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| Leseprobe 2 |
| DAS THEMA: WELTWAHRNEHMUNGEN |
| »… nur die Sehnsucht entdeckt, was ihr Erfüllung sein könnte« |
| Leitmotive der Theologie Jürgen Werbicks – Versuch eines Porträts |
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Vorbemerkung der Redaktion: Es ist im puk sonst nicht üblich, Jahrestage verdienter Mitwirkender zu erwähnen; mit dem folgenden Beitrag weichen wir von dieser Regel bewusst ab: In den Zeitraum des vorliegenden Heftes fällt der 80. Geburtstag von Jürgen Werbick, der seit einem halben Jahrhundert das Profil des puk nachhaltig mitgeprägt hat. Vor genau 50 Jahren erschien dort seine erste Predigt, der unzählige weitere Beiträge und eine langjährige Mitgliedschaft in der Redaktion folgten. Dieses »doppelte Jubiläum« ist nicht nur Anlass für den folgenden Essay von Martin Rohner, der Leitmotive der Theologie Jürgen Werbicks porträtiert. Obendrein erscheint in diesen Wochen ein Band mit ausgewählten puk-Texten Werbicks, für den wir gerne Werbung in eigener Sache machen möchten: Jürgen Werbick, Vom Anfang, der nicht aufhört anzufangen. Stationen verheißungsvollen Glaubens, hrsg. v. Siegfried Kleymann, Martin Rohner u. Stefan Walser, Ostfildern: Grünewald 2026.
(Werk-)Biographische Stationen
Jürgen Werbick wird am 26. Mai 1946 im unterfränkischen Aschaffenburg geboren und wächst während der Nachkriegsjahre in der Oberpfalz auf. Sein Theologiestudium in Mainz, München und Zürich fällt in die Jahre, die kirchlich durch das Großereignis des Zweiten Vatikanischen Konzils und gesellschaftlich durch die politisch-kritische Sensibilisierung der »68er« geprägt sind. Beides bestimmt auch Werbicks Weg maßgeblich mit. 1973 wird er bei Heinrich Fries in München zum Doktor der Theologie promoviert mit einer Arbeit über den evangelischen Theologen Gerhard Ebeling. Zur von Anfang an ökumenischen Prägung Werbicks gehört notabene auch, dass etwa Wolfhart Pannenberg in München zu seinen Lehrern zählt. Nach zwei Jahren als Pastoralassistent zieht es Werbick endgültig in die Wissenschaft: Er wird in München Assistent bei Erich Feifel am Institut für Praktische Theologie, 1981 erfolgt die Habilitation für die Fächer Fundamentaltheologie und Ökumenische Theologie. Bereits im selben Jahr wird er Professor für Systematische Theologie an der Universität-Gesamthochschule Siegen. Werbicks Engagement für Kirchenreformen im Interesse einer »offenen Katholizität« zeigt sich, als er 1989 zu den Mitinitiatoren der damals aufsehenerregenden »Kölner Erklärung« gehört, mit der ihre Unterzeichner gegen restaurative und theologisch problematische Tendenzen des römischen Lehramts protestieren wollten. Dass ein solches Bekenntnis die eigene akademische Karriere gefährden kann, ist Werbick wohl bewusst. Gleichwohl erfolgt 1994 der Ruf auf den Lehrstuhl für Fundamentaltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Jürgen Werbick und seine Frau Barbara ziehen also noch weiter gen Norden und finden mit den drei Töchtern ihren Lebensmittelpunkt im unweit von Münster gelegenen Nottuln. Mit der Emeritierung 2011 erreicht zwar die Lehrtätigkeit an der Universität ihren Abschluss, keinesfalls aber Werbicks theologisches Schaffen, das vielmehr auch am Ende seines achten Lebensjahrzehnts unvermindert anhält.
Das sind die Rahmendaten einer außergewöhnlich produktiven theologischen Existenz. Eine kaum vermeidliche Begleiterscheinung der allein schon quantitativen Intensität, mit der diese publizistisch Ausdruck gefunden hat, ist es freilich, dass ihre zentralen Leitmotive über der Vielzahl und dem Umfang der Publikationen schnell aus dem Blick geraten können – und damit auch die vielschichtige (nicht nur) theologische Bedeutung dieses OEuvres. Werbicks Veröffentlichungsliste umfasst allein weit über dreißig, teils viele hundert Seiten starke Monographien.1
Schon in der Siegener Zeit werden einschlägige Grundzüge der Theologie Werbicks markant deutlich in Büchern wie Glaubenlernen aus Erfahrung. Grundbegriffe einer Didaktik des Glaubens (1989), Soteriologie (1990), Bilder sind Wege. Eine Gotteslehre (1992) und Kirche. Ein ekklesiologischer Entwurf für Studium und Praxis (1994). Die Vorlesungen zu den fundamentaltheologischen Traktaten, die in Münster mehrere Studentengenerationen prägen, bilden den Grundstock für jenes Buch, das vielleicht als eine Art Hauptwerk bezeichnet werden kann und das 2000 erstmals, 2005 überarbeitet erscheint: Den Glauben verantworten. Eine Fundamentaltheologie. Die Münsteraner Jahre führen dann sowohl zu erneuten Anläufen in der Gotteslehre – Gott verbindlich. Eine theologische Gotteslehre (2007) – oder der Reflexion über die Kirche – Grundfragen der Ekklesiologie (2009) – als auch zu ambitionierten Versuchen in weiterführenden Fragestellungen, etwa mit einer Einführung in die theologische Wissenschaftslehre (2010). Die Zeit des akademischen »Ruhestands« intensiviert letzteres eher noch – etwa mit weiter in dichter Folge erscheinenden grundlegenden Werken wie Theologische Methodenlehre (2015), Gott-menschlich. Elementare Christologie (2016), Christlich glauben. Eine theologische Ortsbestimmung (2019) und Theologie anthropologisch gedacht (2022).
