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Leseprobe 2
Das Thema: Gegenwärtig predigen
Wenn Prediger »ich« sagen
Zur autobiographischen Dimension der Verkündigung
Beruht auf einer wahren Begebenheit

Kaum sind die Nachrichten über Manipulationen an den Abgaswerten an die Öffentlichkeit gedrungen, da wird schon kolportiert, Leonardo DiCaprio habe sich die Filmrechte am VW-Skandal gesichert. Die Geschichte verspricht Stoff für großes Kino zu werden: ein spannender, realitätsnaher Wirtschaftskrimi mit der Faszination einer »wahren Geschichte«.

Zeitgleich mit dieser Nachricht ist das Kinoprogramm im Herbst 2015 mit Filmen gefüllt, die auf »true stories«, auf wahren Begebenheiten, zu fußen scheinen: Filme über die Nahost-Forscherin Gertrude Bell (»Königin der Wüste«), über den Apple-Gründer Steve Jobs (»Steve Jobs«), über die Manipulationen des Radprofis Lance Armstrong (»The Program«), die Lebensgeschichte des Schauspielers James Dean (»Life«), den einsamen Kampf des Generalstaatsanwaltes Fritz Bauer (»Der Staat gegen Fritz Bauer«) oder über die Besteigung des Mount Everest (»Everest«). Und kurz vor Jahresende kommt die Verfilmung von Harpe Kerkelings Santiago-de-Compostela-Pilgerbericht (»Ich bin dann mal weg«) als weihnachtliches feel-good-movie in die Kinos.

»Beruht auf einer wahren Begebenheit«: Der Trend zum Echten, Wirklichen, Wahren, der sich im Kinoprogramm des Herbstes 2015 widerspiegelt, ist im Buchhandel seit langem sichtbar. Autobiographien, Tagebücher, Reiseberichte und biographisch inspirierte Romane finden eine breite Leserschaft und sind nahezu sichere Verkaufserfolge. Auf den Bestsellerlisten des Herbstes 2015 rangieren die Lebenserinnerungen des Showmasters Thomas Gottschalk (»Herbstblond«), die persönlich-politischen Notizen des Altkanzlers Helmut Schmidt (»Was ich noch sagen wollte«) oder der dritte Band der Lebenschronik des Schauspielers Joachim Meyerhoff (»Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke«) obenan. Neben diesen ausdrücklichen autobiographischen Büchern boomen seit Jahren Bücher, die sich zwischen autobiographischer Erinnerung und fiktionaler Ausgestaltung bewegen. »Die Gegenwart verzehrt sich nach reality- Formaten sowie einer ›Welthaltigkeit‹ der Literatur, nach einem neuen Ernst, einem neuen Realismus«, stellt die Germanistin Birgitta Krumrey in ihrer Untersuchung autof iktionaler Texte von Clemens Meyer, Thomas Glavinic, Hanns-Joseph Ortheil und anderen Autoren fest, nicht ohne hinzuzufügen, dass die autofiktionalen Texte diese Sehnsucht gleichermaßen aufnehmen wie auch spielerisch konterkarieren.

Was macht den Reiz von Filmen aus, die vorgeben, auf wahren Begebenheiten zu beruhen, und von autobiographischen Schriften, die das wirkliche, echte, gelebte Leben zu thematisieren scheinen? Woran liegt es, dass das historisch Verifizierbare im Film wie in der Literatur Konjunktur hat? Eine Antwort ist: Inmitten einer unübersichtlichen Welt versprechen Tatsachengeschichten Klarheit und Orientierung. Die Filmkritikerin Susan Vahabzadeh bilanziert: »Im unübersichtlichen Meer der Meinungen ist das Label ›basiert auf einer wahren Geschichte‹ zu einem vermeintlichen Rettungsanker geworden.« Hier verspricht etwas, nachprüfbar real zu sein: kein erdachtes Hirngespinst, sondern erfahrene, erlebte, erlittene und damit – wenigstens teilweise – nachvollziehbare Lebenswirklichkeit. Ob jeder der Filme und jedes der Bücher diesen Anspruch wirklich stellen und ob sie ihn einhalten können, ist eine zweite Frage. Der Reiz liegt im Authentischen, Bezeugten, Wirklichen, in der Wahrnehmung der Höhen und Tiefen des gelebten Lebens und in der Fähigkeit, diesem Erlebten gegenüberzutreten, Abstand dazu zu gewinnen, es ins Wort oder ins Bild zu bringen. Man ist diesem gelebten Leben nahe, ohne ihm total ausgeliefert zu sein. Mit der erzählenden Wahrnehmung des als faszinierend und abgründig erfahrenen Lebens geht die Verheißung einher, dass es Gestaltungsspielraum gibt. Zumindest im Erzählen.

