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| Wort an die Leser |
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Liebe Leserinnen, liebe Leser!
»Gott glänzt durch Abwesenheit«: Dieser Satz in einem kürzlich erschienenen Buch des südkoreanisch-deutschen Philosophen Byung-Chul Han hat mich irritiert und geht mir nach. Wenn ich von jemandem sage, dass er oder sie durch Abwesenheit glänzt, ist das in aller Regel kein Kompliment. Mir fallen der Kollege ein, der einer Besprechung fernbleibt, weil er vermeintlich Bedeutsameres zu tun hat, oder die Freundin, die das fest vereinbarte Treffen dann doch kurzfristig absagt – und wenn ich ehrlich bin, kann ich mich selbst ja auch mitunter anderen gegenüber in diesen »Rollen« wiederfinden. Wer durch Abwesenheit glänzt, scheint etwas nicht so wichtig zu nehmen, andere nicht wirklich wertzuschätzen, womöglich sogar mehr oder weniger offen Solidarität aufzukündigen … Glänzt Gott durch Abwesenheit? In manchen Lebens- und Weltkrisen scheint es ja tatsächlich so. Das Ringen um die Erfahrung der Verborgenheit Gottes und die offenen Fragen, die damit verbunden sind, treiben einen glaubwürdigen Glauben immer neu um und sind gerade in der Verkündigung ernst zu nehmen. »Gott glänzt durch Abwesenheit«: Bjung-Chul Han kommt zu dieser These im Dialog mit Gedanken von Simone Weil, von der er etwa diesen Satz zitiert: »Gott kann in der Schöpfung nicht anders anwesend sein als unter der Form der Abwesenheit.« Für diese Art der Anwesenheit aber bedarf es einer besonderen Aufmerksamkeit – und die heutige Krise der Religion ist, so jedenfalls Bjung-Chul Hans Diagnose, wesentlich eine »Krise der Aufmerksamkeit«: Angesichts der Übersättigung mit Bildern und Informationen scheint uns das Sensorium zu fehlen, eben jenen Glanz noch wahrnehmen zu können, der mit dieser Spannung von Abwesenheit und Anwesenheit verbunden ist. Stille und Sammlung, Innehalten und Warten könnten Wege der Aufmerksamkeitsschulung sein. Vielleicht bietet gerade die Österliche Bußzeit dazu eine Gelegenheit. Wenn Gott durch Abwesenheit glänzt, hat das allerdings auch Konsequenzen für die Verkündigung: Sie wird sich selbst vor vollmundiger »Übersättigung« hüten und um sensibel-zurückhaltende Aufmerksamkeit mühen müssen – um vielleicht doch eine Ahnung von jenem Glanz zu vermitteln, der sich unserem Verfügen entzieht.
Gute Wege dazu wünscht Ihnen im Namen der puk-Redaktion
Ihr
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Martin Rohner |
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