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| Leseprobe 1 |
| Ostern |
| IV. Der gründende Bruch (Joh 20,1–9) |
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Ostern. Alles wieder hell und klar. Christus ist auferstanden, er ist wieder da. – Das ist nicht die Osterbotschaft. Jedenfalls nicht die des Evangeliums. Das Osterevangelium erzählt in Wirklichkeit die Geschichte einer Krise nach.1 Es ist der Schock eines doppelten Verlustes. Denn Jesus wird gleich zweimal verloren. Auf Golgota – und in dem Ereignis, dass die Christen später »Ostern« nennen werden. Was an der Schädelstätte geschehen war, ist furchtbar schrecklich – aber vorstellbar. Was an Ostern geschehen war, ist schlimm und völlig rätselhaft. Das ist ein Doppelschlag. Nicht nur, dass Jesus tot ist. Er ist nicht einmal als Toter da.
»Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben.« (Joh 20,13) Steht Maria von Magdala in ihrer Trauer völlig neben sich und ist verwirrt? Ist das törichtes Geschwätz, was die Frau behauptet? Die Männer, Petrus und Johannes, gehen nachsehen und prüfen das. Aber da ist nichts. – Eben: Da ist nichts!!!
Wir müssen uns das in unserer Osterfeierlaune vielleicht neu vor Augen führen: Ostern war für die Freundinnen und Anhänger Jesu kein Freudenfest. Kein: »Das Grab ist leer, der Held erwacht …!« Ostern war ein Schock. Ein leeres Grab – nicht einmal ein volles Grab – bleibt von allem übrig. An einer Grabstätte, wo die religiöse Gründergestalt begraben liegt, da hätte man einen schönen Wallfahrtsort gründen können, mit allem was dazugehört. Dann hätte man zu Jesu Märtyrergrab pilgern können und seine Erinnerung hochhalten; hätte vielleicht sogar im Nachhinein klarstellen können, dass es ein fatales politisches Fehlurteil war und er als Opfer für die gute Sache sterben musste.
Marias Nichts
Eine Gruft ohne Inhalt. Das ist der Gründungsort unseres Glaubens. Der Jesuit Michel de Certeau spricht vom »gründenden Bruch« am Beginn des Christentums. Maria von Magdala hat nichts in der Hand. Was für ein schweres Apostolat, das ihr der Rabbi-Gärtner aufträgt: »Halte mich nicht fest« – »Aber geh zu meinen Brüdern.« Mit nichts soll sie zu den Brüdern gehen. Ohne etwas Festes! Ein nicht vorhandener Leichnam. Ein Beweis für gar nichts. Was sie hat, ist ein leicht vertrauter Akzent in einer Stimme, durch den sie sich angesprochen fühlt: »Mariam«.
Mit der Beweiskraft von einem Akzent in einer Stimme. So gehen wir österlichen Menschen durchs Leben. Oder haben Sie den Beweis gefunden? Haben Sie Gott gesehen und können ihn beweisen? »Ja, ich habe den Herrn gesehen!«, sagt Maria. Es kann auch anders sein. Eine Verwechslung, ein Grabraub, eine Täuschung, Halluzination, Traumaverarbeitung, was auch immer. »Ich habe den Herrn in meinem Leben erfahren«, möchte ich sagen. Die anderen sagen mir: »Bist du sicher? Ich sehe und erfahre nämlich nichts.«
Entzugserscheinung
Am Anfang des Glaubens steht der gründende Bruch. In diesen gründenden Bruch fallen viele und können ihn nicht überbrücken. Einige gehen weiter, springen vielmehr. Und sie merken, dass es auf der anderen Seite tragenden Boden gibt. Die Jüngerinnen und Jünger tun sich zusammen und stärken sich. Sie finden zur Überzeugung: Jesus lebt. Doch Auferstehungserfahrungen, so zeigen die neutestamentlichen Berichte, bleiben immer auch Entzugserscheinungen. Da ist er leibhaftig und greifbar da – »dann sahen sie ihn nicht mehr« (Lk 24,31).
Es ist die uralte Glaubenserfahrung, dass Gott nur vorübergehend erkennbar und fassbar ist; im Pessach, dem Vorübergang. Eindrücklich erfährt und widerfährt es Mose. Der Herr sagt zu ihm: »Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in den Felsspalt und halte meine Hand über dich, bis ich vorüber bin. Dann ziehe ich meine Hand zurück und du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht kann niemand schauen.« (Ex 33,22). In der Felsspalte, im gründenden Bruch, macht Mose seine Gotteserfahrung. Der aber zog vorbei und ließ sich nicht aufhalten. Die Erinnerung an einen kurzen erhaschten Blick auf den Rücken Gottes erfüllt Mose von nun an mit Sehnsucht. Er ist nicht aufzuhalten. Aber der Gottesmoment ist auch nicht ungeschehen zu machen. Er fehlt.
Du fehlst
Martin Walser schreibt: »Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung. Einer Ahnung allerdings bedarf es.«2 Hier schreibt kein bekennender Christ. Aber hier schreibt einer, der um den Bruch in allen Dingen weiß. Und der weiß, dass der Bruch keine viel stabilere Brücke findet wird als eine bloße Ahnung.
Haben Sie eine Ahnung? Fehlt Ihnen Gott? Ich meine: Wo nichts fehlt, ist kein Osterglaube möglich. Vielleicht ist das die tragende Bedeutung eines leeren Grabes. Denn zu sagen: »Hier fehlt aber etwas. Du fehlst!«, wäre das nicht schon ein zaghaftes Glaubensbekenntnis?
Maria von Magdala fehlt der Freund unendlich. Sie vermisst ihn. Sie hätte das Grab vermutlich nie verlassen, wäre immer und immer wieder hierher zurückgekommen und hätte ihren Freund besucht. Der aber ist weg. Das ändert alles.
Sie wird zur Künderin des fehlenden Gottes. Aber er fehlt ihr nicht nur. Er führt sie – entlang ihres Vermissens, entlang dieser schmerzlichen Entzugserscheinung – in den Osterglauben hinein, den sie erst zaghaft und dann immer stärker, überzeugter, froher bezeugt.
Anmerkungen: 1 Exegetische Anregungen zu dieser Predigt verdanke ich einem Vortrag von Prof. Dr. Margareta Gruber OSF. 2 Martin Walser, Über Rechtfertigung, eine Versuchung, Reinbek bei Hamburg 42014, 33.
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Stefan Walser |
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