Hinzu kommen über die Jahrzehnte hin diverse »kleinere« Schriften und Sammelbände, etliche (Mit-)Herausgeberschaften und hunderte von Aufsätzen und Diskussionsbeiträgen. Werbick arbeitete darüber hinaus mit an wichtigen kollektiven Publikationsprojekten wie dem von Theodor Schneider herausgegebenen Handbuch der Dogmatik, für das er die einführenden Prolegomena und die abschließende Trinitätslehre verfasste, und der in den 1990er Jahren erschienenen dritten Auflage des Lexikons für Theologie und Kirche, für das er nicht nur selbst zahlreiche Artikel beisteuerte, sondern auch als Fachberater den Bereich der Fundamentaltheologie verantwortete. Von Anfang an aber war Werbicks publizistisches Engagement durchgängig auch pastoral-praktisch ausgerichtet und insbesondere homiletisch interessiert. Exemplarisch dafür steht seine Mitarbeit beim Prediger und Katechet: Im Zeitraum von fünf Jahrzehnten sind in dieser Predigtzeitschrift seit 1976 über 300 Beiträge von ihm erschienen; von 1983 bis 2014 hat Werbick den »Puk« obendrein in der Schriftleitung redaktionell maßgeblich mitgeprägt.
Münsteraner Theologie-Konstellationen
Als Werbick Mitte der 1990er Jahre nach Münster kommt, ergibt sich eine ebenso spannungsvolle wie spannende Konstellation, die die Entwicklung seines eigenen (fundamental-)theologischen Ansatzes durchaus folgenreich mit beeinflusst haben dürfte: Werbick ist am Seminar für Fundamentaltheologie Nachfolger von Johann Baptist Metz, einem der bekanntesten und profiliertesten Fachvertreter. Zugleich wird die Systematische Theologie in Münster geprägt von den argumentationsstarken und schulbildenden Positionen eines Klaus Müller und vor allem Thomas Pröpper. Auf der einen Seite also die »Neue Politische Theologie« mit ihren engagierten Vertretern wie Metz, Tiemo Rainer Peters und Jürgen Manemann, auf der anderen Seite vor allem subjektivitäts- bzw. freiheitstheoretisch ansetzende (letzt-?)begründungsambitionierte Ansätze: Die kontroverse Debatte findet im Laufe von Werbicks Münsteraner Jahren nicht nur Ausdruck in einer Reihe von gemeinsamen Lehrveranstaltungen mit den genannten Kollegen, sondern auch immer wieder in Werbicks Schriften, in denen er den eigenen Standpunkt in einlässlicher Diskussion mit beiden »Spannungspolen« zu entwickeln sucht. Man gewinnt freilich den Eindruck, dass stärker Werbick die argumentativen Impulse der Antipoden aufzunehmen suchte als diese die seinen. Hat sich Werbick also gleichsam »zwischen Metz und Pröpper« auf eine unbequeme Position zwischen allen argumentativen Stühlen eingelassen – der einen Seite zu »starke«, der anderen Seite zu »schwache« philosophisch-theologische Begründungsansprüche erhebend? Diese Befürchtung ist schon durch die Beobachtung zu relativieren, dass das produktive Diskussionsklima in Münster für Werbick gerade auch durch den Austausch mit weiteren inspirierenden Gesprächspartnern unterschiedlicher Disziplinen und Richtungen mitbestimmt ist – etwa mit Erich Zenger, Reinhard Feiter oder Paul Deselaers, um nur wenige Namen zu nennen, wobei die Kontakte über die Grenzen der Katholisch-Theologischen Fakultät hinaus noch gar nicht berücksichtigt sind.
Das alles prägt sich dann aus in jenem charakteristischen Stil, der Werbicks Wortmeldungen unverwechselbar macht: dialogisch-hermeneutisch, eher moderierend als polarisierend, um argumentativ differenzierten Ausgleich bemüht, das aber keineswegs auf Kosten entschiedener Positionierung. In Werbicks Schriften entfaltet sich mit diesem kontroverse Argumente einlässlich »wägenden« Stil sein spezifisches Profil einer phänomenologisch-hermeneutisch ansetzenden Glaubensrechenschaft: Sie kann beim rationalitätstheoretisch reflektierten Ringen um »gute Gründe« im zeitgenössischen Diskurs nicht nur mithalten, sondern vermag philosophisch wie theologisch innovativ weiterzuführen. Damit wird auf ebenso eigenständige wie nachhaltige Weise sowohl das praktische Interesse an einer im Sinne von Metz »theodizeeempfindlichen« und gesellschaftskritischen »anamnetischen Vernunft« fortgeschrieben als auch der nicht nur von der Pröpper-Schule erhobene Anspruch ernst genommen, dass der christliche Glaube heute nur angemessen zu rechtfertigen ist, wenn diese Rechenschaft auf intellektueller Augenhöhe mit den Innovationen und Ambitionen neuzeitlich-modernen Denkens bis in die Gegenwart offensivneugierig gesucht wird.
