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| Leseprobe 1 |
| 21. Sonntag im Jahreskreis |
| III. Lesepredigt: Schlüssel schultern (Jes 22,19– 23; Mt 16,13–20) |
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Es gibt in der deutschen Sprache die Redewendung »etwas auf die leichte Schulter nehmen«. Gemeint ist damit, dass ich eine Situation oder eine Angelegenheit nicht besonders ernst nehme, sie unterschätze oder gar verharmlose. Wenn ich dagegen »etwas schultere«, dann übernehme ich Verantwortung, bewältige eine schwere Aufgabe oder trage eine schwere Last.
Ein Schlüssel ist erst einmal keine so schwere Last; mancher Schlüsselbund ist höchstens schwer und unförmig, wenn mehrere Schlüssel dran hängen. Ein Schlüssel ist aber unbestreitbar wichtig. Wer schon einmal verzweifelt in der Jackentasche den Autoschlüssel gesucht hat oder den Wohnungsschlüssel in der Handtasche, weiß das. Einen Schlüssel brauche ich, um aufzusperren oder zu schließen. Wenn mir ein Nachbar einen Schlüssel anvertraut, damit ich in dessen Urlaub das Haus oder die Wohnung hüte, dann genieße ich großes Vertrauen. Ich habe auch eine große Verantwortung: Ich muss für das Haus oder die Wohnung sorgen, sie gehört mir nicht, und ich möchte sie unbeschadet wieder übergeben können.
Schulter und Schlüssel – sie verbinden nicht nur die Anfangsbuchstaben … In der Lesung aus dem Buch Jesaja wird dem neuen Palastvorsteher Eljakim ein Schlüssel auf die Schulter gelegt. Sein Vorgänger hat sein Amt offenbar »auf die leichte Schulter genommen«. Dabei waren die beiden laut zweitem Buch der Könige früher Kollegen, die Krieg und Zerstörung Samarias und Jerusalems erlebt und überlebt hatten und die ein Heilswort des Propheten hören und überbringen durften: »Fürchte dich nicht!« (2 Kön 19,6) Aber irgendetwas ist schief gegangen. Schebna, der ehemalige Palastvorsteher, verliert seine Schlüsselrolle. Hat er seine Macht missbraucht? Tür und Tor – für wen oder was? – geöffnet? Die Schlüsselgewalt wird auf jeden Fall auf Eljakim übertragen. Er bekommt dadurch Macht, aber auch große Verantwortung. Der Prophet Jesaja setzt große Hoffnungen auf ihn: Wie ein fester Pflock soll er stehen bleiben. Aber auch Eljakim wird scheitern – der Schlüssel zum Haus David scheint zu schwer zu sein für einen Menschen.
Jesus, von dem Paulus im Brief an die Römer schreibt, dass »aus ihm und durch ihn und auf ihn hin die ganze Schöpfung« ist (Röm 11,36), wird später, im Evangelium hören wir es, den Schlüssel zum Haus David an Simon übergeben und macht ihn damit zum Fels der Kirche. Eine große, vielleicht viel zu große Aufgabe: Denn auch dieser Petrus wird immer wieder scheitern daran – schließlich ist auch er nur ein Mensch, wie alle seine Nachfolger und damit letztlich auch wir.
Jede und jeder von uns hat in einem eigenen Bereich Verantwortung und Macht übertragen bekommen. Es fühlt sich vielleicht nicht so groß an; wir sind nicht alle Konzernchefs, Päpste, Bischöfe oder Bundeskanzlerin. Aber wir sind auch verantwortlich in Partnerschaften, Familien, Beruf, Freundschaften oder Nachbarschaften. Uns sind auch Schlüssel im eigentlichen und im übertragenen Sinn anvertraut: Möglichkeiten und Fähigkeiten, die wir einsetzen können. Sind unsere Schultern stark genug, um das zu tragen? Können wir die Schlüssel, die wir haben, verantwortungsbewusst und sinnvoll einsetzen?
Wir bemühen uns – und es kann vielleicht helfen, sich zusammen zu tun, um im Miteinander das, was anliegt, zu schultern, füreinander Verantwortung zu übernehmen und Türen da zu öffnen, wo wir es können. Wie hieß es im Tagesgebet? »Du verbindest alle, die an dich glauben, zum gemeinsamen Streben. Gib, dass wir lieben, was du befiehlst, und ersehnen, was du uns verheißen hast …«
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Theresia Reischl |
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