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Leseprobe 2
Kasualien – ökumenisch gefeiert
Einfallsreichtum als Gottesgabe

Einfallsreichtum ist eine große Gottesgabe. Wenn uns Menschen im Bemühen um eine glaubwürdige Verkündigung etwas einfällt, kann das für alle Beteiligten überraschende Perspektiven öffnen: Festgefahrene Muster werden aufgebrochen, alte Kampfschauplätze verwaisen plötzlich, Neues kommt zum Vorschein. Oftmals wird dieser Einfallsreichtum durch Lebenssituationen provoziert, in denen die Beteiligten mit dem Defizit des Bisherigen konfrontiert werden und nach unkonventionellen Lösungen suchen müssen und dürfen. Ob das Zusammenwirken von katholischen und evangelischen Gemeinden durch einen solchen kreativen Einfallsreichtum geprägt sein kann? Ob sich ein solcher ökumenischer Einfallsreichtum in besonderer Weise bei der Gestaltung der Kasualien zeigen kann?

Dankbar gebe ich anlässlich des Reformationsjubiläums einige Praxisbeispiele wieder, bei denen die Fixierung auf die Eucharistiefeier und Amtsfrage aufgebrochen wird und sich zentrale Themen des christlichen Glaubens im gemeinsamen Feiern erschließen. Ich bin überzeugt, dass es neben den im Folgenden genannten Beispielen viele weitere Formen und Ideen gibt, die sich unkompliziert verwirklichen lassen. Sie sind von der konkreten Situation und von der Bereitschaft in den jeweiligen Ortskirchen abhängig, können modifiziert und kreativ weiterentwickelt werden, um zeichenhaft in selbstverständlicher ökumenischer Gemeinschaft den Gott des Lebens feiern zu können.

Österliche Hoffnung. Die Feier von Tod und Auferstehung

Am Ostermorgen erschallt Trompetenklang über den Friedhof: »Christ ist erstanden von der Marter alle«. In der Morgenstille haben sich evangelische und katholische Christen hier zum Morgengebet versammelt. Ein kleines Osterfeuer brennt vor der Kapelle, das Osterevangelium wird verkündet, an der noch jungen großen Osterkerze zünden Menschen ihre kleinen Lichter an und tragen sie zu den Gräbern der Angehörigen. Viele der Mitfeiernden haben Familienmitglieder, Freundinnen oder Weggefährten, deren Gräber sie besuchen. Die Trauer und die Hoffnung des Ostermorgens verbindet sie. Es ist die eine Osterhoffnung für Christen aller Konfessionen. Es ist wunderbar, miteinander diese Hoffnung teilen zu können. Nicht nur am Ostermorgen.

Denn die Verbundenheit im Angesicht des Todes kann sich im Laufe des Jahres auf vielfältige Weise konkretisieren: es gibt Gemeinden, bei denen es eine gute Tradition ist, dass von den Pfarrbüros die Namen der Verstorbenen an die jeweilige evangelische oder katholische Nachbargemeinde weitergegeben werden, so dass in den Gottesdiensten beider Konfessionen für die Verstorbenen gebetet wird. Gerade in Dörfern und kleinen Städten kennt man sich über die Grenzen der Pfarrgemeinde hinweg. Dass die Namen der evangelischen Mitchristen dann auch im Totenbuch der katholischen Gemeinde stehen, ist nur zu selbstverständlich. Wenn sie in Gottes Hand geschrieben stehen, warum dann nicht auch in unserem Gedenkbuch? Und wenn am Abend des Allerheiligentages beim Totengedenken – in einer vorwiegend katholischen Gegend – die Namen der Verstorbenen des vergangenen Jahres genannt werden und viele evangelische Christen auf dem Friedhof sind: Was hindert das gemeinsame Gedenken und das Nennen der Namen aller?

Gemeinschaft der Glaubenden. Die Feier der Taufe


Die Liebe Gottes, die stärker ist als alle Mächte des Todes, wird in der Taufe als Grundlage für jedes Menschenleben gefeiert. Das Sakrament ist wechselseitig anerkannt; bei Konversionen ist eine erneute Taufe überf lüssig. In der Magdeburger Erklärung der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) von 2007 heißt es programmatisch: »Als ein Zeichen der Einheit aller Christen verbindet die Taufe mit Jesus Christus, dem Fundament dieser Einheit. Trotz Unterschieden im Verständnis von Kirche besteht zwischen uns ein Grundeinverständnis über die Taufe. Deshalb erkennen wir jede nach dem Auftrag Jesu im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes mit der Zeichenhandlung des Untertauchens im Wasser bzw. des Übergießens mit Wasser vollzogene Taufe an und freuen uns über jeden Menschen, der getauft wird.« So sehr die Taufe in diesem Sinne ein überkonfessionelles Bekenntnis ist, so sehr gewinnt sie ihre Gestalt und wird konkret in der soziologischen Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft mit ihren Traditionen und Riten, ihren Stärken und Schwächen, ihren Licht- und Schattenseiten. Also doch: konfessionell? Also doch eine Aufteilung in katholisch, evangelisch, orthodox …?