Maßgebliche Leitmotive und Intentionen des theologischen Schaffens von Werbick werden übrigens bereits augenfällig, wenn man den offiziellen Anfangs- und Schlusspunkt seiner Münsteraner Lehrtätigkeit in den Blick nimmt: Seine Antrittsvorlesung hält er zum Thema »Was das Beten der Theologie zu denken gibt oder: Ein Versuch über die Schwierigkeit, ja zu sagen« (23. Juni 1995), seine Abschiedsvorlesung trägt den Titel »Theologie unter Hochspannung – und was sie im Innersten zusammenhält« (15. Juli 2011).
Glaubensverantwortung im Konflikt der Interpretationen
Schon abgesehen von seiner im Rahmen des Gesamtoeuvres systematisch zentralen Bedeutung ist Den Glauben verantworten mit über 900 Seiten jedenfalls das umfänglichste der nicht gerade wenigen »schwergewichtigen« Bücher von Jürgen Werbick. Es nimmt die überkommene klassische Einteilung der fundamentaltheologischen Traktate auf (demonstratio religiosa, demonstratio christiana, demonstratio catholica), modifiziert sie aber mit zwei bedeutsamen Akzentuierungen: Aus der selbstgewissen demonstratio wird eine selbstkritisch-fragende quaestio, und der mittlere Traktat wird aufgeteilt mit einem eigenen soteriologischen Schwerpunkt: »Streitfall Religion«, »Streitfall Offenbarung«, »Streitfall Erlösung«, »Streitfall Kirche« heißen entsprechend die Hauptteile dieser Fundamentaltheologie.
Das Argumentationsmodell, das Jürgen Werbick dabei religionsphilosophisch-fundamentaltheologisch profiliert, charakterisiert er in Aufnahme des einschlägigen Vorbilds bei dem französischen Philosophen Paul Ricoeur, aber auch argumentativ inspiriert von anderen hermeneutischen Ansätzen, etwa bei Charles Taylor, als »Konflikt der Interpretationen«: Der theologische Versuch, den Glauben zu verantworten, ringt mit den Argumenten der Religions-, Offenbarungs- und Kirchenkritik im Streit zwischen, mit Ricoeur gesprochen: »Hermeneutik des Sinns« und »Hermeneutik des Verdachts«. Die Pointe liegt dabei darin, dass das Ziel des Konflikts nicht dessen »Stillstellung« bzw. Überwindung durch den »Sieg« einer der beiden Hermeneutiken sein kann; produktiv wird er vielmehr dann, wenn beide sich bleibend aneinander »abarbeiten«. Gerade durch diesen Versuch, die Argumente der je »anderen« Seite zu würdigen und sich von ihnen selbst in Frage gestellt zu erfahren, lässt sich – wie Werbick gerne sagt: »wenn es gut geht« – lernen, den eigenen Standpunkt neu zu reflektieren und vertiefter zu verstehen. Für den »apologetischen« Anspruch einer Fundamentaltheologie bedeutet das, dass eben in den zu verhandelnden »Streitfällen« der religionskritische Verdacht und der den Glauben entsprechend heimsuchende Zweifel angemessen zu Wort kommen können, ohne ihnen intellektuell wie existentiell das Feld überlassen zu müssen: Gegen die vom religionskritischen Verdacht, etwa in den Spuren Feuerbachs, oft suggestiv vorgebrachte »Nichts-als«-Behauptung – Glaube sei »nichts anders als« Projektion, Illusion, Entfremdung … – lassen sich dabei gerade auf diese Weise triftige Argumente ins Feld führen.
Wie sehr Jürgen Werbick dieses Modell des »Konflikts der Interpretationen« verinnerlicht hat, merken die Leserinnen und Leser seiner Gedankengänge (wie schon seinerzeit die Studierenden in seinen Vorlesungen und Prüfungen) oft an der eigenen geistigen Beanspruchung: Es fällt dann nicht immer leicht auseinanderzuhalten, wo Werbick die entsprechenden Argumente »nur« einlässlich rekonstruiert und dafür die entsprechende Perspektive einnimmt und wo dann der Übergang in die »eigene« systematische Positionierung erfolgt. Hinzu kommt eine für Werbicks Bücher charakteristische Verbindung unterschiedlicher Argumentationsfacetten: Immer wieder wechseln in seinen Texten phänomenologisch einfühlsame Beschreibungen menschlicher Existenzerfahrungen und eindringliche zeitdiagnostisch-gesellschaftskritische Reflexionen ab mit weit ausgreifenden philosophiegeschichtlichen Vergewisserungen, die ihrerseits mitunter recht unvermittelt in den Duktus biblisch geprägter Sprach- und Denkwelten und von ihnen angestoßener dogmen- und theologiegeschichtlicher Auslegungstraditionen zu wechseln vermögen – stets in ökumenischer Sensibilität und mit auch interreligiös-komparativem Interesse. So entsteht eine Art Kaleidoskop sprachlich-argumentativ unterschiedlicher Zugänge zum jeweils verhandelten Thema, mit dem sich der Konflikt der Interpretationen in je neuen »Argumentationskonstellationen« aufnehmen lässt. Konsequenterweise liest sich dann ein Werk wie Den Glauben verantworten weniger als ein etwaiges »Glaubenswissen« handlich auf den Punkt bringendes Lehrbuch, sondern eher als eine umwegige Denkschule: Wer sich aber auf diese mitunter geradezu skrupulöse »Arbeit des Begriffs« einlässt, wird dadurch belohnt, nicht eine theologische »Position« vorgestellt zu bekommen, sondern eben selbst entsprechend »denken« zu lernen. Viele Schüler(innen) von Werbick durften davon profitieren und konnten so ihre je eigenen Wege weitergehen; dieses Freigeben in die Eigenständigkeit könnte übrigens ein Grund dafür sein, dass man unbeschadet des Einflusses von Werbick auf die theologischen Diskurse der vergangenen Jahrzehnte kaum von einer »Werbick-Schule« sprechen kann.
