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| Leseprobe 2 |
| KASUALIEN | HEILSZEICHEN: ZEICHEN DER HEILUNG UND VERSÖHNUNG |
| Wieder an den eingeborenen Adel glauben |
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Im Roman Der Sommer meiner Mutter ist der elfjährige Tobias damit konfrontiert, dass seine Familie auseinanderbricht. An einer Stelle sagt er: »Ich fühlte mich schuldig und ich war mit dieser Schuld allein.«1 Es gibt niemanden, mit dem er über seine Schuldgefühle zu sprechen wagt, zu groß ist die Scham. Wenn Menschen sich schämen, möchten sie sich am liebsten verbergen. Solche Scham stellt sich meist deshalb ein, weil man mit der Perspektive anderer auf sich und sein Tun schaut, mit der Brille der Öffentlichkeit, die sich oft an Vergehen anderer weidet und sie nicht selten dauerhaft darauf fixiert. Wie aber kann man dann aus der Einsamkeit mit der Schuld heraustreten, wenn immer die Sorge besteht, dass dies einem Verlust der Selbstachtung gleichkäme, etwa weil andere mit dem Finger auf mich zeigen oder einen verächtlichen Blick auf mich werfen? Bei nicht wenigen Menschen wird dieser befürchtete verurteilende Blick anderer zum Introjekt, das sie selbst klein macht. Ein gelöstes Verhältnis zur eigenen Schuld wird damit nicht möglich, Menschen bleiben im Kreisen um die Schuld und in Selbstvorwürfen gefangen.
Dietrich Bonhoeffer hat in seinem wunderbaren Kapitel über die Beichte in Gemeinsames Leben einen scheinbar so schlichten und doch so entscheidenden Satz gesagt: »Vor Christus durften die Menschen Sünder sein, und gerade so wurde ihnen geholfen.«2 Immer wieder erzählen die Evangelien davon, dass Jesus Schuld einerseits nicht kleinredet, aber andererseits Menschen nicht auf diese Erfahrungen festlegt. Vor Jesus konnten Menschen wagen, aus der Einsamkeit der Schuld herauszutreten. Sehr bewegend zeigt sich diese Spannung in der Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin: »Auch ich verurteile dich nicht.« – »Geh hin und sündige von nun an nicht mehr.« (Joh 8,11) Auch Petrus widerfährt diese Haltung Jesu gegenüber der Sünde (vgl. Joh 21,1–19): Er, der sich bei Jesu Anblick wie Adam seiner Nacktheit schämt und sich durch einen Sprung ins Wasser verbirgt, erfährt, dass er nicht mit einer Litanei von Vorwürfen überzogen wird. Stattdessen fragt Jesus ihn dreimal nach der Liebe, also nach jener Kraft in ihm, die Petrus am Anfang hat hinter Jesus hergehen lassen. Diese glimmende Glut will Jesus mit der dreifachen Frage wieder freilegen und neu entfachen. Jesus gibt den Menschen einen neuen Vertrauenskredit und lässt sie so wieder an sich selbst glauben.
Die aus meiner Sicht schönste Formulierung für das, was Vergeben heißt, hat der französische Philosoph Paul Ricoeur gefunden. Er schreibt: »Die Formel dieses befreienden Wortes würde, in aller Nüchternheit ausgesprochen, lauten: Du bist besser als deine Taten.« Man kann diesen letzten Satz auch übersetzen: »Du bist mehr wert als deine Taten.«3 Ricoeur erläutert, dass Vergebung dem Empfangenden wieder andere Fähigkeiten zumutet als Schuldtäter zu sein. Jemand empfängt durch den Kredit an Vertrauen neu die Handlungsfähigkeit, an die eigenen besseren Möglichkeiten zu glauben und anders zu leben. Indem man nicht fixiert wird auf die geschehene Schuld, kann sich auch das eigene Verhältnis zu ihr lösen. Der Blick wird (wieder) frei dafür, wer ich auch noch sein kann.
Karl Jaspers hat verschiedentlich von der Chiffre des »eingeborenen Adels«4 gesprochen. Aus seiner Sicht bedarf die Rede von der (Erb-)Sünde dieser Ergänzung. Wenn mir bei der Beichte Vergebung haptisch durch die Handauflegung »auf den Kopf zugesagt« wird, dann auch, um das gedankliche Kreisen um das eigene Versagen und die Selbstvorwürfe heilsam zu unterbrechen und mich neu an meinen von Gott mir eingestifteten Adel glauben zu lassen. Wer auf diese Perspektive hoffen kann, wird sich leichter aus der Einsamkeit der Schuld locken lassen.
Anmerkungen: 1 Ulrich Woelk, Der Sommer meine Mutter, München 2021, 168. 2 Dietrich Bonhoeffer, Gemeinsames Leben (DBW 5), München 1987, 94. 3 Im Original: »La formule de cette parole libératrice, abandonnée à la nudité de son énonciation, serait: Tu vaux mieux que tes actes.« Paul Ricoeur, La mémoire, l’histoire, l’oubli, Paris 2000, 642. 4 Zum Beispiel: Karl Jaspers, Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung (KJG I/13), Basel 2016, 382.
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Michael Höffner |
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