Die Wiederentdeckung des persönlichen Glaubenszeugnisses


Angesichts dieser Wertschätzung des erzählten realen Lebens mag es nicht verwundern, dass die Thematisierung eigener Lebens- und Glaubenserfahrungen auch in der kirchlichen Verkündigung der letzten Jahrzehnte zugenommen hat. Diese Wertschätzung wird man als eine Neuerung beurteilen können, denn zumindest im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wird die öffentliche Selbstkundgabe in der katholischen Kirche noch äußerst skeptisch beurteilt. Zwar hat der Kirchenvater Augustinus mit seinen »Confessiones« einen Meilenstein autobiographischer Selbstvergewisserung gesetzt, zwar ist im Rahmen des Bußsakramentes oder der abendlichen Gewissenserforschung die selbstkritische Wahrnehmung des eigenen Lebens und das Bekenntnis der eigenen Sünden ausdrücklich erwünscht und werden den Glaubenden etwa in den ignatianischen Exerzitien Hilfsmittel zur Ref lexion des eigenen Lebens zur Hand gegeben, dennoch herrscht bis weit ins 20. Jahrhundert hinein auf kirchenamtlicher Seite eine tiefgreifende Skepsis gegenüber einer öffentlichen Kundgabe des persönlichen Glaubens.

Im Gegensatz zur Objektivität des dogmatisch tradierten Glaubenssystems gilt die persönliche »Erfahrung« in der katholischen Kirche nach dem I. Vatikanum (1869–70) als etwas Subjektives, Beliebiges, typisch Evangelisches. Besonders in der Verkündigung sei diesem Subjektivismus mit Vorsicht zu begegnen. In seiner Enzyklika Pascendi dominici gregis nimmt Papst Pius X. 1908 Stellung zur Theologie der sogenannten »Modernisten« und verurteilt eine vor allem auf persönlichen Erfahrungen beruhende individualistische Theologie, bei der »in verwegenem Selbstgefühl die eigene Person als Norm für alles« (Nr. 89) betrachtet wird. Auf diese Weise werde der christliche Glaube der Beliebigkeit preisgegeben und die Unveränderlichkeit des Dogmas in Frage gestellt. Der Gefahr eines Widerspruchs zwischen objektiver Lehre und persönlicher Glaubensbekundung wird im kirchlichen Antimodernismus mit einer radikalen Verurteilung des Subjektiven zu begegnen gesucht.