Die Gesprächspartner aus Geschichte und Gegenwart, die Werbick in diesem Konflikt der Interpretationen zu Wort kommen lässt, sind so zahlreich wie unterschiedlich. Aber ein Name fehlt dabei in kaum einem größeren Text: Auf Friedrich Nietzsche kommt Werbick bei dieser Glaubensverantwortung im Konflikt der Interpretationen immer wieder zu sprechen. Denn Nietzsches Nihilismus-Diagnose ist die wohl radikalste religions- und metaphysikkritische Infragestellung (nicht nur) des christlichen Glaubens und eines damit verbundenen Lebensmodells und Wirklichkeitsverständnisses. In dieser »Schule des Verdachts« (Nietzsche) kann der Konflikt der Interpretationen daher, so Werbicks Intuition, auch unvergleichlich aufschlussreich und produktiv ausgetragen werden. Das gilt umso mehr, als Nietzsche zugleich selbst leidenschaftlich-abgründig um das ringt, was auch »Bezugsproblem« der Glaubenshoffnung ist: die Möglichkeit eines »unbegrenzten Ja- und Amen-Sagens« (so Nietzsche wörtlich in Also sprach Zarathustra). Der Streit, der mit Nietzsches »perspektivistischem« Werk dabei zu führen ist, ringt um die »weitere« Perspektive: Welche Perspektive – die des nihilistischen Argwohns gegen jede mögliche Sinn-Perspektive oder die einer christlichen Glaubenshoffnung – lässt die (Lebens-)Wirklichkeit insgesamt angemessener, differenzierter, unverzerrter und »lebensdienlicher« wahrnehmen und vermag dabei noch die Einsichten der je konträren Perspektive und ihrer »Sichtweise« zu würdigen? – Das ist Konflikt der Interpretationen par excellence. Indem sich die biblisch begründete Glaubenshoffnung solcher Kritik aussetzt und ihr standzuhalten vermag, wird der Boden geebnet, die entsprechenden Glaubenstraditionen im Horizont der (Krise der) Moderne auch hermeneutisch-kritisch neu artikulieren zu können.
Wie biblisch begründete Zeugnistraditionen heute zu denken geben können
Es sind mitunter schwierige, heute kaum noch zugänglich und »anschlussfähig« scheinende Überlieferungsbestände des christlichen Glaubens, denen Jürgen Werbick oft bevorzugt Aufmerksamkeit gewidmet hat, um in mühevoller »Kleinarbeit« ihrer unabgegoltenen Erschließungskraft auf die Spur zu kommen. Dieser Versuch ist heute, mit Dietrich Bonhoeffer gesprochen: »auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen«. Obendrein ist sich Werbick – nicht zuletzt ideologiekritisch sensibilisiert und etwa auch in psychologischen Identitätstheorien kundig – der Ambivalenz aller Überlieferungsgeschichte und entsprechender Identitätsvergewisserung bewusst: Werbick kennt die italienische Redewendung »traduttore – traditore«, die den Zusammenhang von »Übersetzer« und »Verräter« pointiert problematisiert. Wie kann der Ausleger dem »Eigensinn« des Tradierten hermeneutisch gerecht werden, ohne ihn zu »verraten« – und doch dessen Erschließungskraft für die Gegenwart bzw. die eigene »Identität« erweisen?
Besonders dramatisch stellt sich dieses Problem in der Soteriologie, der christlichen Rede von Heil und Erlösung – mithin im Zentrum christologisch fokussierter Gottesrede; ihre Plausibilität und Glaubwürdigkeit ist unter neuzeitlich-aufklärerischen Prämissen extrem in Mitleidenschaft gezogen worden. Gerade die damit immer wieder verbundene Rede von Opfer und Sühne scheint kaum mehr vermittelbar mit gegenwärtigem Selbst- und Weltverständnis. Ausgerechnet hier aber sucht Werbick einen soteriologischen Zugang.
Phänomenologisch nachvollziehbar bleibt ja die zugrundeliegende Erfahrung der Frage, wie Versöhnung geschehen kann, wie Auswege gelingen könnten aus oft schier ausweglosen Konfliktlagen, aus Schuld und Unrecht, Sünde und Angst – den vielen Gestalten der »Selbstverkrümmung« des homo incurvatus. In dieser Spur rekonstruiert Werbick entsprechende Sühne-Vorstellungen in den alttestamentlichen Schriften – etwa wenn es dort um die Lösegeld-Gabe (koper) geht. Neutestamentliche Wurzeln einer Sühnesoteriologie können daran anknüpfen: Das Kreuz Jesu Christi wird in diesem Sinne als »Sühnemal« (Röm 3,25) deutbar – als die neue kapporet (i. e. der Deckel der Bundeslade, die in der hebräischen Bibel als »Thronschemel« JHWHs und damit als Ort seiner heilvollen Gegenwart verstanden wurde). Christliche Soteriologie kann vor diesem Hintergrund ihre Aktualität erweisen, indem sie geradezu als eine, wie Werbick einmal formuliert: »Hermeneutik des Strittigen und Widersprüchlichen« zu entfalten ist.