»Lässt sich die Taufe auch gemeinsam feiern?« Diese Frage steht im Raum als zwei Familien mich nach einem Gottesdienst ansprechen: »Wir sind miteinander sehr gut befreundet. Wir sind katholisch, unsere Freunde evangelisch. Wir möchten unsere Kinder in einer gemeinsamen Feier taufen lassen. Ist das möglich?« Eigentlich nicht. Aber warum eigentlich nicht? Meine evangelische Kollegin und mich provoziert die Frage zum Weiterdenken und wir entwerfen den Plan zur Feier der einen Taufe in zwei Kirchen. Das ist unkompliziert möglich durch die räumliche Nähe der beiden Kirchengebäude. Und so feiern wir eine ökumenische Taufe mit integriertem Weggottesdienst: der Auftakt und die Wortverkündigung finden in der einen Kirche statt, dort feiern wir auch die Taufe des ersten Kindes, dann geht es in Weggemeinschaft hin zur anderen Kirche, dort wird das andere Kind getauft und in seine Gemeinde aufgenommen und schließlich feiern wir den Abschluss mit Fürbitten und Segensgebet. Das alles ist getragen von gemeinsamen Liedern und Gebeten – und der Hoffnung, dass beide Kinder der Würde ihrer Gotteskindschaft innewerden und sich in ihren Gemeinden im christlichen Glauben beheimatet wissen mögen. Wie sich die ökumenische Gemeinschaft der Glaubenden in der Ehe entfaltet und das Ja Gottes zum Menschenleben im Ja der Eheleute konkret wird, ist in vielen Gemeinden selbstverständlicher Teil kirchlicher Praxis und das Rituale zur Trauung bietet hierzu breite Möglichkeiten an. Nutzen wir sie.

Pilgerweg und Psalmengesang: Die Feier des Wortes Gottes unterwegs

Entscheidendes geschieht auf dem Weg, mitten im Leben, im gemeinsamen Hören auf das Wort Gottes. Die Bibel als Lebensbuch zu entdecken ist im 20. Jahrhundert auch in der katholischen Kirche eine prägende geistliche Grundlage geworden. Im Psalmengebet der Tagzeitenliturgie und in der Wort-Gottes-Feier sind liturgische Feiern vorhanden, die ihr konfessionsverbindendes Potential noch weiter entfalten können. Das Gebet wird von allen getragen, ohne dass die liturgische Leitung permanent in einer Doppelspitze besetzt sein muss. Wir beten gemeinsam und es ist gut.

Viele der Psalmengebete und Bibelgespräche sind in der Praxis der Ortsgemeinden eingebettet in längere Veranstaltungen: in die regelmäßigen Treffen der ökumenisch gestalteten »Vierzig Tage ohne …«-Gruppe, die sich auf einen bewussten Weg durch die Fastenzeit begibt; bei den ökumenischen Exerzitien oder – wie von mir erlebt – bei der Pilgerwanderung auf dem ökumenischen Jakobsweg, der von Görlitz bis Eisenach durch den Osten Deutschlands auf dem Weg nach Santiago zu den Stätten der Reformation führt und Gastfreundschaft in evangelischen und katholischen Gemeinden findet. Die verschiedenen Akzente und Lesarten werden im Durchgehen der Heiligen Schrift als Facettenreichtum erfahrbar. Gott sei Dank ist es uns gegeben, das eine Evangelien in den vier Evangelien und in unfassbar vielen Sprachen und Übersetzungen zu lesen und zu leben.

Agape-Mahl und Fußwaschung. Die Feier der Eucharistie


n den vier Evangelien und in den Paulusbriefen wird die Gegenwart des Auferstandenen unterschiedlich erzählt: während die Abendmahlsberichte der synoptischen Evangelien und der Paulusbriefe vor allem das »Nehmt und esst! Nehmt und trinkt!« als Ausdruck der bleibenden Verbundenheit benennen, konkretisiert sich im Johannesevangelium diese Nähe im Zeichen der Fußwaschung. In den österlichen Erzählungen tritt Jesus einerseits in die verschlossen zurückgezogene Gemeinschaft mit dem Friedensgruß, andererseits zeigt er sich den Weggefährten auf dem Weg nach Emmaus im Brechen des Brotes, schließlich wird in Joh 21 als Materie des österlichen Mahles »Brot und Fisch« genannt, das am See von Galiläa auf die mühsam arbeitenden, nächtlich erschöpften Jünger wartet.

Ob die Vielfalt der biblisch bezeugten Zeichen uns Heutige dazu ermutigen kann, in schöpferischer Freiheit die verschiedenen Formen symbolischer Vergegenwärtigung zu feiern? Die Aktualisierung der Fußwaschung auch jenseits des Gründonnerstages, das einfache Agape-Mahl mit Bibelgespräch, Brot und Wein (oder Traubensaft), das etwas aufwändigere biblische Mahl mit Brot und Fisch oder eine ausgestaltete Sendungs- und Segnungsfeier sind praktikable Formen österlicher Gottesdienste, in denen die Textlastigkeit aufgebrochen und das Evangelium Jesu von Christen der verschiedenen Konfessionen zeichenhaft aktualisiert werden können.

Offen für die Inspirationen des Heiligen Geistes

Mit den genannten Praxisbeispielen möchte ich die Leserinnen und Leser darin bestärken, sich in den konkreten Situationen und in den ökumenischen Nachbarschaften für die Fingerzeige und Inspirationen des Heiligen Geistes zu öffnen, so gut es ihnen möglich ist. Vermutlich wird die Fusion zu großen Territorialpfarreien für den persönlichen Kontakt zur evangelischen Schwestergemeinde eher erschwerend sein, vielleicht wird aber gerade auf der lokalen Ebene, an den jeweiligen Kirchorten, inmitten aller Widerstände unvermittelt Neues denkbar und wirklich. Trauen wir der Gottesgabe des Einfallsreichtums.

Siegfried Kleymann

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