Das geschieht allerdings ohne nachhaltigen Erfolg. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wird das Glaubenszeugnis des einzelnen Christen nach und nach auch kirchenoffiziell in seiner Bedeutung gewürdigt – etwa durch das II. Vatikanische Konzil (1962–65) und seine Neubewertung der Taufe: Alle Getauften seien dazu beauftragt, »den Glauben als wahre Zeugen Christi in Wort und Tat zugleich zu verbreiten und zu verteidigen« (LG 11). Christliche Zeugenschaft beschränkt sich dabei nicht auf eine bloße Umsetzung vorgegebener Lehrsätze; vielmehr geschieht sie in einer unerhörten Vielfarbigkeit und Buntheit in den jeweiligen Lebenssituationen »in der Welt«: Alle Laien sind »von Gott gerufen, ihre eigentümliche Aufgabe, vom Geist des Evangeliums geleitet, auszuüben und so wie ein Sauerteig zur Heiligung der Welt gewissermaßen von innen her beizutragen und vor allem durch das Zeugnis ihres Lebens, im Glanz von Glaube, Hoffnung und Liebe Christus den anderen kund zu machen« (LG 31). Infolge dieses Paradigmenwechsels ereignet sich – jenseits einer noch andauernden Diskussion über die offizielle Predigterlaubnis für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kirchlichen Dienst – eine Neubewertung des Glaubenszeugnisses: Von der freikirchlichen Verkündigungspraxis inspiriert treten erwachsene Taufbewerber mit ihren Bekehrungsgeschichten an die Öffentlichkeit und berichten dankbar, wie sie in ihrem Leben mit Gott in Berührung gekommen sind; bei Jugendgebetsabenden, Lobpreisgottesdiensten und thematischen Gottesdiensten zu »Geistlichen Berufen« werden von begeisterten jungen Leuten persönliche Erfahrungen mit dem Weg zum Glauben zur Sprache gebracht; entschiedene Christen äußern in der Öffentlichkeit ihre Freude, zur katholischen Kirche zu gehören, und in Predigten dienen persönliche Glaubenserfahrungen zur Veranschaulichung des Evangeliums. Das Erlebte – das, »was auf einer wahren Begebenheit beruht« – scheint eine Überzeugungskraft zu entfalten, der sich die Zuhörenden nur schwer entziehen können. Sie spüren: Da steht jemand mit seiner Persönlichkeit für das Gesagte ein. Im persönlichen Zeugnis, in dem Mut, »ich« zu sagen, ist ein Feuer und eine Begeisterung zu spüren, die wenn nicht ansteckend, dann doch zumindest herausfordernd ist. Hier wird mit einem christlichen Sich-Zeigen und der Bereitschaft, sich angreifbar zu machen, die biblische Aufforderung ernst genommen und die Weisung Jesu erfüllt: »Geht und berichtet, was ihr gesehen und gehört habt« (Lk 7,27; vgl. 1 Joh 1,1–3).

Doch so ansprechend diese Augen- und Ohrenzeugenschaft einerseits ist, so bleibt sie doch nicht ohne Anfragen. Ist das biographische Zeugnis nicht doch zu individuell und damit für die Zuhörenden in ihrer gegenwärtigen Situation nicht angemessen und nicht übertragbar? (»Bei mir ist es doch ganz anders als bei demjenigen, der da so freudig von seinen Erfahrungen erzählt. Da komme ich irgendwie nicht mit.«) Ist der detaillierte Bekehrungsbericht nicht zu intim, als dass es derart ungeschützt in die Öffentlichkeit gehört? (»Wie oft die Person das wohl schon erzählt hat?«) Wodurch vermag die Ich-Botschaft in der Verkündigung Überzeugungskraft zu gewinnen? Was passiert, wenn Menschen von eigenen Lebens- und Glaubenserfahrungen berichten und autobiographisch zu erzählen beginnen?