Von hier aus sucht Werbick die neutestamentlich begründete Christologie zu erschließen: Jesus Christus ist der »Wegbahner«, der archegos (Apg 3,15; Hebr 12,2) für ein wahrhaft menschliches »Leben in Fülle« (vgl. Joh 10,10). Damit hat er nach christlicher Glaubensüberzeugung den unbegreiflichen Gott, den niemand je gesehen hat, in seiner Person selbst »ausgelegt« (Joh 1,18): »Gott-menschlich«. Offenbarungstheologisch gewendet: An Jesu »Antwort haben wir das Wort« (H. U. v. Balthasar). Oder mit der paulinischen Traditionslinie gesprochen: In Jesus Christus »ist das Ja verwirklicht. Er ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat. Darum sprechen wir durch ihn zu Gottes Lobpreis auch das Amen.« (2 Kor 1,19b f.)
Ein Selbst- und Weltverständnis, das sich angesichts der Zwiespältigkeit des Lebens von der Suche nach dem »Bejahbaren« beunruhigt erfährt, kann in dieser Spur nach einem entsprechenden Gottesverständnis fragen. Die Erfahrung menschlicher Liebe ist dabei für die christliche Gottesrede entscheidender Anknüpfungspunkt: Wie kann die Liebe ihrem Verlangen treu bleiben, dass nichts verloren gehen möge von dem, was in ihr doch so verheißungsvoll anfängt? Angesichts einer buchstäblich tödlichen Wirklichkeit scheint das ein gänzlich ohnmächtiges Verlangen zu sein. Christliche Glaubenshoffnung setzt gegen die Erfahrung der Absurdität, die das menschliche Sinnverlangen an der »Gleichgültigkeit der Welt« endgültig scheitern sieht (Albert Camus), auf einen Gott, durch den die Liebe und das in ihr zum Ausdruck kommenende Verlangen gegen die Macht des Todes das letzte Wort haben kann. Sie sucht dem neutestamentlichen Zeugnis zu trauen, dass diese Welt im Letzten gehalten ist von einem Gott, der selbst Liebe ist (1 Joh 4,8). Wie aber ist Gott zu denken, wenn Gott Liebe ist? Bis in die diffizilen (trinitäts-)theologischen Gedankenreflexionen hinein ist es letztlich diese elementar »einfache« Frage, der Werbick in immer neuen Anläufen Ausdruck zu geben versucht. Werbick greift eine faszinierende Wendung des mittelalterlichen Franziskanertheologen Johannes Duns Scotus auf: Gott wollte in seiner Schöpfung »Mitliebende« (condiligentes) … Ein entsprechendes personal-trinitarisches Gottesverständnis versucht Werbick immer wieder gerade auch in kritischer Würdigung der Intentionen monistisch-panentheistischer Einreden zu verteidigen.
Der Ausgangspunkt eines solchen biblisch begründeten Gottesverständnisses betrifft die »Gesamtarchitektur« der Theologie und hat somit weitreichende Konsequenzen bis hin zum Offenbarungs- und Kirchenverständnis: Die neutestamentlichen Schriften geben Zeugnis von einem Heilsgeschehen (mysterion), in dem dieser Gott, wie die Theologie des 20. Jahrhundert nachdrücklich herausgearbeitet hat, nicht für das menschliche Heil relevante und im kirchlichen »Glaubensgut« zu bewahrende »Instruktionen«, sondern sich selbst mit seinem guten Heils-Willen mitteilt. Dieser Gott, der Liebe ist, will die Menschen, wie die Offenbarungskonstitution des Zweiten Vatikanums in neutestamentlichen Spuren so eindrücklich formuliert: »wie Freunde« anreden und ihnen so das gute »Geheimnis seines Willens« (sacramentum voluntatis suae) erschließen (Dei Verbum 2). Wiederholt zitiert Werbick in seinen Schriften Friedrich Wilhelm Josef Schelling, der – in Modifikation der berühmten Formulierung bei Anselm von Canterbury – in seiner Philosophie der Offenbarung diesbezüglich von dem sprach, »worüber hinaus Größeres nicht geschehen« kann – eben »Gottes Schwäche für den Menschen«. Gerade darin ist er, nun in der neuplatonischen Tradition etwa eines Pseudo-Dionysios Areopagita gesprochen: bonum diffusivum sui – das sich selbst verströmende Gute.
