwaltlich setzt sich Caritas dafür ein, dass die Teilhabeansprüche lobbyarmer Gruppen nicht untergebuttert werden. Das ist besonders notwendig, wenn ideologische Denkweisen und politische Programme (gleiche) Teilhaberechte von Menschen bestreiten, die in bestimmter Hinsicht anders sind. Menschen wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung, ihres Alters, Gesundheitszustandes oder einer Beeinträchtigung zu missachten oder auszugrenzen, greift nicht allein die Würde der Betroffenen an, sondern unterläuft das Prinzip der gleichen Würde aller Menschen als solches. »Die völkisch motivierte Ausgrenzung von Menschen relativiert oder leugnet sogar deren universelle und unverletzliche Würde. Zudem legt sie die Axt an das Solidaritätsprinzip, das gemäß der katholischen Sozialethik für alle gelten muss.«12 

Mitgeschöpflichkeit: Den Menschen als »Bild Gottes« zu verstehen, beleuchtet zugleich seine Verantwortung für die Pflege des gemeinsamen Lebenshauses und die Verbundenheit aller Geschöpfe untereinander. Gemäß dem biblischen Schöpfungsglauben sind die Menschen beauftragt, die Schöpfung als Lebensraum für alle Geschöpfe zu hegen und zu pflegen (vgl. Gen 2,15) und so als Werk und »Herrschaftsgebiet« Gottes in Ordnung zu halten (vgl. Gen 1,28). Diese Verantwortung wird den Menschen zugetraut und zugemutet – und trotz bedrohlicher Krisen, Unordnung und Gewalt nicht zurückgenommen. Darin liegt Hoffnung, auch wenn sie dem Risiko des Scheiterns ausgesetzt bleibt.

Die komplexe sozial-ökologische Krise ist ein Zeichen unserer Zeit mit konkreten Auswirkungen auf das Leben sehr vieler Menschen. Engagement für ökologische und soziale Nachhaltigkeit – »Für Klimaschutz, der allen nutzt«13 – lenkt die Aufmerksamkeit auf Themen wie Energiearmut und auf die Erfordernisse der sozial-ökologischen Transformation, die Menschen in weniger begünstigten Lebenslagen besonders hart treffen. Eine sozial-ökologisch verantwortungsvolle Herangehensweise zielt nicht darauf, Schritte der Transformation rückgängig zu machen (wie populistische Stimmen suggerieren), sondern sozial abzufedern und Menschen in wenig begünstigten Lebenslagen durch kluge Vorsorge in die Lage zu versetzen, selbst aktiv an dieser Transformation teilzunehmen. Der Stromsparcheck der Caritas, ein Angebot der Peer-Beratung für Haushalte mit geringem Einkommen, ist dafür ein gutes Beispiel.

Zum guten Schluss: Die Caritas bietet in ihrem Internet-Auftritt sieben »Eckpunkte zur christlichen Identität«14. In der Mitte der Aufzählung steht das Versprechen »Wir bieten Hilfe, Herz und Hoffnung«. Das ist – weit mehr als ein hübscher Stabreim – eine griffige Kurzformel für den Leitgedanken dieses Beitrags: Hilfe ist die Frucht tätiger Hoffnung. Sie erwächst aus dem Vertrauen (Herz) darauf, dass Zukunft geschenkt wird, und sät dadurch Vertrauen in eine gute (bessere) Zukunft.

Anmerkungen:
1 Wils, Jean-Pierre (2025): Platz machen für die Hoffnung – oder? In: Ders. (Hg.): Hoffnung machen. Stuttgart, 27–46, 29.
2 Wils (2025), 43 (Hervorhebung im Orig.).
3 Schlag, Thomas (2023): Art. Hoffnung, in: Wissenschaftlich-Religionspädagogisches Lexikon im Internet (www.wirelex.de), 2.
4 Emcke, Carolin (2024), Fürs gute Leben, SZ Nr. 34, 11.02.2024, 5, zit. nach Wils (2025), 29.
5 Vgl. Heimbach-Steins, Marianne, Filipović, Alexander u. a. (2024). Die Programmatik der AfD – eine Kritik. Darstellung und Vergleich mit Positionen der katholischen Kirche. (Sozialethische Arbeitspapiere des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften, 28), 18f. Online: https://doi.org/10.17879/87938471427 (2026-05-18).
6 Vgl. z. B. das AfD-Regierungsprogramm für Sachsen-Anhalt, 2026, Kap. III.
7 Bauman, Zygmunt (2017), Retrotopia. Aus dem Englischen von Frank Jakubzik, Berlin, 14f.
8 Vgl. Wils (2025), 43.
9 Papst Franziskus, Enzyklika Laudato si‘ Über die Sorge für das gemeinsame Haus, 12f. (Hervorhebung mhs).
10 Vgl. Jahreskampagne 2026 der Caritas »Zusammen geht was. Caritas verbindet Generationen«.
11 Vgl. Jahreskampagne 2025 »Da kann ja jeder kommen. Caritas öffnet Türen«.
12 Für einen Katholizismus der universellen Menschenwürde. Erklärung des Präsidiums der Katholischen Aktion Österreich (KAÖ) und des Präsidiums des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), 08.05.2026.
13 Caritaskampagne 2023.
14 https://www.caritas-os.de/ueber-uns/eckpunkteunsererchristlichenidentitaet/

Marianne Heimbach-Steins

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