Die Intention prägt den Inhalt

Das Wort »Biographie« hat in der deutschen Sprache mehrere Bedeutungen. Die Biographie kann einerseits das Leben eines Menschen meinen – den Lebenslauf – und andererseits die interpretierende Überlieferung dieser Geschichte in einer Lebensbeschreibung bezeichnen: wie wenn man sich an das Ufer dieses Lebenslaufes stellt und auf die Windungen und Stromschnellen, auf die Engen und Weiten des Lebensstromes schaut. Notwendig stellt diese erzählende Lebensbeschreibung eine Auswahl dar. Jedes Lebenszeugnis – ob im Film, in der Autobiographie, in der Predigt – ist mehr als ein Tatsachenbericht oder eine bis ins Detail exakt wiedergegebene »wahre Geschichte«. Wenn Menschen aus ihrem (Glaubens-)Leben erzählen, wählen sie notwendig aus, schreiben sie um und stilisieren sie sich. Die Gegenwart prägt den Blick auf die Vergangenheit. Martin Walser beginnt seinen autobiographischen Roman Ein springender Brunnen mit der Beobachtung: »Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird. Wenn etwas vorbei ist, ist man nicht mehr der, dem es passierte. Als das war, von dem wir jetzt sagen, dass es gewesen sei, haben wir nicht gewusst, dass es ist. Jetzt sagen wir, dass es so und so gewesen sei, obwohl wir damals, als es war, nichts von dem wussten, was wir jetzt sagen.« Wie jedes autobiographische Erzählen wird auch das Glaubenszeugnis von diesem gegenwärtigen Horizont bestimmt. Immer hat es zu tun mit der Gesprächssituation, in der der »Ich«-Sagende von sich spricht. Dass in der zurückblickenden Selbstinterpretation Ereignisse der Vergangenheit in einer Weise wiedergegeben werden, in der die sich erinnernde Person die Gewissheit behält, das Erinnerte sei wirklich so in dieser Zwangsläufigkeit und Eindeutigkeit geschehen – wie es etwa in Bekehrungsgeschichten aufscheint –, muss nicht Zeichen der absichtlichen Irreführung sein, es entspringt vielmehr notwendig der Konstitution autobiographischer Erinnerung und der Kommunikationssituation, in der sie sich ereignet.

Weil die Intention den Inhalt wesentlich mitbestimmt, hat sich der autobiographisch Schreibende wie der »ich«-sagende Prediger daher selbstkritisch Rechenschaft darüber zu geben, mit welcher Absicht er welche Erfahrung auswählt und in welchem Horizont er sie interpretiert. Will er jemanden überzeugen und soll seine Erfahrung als Beweis dienen – wofür? Ist seine autobiographische Erzählung eine Verteidigung gegen Vorwürfe oder eine tastende Selbstvergewisserung? Dient sie als humorvolle Anekdote zur Auf lockerung oder als weiterführende Frage zur Vertiefung? Wird die von sich erzählende Person gedrängt, bestimmte Zeiten zu idealisieren (»Es war alles wunderbar«) oder zu verdammen (»Es war alles schlecht«)? Wird sie zur Heldin oder zur Versagerin, zum Opfer der anderen oder zur uneingeschränkten Gestalterin? Welche Themenbereiche erscheinen ihr für die gegenwärtige Zuhörerschaft interessant – das Beruf liche, das Private, die Gefühle, die Gesundheit, die Freundschaften, die Sexualität, das Gebet – und welche sind tabu?

Immer wieder ist die selbstkritische Reflexion notwendig, um möglichen Gefahren des »Ich«-Sagens zu entgehen: der narzisstischen Gefährdung, nur um sich selbst zu kreisen und die Zuhörenden mit ihren ganz unterschiedlichen Erfahrungen aus dem Blick zu verlieren; der Gefahr, die Diskretion zu verlieren und in breiter Öffentlichkeit unangemessen Persönliches preiszugeben; der Gefahr der Verdrängung, in der mit aller Kraft schmerzende, unangenehme Erinnerungen ferngehalten werden. Soll das »Ich«-Sagen in der Verkündigung gelingen, gilt es, diese Gefährdungen wahrzunehmen und nach den Bedingungen einer ansprechenden biographischen Verkündigung zu fragen.