Werbick nimmt den Paradigmenwechsel zu einem »kommunikativen« Offenbarungsverständnis entschieden auf und sucht ihn konsequent fortzuschreiben: Wenn die göttliche Offenbarung selbst als kommunikativer Prozess zu verstehen ist, wie sollte eben das nicht auch für das Verständnis von Kirche, Tradition und Lehramt gelten? Der Schlüssel für kirchenkritische Rückfragen an die Praxis der (katholischen) Kirche in Geschichte und Gegenwart liegt somit in der Gotteslehre selbst. Es überrascht dann im Übrigen nicht, dass Werbick vor diesem Hintergrund gerade das Pontifikat von Papst Franziskus (2013–2025) als Hoffnungszeichen auch für die Theologie wahrgenommen hat. Freilich ist gerade auch eine derart ansetzende Theologie mit einem Grunddilemma konfrontiert, dem sie unter neuzeitlichen Denkvoraussetzungen nicht ausweichen kann: Ist es nicht ein hoffnungslos naiver Anthropomorphismus, so »personal-kommunikativ« von einem Gott zu sprechen, der in und mit seiner Schöpfung »handelt«? Christlicher Glaube kann Gottes Wirken kaum mehr als »Eingriff« im supranaturalistischen Sinne verstehen, aber auch der deistische »Rückzug« Gottes aus der Erfahrungswelt ist kein für die biblisch begründeten Auslegungstraditionen vertretbares Denkmodell. Gerade die für die Glaubenspraxis zentrale Möglichkeit des (Bitt-)Gebets wird von dieser Frage heftig in Mitleidenschaft gezogen. So ringt auch Werbick in immer neuen Anläufen um ein theologisch angemessenes Verständnis der Rede vom »Handeln Gottes«. Über die Jahrzehnte hin sucht er dabei einen Leitsatz zu bewähren: »Gott handelt, wo sein guter Wille geschieht.« Werbick versucht so, besagter supranaturalistisch-deistischer Doppel-Aporie zu entgehen, indem er sich auf eine Analogie zur Dynamik zwischenmenschlicher Beziehungen beruft, die ein Buchtitel des Psychiaters Helm Stierlin in den 1970er Jahren so auf den Punkt gebracht hat: »Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen« …
In diesem Zusammenhang ist ein weiteres zentrales Leitmotiv zu nennen, das sich, wiederum in Aufnahme von Überlegungen Ricoeurs, durchgängig in Werbicks Arbeiten ausmachen lässt – nämlich der metaphorologische Zugang zu den »Inhalten« des christlichen Glaubens und seiner Auslegung in der theologischen Dogmatik. Mit Ricoeur gesprochen: Metaphern geben zu denken. Sie bringen das Denken mit der Einbildungskraft zusammen und führen die menschliche Sprache damit in eine aufschlussreiche Grenzerfahrung, weil sie konstitutiv durch eine Spannung bestimmt sind. Genau dieses »Sprachmodell« entspricht der Sprach(grenz)erfahrung von Theologie: Was ist etwa von Gott gesagt, wenn er in biblischen Spuren Hirte, König, Herr, Liebe … genannt wird – und, ganz im Sinne der klassischen Analogielehre, theologisch einzugestehen ist, dass die Unähnlichkeit der aus menschlicher (Sprach-)Erfahrung gewonnenen Aussage gegenüber dem, worauf sie »zielt«, immer größer bleibt als die Ähnlichkeit? Metaphern-Rede ist hier aufschlussreich verfremdend, führt die Einbildungskraft zur »Umkehr« und erlaubt so einen produktiv-kritischen Umgang mit den unvermeidlich »projektiven« menschlich-allzumenschlichen Vorstellungen von Gott, dessen Wirklichkeit diese verheißungsvoll aufnimmt und überschreitet. Sich von Metaphern (die oft gar nicht mehr als solche bewusst sind) zu denken geben zu lassen und durch ihr kritisch-einfühlsames Verstehen neu dem in ihnen zum Ausdruck Kommenden Erschließungskraft zuzutrauen, das leitet Werbicks Theologie dabei nicht nur in der Gotteslehre, sondern etwa auch bei den spannungsreichen Sprachbildern von Soteriologie und Ekklesiologie.
Nicht zuletzt prägt es den Stil seiner Theologie, dass Werbick auch selbst in diesem Sinne sprachschöpferisch wird: Immer wieder ist in seinen Texten die Rede vom »Anfang, der nicht aufhört anzufangen«. Mit dieser charakteristischen Formulierung gelingt ebenfalls eine Denken und Einbildungskraft in Spannung setzende Metapher: Die verheißungsvollen »Anfänge«, die im Leben, in der Liebe erfahren werden, verlangen danach, »nicht aufzuhören« – nicht verlorenzugehen im tödlichen Ende dieser Weltwirklichkeit. Die biblisch begründeten Zeugnisse setzen auf ein Versprechen: auf das Versprechen, dass dem, was in diesen Anfängen anfängt, zu trauen ist, weil Gott selbst für dieses Versprechen einsteht als »Anfang, der nicht aufhört anzufangen«. Es ist die Zuversicht der Zu-glauben-Suchenden, dass sich in den in dieser Welt erfahrbaren »guten Anfängen« seinem »Handeln« auf die Spur kommen lässt: dem Geschehen seines guten Willens. – Allerdings ist dann zugleich die Theodizeefrage dem Ringen um die Glaubwürdigkeit und Triftigkeit dieses Versprechens offensichtlich unabschließbar zu denken aufgegeben. Wie ist angesichts der unermesslichen Leidensgeschichte dieser Schöpfung dem Versprechen des vollendenden Anfangs zu trauen? Ist das, was dem Verlangen der guten Anfänge als Versprechen »entgegenkommt«, nicht »zu schön, um wahr zu sein«? Oder ist es gerade so schön, dass es wahr werden kann? – Der Versuch, den biblisch begründeten Zeugnissen denkerisch wie existentiell zu folgen, führt wiederum in den Konflikt der Interpretationen. Wie könnte es auch anders sein?
