Prediger und Katechet – Startseite
Startseite » Aktuelle Ausgabe » Leseprobe 1
Titelcover der aktuelle Ausgabe 2/2026 – klicken Sie für eine größere Ansicht
Die Schriftleitung
Leseprobe 1
Dritter Fastensonntag
III. Lesepredigt: »Gib mir zu trinken«
(Joh 4,5–42)
Müde. So beginnt diese Geschichte in Samaria. Jesus ist müde. Vom Weg, vom Staub, vielleicht auch vom vorangegangenen Streit mit den Pharisäern. Er setzt sich an einen Brunnen. Es ist Mittagszeit, die sechste Stunde, die heißeste Zeit des Tages. Eigentlich kein Moment, um Wasser zu schöpfen, sondern eine Tageszeit, in der die Öffentlichkeit eher gemieden wird.

Aber da kommt eine Frau. Allein – ganz bewusst wahrscheinlich. Mit einem leeren Krug. Und Jesus spricht sie an: »Gib mir zu trinken.« Es ist ein einfacher Satz – und doch voller Sprengkraft. Denn vieles an dieser Begegnung ist auf den ersten Blick unpassend: Ein jüdischer Mann spricht eine samaritanische Frau an. In der Öffentlichkeit. Allein. Das tut man nicht. Die Geschichte weiß das: »Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern.« Und Männer nicht mit fremden Frauen, schon gar nicht an Brunnen.

Denn Brunnen sind mehr als Orte, an denen man Wasser schöpft. In der Bibel sind sie auch Orte der Begegnung, des Kennenlernens. Isaak trifft Rebekka an einem Brunnen, Jakob trifft Rahel an einem Brunnen – auch Mose begegnet seiner späteren Frau Zippora dort. Der Brunnen ist ein Ort der Hoffnung. Und ein Ort der Erwartungen.

Und nun also Jesus. Und diese Frau. Sie wundert sich: »Wie kannst du mich bitten?« Sie spricht von Trennung – er von Durst. Sie spricht vom Brunnen – er vom »lebendigen Wasser«. Sie sprechen aneinander vorbei.

Aber sie bleiben im Gespräch, in einem Gespräch, das in die Tiefe geht. Und vielleicht ist es manchmal genau das: das Gespräch selbst, das den Durst stillt, die Begegnung, die ganz und gar erfüllt.

Jesus spricht von einer anderen Art Wasser. Von dem, das nicht versiegt. Das nicht nur stillt, was fehlt – sondern in uns selbst zur Quelle wird. Die Frau versteht ihn nicht ganz – aber sie merkt: Hier ist mehr. Mehr als Durst, mehr als Alltag. Mehr als Scham, mehr als Trennung. Mehr als sie selbst. Sie lässt ihren Krug stehen. Sie läuft zurück in die Stadt. Nicht mehr mit gesenktem Blick – sondern mit einer Botschaft: »Kommt her, seht: Da ist einer, der mir alles gesagt hat.« Was für eine Umkehr.

Gerade das, wofür sie sich mutmaßlich geschämt hat – ihre Geschichte mit den fünf Männern, das Leben in Brüchen – wird zur Brücke. Nicht der perfekte Lebenslauf macht sie zur Zeugin, sondern ihre Offenheit. Ihre Verletzlichkeit. Ihre Begegnung.

Gott erwählt hier nicht die Würdigen, sondern er macht die, die er erwählt, würdig. Die Frau wird zur ersten Missionarin im Johannesevangelium – sie bezeugt Christus, bevor es die Jünger tun.

Viele aus der Stadt kommen. Und bleiben. Zwei Tage bleibt Jesus bei ihnen – bei denen, die sonst ausgeschlossen sind. Und sie sagen am Ende: »Jetzt glauben wir nicht nur wegen deiner Worte. Wir haben ihn selbst gehört. Er ist wirklich der Retter der Welt.«

Diese Bezeichnung – »Retter der Welt« – ist bedeutsam. Sie zeigt: Der Glaube an Christus ist nicht exklusiv für eine bestimmte Gruppe. Er überwindet Grenzen – geografische, religiöse, soziale. Der Glaube wird universell. So endet die Geschichte. Aber vielleicht ist das nicht das Ende, sondern ein Anfang: Dass wir glauben, weil wir hören. Weil wir uns begegnen lassen. Weil jemand uns anspricht – sogar dann, wenn alles dagegen spricht.

Und weil wir manchmal, mitten im Alltag, plötzlich merken: Es gibt mehr als das, was wir kennen.

Ein Wasser, das nicht versiegt.
Ein Wort, das nicht schweigt.
Ein Blick, der uns sieht.
Müde.
Gib mir zu trinken.
Wie kannst du mich bitten?
Gottes lebendiges Wasser ist größer als das, was wir kennen.
Er ist wirklich der Retter der Welt.

Farina Dierker

Zurück zur Startseite

pastoral.de


Das bewährte
BasisProgramm
auf CD-ROM


pastoral.de - BasisProgramm

oder

Die
Web-Plattform
im Browser


pastoral.de - Web-Plattform

Vergleichen Sie hier


Prediger und Katechet
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | AGB | Datenschutz | Impressum | Barrierefreiheit