Biographische Theologie

In der Laudatio auf seinen Lehrer Karl Rahner würdigt der Fundamentaltheologe Johann Baptist Metz 1972 die »biographische Theologie« dieses Jesuiten. Ausgangspunkt der Theologie Rahners sei nicht das »geschmäcklerisch gewählte« Leben, sondern »das aufgedrängte, das unbequeme« und fragwürdig gewordene Leben. Folgt man dieser Kennzeichnung einer »biographischen Theologie«, zeichnet sie sich durch eine aufmerksame Gegenwärtigkeit aus: im Hören auf die biblische Botschaft, in der Wahrnehmung der kirchlichen Tradition, im wachen Blick auf die gegenwärtige politische, gesellschaftliche, kirchliche Wirklichkeit sowie in der Achtung für die eigenen Lebenserfahrungen und Regungen des eigenen Herzens. Dass dabei Spannungen wahrgenommen werden, manches nicht zusammengeht, vieles fragwürdig bleibt – oder wird –, gehört zu den Bedingungen dieser Gegenwärtigkeit. »Gegenwärtig predigen« bedeutet in diesem Sinne: sich diesem spannungsvollen Prozess des Hörens immer neu auszusetzen, in dem das Wort Gottes für den Prediger wie für die Zuhörenden gegenwärtig wird und Verbindlichkeit gewinnt.

In seinen Geistlichen Übungen fordert Ignatius von Loyola seine Mitbrüder dazu auf, sich in die biblische Szenerie möglichst genau einzufühlen. Bei der Betrachtung der Geburt Jesu Christi etwa solle man mit einer genauen Imagination des Raumes beginnen: »Mit der Sicht der Vorstellungskraft den Weg von Nazareth nach Bethlehem sehen, dabei die Länge, die Breite erwägen, und ob dieser Weg eben ist oder ob er über Täler und Steigungen geht; ebenso den Ort oder die Höhle der Geburt schauen, wie groß, wie klein, wie niedrig, wie hoch und wie bereitet er war.« (EB 112) Neben der Vorstellung des Ortes geht es auch um die Einfühlung in die Personen: »Schauen und erwägen, was sie tun, wie etwa das Wandern und Sich-Mühen, damit der Herr in höchster Armut geboren werde und damit er am Ende so vieler Mühen in Hunger, in Durst, in Hitze und in Kälte, in Beleidigungen und Anfeindungen am Kreuz sterbe; und dies alles für mich.« (EB 116) Die persönliche, von der eigenen Vorstellungskraft geprägte Anschauung des Ortes und der Personen verbinden sich bei Ignatius von Loyola immer mit dem Blick auf die eigene Realität. Wieder und wieder schließt er: »Danach, indem ich mich zurückbesinne, irgendeinen geistlichen Nutzen ziehen.« (EB 116; vgl. 106, 108, 114, 124 und öfter) In diesem Wechselspiel von biblischer Imagination und Rückkehr zur eigenen Lebenssituation – der persönlichen, gesellschaftlichen, kirchlichen Gegenwart – eröffnen sich dem Betrachtenden neue Dimensionen der Heilsgeschichte wie auch neue Perspektiven für das eigene Leben. Das Exerzitien-Buch ist von der Gewissheit bestimmt, dass gerade diese spannungsvolle Auseinandersetzung nicht zu Beliebigkeit und Chaos verführt, sondern in einem lebenslangen Lernen ein tieferes Vertrauen in das Ja Gottes und eine Ahnung vom »wahren Leben« wachsen lässt. Es ist getragen von der Gewissheit, dass daraus – in der konkreten Lebenspraxis wie im gesprochenen Wort – ein Glaubenszeugnis zur größeren Ehre Gottes entspringt.

»Ich«-Sagen in der Predigt?