Vom Verlangen nach Würdigung und von der Kunst des Zusammenhaltens
Das Versprechen der guten Anfänge würde nur dann nicht von der Todes-Wirklichkeit endgültig gebrochen, wenn der in seiner Liebe allmächtige Gott selbst dafür einsteht. Das soteriologische Verlangen danach treibt die »Hermeneutik des Sinns« im Interpretationskonflikt an und um. Worauf zielt dieses Verlangen? In Werbicks entsprechenden religionsphilosophisch-fundamentaltheologischen Reflexionen konzentriert sich die Antwort im Begriff (bzw. wiederum Bild!) der Würdigung. Damit verbinden sich zentrale erkenntniskritisch-ethische Überlegungen, die Werbick in Den Glauben verantworten einschlägig im »Streitfall Religion« entfaltet, genauer in dessen fünftem Kapitel »Wahrheit in der Beziehung zum Absoluten?«.
Das Verlangen nach Würdigung ist für den Menschen ebenso elementar wie maßlos: Wer möchte nicht »gewürdigt« werden in und mit dem, was ihn oder sie ausmacht, wichtig und wesentlich ist, nach Anerkennung verlangt? Einem Menschen oder einem Sachverhalt in diesem Sinne »gerecht zu werden«, das ist der Anspruch an (Wahrheits-)Erkenntnis respektive ethisches Handeln – dem im Rahmen menschlicher Möglichkeiten zugleich, streng genommen, nur bestenfalls fragmentarisch und annäherungsweise zu entsprechen ist. Denn: »Das Wahre ist das Ganze«, so kann Werbick mit Hegel sagen, aber, belehrt etwa durch die Kritische Theorie eines Theodor W. Adorno, ohne noch die Zuversicht der idealistischen Philosophie teilen zu können, dass menschliche Erkenntnis auf ein entsprechendes »Absolutes« ausgreifen könnte. Der »regulative« Anspruch bleibt freilich bestehen: Es ginge darum, die Vielfalt aller Beziehungs- und Vermittlungszusammenhänge ebenso umfassend wie differenziert zu »würdigen«, um dem zu Erkennenden wirklich »gerecht zu werden«. Menschliches Erkennen (und Handeln) aber ist unvermeidlich selektiv; es kann nur gelingen, indem es – siehe Nietzsche – perspektivisch auswählt und damit, das ist die Kehrseite, anderes beiseitelässt, tendenziell: ausgrenzt, nicht in seinem »Eigensinn« zu würdigen vermag, ja möglicherweise missachtet.
Was aber bleibt dann vom Verlangen nach und Anspruch auf Würdigung? Jürgen Werbick wendet diese erkenntniskritisch-ethischen Reflexionen wiederum soteriologisch: Es käme offenkundig darauf an, bei aller unvermeidlichen Selektivität des Erkennens und Handelns die heilsamen, Möglichkeiten des Lebens »in Fülle« eröffnenden Zusammenhänge nicht aus dem Blick zu verlieren – und die Spannungen, denen menschliches Erkennen und Handeln oft bis an die Grenze des Erträglichen ausgesetzt ist, zusammenzuhalten. Wahrheit im Sinne von Würdigung, das heißt für Werbick: im Rahmen menschlicher Möglichkeiten Spannungen zusammenzuhalten, um lebenswichtige Zusammenhänge nicht aus dem Blick zu verlieren.
Und der (christliche) Glaube? Er »setzt« auf die Möglichkeit einer (eschatologischen) Würdigung durch den Gott der Liebe, die in den »guten Anfängen« hier und jetzt schon »anfängt«, wahr zu werden; in ihnen wird das Versprechen dessen wahrnehmbar, was eben »nicht aufhört anzufangen«. Die christliche Rede von Erlösung zielt letztlich auf dieses »Geschenk der Würdigung«. (Vor diesem Hintergrund liegt es übrigens auch nahe, dass sich Werbick in den letzten Jahren auch an dem philosophisch wie theologisch produktiven Diskurs um das Phänomen der »Gabe« beteiligt hat.) In der Nachfolge Jesu, inspiriert von seinem Geist suchen die Glaubenden dem Wahrwerden dieses Versprechens auf ihre Weise zu dienen – durch eine durchaus »befreiungstheologisch« zu verstehende solidarische Praxis und mit der gottesdienstlichen Feier sakramentaler Zeichen. – Dieser Glaube ist eingestandenermaßen »nur« (?) eine Option – aber, ganz im Sinne der auch von Werbick herangezogenen »Wette« Blaise Pascals, eine unüberbietbar verheißungsvolle: Sie gibt im Leben hier und jetzt nichts verloren – in der freilich so oft angefochten bleibenden Hoffnung, eschatologisch alles gewinnen zu können …
Mit diesem fundamentaltheologischen Ansatz verbindet sich nach Werbick die Möglichkeit, eine weitere Spannung »zusammenzuhalten«: Wozu ist es (noch) »gut«, sich in unseren säkularen Zeiten auf die Option des christlichen Glaubens einzulassen? Fundamentaltheologie kommt nicht umhin, mit guten Gründen auf diese Frage zu reagieren – und doch hat sie zugleich darauf zu insistieren, dass die »Intention« des Glaubens hinausgeht über jedes bloß »funktionalistische« Argument für den Nutzen religiöser Orientierungen zugunsten etwa psychischen Wohlbefindens und gelingender Identitätsbildung, moralischer Ressourcen und gesellschaftlichen Zusammenhalts. Theologisch prinzipiell formuliert: Gott darf nicht, so nimmt Werbick eine drastisch-derbe Formulierung Meister Eckharts auf: wie eine »Kuh« um ihrer »Milch« willen geliebt werden. »Einen Gott zu haben«, das heißt vielmehr, nun mit Martin Luther gesprochen: an ihn »sein Herz zu hängen«, sich auf ihn »zu verlassen«. Sinn und Intention dieser Beziehung zu dem, »was uns unbedingt angeht« (Paul Tillich), reichen »selbstzweckhaft« über jeden Nutzen hinaus, und diese Gottesbeziehung soll doch gerade so unaussprechlich gut für unser Leben sein – eine der Phänomenologie menschlicher Liebe zutiefst vertraute Spannung. Über alle Argumente, warum der Glaube »gut für uns« sei, hinaus setzt die religiöse Beziehung letztlich auf die »unverbrauchbare Transzendenz Gottes« (Karl Rahner).