Wer sich in der im Exerzitienbuch beschriebenen Weise mit den biblischen Texten auseinandersetzt, wird in der daraus entstehenden Verkündigung notwendig von sich sprechen, auch wenn er das Wort »ich« innerhalb der Verkündigung gar nicht gebraucht. Die Horizonte der eigenen Wahrnehmung werden ref lektiert mit in die Predigt einf ließen; sie können, müssen aber keinesfalls als ausdrückliche »Ich«-Aussagen thematisiert werden. Wenn allerdings die Erfahrungen und Horizonte des eigenen Lebens thematisiert werden, können und werden sie so unterschiedlich sein wie die Menschen selbst. Freude und Nüchternheit, Begeisterung und Sehnsucht, das Glück des Entdeckens und der Schmerz des Vermissens werden sich in den biblisch-biographischen Predigten widerspiegeln können. Beispielsweise könnte eine Homilie über den schlafenden Jesus, der inmitten des Sturmes ruhig im Boot liegt (Mk 4,35–41), dankbar von einem Gottvertrauen zeugen (»Du lässt mich ruhig schlafen«), das sich allen Anfechtungen zum Trotz in den Stürmen des Lebens als tragfähig erwiesen hat; sie könnte von der Freude geprägt sein, nach vielen Umwegen zu einer Begegnung mit Jesus Christus geführt worden zu sein, in der die rauen Winde des Selbstzweifels und der Geringschätzung zur Ruhe gekommen sind; sie könnte sich – gewappnet mit dem Mut des schlafenden Jesus – ehrlich und kritisch den Fragen stellen, mit denen die Glaubenden in gegenwärtigen Gotteskrisen-Zeiten konfrontiert sind, oder gar von jener Erfahrung des »Gott-Erschreckens « Zeugnis geben, die sich im biblischen Text ebenfalls widerspiegelt (vgl. Mk 4,41). Vertrauen und Dank, Mut und Erschrecken werden dabei – wenn es gut geht – nicht als Illustrationen oder Aktualisierungen des biblischen Textes benutzt werden, sondern als Lebens-Erfahrungen, die von demselben Geist getragen sind, der sich im Evangelium ausdrückt. Als geistgewirktes Geschehen wird eine solche Predigt ihre Kraft entfalten.

Das setzt allerdings die Bereitschaft voraus, sehr verschiedene Erfahrungen als Glaubens-Äußerungen zu entdecken und zu würdigen. Das »Ich«-Sagen wird diskreditiert, wenn im Glaubenszeugnis nur das vordergründig Positive vorkommen darf. Wo die freien Herzens bezeugte Glaubensfreude und die freimütig geäußerte Kirchenkritik zu Gegensätzen hochstilisiert werden und nur dem Positiven das Siegel echter Glaubwürdigkeit verliehen wird, wird dem »Ich«-Sagen eine Rolle zugewiesen, die es nicht halten kann: Das Zeugnis bekommt die Last einer Werbung, die mit ihrer ausstrahlenden Leuchtkraft alle Widersprüche und Hindernisse überwinden soll – und gerade darin unglaubwürdig wirkt. Glaubwürdig ist die persönliche Rede in der Verkündigung der Kirche dann, wenn sie sich den Höhen und Tiefen, dem Verständlichen und Unbegreif lichen, dem Trost und der Unruhe, der Weisheit und der Prophetie des Evangeliums und des eigenen Lebens stellt, nach der Resonanz des Evangeliums im eigenen Leben und des eigenen Lebens im Evangelium fragt, für das Wahrgenommene Worte sucht und von ihm Zeugnis gibt.

Die Kommunikationssituation im Kirchenraum

Ob sich Befreiendes oder Verstörendes in der Verkündigung widerspiegelt, ist dabei nicht nur von der Person der Predigenden und ihrer Innenperspektive abhängig, sondern wesentlich durch die Kommunikationssituation bestimmt, in der die Predigt stattfindet. Wer predigt, ist immer in eine konkrete gesellschaftliche, kirchliche, gemeindliche Situation und in ein beschreibbares Verhältnis zu den Zuhörenden gestellt. Fundamental sind daher in der Predigtvorbereitung ebenfalls die Fragen: »Wer sind meine Zuhörerinnen und Zuhörer? Welche Lebens- oder Glaubenswirklichkeit umgibt sie? Haben ihre Alltagserfahrungen und Glaubensfragen Ähnlichkeit mit meiner eigenen Lebensrealität?«

Gottesdienste, in denen zumindest ein Großteil der Mitfeiernden miteinander vertraut ist, dürften die Ausnahme sein; in vielen Fällen wird die mit der Predigt betraute Person auf Mutmaßungen über eine weitgehend unbekannte Zuhörerschaft angewiesen bleiben, um an ihre Themen anknüpfen oder eigene Themen so zur Sprache bringen zu können, dass sie für die Hörenden »existenzerhellende « Bedeutung gewinnen. Dem »Ich«-Sagen kann in dieser Situation eine entscheidende Rolle zukommen. Es kann zu einer Art Sprungbrett werden, um mittels eines persönlichen Zugangs einen gemeinsamen Erfahrungshorizont aufzubauen und so der biblischen Botschaft Aktualität und Relevanz zu geben. Anders als das oft vereinnahmend wirkende »Wir« (»Kennen wir nicht alle die Situation …?«) lässt das persönliche »Ich« den Zuhörenden die Freiheit, sich in ein Verhältnis zur Predigtaussage zu setzen und dem Gesagten zuzustimmen oder sich davon zu distanzieren. Dieses »Ich«-Sagen kann auch in der indirekten Rede, in einer biographischen Aussage zweiter Hand geschehen, wenn etwa – mit der nötigen Diskretion – von den Reflexionen eines gemeinsamen Bibelgespräches erzählt oder das Zeugnis einer anderen Person wiedergegeben wird. Wichtig ist es dabei, die Erfahrungen ernst zu nehmen und um ihrer selbst willen zu würdigen. Denn so ermutigend es sein kann, den Zuhörenden mittels persönlicher Lebenszeugnisse mit in die biblische Reflexion hineinzunehmen, so problematisch kann es sein, wenn die erzählten Erfahrungen lediglich zum Einstieg, zur Aktualisierung oder Illustrierung gebraucht, funktionalisiert und auf diese Weise ihrer eigentlichen Würde beraubt werden.

Ob eine von »Ich«-Aussagen getragene Predigt gelingt, zeigt sich im Kommunikationsraum Kirche daran, ob sie die Zuhörenden zum »Ich«-Sagen ermutigt und ihnen dabei hilft, das biblisch bezeugte Wort Gottes und das eigene Leben mit seinen persönlichen und gesellschaftlichen Dimensionen in einem lebendigen, offenen und öffnenden Prozess zusammenzubringen. Welche Sprachräume es in der gegenwärtigen kirchlichen Wirklichkeit jenseits der Predigt für dieses Mündig-Werden im Glauben gibt, wird eine entscheidende Frage für die Kirche der Zukunft sein.

Wie betest du?

Zum Schluss ein Literaturhinweis zu einem aktuellen Buch, das ablesbar macht, wie das »Ich«-Sagen in der christlichen Verkündigung ermutigend geschehen kann. P. Vitus Seibel SJ hat Jesuiten der Deutschen, der Öster reichischen und der Schweizer Provinz gebeten, auf die Frage »Wie betest du?« eine Antwort zu versuchen. In den achtzig persönlichen Antworten spiegeln sich die Not und der Segen des Gebetes wider. Es gibt Beschreibungen von alltäglicher Gebetspraxis am Morgen und am Abend, Zeugnisse der im Gebet erlebten Gottesferne und Gottesgegenwärtigkeit sowie persönliche Hinführungen zu klassischen Gebetsformen. Es ist ein autobiographisches Lesebuch, das durch die Vielfalt der Zugänge eine Freiheit lässt, die anregend und einladend wirkt. Viele Aussagen – oft besonders der älteren Mitbrüder – atmen eine Aufrichtigkeit, die zur eigenen ehrlichen Antwort motiviert: »Wie bete ich selber eigentlich? Wie möchte ich beten? Wonach sehne ich mich? Was könnte die Form des Gebetes sein, in der Gott mich ansprechen will?« Auf diese Weise ist dem Herausgeber nicht nur ein anregendes Gebet-Buch, sondern auch ein wichtiges Dokument gelungen: Es zeigt, wie es möglich ist, im Glauben »ich« zu sagen und so von der Gegenwärtigkeit Gottes in dieser Welt Zeugnis zu geben.

Siegfried Kleymann

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