Die wohl bedrängendste Spannung allerdings, die es für die auf das Versprechen der guten Anfänge setzende Option des Glaubens »zusammenzuhalten« gilt, um dem Verlangen nach Würdigung treu zu bleiben, dürfte die von Glaube und Zweifel sein. Hier lässt sich auch das »nervöse Zentrum« der Fundamentaltheologie Jürgen Werbicks im Konflikt der Interpretationen ausmachen: »Im Glauben zweifeln, im Zweifel glauben« ist die hintersinnig-treffende Überschrift des Auftaktkapitels in seinem 2001 zuerst erschienenen Band mit dem programmatischen Titel Gebetsglaube und Gotteszweifel. Werbicks philosophisch-theologische Gedankengänge und ihr zutiefst praktisch-spirituelles Interesse verbinden sich letztlich in einem Profil christlicher Gebetspraxis, um deren intellektuell redlichen und existentiell »tragfähigen« Vollzug im Angesicht des Zweifels er immer wieder ringt. Gerade das macht Werbick nicht nur zu einem wichtigen theologischen Lehrer, sondern gibt zugleich ein eindrucksvolles Glaubenszeugnis. Denn hier geht es um eine Sprache, die die Suche nach dem Bejahbaren ins Wort bringt angesichts der unausweichlichen Abgründigkeit oft leidverzerrter oder von Resignation gezeichneter Sprachlosigkeit. Wie ohnmächtig und zugleich lebensnotwendig ist eine solche Sprach- und damit Hoffnungspraxis!
Dem Zeugnis dieser Sprach- und Hoffnungspraxis haben theologische Reflexion und kirchliche Glaubensgemeinschaft gleichermaßen zu dienen. Auf diese »Dienstleistung« ist menschliche Selbstverständigung in den Krisen und gesellschaftlichen Aporien der Gegenwart wohl mehr denn je angewiesen. Den Raum, den Kirche und Theologie damit eröffnen können, hat Werbick schon in den 1990er Jahren wiederum sprachschöpferisch-eindringlich charakterisiert: Es geht um »Asyl-Orte für die großen Fragen« – für die sonst oft so »ortlos« bleibenden offenen Fragen und Ängste, für Sehnsucht und Sorge, für Zweifel und Hoffnung, die Menschen existentiell umtreiben und die nicht zuletzt auch hinter gesellschaftlichen Konfliktlagen auszumachen sind. Der »prophetische« und »diakonische« Dienst der Kirche inmitten gegenwärtiger Lebenswelten einer pluralistisch-spannungsreichen Gesellschaft müsste genau hier vorrangig »vor Ort« sein. Das Leiden an einer kirchlichen Realität, die diesem Anspruch oft so frustrierend wenig gerecht zu werden vermag, ist freilich auch ein Leitmotiv, das Werbicks theologischen Reflexionen und homiletischen Zeugnissen tief eingeschrieben ist.
Am Ende aber steht – unbeschadet aller auch mehr oder weniger skrupulös-schwermütigen Töne im Angesicht der Spannung von »Gebetsglaube und Gotteszweifel« – immer wieder neu die Ermutigung, der Sehnsucht nach Würdigung zu trauen – weil nur so den »großen Fragen« menschlich standzuhalten und auf die verheißungsvolle Spur der Hoffnung zu gelangen ist. Werbick verweist auf das uralte Wort, das von dem vorsokratischen Denker Heraklit überliefert wird, der vom Menschen gesagt haben soll: »Wenn er’s nicht erhofft, das Unerhoffte wird er nicht finden.« Davon darf sich gerade die christliche Hoffnung heute neu zu denken geben lassen. Denn »nur die Sehnsucht entdeckt, was ihr Erfüllung sein könnte«.2
Anmerkungen: 1 Eine Übersicht dieser Buchtitel Werbicks findet sich am Ende des Beitrags. – Auf Einzelnachweise wird im Weiteren bewusst verzichtet, um den essayistischen Charakter nicht durch einen dann notgedrungen umfänglichen Fußnotenapparat zu belasten; da es um »Leitmotive« der Theologie Werbicks geht, wäre im Übrigen oft eine Vielzahl von Belegstellen anzugeben, was den vorgegebenen Rahmen sprengen würde. 2 Jürgen Werbick, Gebetsglaube und Gotteszweifel, 2., erweiterte Aufl. Münster 2005, 26.
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